Antikes Erbe, mit Füßen getreten

Uns Kölnern, sage ich gern, uns Kölnern liegt die Geschichte zu Füßen. Zweitausend Jahre Vergangenheit, nur wenige Meter unter unseren Straßen und Häusern. Aber es gibt auch Stellen in der Stadt, da denke ich jedes Mal: Wie gehen wir nur mit diesem großartigen archäologischen Erbe um? Wir treten es mit Füßen!

Das haarsträubendste Beispiel befindet sich ausgerechnet an einem der markantesten und belebtesten Orte Kölns, zwischen Hauptbahnhof und Dom. Als Autofahrer kennen Sie vielleicht den Eingang zum Domparkhaus gegenüber vom „Kölntourismus“-Laden. Die Türe ist leicht zu übersehen, weil an dem Gitter davor immer ein Haufen Fahrräder angekettet ist. Was aber völlig fehlt, ist irgendeine Art von Hinweis darauf, dass direkt hinter dem Eingang einer der eindrucksvollsten Reste der antiken römischen Stadtmauer zu sehen ist, zusammen mit dem Unterbau des einzigen Stadttors in Richtung Norden. Einen Bogen davon haben Sie  garantiert schon mal gesehen. Die Rekonstruktion des kleinen Bogens  steht auf dem Platz links vor der Domfassade, der große Bogen ist im Römisch-Germanischen Museum wiedererrichtet worden.. Aber ungleich spektakulärer sind, wenige Meter davon entfernt, die monumentalen, im Ursprungszustand erhaltenen Mauerabschnitte aus dem späten 1. Jahrhundert. Nur sagt einem das ärgerlicherweise keiner. Selbst Kölner ahnungs- und achtlos daran vorbei. Und wer hier schnell sein Auto abstellt, kriegt es ohnehin nicht mit. Deswegen dachte ich, bevor die Stadt  hoffentlich bald etwas zur Information der Einheimischen und der Touristen unternimmt, führe ich Sie heute schon mal in meiner Kolumne hin.

Im Draufblick von oben auf der ersten Ebene des Parkhauses erkennen Sie besser als an jeder anderen Stelle in Köln die Bauweise der alten Römer: Die 2,40 starke Mauer besteht aus einer Füllschicht im „Opus Caementium“, dem römischen Zement. Außen wie innen ist sie mit Grauwacke-Quadern verkleidet,  stufig abgesetzt und zur Feldseite hin – da wo heute der Hauptbahnhof ist – mit einem Schrägsockel versehen. Wo das einst drei Meter tief im Boden versenkte Fundament der auf fast acht Meter Höhe geplanten Mauer begann, sehen Sie an der gröberen Verarbeitung der ansonsten absolut akkurat gemauerten Außenschicht. Dafür steigen Sie am besten die Treppe hinunter auf Ebene 2 des Parkhauses.

Vor der Mauer befand sich ein gut zehn Meter breiter, drei bis vier Meter tiefer Graben. Haben Sie sich schon mal gewundert, warum die Straßenführung zwischen Bahnhofsvorplatz und Dom so weit unten verläuft? Jetzt wissen Sie’s: Die heutige Trankgasse folgt dem römischen Stadtgraben. Allerdings ist der Unterschied im Geländeniveau, der den Stadtplanern bis heute zu schaffen macht, erst durch den Bau der Domplatte richtig dramatisch geworden. Auf alten Ansichten ist zu sehen, dass er früher nicht gar so stark ausfiel.

Wenn Sie ein Stück an der Mauer entlang gehen, stoßen Sie auf einen quadratisch gemauerten Anbau aus dem Mittelalter: den „Anno-Stollen“. Dieser 5,50 Meter hohe Schacht soll im Haus eines Domherrn senkrecht nach unten in einen Gang gemündet sein, der unter der Stadtmauer hindurch ins Freie führte. Wie die Annalen des Abtes Lampert von Hersfeld (ca. 1028 bis ca. 1085) berichten, war dies der Fluchtweg, den der heilige Erzbischof Anno II. (1010 bis 1075) im Jahr 1074 nutzte, um sich vor den aufständischen Bürgern seiner Bischofsstadt in Sicherheit zu bringen. Schon damals hatte die kirchliche Obrigkeit ihre liebe Not mit den Kölner Quergeistern. Diese ihrerseits hatten es  im Gegensatz zu heute gerade in Annos Fall Anno nicht nur mit einem frommen Oberhirten, sondern auch mit einem Machthaber von solcher Brutalität zu tun, dass wir beides eigentlich kaum mehr zusammenbringen.

Von Ebene 1 aus können Sie einen Blick ins Innere des Anno-Stollens werfen. Bei meinem letzten Besuch allerdings ging das nicht, weil irgendjemand Stücke  vergammelte Pappe auf das Schutzgitter gelegt hatte samt einem Putzlumpen. Köln, sage ich nur, mein Gott, Köln!.

Wenn die geplante Via Culturalis vollendet sein wird, dann könnte sie sehr gut hier  beginnen, an der Nordmauer des antiken Köln. „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“, hieß ein populärer Archäologie-Führer von Rudolf Pörtner aus meiner Jugendzeit. Wie Sie sehen, kann auch die Einfahrt in eine Tiefgarage genügen. Und  dieses skurrile Nebeneinander von Parkhaus-Tristesse und glanzvoller Historie ist eben auch – typisch Köln.

Der schönste Ort zum Warten auf den jüngsten Tag

Manche Leute schaufeln sich ihr eigenes Grab. Ich wüsste da den einen oder anderen. Ich selber bin schon bei der Grabpflege angelangt. Davon möchte ich Ihnen bei einem Besuch auf dem Friedhof Melaten erzählen.

Melaten ist für mich ein magischer Ort. Obwohl ich mich für durchaus lebensfroh halte, komme ich unglaublich gerne hierher und gehe stundenlang spazieren, ohne dass es mir langweilig würde. Schon die Natur ist wunderschön mit ihren alten Bäumen, und das Areal mit seinen 435.000 Quadratmetern Fläche ist so groß, dass ich jedes Mal verschiedene nehmen kann. Anders als im Wald, bekomme ich dabei immer etwas Zusätzliches zum Sehen Sinnieren.

Wussten Sie, dass es auf Melaten mehr als 55.000 Grabstätten gibt? Es rührt mich, wie verschieden die Menschen ihre Trauer ausdrücken, erst recht bei der wachsenden Vielfalt der Kulturen, die hier zusammenkommen. Nicht alles davon ist mein Geschmack. Aber interessant ist es in jedem Fall, zu sehen, was es jenseits der christlichen Zeichen, der Bezüge auf die antike Mythologie oder die Berufe der Verstorbenen so alles an Schmuck und Symbolik rund um den Tod gibt. Regelmäßig besuche ich die Gräber verstorbener Freunde. Bei manchen wohnen die Angehörigen irgendwo anders, so dass außer mir eigentlich keiner herkommt.  Auch eine Studienfreundin liegt hier, nach deren plötzlichem Tod ihre Freunde für ein Grab zusammengelegt hatten. Auf meinen Runden alle Vierteljahre gehe ich vorbei und stelle ein Kerzchen auf. Offenbar gibt es immer noch viele Leute, die dieser alten Tradition folgen. Faszinierend ist ein Besuch auf Melaten jetzt zu Allerheiligen bei Einbruch der Dunkelheit: der ganze Friedhof voller Licht!

[Schon bei seiner Gründung 1810, in der Zeit der napoleonischen Besatzung Kölns, war Melaten ja eine Melange. Das kaiserliche „Dekret über die Begräbnisse“ von 1804 entzog der katholischen Kirche die Zuständigkeit für die Bestattungen und übergab sie der Stadt. Neue Friedhöfe mussten außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern liegen. Der Friedhof Melaten war der erste Kölner Zentralfriedhof. Er entstand im Westen der Stadt entlang der Aachener Straße auf dem Gelände des ehemaligen Leprosenheims, dessen Name im Volksmund „Maladen“ war und dem neuen Friedhof seinen Namen gab. Er stand von Anfang an allen Konfessionen offen. Auch Nicht-Christen können hier Grabstätten erwerben. Und es gibt auch keine strikte Trennung nach sozialer Schicht. Fromm oder gottlos, arm und reich – im Tod sind alle gleich.  Solche Sachen gehen mir hier auf Melaten durch den Kopf.]

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Das Grab aber, das ich am häufigsten besuche, ist mein eigenes. Zwei Möglichkeiten haben Sie, wenn Sie auf Melaten an ein Grab kommen wollen: Entweder Sie kaufen sich ein neues; es gibt auf dem Gelände ja sehr viele Lücken, weil erst vor kurzer Zeit wieder eine ganze Reihe von Gräbern aufgelassen worden ist.  Oder Sie machen es wie ich und übernehmen die Patenschaft für ein historisches Grab. Was das bedeutet? Nun, Sie erwerben als Pate das Recht, sich eines ungewissen Tages in Ihrem Patengrab beisetzen zu lassen. Im Gegenzug übernehmen Sie die Verpflichtung zum Erhalt des Bestands, ob nun denkmalgeschützt oder nicht. Wobei da niemand strenge Vorschriften macht.

Eine Zeitlang allerdings gab es für die denkmalschützten Gräber die Auflage, die Originalinschriften an ihrem Platz zu belassen und Platten für die neuen Besitzer darunter anzubringen. Daraufhin ging die Nachfrage schlagartig zurück. Die Leute wollen auf ihrem Grab dann doch ihren Namen lesen. Inzwischen wurde die Vorschrift wieder gelockert. Es gibt aber auch schöne alte Gräber, die nicht unter Denkmalschutz stehen. Wenn man sie freischnippelt und säubert, stößt man oft auf richtige Schätzchen und macht sich obendrein verdient um den Erhalt eines Stücks Friedhofskultur aus vergangener Zeit.

Als mein Patengrab, Sie werden es sich denken, habe ich mir natürlich ein neugotisches ausgesucht. Es besteht aus Sandstein mit Säulchen und Grabplatte aus weißem Marmor. Das Dekor ist typisch für die Arbeit der Kölner Dombauhütte im 19. Jahrhundert. Zu meinem 60. Geburtstag haben mir die Mitarbeiter der Dombauhütte eine Grableuchte geschenkt mit der hl. Barbara als Glasmalerei. Diese Leuchte habe ich schon aufgestellt. Mit einem großen Betonklotz unten dran, sonst wäre sie vermutlich nicht mehr da.

Die ganze Grabstätte war komplett zugewachsen und an der rechten Seite vom Efeu auch schon so angefressen, dass ich das Schmuck-Kapitell dort habe ich neu machen lassen. In den Sockel aus Sandstein war ursprünglich ein frommer Vers geschlagen. Aber der ist so verwittert, dass man nur noch einzelne Silben entziffern kann. Dabei werde ich es, habe ich überlegt, auch belassen. Auf der Inschriftenplatte fehlt noch mein Name. Das Original einer Familie Paffendorf hängt jetzt auf der Rückseite des Grabmals. Ihr Gedächtnis ist also nicht getilgt. Das finde ich gut. Und wenn ich mal viel Zeit habe, werde ich mich auf die Suche machen, wer die Paffendorfs waren.

Ich habe keinerlei Interesse, ihnen bald zu folgen. Aber es beruhigt mich, zu wissen: Hier komme ich mal rein. Ich sehe das als eine Form der Vorsorge. Meine Kinder sollen einmal keinen Ärger mit meiner Grablege haben. Und es ist ein Platz, an dem ich mir das Warten auf den Jüngsten Tag sehr gut vorstellen kann. Das klingt vielleicht seltsam, aber erstens finde ich es beruhigend, einmal in einer Gemeinschaft von Toten zu ruhen. Nun werden meine sterblichen Überreste die meiste Zeit der Ewigkeit hier verbringen. Deshalb habe ich zweitens bestimmte Erwartungen an diesen Ort. Ein richtiges Erdgrab zum Beispiel sollte es sein. Schon weil ich den Gedanken schrecklich finde, dass meine Verwandten und Freunde zur Beerdigung hinter einer Blechdose mit meiner Asche herlaufen sollten. Mein Leichnam im Sarg, runter in den Boden, Erde drüber, fertig. Das hat für mich eine zwingende Logik. Aber bitte, jeder muss das natürlich für sich selbst entscheiden.

Sie merken schon, mein Verhältnis ist ein pragmatisches mit einem Schuss Besinnlichkeit. Aber die verberge ich meistens hinter einer betont nüchternen Sprache. Als ich das erste Mal herkam und mit einer Heckenschere gegen das ganze Gestrüpp über dem Grab vorgegangen bin, kamen gleich einige ältere Damen vorbei. Mich hätten sie ja noch nie hier gesehen, und wessen Grab das denn sei. „Mein eigenes“, sagte ich bloß. Da waren sie dann doch ein bisschen schockiert.

Ab und zu komme ich für den Grünschnitt her. Mit der Steinrestaurierung hatte ich seinerzeit einen Steinmetz beauftragt. Die Kosten dafür stehen übrigens in keinem Verhältnis zum Preis für ein neues Grab in dieser Größe. Ohne zu sehr in die finanziellen Details zu gehen: Etwas vergleichbares Neues könnte eine – nun ja – Normalsterbliche wie ich sich überhaupt nicht leisten. Im „Erlebensfall“, wie das so schön heißt, zahlen Sie die ganz normale Grabgebühr, in meinem Fall für ein Doppelgrab. Die Gebühr bemisst sich nämlich immer nach der Zahl der Liegeplätze. Nach der Belegung können Sie das Grab 25 Jahre nutzen. Und wenn Sie oder Ihre Nachfahren weiterzahlen, behalten Sie den Anspruch auch länger. Patenschaft ist Patenschaft. Also, ich kann Ihnen das nur empfehlen.

Kurioserweise ist das Familiengrab meines Vorgängers im Amt des Dombaumeisters, Arnold Wolff gleich um die Ecke. Ich wusste das nicht. Aber irgendwann traf ich seine Frau hier nebenan, die es mir erzählte. So werden Wolff und ich also in unmittelbarer Nachbarschaft den ewigen Frieden finden.

Für die Domkapellmeister, auch wichtige Menschen an der Kathedrale, gibt es inzwischen sogar eine Art Amtsgrab, weil das Domkapitel auf Anregung von Eberhard Metternich die historische Grabstätte seines Vorvorgängers Carl Leibl (1784 bis 1870) und seiner Frau Gertrud aus dem 19. Jahrhundert in Patenschaft übernommen hat. Das Original-Grabmal aus dem 19. Jahrhundert war aber kriegsbeschädigt, so dass ein herrenloser Aufbau von einer anderen Ecke des Friedhofs umgesetzt und mit einer neuen Inschriftentafel versehen wurde. Auch eine Möglichkeit.

Unsere Chefs selbst, die Mitglieder des Kölner Domkapitels, sind auf Melaten ebenfalls Grabpaten. Ihre Vorgänger hatten im 19. Jahrhundert ein Gemeinschaftsgrab erworben und vermutlich vom  damaligen legendären Dombaumeister Ernst Zwirner gestalten lassen. In den 1970er Jahren dann erhielt der damalige Dompropst Bernard Henrichs einen Brief von der Stadt Köln: Die Ewigkeit sei jetzt vorbei. Das Grab falle an die Stadt Köln zurück. Das Domkapitel könne es aber erneut kaufen.

So etwas machte Henrichs Spaß, der bekanntlich ein Schalk war und keinem gepflegten Streit aus dem Weg ging. „Etwas kaufen, das uns gehört? Kommt überhaupt nicht in Frage!“, befand Henrichs. „Wenn überhaupt, dann lassen wir die Grabstätte neu herrichten. Das kommt uns schon teuer genug zu stehen.“  Womit er leider Recht hatte. So ist auch die Grabstätte des Kapitels ein Patenschaftsgrab. Und eigentlich kann die Stadt froh sein, sonst hätte sie die Pflege am Hals.

So aber war die Restaurierung Sache der Dombauhütte und fiel somit irgendwann auch in meine Zuständigkeit. Vom Eisengitter um die rechteckige Anlage war nur noch ein Segment vorhanden. Den Rest haben wir in einer historischen Gießhütte in Thüringen nachbilden lassen und die Spitzen anschließend neu vergoldet.

Bei der verschnörkelten Inschrift auf der Mittelstele komme ich jedes Mal ins Schleudern, weil ich diese Art Buchstaben partout nicht lesen kann. „Canonicis ecclesiae maj…“ –  tja, und da verließen sie ihn… 36 Plätze insgesamt gibt es, glaube ich. Theoretisch. Denn sollte sich jemals ein Domkapitular nicht auf dem Domherrenfriedhof hinter dem Dom, sondern hier beerdigen lassen wollen, würde auch 36 Mal die Begräbnisgebühr fällig. Eine horrende Summe. Solange aber keiner bestattet wird, kostet es auch nichts. Außer der Pflege. Also, das werden die Herren sich gut überlegen.

Sie sehen schon, Melaten ist voller Geschichten und Geschichte. Zu den traurigsten Kapiteln gehört das Gedächtnis der Kriegstoten. Und da treibt es mir jedes Mal den Blutdruck hoch, wenn ich an dem großen, zehn Meter hohen vierflügeligen Monument „Zum Andenken an die zu Coeln in Folge des Krieges von 1870/71 verstorbenen Söhne Deutschlands“ vorbeikomme.

Man kann von Kriegergedenken ja halten, was man will. Und ich will auch nicht die Fragen beantworten, wie lange man es fortschreiben muss oder wann man es still einschlafen lassen darf. Aber ich finde, so oder so muss es in Würde geschehen. Die vermisse ich hier schmerzlich. Offensichtlich gibt es noch Kölner, die sich der Toten des deutsch-französischen Kriegs erinnern. Jedenfalls habe ich bei meinem jüngsten Besuch frische Kränze am Fuß des Denkmals mit seinem Neo-Renaissance-Dekor liegen gesehen. Aber ganze Teile der Neorenaissance-Architektur von Stadtbaumeister Hermann Weyer (1830 bis 1899) sind überwuchert, oben wächst sogar ein Baum in den Himmel, dessen Samen sich selbst ausgesät haben.

Einen solch verkommenen Zustand haben die Männer nicht verdient, die – wie ich finde – sinnlos in den Tod geschickt wurden um einer nationalen Idee willen, mit dem Pathos „für Gott, König und Vaterland“. Wegen des Missbrauchs patriotischer Ideale ist Gefallenengedenken gerade in Deutschland nach 1945 eine sehr zwiespältige, von manchen misstrauisch beäugte Sache. Aber so offensichtlich geringschätzig wie hier darf man sich seiner nicht entledigen.

Für die Pflege der Soldatengräber aus den beiden Weltkriegen gibt es ein eigenes Grabgesetz. Darunter fällt Weyers Monument nicht. Trotzdem ist die Stadt Köln dafür verantwortlich. Ein Telefonanruf in der Verwaltung macht mir Hoffnung. Dem zuständigen Beamte war sofort klar, wovon die Rede war. Im November oder Dezember „nehmen wir uns das Denkmal vor“, versprach er, wenn erst das Laub gefallen sei. Und ja, er wisse schon, die Sache mit dem Baum… „Das wächst halt immer wieder raus.“ Genau, so ist das auf dem Friedhof Melaten, der alles andere ist als tot.

Die große Schwester der Graffiti

ehrenfeld_9Auf Augenhöhe begegnen sie einem überall in der Stadt: an Hauswänden und Fassaden, auf Mauern und Zäunen, KVB- und Bahnwaggons, Rolltreppen, U-Bahnsteigen oder auf Parkbänken: Graffiti. Sie als Kunst zu bezeichnen, würden sich wohl die meisten scheuen. Hausbesitzer zumal, die oft sogar eigens versichert sind, um das „Geschmiere“ schnell wieder entfernen zu können. Auch wenn all die „Tags“, verschnörkelte Namenskürzel, bisweilen mit Silberfarbe, Schattierungen oder Umrandungen aufgehübscht sind, sagen sie nichts anderes als „guckt mal, ich war hier“. Ein bisschen kommt mir das vor wie Beinchen heben. Totlangweilig eigentlich. Aber die ganze Republik ist voll davon. Das Graffito hat allerdings eine große Schwester, und sie macht die Sache künstlerisch interessant. Ich spreche von der Fassadenmalerei.

Wände zu bemalen, war immer schon ein Teil von Architektur. In unseren Breiten handelte es sich oft um illusionistische Kunst, das heißt, mit den Mitteln der Malerei wird auf einer zweidimensionalen Fläche Räumlichkeit vorgetäuscht, die ein Haus total verändert. Berühmt ist zum Beispiel der Entwurf Hans Holbein des Jüngeren für das „Haus zum Tanz“ in Basel von 1520. Blütezeit der Wandmalerei war dann der Barock mit komplexer Schein-Architektur. Das 19. Jahrhundert bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts liebte vor allem Historien-Szenen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg hörte die farbige Wandgestaltung nicht auf, sie veränderte sich aber. Für die Nachkriegszeit sind große Keramiken charakteristisch oder Fassadenelemente aus Metall. Auch die Betonarchitektur der 1970er Jahre war zum Teil sehr stark farbig gefasst.

ehrenfeld_1Eine ganz neue Dynamik erhielt die Wandmalerei aber definitiv durch die Graffiti-Szene. Einigen ihrer Vertreter war das bloße „Tagging“ auf die Dauer zu wenig. Sie entwickelten das Sprayen zu einer echten Kunstform weiter. Dazu kamen Absolventen der Kunstakademien, die sich auf diese Art der Wandgestaltung spezialisierten. Es wäre falsch, von „echten und falschen Künstlern“ zu sprechen. Es sind einfach zwei verschiedene Zugänge zu ein und derselben Form.

Die so entstandenen Bilder sind natürlich nicht mehr Ergebnisse verbotener Sprayaktionen bei Nacht und Nebel, sondern ganz legale Arbeiten. Das geht bei deren Komplexität und Größe ja auch gar nicht anders. Zum Glück gab es Immobilienbesitzer, die ihre Häuser zur Verfügung stellten. Am beliebtesten sind lange Mauern oder Brandwände ohne Fenster, auf denen gestalterisch ohnehin nichts los ist.

Das berühmteste frühe gesprühte Wandbild in Köln ist Harald Naegelis „Tanzendes Skelett“ an der Westfassade von St. Caecilien. Naegeli hatte Anfang der 1980er Jahre eine ganze Reihe dieser Motive auch an andere Kölner Fassaden gesprüht. Aber da hat man sie schleunigst wieder entfernt. So ist nur dieses eine Bild erhalten.

Ich komme darauf, weil im September das „Cityleaks Urban Art Festival“ stattfindet, das die Kunstform gesprayter Wandbilder in Köln fördern will. Premiere war 2011. Ehrenfeld wurde damals, wie es in Anne Scherers Bildband „Street Art Cologne“ heißt, „zu einem der aktivsten Hotspots für Street Art in Köln“. Als „City Leaks Urban Art Biennale“ mit dem Titel „Die Stadt, die es nicht gibt“ geht das Festival bis 20. September in die dritte Runde. Diesmal wollen sich die Organisatoren vor allem auf Mülheim im Rechtsrheinischen konzentrieren.

Aber bis die Ergebnisse zu besichtigen sind, schlage ich Ihnen eine kleine Tour durch Ehrenfeld vor – auf den Spuren der Sprayer.

Der Kunsthistoriker an sich neigt ja immer zum Systematisieren. Ich teile deshalb die gesprayten Wandmalereien deshalb in drei Gruppen ein. Als erstes sind die rein graphische Gestaltungen zu nennen. Ein Beispiel dafür sehen Sie in der Vogelsanger Str. 34, wo ein ganzes Eckhaus an seinen beiden Fronten in Schwarz-Weiß bemalt ist. Nur die Mitte bleibt Rot. Dort sieht man, wie der Erdball von zwei Seiten her eingequetscht wird.  Mein Lieblingsobjekt befindet sich Hospeltstraße 28: Auch hier nur Schwarz-Weiß, eine stark geometrische Anlage mit Bändern und Linien, durchzogen von Ändern und Streifen, als ob das Ganze gleich wieder weggewischt werden würde. Ein feines, toll gemachtes Kunstwerk.

ehrenfeld_8Die zweite Gruppe sind die Figuren- oder Menschenbilder. Eines der berühmtesten ist der kleine trotzige Junge am Bürgerzentrum in der Venloer Str. 429.  Wenn Sie einen starken Magen haben und nicht so leicht zu schocken sind, schauen Sie sich in der Senefelder Straße 5 den gehäuteten Hasen an. Das ist schon eine ziemlich drastische Darstellung, die der Belgier „ROA“ – die Wandsprayer firmieren fast alle unter solchen Phantasienamen – den Passanten und vor allem den Anwohnern da zugemutet hat. Die sollen sich aber, wie es heißt, inzwischen an den Anblick gewöhnt haben.

Unter eine dritte und letzte Kategorie fallen all jene Bilder, die Geschichten erzählen – spielerisch und oft kritisch zugleich. Da sind zum Beispiel in der Hansemannstraße 24 die vier rosa Männer, die „Reise nach Jerusalem“ spielen. Man kann darin natürlich den Versuch sehen, die Ausweglosigkeit des menschlichen Daseins ins Bild zu bringen. An szenischen Darstellungen hat insbesondere auch die Kölner Gruppe „Captain Borderline“ einiges zu bieten. Von bemerkenswerter Aktualität ist die Arbeit „Surveillance of the Fittest“ am Ehrenfeldgürtel 95, wo das US-Wappentier, der Weißkopf-Seeadler, mit unzähligen Überwachungskameras eine Schafherde beobachtet.

Die gleichen Künstler haben übrigens mit dem „Bananen-Sprayer“ Thomas Baumgürtel das große Wandbild an der Marzellenstraße gemacht. Das ist nun nicht in Ehrenfeld, aber wenn man mit Zug oder S-Bahn von dort zum Hauptbahnhof fährt, kann man auf der rechten Seite gut sehen [stimmt doch, oder?], wie die Mauern der Stadt Köln von einer Belagerungstruppe mit einer riesigen Banane als Rammbock berannt werden. Das soll wohl eine kritische Anspielung auf den Mangel an Wohnungen und Atelierräumen in Köln sein.

Der Vollständigkeit halber sollte ich vielleicht noch die Mini-Mosaiken erwähnen, die viele von Ihnen schon mal gesehen haben werden, ohne dass sie Ihnen womöglich besonders aufgefallen wären. Die Muster und gepixelten Wesen, die eigentlich in keine der genannten Kategorien fallen, sind eine Spezialität des französischen Künstlers „Invader“, der als Street-Art-Pionier gilt und seine Kachelmosaike mittlerweile in der ganzen Welt hinterlassen hat – 24 davon im Jahr 2007 auch in Köln, unter anderem an der Hohenzollernbrücke, in der Alten Wallgasse 56-58, an der Ecke Pfeilstraße/Kettengasse und – wenn ich das sagen darf – auch an meinem Haus Am Hof 23.

Also, vielleicht schlendern Sie mal entspannt vom Bürgerzentrum Ehrenfeld aus durch das Viertel und halten Ausschau nach der großflächigen Sprayerkunst. Oder wenn Sie die Sache lieber strategisch in Angriff nehmen, dann nehmen Sie einfach Anne Scherers Buch zu Hilfe, das die Kölner Wandmalereien zusammen trägt und auch einen entsprechend markierten Stadtplan enthält. Ich verspreche Ihnen: Sie werden staunen, wie viele Objekte es in Köln gibt!

Und weil in einer lebendigen Stadt immer wieder Neues entstehen sollte, fände ich es schön, wenn die Stadt oder Privatleute weitere Wandflächen gestalten ließen. Tristes Grau haben wir in Köln ja noch zur Genüge. Den Anfang könnte der Tunnel an der Trankgasse machen. Für dessen schmuddelig verputzte Wände wäre ein knallbuntes Sprayer-Bild genau das Richtige.

Infos zum Festival: www.cityleaks-festival.de

Lektüre-Tipp: Anne Scherer, Street Art Cologne, Verlag KiWi Köln, 192 Seiten, 19,99 Euro.


Ein Selbstmordattentäter in der Bibel

 

 

 

Wenn Sie meine Kolumnen regelmäßig lesen, erinnern Sie sich vielleicht, dass ich im Juni auf dem Gelände des ehemaligen Kölner Güterbahnhofs St. Gereon unterwegs war. Eigenartig, dass ein so durch und durch prosaischer Ort nach einem Heiligen benannt war, oder? Das hat mit der Bedeutung der romanischen Basilika und ihres seit dem 9. Jahrhundert bestehenden Stifts zu tun, dem im Mittelalter rundum große Ländereien gehörten. St. Gereon war in der Merowingerzeit die bedeutendste fränkische Königskirche und einer der berühmtesten Kirchenbauten des Mittelalters überhaupt. Das hat auch auf die Umgebung abgefärbt, das Gereonsviertel mit dem Gerling-Areal, vielen nach dem Kirchenpatron benannten Straßen und eben auch dem einstigen Güterbahnhof, der von 1859 bis 1990 in Betrieb war.

 

Die Kuppel und das Dekagon von St. Gereon gehören zum Markantesten, was das historische Stadtbild Kölns zu bieten hat, so dass ich Sie eigentlich gar nicht darauf hinzuweisen bräuchte. Trotzdem ist Ihnen bei der Besichtigung der Kirche bislang vielleicht etwas entgangen, was sozusagen an entgegengesetztem Ort zu suchen ist: unten in der Hallenkrypta und dort auch noch einmal auf dem tiefsten Punkt, dem Fußboden nämlich. Hierhin wurde das Jahr 1870 ein großes, um 1150 entstandenes Mosaik mit Szenen aus dem Leben des alttestamentlichen Helden Samson verlegt, das sich ursprünglich im Hochchor befunden hatte.

Die Figur aus dem Buch der Richter ist der jüdisch-christliche Widerpart zu Herkules, dem schon von Kindheit an mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten antiken Heroen. Quelle von Samsons Stärke sind seine Haare, weshalb seiner Mutter schon verkündet worden war, dass sie Knaben auf keinen Fall die Haare schneiden dürfe. Ähnlich wie die griechische Mythologie im Fall des Herkules, weiß die Bibel allerhand Taten ihres Helden zu berichten. Samsons Hauptfeinde sind die Philister, mit denen er ständig im Clinch liegt. Trotzdem nimmt er sich als Braut eine junge Philisterin, Schon bei der Hochzeit kommt es zu Streitigkeiten mit ihrem Gefolge, und am Ende liefert ihn seine Gemahlin auch an ihr Volk aus.

Typisch, könnte man sagen. Denn immer wieder rühren Samsons Bredouillen aus seiner Schwäche für das schöne Geschlecht Als er auf Brautschau, zusammen mit seinen Eltern unterwegs zu seiner Braut ist, begegnet er einem Löwen. Dummerweise ist er völlig unbewaffnet. Trotzdem stürzt sich Samson auf den Löwen und tötet ihn, indem er ihm das Maul auseinanderreißt. Diese Geschichte ist die erste, die im Samson-Mosaik dargestellt ist: Samson mit seinen wallenden langen Haaren sitzt auf dem Löwen und zerrt an dessen Ober- und Unterkiefer. Die nächste Episode handelt von Samsons Besuch bei einer Dirne in Gaza, wo ihn die Philister zu fangen versuchten. Sie umstellten das Haus und verriegelten die Stadttore in der sicheren Hoffnung, dass sie Samson so erwischen würden. Aber nichts da: Samson hebt die Tore einfach aus den Angeln und trägt sie auf einen Berg. Das ist das zweite Bild des Mosaiks.

Die dritte handelt dann von den Folgen seiner Liebe zu Dalila, über deren Charakter es sehr unterschiedliche Urteile gibt. Ob sie nun eine aufopferungsvolle Patriotin war, die half, den gefährlichsten Feind ihres Volkes zur Strecke zu bringen, oder ob sie schnöden Verrat an ihrem Mann beging, darüber kann man in der Tat lange streiten. Faktisch stellt sich das Geschehen so dar: Als Samson eines Tages nach dem Liebesspiel ermattet einschlief, ließ sie ihm die Haare abschneiden. So schildert es die Bibel. In den meisten künstlerischen Umsetzungen greift Dalila selbst zur Schere. Ohne Haare seiner Kraft beraubt, ist Samson eine leichte Beute für die Soldaten der Philister, die ihn fesseln und ihm die Augen ausstechen. Danach muss er in einer Mühle Sklavenarbeit verrichten. Aus lauter Stolz führen die Philister den entmachteten Feind als blinden Tölpel auf ihren Festen vor. Was sie aber übersehen haben: Mit der Zeit sind Samsons Haare nachgewachsen. Als er nun wieder einmal bei irgendeinem Gelage der Philister gedemütigt werden soll, greift er im Festsaal nach den nächstgelegenen Säulen und bringt den ganzen Bau zum Einsturz. Auch das ist im Mosaik zu sehen. Von den herabfallenden Steinen werden nun die Philister ebenso erschlagen wie Samson selbst. Heute würde man ihn vermutlich einen Selbstmordattentäter nennen.

Mosaiken, Bilder, die sich aus kleinsten Steinen zusammensetzen, waren in der Römerzeit in Villen und öffentlichen Gebäuden., aber dann auch im Mittelalter im Kirchenbau häufig anzutreffen Leider sind sehr viele davon verloren. Deshalb ist es so erfreulich, dass der Mosaikschmuck in St. Gereon erhalten ist. Selbst feine Details wie der Bortenschmuck an Samsons Kittel oder die Beschläge der Türen sind anschaulich wieder gegeben. Ein fein ornamentierter Rand umzieht jedes Einzelbild.

 

Das Mosaik wurde zwar im 19. Jahrhundert – an den Farbabweichungen erkennbar – stark restauriert. Trotzdem ist noch immer ein wunderbares Beispiel für die Erzählkunst der Romanik, ein Comic aus der Stauferzeit. Ein bisschen naiv, nicht so fein wie antike römische Mosaiken oder wie zeitgenössische Buchmalereien, aber trotzdem ungeheuer eindrucksvoll.

Urbanes zeitgenössisches Gefühl

Wenn Sie eine halbe Stunde Zeit übrig haben und gerade auf den Ringen unterwegs sind, dann machen Sie doch mal den Stadtspaziergang, auf den ich Sie heute mitnehmen möchte. Es geht im Mediapark gleich gut los. Die ganze Anlage finde ich mit ihrer modernen Gestaltung sehr gelungen. Wer nicht Altstadt-Gemütlichkeit sucht, sondern urbanes zeitgenössisches Feeling, wird hier fündig. Das markanteste Ausrufezeichen hat der französische Star-Architekt und Pritzker-Preisträger Jean Nouvel (geb. 1945) mit dem „Kölnturm“ gesetzt. Problematisch daran ist allenfalls die bedruckte Fassade. Der fragmentierte Dom ist überhaupt nicht nach meinem Geschmack, und Flugzeug-Silhouetten auf Hochhäusern nach dem 11. September sind…  – na ja, Sie wissen schon. Aber für diese atmosphärische Störung seiner Ästhetik kann der Architekt ja nichts.

Das Areal, zu dem eine Grünanlage von insgesamt zehn Hektar gehört, verdankt sich der Umnutzung des Geländes, auf dem früher der Güterbahnhof St. Gereon gewesen war. Der städtebauliche Gesamtentwurf, realisiert zwischen 1987 und 2004, stammt von dem in Braunsfeld geborenen Architekten Eberhard Zeidler (geb. 1926). Der „Grünzug Nord“ ist Teil des Projekts „Regio Grün“ mit sechs Grünkorridoren zwischen Köln und Bonn. Vom Mediapark ausgehend, verläuft eine der Routen durch den Blücherpark und den Bürgerpark bis zum Äußeren Grüngürtel. Auf der Rückseite des Mediaparks wurde ein Fußweg angelegt, den Sie erreichen, wenn Sie zwischen den Gebäuden in der Mitte durchgehen.

Eigentlich ist das hier gar nicht meine Gegend. So war ich selbst überrascht, als ich dem Tipp eines Freunds folgte und zum ersten Mal herkam. Entlang der Bahntrasse kommen Sie im August-Sander-Park, benannt nach dem berühmten, 1964 gestorbenen Kölner Fotografen, bald zu einem großen Kinderspielplatz mit einer baulichen Besonderheit: Als technisches Denkmal der Stadt Köln ist das alte Stellwerk aus den 1920er Jahren  stehengeblieben – eine ganz frühe moderne Architektur, neue Sachlichkeit, so ähnlich wie bei der Bastei am Rheinufer.

Ein Stück weiter Richtung Westen [?] stoßen Sie auf eine 96,40 Meter lange und 4,,60 Meter breite Fußgängerbrücke, die über die Bahngleise hinüber zum Herkulesberg und zum Inneren Grüngürtel führt. Die Architektin Verena Dietrich (geb. 1941) hat sich 1994 eine sehr ungewöhnliche Stahlkonstruktion ausgedacht mit lauter gut durchdachten Kleinigkeiten, zum Beispiel dem Geländer und den Stangen, die allesamt schräg gestellt sind. Das Betonportal am Ende mit einer sich verengenden Treppe steigert die natürliche Perspektiv-Wirkung. Alles in allem also nicht irgend so ein langweiliger Steg, sondern richtig gute Architektur.

Aber Sie ahnen vielleicht schon, dass es in Köln nicht dabei bleiben kann: Klettern Sie nur mal die kleine Verbindungstreppe zur Gladbacher Straße und zur Erftstraße. Aber Vorsicht bitte, Sie könnten sonst übel fallen, so verwahrlost das hier ist! Abenteuerlich alte Betonstufen, ein völlig verrottetes Geländer, dazu ein nutzlos gewordener Strommast, an dem sich das Unkraut hochrankt… Und werfen Sie mal einen Blick in das Häuschen am Fuß der Treppe: da gammelt kniehoch der Müll vor sich hin. Das Ganze wirkt, als ob eine Ecke des ehemaligen Güterbahnhofs vergessen worden wäre – in der Stadtplanung wie im Reinigungsplan. Aber wenn die Stadt hier nicht saubermacht, gehört ihr das Gelände vermutlich auch nicht. Da habe ich dann gleich einen bösen Verdacht: Mitten in Köln bringt so was eigentlich nur die Deutsche Bahn fertig. Anders kann ich mir den schroffen Kontrast zur sorgfältig gepflegten Umgebung jedenfalls nicht erklären. Die Bahn hat ja auch sonst kein Auge für ihre Liegenschaften und lässt alles verkommen, was nicht Filetlage ist.

Bevor Sie den Stadtpark erreichen, liegt linker Hand die Kirche Neu St. Alban. Hans Schilling (1921 bis 2009) hat den Bau von 1957 bis 1959 aus den Abbruchziegeln des alten Opernhauses errichtet. Die Ausstattung wurde aus der im Krieg zerstörten Kirche Alt St. Alban übernommen, von der noch die Ruine erhalten ist. Heute gehört die nur nachmittags geöffnete Kirche zur katholischen Pfarrei St. Gereon. Zeittypisch ist der Wechsel verschiedener Fenstergrößen, und anstelle eines richtigen Kirchturms gibt es nur eine Art Architekturzitat an einer der Ecken. Versteckt am Rand des Stadtgartens kommen nur wenige Besucher hierher. Und ganz ehrlich: Waren Sie schon jemals dort? Der Blick auf ein Stück Nachkriegsarchitektur lohnt sich bestimmt, ehe Sie dann noch durch den Stadtgarten promenieren können oder an den Wohngebäuden entlang wieder zum Mediapark gelangen.

Köln Nippes – das Veedel mit dem charmantesten Namen

Der wohl charmanteste Vorort-Name von ganz Köln ist „Nippes“. Oft wird das Wort ja mit „Tand“ oder „wertlosem Krimskrams“ gleichgesetzt, was dieser Stadtteil nun überhaupt nicht verdient. Der Name ist 1549 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Bei den Erklärungsversuchen fällt auf, dass sie komplett konträr sind. Die einen leiten den Namen von „Niep“ als Bezeichnung für eine feuchte Senke ab und erinnern daran, dass in diesem Gebiet einst ein Altarm des Rheins verlief und der Untergrund dementsprechend sumpfig war. Die anderen sagen, „Nepp“ weise – wie an anderen Orten auch – auf einen Hügel oder eine kleine Anhöhe hin. So was macht mir Spaß, weil man auf entgegengesetzten Wegen zum selben Ziel kommt.

Ich überspringe mal die Siedlungsgeschichte, die in römischer Zeit begann und im Mittelalter einige große Anlagen wie den „Altenberger Hof“ hervorbrachte, der recht gut erhalten ist. Heute hat das Bürgerzentrum Nippes hier seinen Sitz. Im 19. Jahrhundert war Nippes besonders beliebt, weil hier untergäriges Bier gebraut und ausgeschenkt werden durfte. Wer also kein Kölsch mochte, der ging nach Nippes und bekam dann auch richtiges Bier. Die traditionsreiche Kneipe „Em Golde Kappes“ auf der Neusser Straße am U-Bahn-Halt Florastraße, wo ich meinen kleinen Rundweg beginne, war allerdings schon von ihrer Eröffnung 1913 an auf Kölsch spezialisiert.

Foto (2)Für die Stadtentwicklung von Nippes noch wichtiger als das Brauwesen war die Ansiedlung bedeutender Industrien in der Peripherie der Altstadt, besonders eines Eisenbahn-Ausbesserungswerks und der Gummi-Fabrik Clouth. Im vorderen, in die Neusser Straße mündenden Teil der Mauenheimer Straße sehen Sie die Wohnungsbauten, die damals für die Industrie-Arbeiter errichtet wurden: dreigeschossige Stadthäuser in historistischer Manier mit Anleihen bei Gotik, Renaissance und Barock. Im Vergleich mit der Innenstadtbebauung sind sie kleiner und weniger aufwendig gestaltet, aber eben doch mit ästhetischem Anspruch. Jedenfalls keine Wohnsilos.

Zur Stadtentwicklung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gehörte in Köln auch die regelmäßige Durchsetzung mit Plätzen. Der Königliche Gartenbaudirektor Fritz Encke (1861 bis 1931) setzte sich vehement dafür ein, dass auch in den Arbeitervierteln Grünflächen angelegt werden sollten. Sie sollten einen doppelten Zweck erfüllen: Grün für die Großen ringsum und in der Mitte Spielplätze für die Kinder. Der Erzberger Platz ist einer dieser Anlagen. Ursprünglich war er besonders berühmt für seinen Rosenhag und zwei Pavillons, die aber nicht erhalten sind.

Wenn Sie vom Erzberger Platz wieder ein paar Meter zurückgehen, überqueren Sie einen Platz, den es gar nicht gibt. Jedenfalls nicht postalisch, denn das Schillplätzchen findet sich in keinem Adressbuch. Seinen im Viertel gebräuchlichen Namen hat es von einer der zuführenden Straßen. Das Schillplätzchen, mit seiner Außengastronomie in den warmen Monaten stets frequentiert, ist die kölsche Form der „Utopie“: ein „Nicht-Ort“, an dem man sich umso wohler fühlt.

Die neu entstehenden Stadtteile brauchten natürlich auch Kirchen – schon des moralischen und sozialen Wohls wegen. Im Jahr 1856 errichtete Vincenz Statz (1819 bis 1898), der vom Mitarbeiter der Dombau-Hütte zu einem der erfolgreichsten Sakralbau-Architekten seiner Zeit aufstieg, am Schillplätzchen St. Heinrich und Kunigunde als eine Art Normkirche: neugotisch, nicht sonderlich raffiniert, aber auch nicht völlig schmucklos. So sollten überall in den Vororten großer Städte die Gotteshäuser aussehen.

Ein paar Ecken weiter dokumentiert die Marienkirche das Bevölkerungswachstum von Nippes. St. Heinrich und Kunigund erwies sich schon nach 20 Jahren als zu klein, so dass Statz ein zweites Mal zum Zuge kam und eine deutlich größere,  1882 eingeweihte Pfarrkirche bauen durfte. Im Krieg stark beschädigt, ist ein Blick in den Innenraum vor allem wegen der Glasfenster interessant. Es handelt sich um einen geschlossenen Zyklus von Dieter Hartmann vom Ende der 1970er Jahre, der das christliche Ursymbol des Kreuzes variiert. Mit dem Künstler habe ich eine Geschichte eigener Art, weil er nach dem Einbau des „Richter-Fensters“ im Dom ständig auf Podiumsdiskussionen auftauchte und mich beschimpfte. Dabei folgen seine Fenster in St. Marien nun auch nicht gerade der reinen Lehre traditioneller Glasmalerei. In meinen Augen hat Hartmann sogar einen Stockfehler begangen: Der von ihm gewählte braune Grundton – mit „Kakao“ vornehm umschrieben –  ist nun mal alles andere als eine Farbe für Glasfenster.

Der Wilhelmsplatz wenige Meter weiter hat Einzigartiges zu bieten: Zum einen gibt es hier seit 1900 einen täglichen Markt – heute ein Mix von Obst- und Gemüseständen und Basar. Zum anderen steht hier das kölsche Tadsch Mahal. Lachen Sie nicht, wenn Sie diesen unförmigen, 2003 vom Künstler Rolf Jahn mit „Vögeln der Welt“ bunt bemalten Betonquader sehen, der Toiletten, Platz für Telefonzellen, einen Kiosk und eine mir nicht recht erklärliche Art Rampe oder Tribüne vereint. Aber der damalige Kölner Oberbürgermeister Norbert Burger hat bei der Einweihung 1992 tatsächlich eine Parallele zu dem weltberühmten „Kronenpalast“  im indischen Agra gezogen. Mit feiner Ironie, wie ich zu seinen Gunsten vermute. Andernfalls müsste zur Strafe für diese Entehrung des wahren Tadsch Mahal, eines Traums aus weißem Marmor, der Geist seines Erbauers, des Großmoguls Shah Jahan (1592 bis 1666), auf dem Wilhelmsplatz spuken.

Auf unserem Rundgang kommen wir über die Wilhelmstraße zurück zur Neusser Straße und überqueren sie in östlicher Richtung. Am Kaufhof vorbei, geht es um ein paar Ecken herum in die Gneisenaustraße.  Dort steht die 1912 bis 1914 gebaute St. Bonifatius Kirche des Architekten Adolf Nöcker. An ihr können Sie im Vergleich zu den beiden weiter westlich gelegenen Kirchen ablesen, was stilistisch innerhalb von nur zwei Generationen passierte: Mit der Neugotik ist es komplett vorbei. Während sich ein Vincenz Statz noch bemüht hatte, die originale Gotik möglichst getreu zu kopieren, eignet Nöcker sich den Historismus auf eine ganz eigene Weise an. Er mischt romanische Formen wie den massiven Wandaufriss oder die Rundbögen wild mit Klassizismus und Jugendstil. Die kannelierten Säulen an der Vorhalle zum Beispiel passen ebenso wenig in die Romanik wie die recht undefinierbaren Kapitelle mit ihren ovalen Ornamenten. Völlig untypisch für die Romanik, aber sehr typisch für die Zeit nach der Jahrhundertwende sind auch die vier Engelsfiguren oben auf den Säulen. Sie sehen zwar recht martialisch und furchteinflößend aus mit ihren großen Schwertern. Aber wenn Sie in die Gesichter schauen, dann sind es doch eigentlich ganz sanfte Gestalten. „Lecker Mädche“, würde der Kölner sagen. Reinen Jugendstil können Sie übrigens an den schmiedeeisernen Gittern am Eingang mit Perlstäben und ovalen Abschlüssen finden.

Wenn Sie sich dann umdrehen und die Schwerinstraße hinaufgehen, sehen Sie eine der am besten erhaltenen historistischen Straßenzüge Kölns. Alle Häuser, die den Krieg überstanden haben, wurden zwischen 1903 und 1907 gebaut, also innerhalb ganz kurzer Zeit. Umso bemerkenswerter ist die dekorative Vielfalt. Da gibt’s nicht die Spur von Fertighaus- oder Einheitsarchitektur. Gut, die meisten Bauherren haben sich für einen Erker entschieden. Aber schon der konnte mal mittig sein, mal rechts oder links. Die Stadtplanung hatte lediglich die Traufhöhe vorgegeben, alles andere durften die Bauherren individuell gestalten. Herausgekommen ist eine urbane Wohnstraße, wie sie schöner eigentlich nicht sein kann.

Die folgende Querstraße markiert deutlich eine Bebauungsgrenze. Denn in der Verlängerung der Schwerinstraße jenseits der Blücherstraße steht ein Gebäudekarree, dessen Formen in die Zwischenkriegszeit der 1920er Jahre fallen. Damals gab es große Wohnungsnot in Köln, die mit Hilfe großer Neubauten gelindert werden sollte. Sozialer Wohnungsbau der 20er Jahre, könnte man sagen. Der Architekt hat sich bei der Außengestaltung für Ziegel entschieden, aber auch hier versucht, nicht einfach 08/15-Fassaden hochzuziehen, sondern diese mit vorspringenden Bändern und Ornamenten an den Fensterbrüstungen zu gliedern. Ursprünglich waren die Fenster kleinteilig verglast – wegen der Ästhetik, aber auch aus Kostengründen. Kleine Scheiben waren billiger als große, und wenn mal eine kaputt ging, brauchten die Bewohner eben auch nur das eine Segment zu ersetzen. Aber wie wichtig für die Gesamtoptik die Proportionen der Fenster sind, das sehen Sie sofort im Vergleich der alten mit den modernen Verglasungen. Da gähnen dann Löcher oder Höhlen in der insgesamt kleinteiligen Front.

Nach Ehrenfeld war Nippes der zweite Kölner Vorort, der ein eigenes Gymnasium bekam. „Realgymnasium“ steht noch heute über dem Eingang des Baus von 1908. Das heißt, der Schwerpunkt lag nicht auf dem „humanistischen“ Bildungskanon mit Fächern wie Latein und Griechisch, sondern auf Mathematik und Naturwissenschaften und seit 1925 auf den modernen Fremdsprachen. Die Architektur ist betont repräsentativ und symbolisiert so den Wert einer guten Schulbildung. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gymnasium schwer beschädigt. Das zweite Obergeschoss und die alte Turnhalle brannten aus. Zwischen 1960 und 1963 wurde auf Initiative des damaligen Direktors Hermann Gundermann die bekannte Sternwarte mit ihrer gut sichtbaren Kuppel errichtet, teils mit ehrenamtlichem Einsatz ehemaliger Schüler. Bis heute pflegen Astronomie-Begeisterte die Anlage mit viel Liebe und bieten regelmäßig Vorführungen und Vorträge an. Im Veedel läuft die ursprünglich namenlose Schule meistens unter „Blücher-Gymnasium“ oder „Gymnasium Blücherstraße“, ganz einfach weil sie da steht. Offiziell hat sie seit 2010 einen viel klangvolleren Namen: Leonardo da Vinci. Wow! Ganz schön hoch gegriffen für ein Realgymnasium. Aber vielleicht ein Signal an die Schüler, dass sie hier an einem Ort für potenzielle Genies sind.

Der Leipziger Platz gegenüber, im Jahr 1905 wiederum von Fritz Encke angelegt, befand sich mit Erholungs- und Spielzone ursprünglich auf tieferem Niveau. Doch nach 1945 wurde hier der Kriegsschutt abgeladen, so dass das Platzniveau stieg und bis heute ein gutes Stück höher liegt.

Am Schluss unserer kleinen Runde komme ich leider nicht an der Nippeser Todsünde vorbei. Wer auch immer den „Nippes-Tower“ verbrochen hat, er müsste in der Stadtplaner-Hölle braten. Der brachiale Versuch einer „Modernisierung“ der Neusser Straße in den 1970er ist grotesk gescheitert. Er zerstört den gewachsenen, lebendigen und Bebauungsrhythmus der Nippeser Hauptverkehrsachse: ein Pseudo-Hochhaus ohne jeden maßstäblichen Bezug zur Umgebung, und dazu auch noch in sich unfassbar scheußlich mit seiner farbigen – ich hätte fast „kotzgrün“ gesagt – Wellverkleidung. Aber es kommt noch schlimmer, wenn sie sich die anschließende Überbauung am Durchgang zur Florastraße ansehen: vollkommen stumpf an die Nachbarhäuser drangeklatscht, jeweils halbseitig schmuddelig verputzt und mit der beliebten Nippeser Kachel versehen, die auf Dauer mindestens genauso dreckig wird. Von der früheren Stadtkonservatorin Hiltrud Kier geht die Rede, sie habe den Nippes Tower das hässlichste Gebäude von ganz Köln genannt. Dem hätte ich nichts hinzuzufügen.

Trotzdem empfehle allen den Besuch, die mit dem Gedanken spielen, auch heute innerstädtische Areale mit investorenfreundlichen, aber dem Stadtbild feindlichen Klötzen zu verschandeln. Da müssen wir alle miteinander aufpassen. Wie furchtbar das Ergebnis sein kann, ist in Nippes eindrucksvoll zu besichtigen. Und so erkläre ich den Nippes-Tower hiermit zum Mahnmal aller betriebsblinden Stadtplaner und Architekten!

Darauf ein Bier im „Golde Kappes“. Meinetwegen darf es auch ein obergäriges sein. Köbes, eine Runde Kölsch!

Aufgezeichnet von Joachim Frank

 

Klares Bekenntnis zur Moderne

Marodes Gemäuer beseitigen, ein baufälliges Haus abreißen – nichts lieber als das. Sollte man meinen. Ist aber zu einfach gedacht. Gebäude haben ihre Geschichte. Mit ihnen sind Erinnerungen und Emotionen verbunden. Das gilt besonders für Gotteshäuser. An Kirchen hängt das Herz der Menschen, die dort getauft, gefirmt oder konfirmiert wurden, die hier geheiratet, gebetet, gefeiert oder ihre Toten beweint haben. Dieses Gefühl der Verbundenheit hat überhaupt nichts mit der baulichen Qualität zu tun. Da kann man nicht einfach hergehen nach dem Motto, „das taugt nicht, das kommt jetzt weg!“

Mich wundert es nicht, dass die Initiative „Rettet die Christuskirche“ im Belgischen Viertel das 1951 errichtete Schiff erhalten wollte. Es war an die Stelle des im Krieg zerstörten neugotischen Kirchenraums getreten. Der „Dehio“, die Bibel deutscher Architekturdenkmäler, bezeichnete es als „Notkirche“. Die despektierliche Bemerkung sagt schon alles: gewöhnliche Architektur und – nach allem, was ich darüber weiß – miserable Bausubstanz.

Wie Sie sehen: Der Widerstand gegen den Abriss hat nichts genutzt. Die evangelische Kirchengemeinde hat sich mit ihren Neubauplänen durchgesetzt. Aber sie hat die Gegner ernst genommen, hat sich lange und intensiv Gedanken über den Neubau gemacht. Das gefällt mir, zumal etwas Vielversprechendes herausgekommen ist. Die Gemeinde hat die Architekten Hollenbeck und Maier zu einem kühnen Entwurf ermuntert. Die Kölner Büros haben hinter den 77 Meter hohen neugotischen Turm der alten Christuskirche einen verkleinerten Neubau gesetzt und daneben zu beiden Seiten einen Längsriegel für Gemeinderäume, Wohnungen und Geschäftsflächen. Auf der Ostseite, zur Herwarthstraße hin, rücken die Gebäude so nah an den Turm heran, dass ich versucht bin, einmal tief Luft zu holen. Doch ich sage mir: abwarten, wie es aussieht, wenn erst mal die Verschalungen verschwunden sind!

Für künftige Bewohner stellt sich direkt unter dem Kirchturm nicht nur die Frage der Optik, sondern auch der Akustik. Stichwort: Glockengeläut. Nun, wer hier einzieht, der weiß, wo er hinkommt. Und sich dann darüber beschweren zu wollen, das käme mir so vor, als ob sich einer, der im Allgäu wohnen möchte, als erstes über Kuhglocken beklagt. Außerdem wird sich die Klangkulisse für die Mieter in den neuen Wohnungen nicht unterscheiden von der ihrer Nachbarn, deren Häuser ein paar Meter weiter auf der anderen Straßenseite stehen.

Ich höre ja immer wieder, dass die Leute sich an Kirchengeläut stören – frei nach Wilhelm Busch: „Geläut wird oft nicht schön empfunden, weil es stets mit Geräusch verbunden.“ Dabei muss man Glockenläuten nicht als Belästigung empfinden.

Mein Mann und ich wohnen gegenüber vom Dom seit Jahren damit, und wir lieben es. Der Glockenschlag hat etwas Tröstliches. Er lässt uns gewiss sein, dass unser Leben behütet und beschützt ist. Wem das zu pathetisch ist, dem sage ich: Seien Sie doch froh, wenn Sie nachts aufwachen und beim Glockenschlag wissen, wie spät es ist!

Alles in allem nehmen die Neubauten an der Christuskirche  in Dimension und Höhe rücksichtsvoll Bezug auf die Struktur des Viertels ein. Sie stören nicht dessen gewachsene Struktur und setzen doch eigene Akzente. Zum Beispiel mit der skulpturalen Auffassung der Fassaden, die eben nicht nach Schema F –  Fenster, Fenster, eins, zwei drei – gestaltet sind.

Im Inneren des neuen Kirchenraums hat man auf der Turmseite die alte Fensterrosette freigelegt und dafür die Orgel nach links und rechts hin separiert. Zur Altarseite verwirklichen die Architekten mit  ihrem „Himmelsfenster“ eine gewagte Licht-Raum-Erfindung. Prosaischer formuliert, handelt es sich um ein Oberlicht über dem Altar mit horizontaler Verglasung, die natürliches Licht nach unten in den Altarraum fluten lässt. Alle Achtung! Dem Entwurf nach zu urteilen, wird das ungemein effektvoll sein. Ich finde: Wenn man schon den Schritt wagt und einen Neubau an die Stelle des Bisherigen setzt, dann bitte auch mit einem Anspruch an Qualität und einem klaren Bekenntnis zu Moderne – so wie hier. Jetzt müssten Architekten und die Gemeinde als Bauherrin ihre Ambitionen nur noch auf den Vorplatz zum Stadtgarten hin ausdehnen und sich dafür etwas ähnlich Pfiffiges einfallen lassen wie für den Rest des Projekt, und dann die Stadt Köln, der das Gelände gehört, überzeugen, das auch umzusetzen. Zurzeit ist das Tristesse pur: öde Parktaschen und natürlich: meine Lieblings-Altglascontainer! Sie erinnern sich vielleicht an meinen Ärger über den Entsorger Remondis, der mit seinen Riesenblechbüchsen ganz Köln beglückt. Und gerade ein Ort wie dieser hier, der nach dem Ende der Bauarbeiten richtig schön werden könnte, hat zweifellos Besseres verdient als den „Mercedes unter den Containern“.

Bausünden und Multikulti am Eigelstein in Köln

Warum über den Eigelstein reden, obwohl das Stadtmuseum ihm erst voriges Jahr eine eigene Ausstellung gewidmet hat? Weil ich diese Straße einfach toll finde. Sie ist nicht geleckt, sondern lebendig. Sie ist spießig und wirkt gerade deshalb charmant.

Das fängt schon gleich am Südausgang in dem Knick Richtung Breslauer Platz und Hauptbahnhof hin an: Diese Wohnhäuser mit ihren weißen Klinkerbalkonen – also, schrecklicher geht es eigentlich gar nicht! Aber hier fügen sie sich in ein urbanes Ganzes. Genau wie die Leuchtreklamen und die Werbeschilder an den Geschäften, die mich sonst immer auf die Palme bringen. Hier stören sie mich überhaupt nicht. Wahrscheinlich, weil Häusern von so geringer architektonischer Qualität selbst die schreiendste Verkleidung nichts anhaben kann.

Eine Besonderheit der Straße nehmen Sie womöglich nur wahr, wenn Sie eigens darauf aufmerksam gemacht werden: Zum ersten Mal hat die Stadt auf dem Eigelstein den absatzlosen Gehweg ausprobiert, der von der Fahrbahn nur durch eine andere Form des Pflasters abgehoben ist. Das Fehlen der Bordsteinkante bringt Bürgersteig und Straße auf gleiches Niveau. Das sieht schöner aus, ist passantenfreundlicher und signalisiert den Autofahrern: „Ihr spielt hier nicht die Hauptrolle!“ Alles eine Frage der Psychologie. Noch besser fände ich es, wenn die vielen Poller weg wären. Aber dann wäre der Fahrbahnrand bestimmt komplett zugeparkt.

Was mir beim Bummeln immer wieder Spaß macht, ist das bunte Nebeneinander der verschiedenen Nationalitäten: hier der Asia-Shop, daneben der Türke und nur ein paar Meter weiter der klassische deutsche Supermarkt. Also, wenn Multikulti irgendwo in dieser Stadt lebendig ist, dann auf dem Eigelstein.

An der Ecke Unter Krahnenbäumen bleibe ich jedes Mal vor dem Laden mit türkischer Brautmode stehen und bewundere die prachtvollen Roben: ein einziger Traum in Tüll! Just hier sei übrigens einst die schlüpfrigste Ecke Kölns gewesen. Heute ist Unter Krahnenbäumen als Wurmfortsatz zur Turiner Straße die vielleicht langweiligste Straße der Stadt. Man sieht: Nichts ist für die Ewigkeit, noch nicht einmal die sündige Meile für das älteste Gewerbe der Welt.

Passend zur Vielfalt der Lebensmittel-Läden, bietet der Eigelstein auch gastronomisch für jeden Geschmack etwas. Ich gehe ab und zu gern in das Traditionsbrauhaus „Em Kölsche Boor“. Da trifft sich die ganze Stadt, wenn nicht die halbe Welt. Architektonisch ist der Eigelstein ein ähnlich sympathisches Sammelsurium: der Charme der 1950er Jahre wie beim Haus Nummer 34 fast direkt neben denkmalgeschütztem Erbe der Gründerzeit. Gründerzeit in der Billigversion, wenn Sie genauer hinschauen. Macht aber nichts. Es brauchte ja nicht überall so ambitioniert zugehen wie etwa auf der Hohe Straße, von deren Bestand aus dem 19.  Jahrhundert der Krieg kaum etwas übrig gelassen hat.

Dagegen bewahrt der Eigelstein an vielen Stellen die alte Baustruktur mit den sehr schmalen Grundstücksflächen, die nur Ein- bis maximal Zwei-Fenster-Fassaden zuließen. Diese wurden dann sogar bei den nüchternen Nachkriegsbauten übernommen. Wie störend jede Abweichung davon wirkt, sieht man sehr gut an dem breiten Riegel von Haus Nummer 103-113 mit seinen zwölf Fensterachsen.

Genau das freilich ist die Gefahr, die dem Eigelstein auch heute droht. Nicht nur, dass in der Nachbarschaft am Breslauer Platz schon wieder so ein Ungetüm aus Stahl und Glas entsteht. Fällt den Architekten, nebenbei bemerkt, eigentlich gar nichts anderes mehr ein? Nein, auch auf dem Eigelstein selbst ist der Erweiterungsbau des Savoy-Hotels mit seiner hohen, breiten, gleichmäßigen Fassade auf bestem – oder präziser, auf schlechtestem – Weg, den Rhythmus des Straßenbilds empfindlich zu stören. Es ist ja schön, dass sich die Luxus-Herberge der Stars und Sternchen offenbar großer Beliebtheit erfreut. Aber muss das mit solch einem rabiaten Eingriff ins gewachsene Ensemble einhergehen? Ich kann nur hoffen, dass die Stadtplanung die putzige Eigenart des Eigelsteins erhält und es der Straße erspart, zur charakterlosen, aseptischen Zone zu werden. Das wäre sehr bedauerlich!

Das Abenteuer Deutzer Bahnhof

Der Bahnhof in Köln-Deutz.  Foto: Peter Rakoczy
Köln, der Dom, der Hauptbahnhof und die Zufahrt über die Hohenzollernbrücke. Wie so oft, standen Wunsch und Wille eines mächtigen Mannes am Anfang dieser perfekten Rauminszenierung: Preußens König Friedrich Wilhelm IV. (1795 bis 1861) wollte alte und neue Technik, Mittelalter und Industriezeit, Tradition und Fortschritt in einen augenfälligen Zusammenhang bringen. Eine wunderbare Idee. Theoretisch.

In der Praxis war sie höchst fatal, weil der schwefelhaltige Rauch der Dampflokomotiven dem Dom schwer zusetzte. An dieser Stelle muss ich mich immer beherrschen, weil ich sonst kein Ende finde. Und mein Thema heute ist ja der Deutzer Bahnhof.

 Ursprünglich näher am Rheinufer gelegen, wurde er 1912/1913 am jetzigen Standort neu gebaut in einem für die Zeit typischen Mix gemäßigt barocker und klassizistischer Elemente. Der große ovale Mittelbau mit Kuppel, zwei Seitenflügeln und reicher Ornamentik ist dem Schlossbau abgeguckt und wirkt wie ein Festsaal. Achten Sie besonders auf die üppigen Pflanzengirlanden an den Kapitellen. Dieses Motiv hat einer Kunstrichtung der 1770er/1780er Jahre ihren Namen gegeben: Zopfstil.

Warum Bahnhöfe unbedingt wie Paläste aussehen sollten, das kann im Grunde nur der Historismus beantworten. Aber sei’s drum, es ist ein schönes Ensemble, das den Krieg mit nur kleinen Schäden überdauert hat und inzwischen sorgfältig wieder hergerichtet ist. Trotz aller Meckerei gefällt mir auch die Anlage davor. Der Ottoplatz hat großstädtischen Charakter, die Bäume werden von selber größer, und das Ganze ist ja nicht zum Chillen gedacht, sondern für den Transit oder das Entree zur City. Seit die ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse von Köln über den Frankfurter Flughafen und weiter Richtung Süden fertiggestellt ist und die Fahrzeiten möglichst kurz sein sollen, meidet die Bahn tunlichst das Nadelöhr Hohenzollernbrücke/Hauptbahnhof und nutzt den Deutzer Bahnhof als Durchgangshalt. So weit, so gut.

Nur: Wenn Sie in Deutz ankommen und vom Fernverkehr in die Regionalzüge oder die S-Bahn umsteigen wollen, um über den Rhein in die Stadt zu gelangen, haben Sie ein Problem: Es gibt keine Rolltreppe, es gibt keinen Aufzug, noch nicht mal Förderbänder oder Schrägen, über die Sie Ihren Koffer ziehen könnten. Nein, von Gleis 11 aus müssen Sie 39 Stufen – spätestens seit Alfred Hitchcock eine kriminelle Zahl – überwinden, von Gleis 12 mit der Unterführung sind es sogar 96 Stufen, so viel wie in einem vier- bis fünfstöckigen Haus!

Schönes Ensemble mit Schwächen: Am Deutzer Bahnhof ist Treppensteigen angesagt.  Foto: Peter Rakoczy
Das geht doch nicht, so eine Zumutung für alle Reisenden, besonders die älteren oder gebrechlichen. Und was macht eigentlich ein Passagier im Rollstuhl? Manchmal sehe ich Schaffner, wie sie mit so einer kleinen Hebebühne Rollstuhlfahrern aus dem Zug helfen. Aber wenn sie dann auf dem Bahnsteig stehen, sind sie total verlassen. Ein Unding!

Ganz clevere Reisende könnten den Weg außen herum um den Bahnhof nehmen, den Eingang an der Rückseite nutzen und über die lange Rampe dort auf den S-Bahnsteig gelangen. Abenteuer Deutz. Absurd, oder? Etwas karikierend gesagt: In derselben Zeit kommen Sie von Deutz mit dem ICE ja fast zum Frankfurter Flughafen. Außerdem steht in den Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn, meines Lieblingskonzerns, nichts von einer erfolgreich bestandenen Pfadfinderprüfung.

Ich weiß gar nicht, warum. Aber ständig erregt die Bahn mein Missfallen. Ich hatte ja in meiner Kolumne vor einiger Zeit die Verwahrlosung der Südbrücke beklagt. Neulich war ich mal wieder da. Und es ist noch schlimmer als damals. Als ob sich die Bahn sagte: „Ist uns doch egal, was die alte Nervensäge da wieder zu kamellen hat! Jetzt erst recht!“ In diesem Sinn frage ich mich, ob es besser wäre, einfach still zu sein und am Deutzer Bahnhof weiter den geduldigen Packesel zu spielen. Aber Sie wissen ja inzwischen: Den Mund halten, das schaffe ich einfach nicht.

 

Ein Ausbund an Scheußlichkeit

Flaschen_2_1Das kennen Sie sicher auch: Sie laufen durch die Stadt und denken an nichts Böses. Sie schauen sich ein bisschen um und plötzlich denken Sie, es trifft Sie der Schlag. So ging es mir vorigen Donnerstag. Auf dem Nachhauseweg entdeckte ich, dass ganz in der Nähe meiner Wohnung neue Glas-Container stehen, und ich muss sagen, solcher Ausbund an Scheußlichkeit mitten in der City ist mir seit langem nicht untergekommen: verzinkte, blecherne Boxen, ungeschlachte, überdimensionierte Mülleimer, auf die in neonroten Lettern der Firmenname „Remondis“ gespritzt ist, so als wäre der Entsorger zu allem Überfluss auch noch stolz auf diese Verirrung. Das ist ja keine Frage des Geschmacks oder des Stils. Was Remondis uns da zumutet, das kann kein Mensch schön finden.

Der Kontrast in dem Moment, als ich das erste Mal auf die neuen Container stieß, hätte kaum größer sein können. Ich kam nämlich just aus einer Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses. Wir hatten über viele geplante Wohngebiete beraten, zum Beispiel über die Bebauung des Geländes des ehemaligen Güterbahnhofs in Ehrenfeld, die sehr schön wird und für die die Planer gute Ideen entwickelt haben aber auch über andere Stadtbildfragen für die Zukunft Kölns. Die Planer haben richtig gute Ideen dafür entwickelt, und ich glaube, das wird sehr schön. Entsprechend gut gelaunt machte ich mich auf den Rückweg.

Aber dann diese Container! Ein Hieb mit voller Wucht – ins Stadtbild und in meine Magengrube. Da kann sich der Stadtentwicklungsausschuss die ganze Arbeit gleich schenken, wenn die Verwaltung und die von ihr beauftragten Firmen so mit dem Stadtbild umgehen.

Flaschen_1_1Bislang sind an gleichem Ort Flaschen-Sammelbehälter von JC Decaux aufgestellt gewesen, neben die Remondis jetzt die neuen gesetzt hat. Die Decaux-Container, die in ganz Köln insgesamt 60 Mal geben soll, sind kleine Litfaßsäulen, unauffällig, schlicht, ja fast elegant zu nennen, wenn so ein Wort für bessere Abfallkübel erlaubt ist. Aber jedenfalls stören sie nicht. Und sie werden offensichtlich saubergehalten, sind weder beschmiert noch beklebt. Aber genau das droht den neuen Dingern. Da gehe ich jede Wette ein.

Besonders wurmt mich dabei, dass das mal wieder Ärgern mit Ansage ist. Denn mit einem Mal erinnerte ich mich dunkel, dass Remondis schon 2013 angekündigt hatte, die 4000 alten Container an mehr als 1000 Standorten im Stadtgebiet bis zum Jahr 2015 zu ersetzen und ihre Zahl in etwa zu halbieren. Beim Stöbern im Zeitungsarchiv kam mir doch glatt unter, dass Remondis die neuen Behälter als „Mercedes unter den Depotcontainern“ bezeichnet. Dass ich nicht lache!

Ich fand auch ein wunderbares Zitat vom Betriebsleiter der Abfallwirtschaftsbetriebe, Hans Peter Winkels: „Es gibt keine schönen Altglascontainer.“ Deshalb gehe es um eine „praktische und taugliche Lösung“, die optisch nicht zu sehr schmerzt. „Wir brauchen Container, die nicht zu viel Plakatierungsfläche bieten und nicht ständig mit Graffiti besprüht werden.“ Bravo, Herr Winkels, da bin ich ganz Ihrer Meinung.

Mit einem klitzekleinen Unterschied: Der Mann von den AWB sieht alle seine Anforderungen durch die neuen Blechungetüme erfüllt. Da setzt es bei mir wirklich aus. Wie kann einer, dessen Blick nicht völlig umnebelt ist, allen Ernstes so etwas behaupten?

Die weit wichtigere Frage allerdings lautet: Wer hat da bei der Stadt mal wieder nicht aufgepasst? Es ist doch ein Unding, solche Stadtraum-Killer in der Innenstadt aufzustellen. Ich weiß, dass das vielerorts in ganz Köln längst passiert ist, und wenn Sie mich fragen: Ein Wohngebiet am Stadtrand verschandeln die Dinger natürlich genauso wie das Stadtzentrum. Nur tummelt sich hier halt die Masse der Touristen.

Deshalb müsste die Stadt handeln. Es bringt schließlich überhaupt nichts, dass die Stadtplanung das Aussehen Kölns verbessern will, wenn ein städtisches Amt mit dem Hintern das einreißt, was ein anderes mühsam ins Werk setzt.

Also: Lasst die Decaux-Säulen stehen! Und lasst die neuen Container zurückgehen! Retoure an Remondis! So schnell wie möglich!