Ambitionierte Ausbaupläne

Die Erweiterung des FC-Geländes am Geißbockheim würde das Landschaftsdenkmal Grüngürtel verändern

Aufgezeichnet: von Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 29. Januar 2012, S. 25

Preisfrage, liebe Leserinnen und Leser: Was ist das größte Denkmal Kölns? Der Dom, sagen Sie? Also, nein! So einfach würde ich es Ihnen dann doch nicht machen. Die richtige Antwort lautet: der Grüngürtel. Als historische Parkanlage wurde er 1980 unter Denkmalschutz gestellt. In der Tat ist der Grüngürtel etwas ganz Besonders und etwas sehr Kölnisches. Er folgt dem Verlauf des äußersten Befestigungsrings der Stadt, der – in preußischer Zeit angelegt – noch bis zum Ersten Weltkrieg militärisch genutzt wurde. Deswegen verlangte der Versailler Vertrag, die gesamte Anlage zu schleifen und das Gelände als Brache zu belassen. Doch OB Konrad Adenauer erreichte in Verhandlungen mit den englischen Besatzungsbehörden ein doppeltes Zugeständnis: Erstens brauchten einige Teile der Festung nicht niedergelegt werden, und zweitens durfte das Areal neu gestaltet werden.

FC-GeländeZusammen mit dem Hamburger Stadtplaner Fritz Schumacher (1869 bis 1947)und dem berühmten Kölner Gartenbaudirektor Friedrich August  Encke (1861 bis 1931) hatte Adenauer dann die Idee, entlang dem Halbkreis der ehemaligen Stadtbefestigung eine Grünanlage um Köln zu legen und die verbliebenen Forts des Mauerrings als Sportstätten mit Umkleideräumen zu nutzen. Das Ganze war als Erholungsraum für die Bewohner der Innenstadt gedacht, die dort in drangvoller Enge lebten.

Bis heute ist entlang der Militärringstraße, die an den Äußeren Grüngürtel grenzt, das Prinzip der Steigerung erkennbar: grün, grüner, am grünsten. Mit halb privatem, halb städtischen Grün beginnt die Gestaltung des Grüngürtels: Schrebergärten, Friedhöfe, Parkanlagen, dann vereinzelt die Sportstätten. Als nächstes folgen große Wiesenflächen, durchsetzt mit künstlichen Seen wie dem Decksteiner Weiher, und schließlich bildet der Stadtwald den krönenden Abschluss. Das war seinerzeit die Grundidee, die auch mit Hilfe der vielen Arbeitslosen in der Nachkriegszeit verwirklicht wurde. Mit dem Aushub für die Seen wurden übrigens Hügelchen angelegt, die die riesigen Freiflächen nicht gar so topfeben erscheinen lassen. Auch ohne kölsche Übertreibung darf man sagen: Ein solches Areal in diesem Erhaltungszustand und in dieser Größe ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Nun hatte schon Adenauer – wie erwähnt – in der Gestaltung des Grüngürtels auch an Sportanlagen gedacht. Es sollte, salopp gesagt, Bolzplätze geben, auf denen die Kölner kicken könnten, benutzbar für jedermann. Sie sollten in großen Abständen verteilt sein, dazwischen Wiesen. Seit der Zeit Adenauers haben sich die Bedürfnisse der Sportler gehörig verändert, genau wie die Bedürfnisse der Sportvereine. Im Lauf der Jahrzehnte verschob sich so das Verhältnis zwischen den Flächen für den Breiten- und für den Leistungs- oder Profisport ständig zugunsten der letzteren.

Und heute nun hat der Verein der Vereine, der 1. FC Köln, ambitionierte Erweiterungspläne: Drei ganze Fußballplätze will er bauen, dazu mehrere Gebäude, teils Leistungszentrum, teils Funktionsbauten wie Umkleidekabinen oder Abstellräume. Und natürlich Parkplätze, denn die sportbeflissenen jungen Leute kommen heute ja nicht mehr mit dem Fahrrad zum Trainieren,  sondern werden von Mama mit dem SUV chauffiert oder haben ihr eigenes Auto. Für all das ist rund um das Geißbockheim nur im Grüngürtel Platz. Gegen den Zugriff darauf aber erhebt eine Bürgergemeinschaft Einspruch, und die Stadt muss jetzt die jeweils berechtigten, aber leider widerstreitenden Interessen gegeneinander abwägen.

Da ist einerseits ein so unglaublich erfolgreicher Verein wie der FC, dem man in Köln ungern widerspricht – ein mächtiger Player mit besten Verbindungen, hervorragend vernetzt, mit intensiver Jugendförderung, gegen die kaum einer etwas einzuwenden haben dürfte. Im Gegenteil. Deshalb argumentiert der FC: Fürs Training haben Kinder und Jugendliche heute faktisch nur mehr ein Zeitfenster zwischen 16 und 18 Uhr – nach der Ganztagsschule. Also reicht nicht ein Trainingsplatz, den die verschiedenen Jugendmannschaften nacheinander nutzen könnten. Sondern man braucht mehrere Plätze, die parallel bespielbar sind.

Dagegen steht aber, dass das Denkmal Grüngürtel in erheblichem Maße durch diese Erweiterung angefressen werden würde. Besondere Schwierigkeit dabei: Die Sportplätze sollen versiegelt werden. Die Pläne sprechen zwar charmant von „Kunstrasen“. Aber für den Boden darunter spielt das keine Rolle. Ob Kunstrasen oder gleich Asphalt –  es ist keine Biofläche mehr, kein lebendiges Grün, kein Beitrag zur Beatmung des Bodens. Und Naturrasen? Der sei in Nullkommanichts hinüber, argumentiert der FC, wenn die Vereinsjugend sich jeden Tag darauf tummelt.

Wir sprechen, nicht zu vergessen, von einem erheblichen Volumen: mehr als 35.000 Quadratmeter Gelände, auf dem dann ja auch noch Zäune, Flutlichtanlagen und Zuwege entstünden. Ach, die Zäune, sagt der FC, die würden ganz filigran und durchsichtig werden. Aber wir kennen alle das Leben: Irgendwann ist der unscheinbarste Zaun mit klotziger Reklame behängt. Man braucht sich dafür nur mal die heutige Situation am Geißbockheim anzuschauen. Ganz zu schweigen von den geplanten Funktionsbauten. Die sollen teilweise immerhin 15×25 Meter Grundfläche haben und zwei Stockwerke hoch werden. Offenbar schwant allen Ungemach, die damit zu tun haben. So heißt es in einer offiziellen Antwort der Stadtverwaltung auf eine Anfrage der Grünen im Stadtrat, die geplante Höhe liege bei maximal 62,5 Meter über Normalnull (NHN).“ Wunderbar, oder? Dankenswerterweise erläutert die Verwaltung dann noch, das bedeute acht bis 8,5 Meter über dem natürlichen Gelände. Darunter kann sich jeder etwas vorstellen – aber nicht unbedingt etwas Wünschenswertes.

 

Die Grünschützer trauen auch den Befürwortern des Ausbaus nicht, die sagen: „Mit dieser Planung ist Ende der Fahnenstange. Da kommt nie und nimmer noch was nach.“ Einmal genehmigt, werde der FC keine weiteren Forderungen erheben. Selbst wenn das stimmen sollte, könnten doch andere Vereine kommen und gleiches Recht für alle verlangen: „Was dem FC erlaubt wird, darf uns nicht verwehrt bleiben.“

 

Was tun? Also, wenn ich den Stein der Weisen hätte, würde ich wahlweise Kölner Baudezernentin oder FC-Managerin auf Lebenszeit. Man kann, finde ich, nicht kategorisch sagen: „kein Sport auf dem Grüngürtel!“ Weil er in Teilen genau dafür von Anfang geplant war. Aber man muss doch vorsichtig sein mit Eingriffen in den Flächenbestand. Schon die vorhandenen Anlagen schädigen den Grüngürtel erheblich.

 

In einer so schwierigen Lage warne ich den FC und die Stadt davor, das Ganze einfach durchzuziehen. Alle Interessenvertreter sollten sich noch einmal in Ruhe zusammensetzen und überlegen:  Muss das wirklich alles so üppig sein? Ist es einer Jugendmannschaft wirklich nicht zuzumuten, zwischen Umkleidekabine und Spielfläche ein paar hundert Meter zurückzulegen? Müssen neben jedem Platz wirklich all diese Erschließungsgebäude sein? Und müssen die wirklich eine solche Höhe haben? Könnte man sie zum Beispiel nicht teilversenken?

 

Ich glaube, es braucht guten Willen – und die Bereitschaft zum Kompromiss. Auf Sieg um jeden Preis sollte der FC nur samstags im Stadion setzen. Denn eines ist ganz sicher wahr:

Der Grüngürtel ist allen Kölner Bürgern gewidmet, nicht nur denen mit Fußballschuhen an den Füßen.

 

 

 

Drei Weise und die Pracht der Details

Auf dem außergewöhnlichen Bild 'Die Anbetung der Könige' eines Antwerpener Künstlers im Dom kann das Auge stundenlang spazieren schauen

Aufgezeichnet: von Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 6. 1.2016, S. 25

Zwei Utensilien muss der gestandene Kulturtourist immer bei sich haben: Taschenlampe und Feldstecher. Denken Sie daran, wenn Sie demnächst mal wieder in den Dom kommen, vielleicht ja sogar [heute], am Dreikönigsfest. Zu Recht fällt Ihnen bei diesem Stichwort sofort der großartige Reliquienschrein im Hochchor ein. Es gibt aber ganz in der Nähe eine weitere Darstellung der Heiligen, die es in hat. In der Maternuskapelle, das ist die zweite im Chorkranz links, hängt gleich links an der Seitenwand das Bild „Die Anbetung der Könige“, Werk eines anonymen Antwerpener Künstlers aus der Zeit um 1500. Sie müssen, um es zu sehen, durch das meistens verschlossene Gitter spinksen – darum mein Tipp mit dem Fernglas.

035 GrabmalPhilippV.HeinsbergAls erstes aber fällt der Blick auf das aufwendige, fantastische Grabmal Philipps I. von Heinsberg (1130 bis 1191). Er wurde 1167 Reichskanzler von Kaiser Friedrich I. Barbarossa  und Erzbischof von Köln. In seine Amtszeit fiel nicht nur die Entstehung des Dreikönigenschreins, sondern auch der Ausbau der Kölner Stadtmauer, worüber es ein großes Hin und Her mit der Kölner Bürgerschaft gab. Daran erinnert das monumentale Hochgrab, worin Philipps Gebeine um 1330, 150 Jahre nach seinem Tod, umgebettet wurden. Es ist als Miniaturmodell einer Stadtmauer gestaltet. Diese Form ist einzigartig. In ganz Europa gibt es das nicht noch einmal. Ich habe darüber, nebenbei bemerkt, 2000  meinen Habilitationsvortrag gehalten. Sie sehen, mit dem Dom habe ich’s schon lange.

Dreikönigenbild

 

Jetzt aber zu dem Gemälde der heiligen drei Könige. Es kam erst 1959 durch ein Tauschgeschäft in den Dom und hängt an der Stelle, wo sich vor dem Krieg ein Stefan-Lochner-Bild mit gleichem Thema befand. Die großen Figuren im Vordergrund rechts und links sind der französische Adlige Philippe de Nevers (1444 bis 1525) und seine 1487 gestorbene Frau Marie de Roye, dahinter ihre Tochter Francoise. Das Altarbild wird durch die drei Porträts auch als Epitaph erkennbar, als fromme Stiftung des Witwers zum ehrenden Gedenken seiner Frau. „Aber Moment mal“, könnten Sie einwenden, „der Mann trägt doch die Kutte des Franziskanerordens!“ Stimmt, hat aber alles seine Richtigkeit und lässt nicht auf einen Zölibatsverstoß schließen. Erst in Marie de Royes trat ihr Mann bei den Franziskanern ein und gönnte sich mit seinem Geld gleich eigenes Kloster, Bethlehem-lez-Mézières, bei Charlesville an der heutigen Grenze zwischen Frankreich und Belgien. Hier lebte er bis zu seinem Tod, und von dort stammt ursprünglich auch das Altarbild mit der Anbetung der Könige.

Vordergründig ist die Darstellung recht konventionell: In der Mitte sitzt Maria mit dem Jesus-Kind auf dem Schoß, das sie ganz sacht abstützt. Es hat ein Kleid aus durchsichtigem Schleierstoff an und greift nach dem Geschenk, das Kaspar ihm in einem Goldpokal überreicht. Der älteste und vornehmste der drei Könige hat Zepter und Kronenhut demütig abgelegt, die Zeichen seiner weltlichen Würde. Balthasar hingegen, links von der Madonna, hat sie noch. Er ist in diesem Bild der schwarze König – genau genommen allerdings eher ein sonnengebräunter Maure. Ein „richtiger“ exotischer Schwarzafrikaner, wie man sich ihn zur damaligen Zeit vorstellte,  läuft lediglich in Balthasars Gefolge mit. Melchior schließlich tritt von rechts heran, fast als wäre er zu spät dran. Sein Geschenk balanciert er locker auf den Fingerkuppen.

Eine erste Besonderheit dieses Bilds ist die Sorgfalt, die der Maler auf die Pracht der Accessoires verwendet hat: die Schaugefäße, die schweren Gewänder mit ihrem Faltenwurf, den Goldborten und Schriftbändern – bei der Madonna zeigen sie den Anfang des „Ave Maria“ und ein Credo in Kurzform, bei zwei der drei Könige den Namen oder ein Initial.

Aber schon geht es weiter mit den Spezialitäten dieses Bilds. Es sich genauer anzusehen, erinnert an das Öffnen der russischen Matroschka-Puppen, die Sie bestimmt kennen: Sie drehen die eiförmigen Holzteile auseinander, und schon kommt eine nächste, kleinere Figur zum Vorschein.

Ganz ähnlich hier: Je länger Sie sich in die „Anbetung“ vertiefen, desto mehr werden Sie entdecken. Also, legen wir los: Wenn Sie in der Bildmitte das Auge einmal von links nach rechts wandern lassen, stoßen Sie auf allerhand Tiere in teils unvermuteten Posen: ein Kriegselefant im Zug der Könige; eine Katze beim Mausen; ein Eichhörnchen, das Nüsse knackt; ein dunkel gefleckter Hund, ein Hase; ein Schmetterling, zwei Käuzchen, ein Affe mit Stoffcape an einer Leine auf der Kniebank von Marie de Roye. Ach ja, Ochs und Esel – Teil des Krippenensembles – sind auch da, wirken aber eher wie nachträglich reingemalt.

Was der halbe Zoo zu bedeuten hat? Darauf habe ich vor ein paar Jahren mal meinen Mann, Kurt Löcher, angesetzt. Als Kunsthistoriker ist er bei solchen Fragen ganz in seinem Element. Er deutet die Tiere als Sinnbilder für das „stets existente, den Menschen bedrohende und in Versuchung führende Böse“. Katze und Maus zum Beispiel seien alle beide Personifizierungen des Teufels. Der Hase mit seinem ausgeprägten Fortpflanzungstrieb symbolisiert die Todsünde der Wollust, der Kriegselefant steht für den Hochmut. Das hungrige Eichhörnchen zehrt unklug seine Vorräte auf, die ihm über den Winter helfen sollen. Beim Affen deutet die Leine das Böse an, das „an die Kette gelegt“ ist.

Ausgespart habe ich bis jetzt die Vögel, die scharenweise das Bild bevölkern. Sie spielen vielleicht auf den heiligen Franz von Assisi und seine Vogelpredigt an, sagt mein Mann, zeigen mit ihrer anatomischen Genauigkeit das wachsende naturwissenschaftliche Interesse der damaligen Zeit. Der Kanarienvogel auf dem linken Arm von Francoise de Roye wiederum spricht für den Wohlstand ihrer Familie. Als kostbares Mitbringsel der Spanier 1496 waren die gelben Vögel von den Kanarischen Inseln – wie bis heute – wegen ihres Gesangs berühmt und beliebt.

Aber damit nicht genug. In der Tiefe des Bildes – Matroschka-Prinzip! – ist noch ein Reichtum des Gemäldes zu finden: Szenen aus dem Marienleben von der Verkündigung bis zur Flucht nach Ägypten, die vor Erzählfreude nur so sprudeln. Es gibt winzige Figürchen von Anglern und Fischern, eine Richtstätte mit Delinquenten am Galgen und Folterknechten oder auch – mein Lieblingsdetail überhaupt – einen Gaukler, der Kopf steht.

Ausführlich schildert der Maler das „Kornwunder“. Kennen Sie nicht? Hat unmittelbar mit Weihnachten zu tun: Die heilige Familie, so die Legende, kommt auf ihrer Flucht vor König Herodes an einem Feld vorbei, das gerade eingesät wird. Über Nacht steht es – o Wunder – in vollem Korn. Als nun die Häscher des Herodes heranpreschen und fragen, wann Maria, Joseph und das Kind hier gewesen seien, antwortet der Bauer wahrheitsgemäß: „Zur Zeit der Aussaat.“ Bei diesem vermeintlich gewaltigen Vorsprung geben die Verfolger auf. Jesus und seine Eltern sind gerettet. Eine rührende Geschichte, rührend bebildert!

So könnte ich jetzt noch ellenlang weitererzählen. Aber ich schlage vor: Machen Sie sich selbst auf die Suche! Sehen Sie selbst!

Ein berühmter Besucher hat das übrigens auch getan und anschließend ein Gedicht darüber geschrieben: Hans Magnus Enzensberger. Ein paar Verse aus „Der Untergang der Titanic. Eine Komödie“  rezitiere ich heute mal zum Schluss:

 

„Dies alles sehe ich wohl,

doch worauf es ankommt,

das weiß ich nicht.

Wie sollte ich es erraten,

da alles das, was ich sehe,

so deutlich ist, so notwendig

und so undurchdringlich?

Nichts ahnend, in meine Geschäfte versunken

wie in die ihrigen jene Stadt,

oder wie weit in der Ferne

jene noch viel blaueren Städte

verschwimmend in andren Erscheinungen,

andern Wolken, Heeren und Ungeheuern,

lebe ich weiter. Ich gehe fort.

Ich habe dies alles gesehen, nur

das Messer, das mir im Rücken steckt, nicht.“][2]

 

Mehr dazu im „Kölner Domblatt“, dem Jahrbuch des Zentral-Dombau-Vereins, 75. Jahrgang, 2010. Kurt Löchers Aufsatz mit dem Titel „Die Anbetung der Könige. Ein niederländisches Gemälde im Kölner Dom“ steht auf den Seiten 105-178.  

Einen ausführlichen Text von Barbara Schock-Werner  zum Grabmal Philipp von Heinsberg findet sich ebenfalls im Domblatt 65, 2000, S. 85-112.

 

Der frühreife junge Heiland

Die Fenster im Chor der Minoritenkirche zeigen einen Weihnachtszyklus - konzentriert aufs Wesentliche und voller liebenswerter Details

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 19. 12.2015

Nun geht es mit Riesenschritten auf Heiligabend zu. Für die letzte meiner vier Adventskolumnen habe ich mir wieder das Ziel gesetzt, Ihnen eine Weihnachts-Szene aus Köln zu zeigen, die Sie womöglich noch nicht gesehen haben.  Mein Krippenweg führt diesmal in die Minoritenkirche mitten in der City. Die neun hohen Fenster des für Besucher zugänglichen gotischen Chors wurden 1963 bis 1966 von Helmut Kaldenhoff (geboren 1915 in Wesel  und gestorben 1980 in Köln) gestaltet. Kaldenhoff hatte erst an der Kunstakademie in Düsseldorf und später an der Kölner Werkkunstschule studiert, und zwar bei dem damals vielleicht angesehensten Glasmaler Wilhelm Teuwen. Später war Kaldenhoff selbst als Lehrer tätig.Helmut_Kaldenhoff_Minoritenkirche_1963-66

In einem unlängst erschienenen Kunstführer über die Glasmalerei in Köln heißt es über Kaldenhoffs Fenster, sie seien „eines der vom Stil her stärksten und eindrucksvollsten Werke moderner Glasmalerei in den Kirchen der Kölner Innenstadt“. Ganz ehrlich, ich hätte sie nach meinem Gefühl nicht gar so hoch angesetzt. Aber als die Teilnehmer an meinem Seminar in der Akademie „Zeit für Wissen“ alle ganz begeistert davon waren, dachte ich: „Na ja, dann stimmt es ja vielleicht doch…“

Was Sie sehen, sind zunächst einmal gleichmäßig gestaltete Bahnen, die durch jeweils grau abgedunkelte Gläser in sich geschlossen sind. Vom Rand greift – wie in Fenstern des Mittelalters – ein Ornamentband in die einzelnen Flächen ein. Die Mittelpfosten der Fenster sind begleitet von je einer grauen Bahn. In diese Grundierung hat Kaldenhoff einen Christus-und-Maria-Zyklus gesetzt, und zwar  in einer Passform, die wiederum auf mittelalterliche Glasmalerei anspielt.

Stilistisch haben die Szenen – beginnend links außen, und dann immer hin und her springend – ein bisschen was von Neuer Sachlichkeit, ein bisschen was von Picasso in seiner klassischen Periode. Die Die kantigen Gesichter mit den stark schematisierten Nasen erinnern den heutigen Betrachter vielleicht an  James Camerons „Avatar“-Film. Bei der Auswahl der Farben hat Kaldenhoff sich noch von einer Nachkriegsdepressions-Skala leiten lassen. Die dargestellten Personen sind vorwiegend als Halbfiguren in Grautönen (en grisaille) vor buntem Hintergrund gemalt. Auffallend ist, wie die Bildszenen an einigen Stellen die Passform sprengen. So kommt zum Beispiel die Heilig-Geist-Taube ins Bild hereingeschwebt. Und Kaldenhoff betont bestimmte Accessoires in den verschiedenen Feldern, indem er ihnen Farbe angedeihen lässt. So zum Beispiel die marianische Rose in der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth oder im Dreikönigsbild das Brokatgewand von einem der drei Könige.

Speziell das Weihnachtsbild fasziniert einerseits durch seine Konzentration aufs Wesentliche, andererseits durch eine durchaus liebevoller Erzählweise und eigenwillige Details in moderner Malerei. zeigt lediglich Maria und ein fröhlich winkendes Christuskind in der Krippe. Bei der Darstellung im Tempel, die laut Bibel am achten Tag nach der Geburt von statten ging, steht das Jesuskind dann schon segnend auf dem Altar und tritt dem Hohepriester ganz selbstbewusst gegenüber. Im Alter von nur einer Woche eine beachtliche Leistung. Frühreif, der junge Heiland!

Als Symbol der Jungfrau Maria ragt auch in der Weihnachtsszene eine große Rose ins Bild. Apropos groß: Achten Sie mal auf die Hände! Das sind schon beinahe Pranken wie beim Rotkäppchen: „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände?“  Kaldenhoff hat sich hier für eine fast surreal gesteigerte Perspektivwirkung entschieden und alles, was im Bildvordergrund liegt, überproportional vergrößert. Besonders gut zu sehen ist das in der Szene der Marienkrönung in der Mitte des Chors – mit der wirklich riesigen Hand Christi. Und auch hier durchbricht der Engel mit der Krone die strenge Passform.

Die Geburtsszene ist aber auch aus anderen Gründen bemerkenswert: Josef zum Beispiel kommt überhaupt nicht vor, auch die sonstige Staffage mit Ochs und Esel, Hirten und Engeln fehlt. Alles ist reduziert auf die Mutter mit ihrem Kind.  Ein weiteres Detail fällt womöglich erst auf den zweiten Blick auf: Maria trägt auf allen Bildern eine ausladende Haube, die ein bisschen an die frühere Ordenstracht der Vinzentinerinnen erinnert. Das ist insofern ungewöhnlich, als die mittelalterlichen Marienbilder allergrößten Wert auf das offene Haupthaar der Gottesmutter legten – als Hinweis auf ihre „unversehrten Jungfräulichkeit“. Offene Haare waren damals Zeichen des Jungfrauenstandes, während die Frauen mit ihrer Heirat „unter die Haube“ kamen und das Haar bedeckt trugen.

Na ja, vielleicht fand Kaldenhoff diese Variante einfach attraktiver. Ich komme darauf, weil er den anderen Frauengestalten einen charakteristisch strengen Dutt – fast hätte ich „Bekennerinnen-Knoten“  gesagt – verpasst und sie in annähernd zeitgenössische Kleider gesteckt hat.

Alles in allem: ein sehenswerter Weihnachtszyklus, der nicht allzu vielen Kölnern bekannt sein dürfte. Ich würde mich freuen, wenn sich das jetzt ändert, und ich wünsche Ihnen, dass auch ihre Festtage – wie Kaldenhoffs Bilder – konzentriert aufs Wesentliche und voll von liebenswerten Details sind.

Datenraten im Rathaus mit Georg Meistermann

Im 'Geschichtsfenster' für den spanischen Bau hat der Glasmaler 200 Ereignisse und Namen der Stadthistorie untergebracht

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 5. 12. 2015

Das Licht hat schon in den Schriften des Alten Testaments etwas mit der Hoffnung des Volkes Israel auf den Messias, den Retter, zu tun: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht“, heißt es beim Propheten Jesaja. Diese Bibelstelle wird jedes Jahr in der Weihnachtsmesse vorgelesen. Und es ist natürlich kein Zufall, dass Weihnachten mit dem davor liegenden Advent in die dunkle Jahreszeit fällt. Da es kein historisch gesichertes Datum der Geburt Jesu gibt, wäre theoretisch auch jeder andere Termin denkbar gewesen. Aber die Wintersonnwende, von der an die Tage wieder länger werden, bietet sich an.

SpanischerBau_MeistermannIn der Kunst kann das Licht auf verschiedene Art zum Thema werden – indirekt etwa, indem es durch bunt bemaltes Fensterglas fällt und das Innere eines Raums farbig erleuchtet. Kaum eine Kirche, in der das nicht so wäre. Aber es gibt auch die profane Variante der Glasmalerei, bis in die Moderne. Ein schönes Kölner Beispiel befindet sich im Spanischen Bau des Rathauses. Er wurde in den 1950er Jahren in relativ kurzer Zeit errichtet. Die Stadt und die Verwaltung brauchten nach dem Krieg einen Ersatz für das historische Rathaus, das noch in Trümmern lag. Der Spanische Bau ist ein sehr schönes, zeittypisches Gebäude mit charakteristischer Innenausstattung.

Dazu gehört sicher die wunderbar geschwungene Freitreppe zum Ratssaal im ersten Stock. 1958 bekam Georg Meistermann (1911 bis 1990) den Auftrag, die große Fensterfront hinter der Freitreppe mit Glasmalerei zu gestalten. Meistermann, der unter den Nazis Ausstellungsverbot gehabt hatte, wurde nach 1945 zum Protagonisten moderner Glasmalerei. Im Lauf der Zeit entwickelte er einen ganz eigenen Stil mit hoch expressiver Farbgebung. Bis zu seinem Tod war Meistermann auch an seinem Wohnort in Köln ein angesagter Künstler. Die Glasfront im Spanischen Bau ist eine Arbeit aus der Frühphase seines Schaffens, ein „Geschichtsfenster“, dessen Ornamentik sich am Kölner Stadtplan orientiert. Der Rhein ist zu erkennen, der halbkreisförmige Verlauf der Stadtmauer. Aber Meistermann projiziert nicht einfach eine Karte auf sein Fenster, sondern verwendet die Topografie mehr als Anspielung, als lockeres Zitat.

In diese Struktur, farblich zurückhaltend, hat er Daten und Namen aus der Stadthistorie eingefügt. 200 sollen es sein, ich habe das aber nicht nachgezählt. Für die Auswahl ist Meistermann mit dem Köln-Bezug recht großzügig umgegangen. So lässt er Albrecht Dürer vorkommen, der nur ein einziges Mal auf Besuch in Köln war. Ob das eine Anspielung auf die einnehmende Art der Kölner sein soll? Die römische Kaiserin Agrippina als „Stadtmutter“, wie sie ja jetzt genannt werden soll, wird unten rechts besonders hervorgehoben. Aber die Reihe der Namen reicht bis zu Zeitgenossen Meistermanns. Konrad Adenauer darf da natürlich nicht fehlen. Ebenso wenig wie Willi Ostermann.

Bei den historischen Daten fallen die Jahreszahlen auf, die sich mit den verheerenden Bombenangriffen auf Köln im Zweiten Weltkrieg verbinden, symbolisiert durch Feuerzungen, die auf die Stadt fallen. Fragen Sie mich nicht nach der Bedeutung jeder einzelnen Jahreszahl! Ich habe ein bisschen in der Literatur gestöbert, aber auf Anhieb keine vollständige Liste gefunden. Vielleicht verbinden Sie die Besichtigung des Fensters mit einem kleinen persönlichen Geschichts-Quiz: „Datenraten im Rathaus“. Auf Ihre Lösungen bin ich gespannt. Vielleicht wird daraus ja einmal ein Infoblatt für künftige Besucher.

Insgesamt ist Meistermanns Verbindung von Farbe, Ornament und – sagen wir – Geschichtsdidaktik etwas ganz Besonderes. Und weil ich vermute, dass Sie nicht alle Tage in den Spanischen Bau des Rathauses kommen, ist das an diesem zweiten Advent mein Tipp für die Wochen bis Weihnachten.

Öffnungszeiten – Freier Zugang zur Treppe für Leser

Der Spanische Bau des Rathauses, Rathausplatz, 50667 Köln, ist geöffnet:

Montag, Mittwoch, Donnerstag von 8 bis 16 Uhr, Donnerstag bis 18 Uhr, Freitag bis 12 Uhr.

 

Leser des „Kölner Stadt-Anzeiger“, die diesen Artikel mitbringen, dürfen zur Besichtigung des „Geschichtsfensters“ von Georg Meistermann die Freitreppe zum Ratssaal mitnutzen. Bitte beim Empfangspersonal melden.

 

Wunderschön, oft übersehen

Eine Seitenkapelle von Sankt Gereon ist einer der interessantesten Tauforte Kölns

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 12. Dezember 2015

Das zentrale Thema des Weihnachtsfestes ist die Geburt. Bei Jesus sprechen die Theologen von der „Menschwerdung“, weil es ja der Sohn Gottes ist, der nach christlichem Glauben in Bethlehem zur Welt kam. Aber auch uns schlichte Menschenkinder verweist Weihnachten auf die eigene Geburt und – wenn wir Eltern sind – auf die Weitergabe des Lebens an unsere Kinder. Dazu passt es ganz gut, dass die Weihnachtszeit im kirchlichen Kalender mit dem Fest „Taufe des Herrn“ endet, dem Sonntag nach dem Dreikönigstag.

Deshalb nehme ich Sie heute mit in eine Taufkapelle. Eigentlich mag ich in der Kunst keine Hierarchien oder Hitlisten der Schönheit. Aber einer der interessantesten und bedeutendsten Tauforte Kölns befindet sich ganz gewiss in St. Gereon.  Die romanische Basilika mit ihrem Dekagon ist zu Recht ein Anziehungspunkt für Besucher aus nah und fern. Aber ich bin mir sicher, dass es viele vor lauter Begeisterung für den hoch aufragenden Zentralbau nicht bis nach rechts in die kleine Seitenkapelle mit dem romanischen Taufstein schaffen.

Sie wurde bereits kurz nach der Vollendung des Dekagons zwischen 1240 und 1242 im Süden angebaut. Wie der Hauptbau selbst, weist sie eine eindrucksvolle Stilmischung auf. Aus spätester Romanik stammen Wandgliederung und Säulenbildung, die frühe Gotik ist vor allem im Gewölbe präsent. Wegen des Gebäudeanschlusses an das Dekagon und das Gereonsstift im Süden weicht der Grundriss vom klassischen Achteck vieler Baptisterien ab. Durch das Gewölbe haben die Baumeister aber versucht, sich der Idealform des Zentralbaus wieder anzunähern.

Sehr schön ist die Wandgliederung aus drei Diensten auf einem Sockel mit attischen Basen. Für die Säulen wurde – wie auch andernorts in Köln – Blaustein verwendet, fast schwarzer Kalkstein. Zwei davon sind mit charakteristischen Schaftringen versehen. Darüber steigt das Gewölbe auf, und ein Schildbogen umläuft jeweils ein Wandsegment bis zum benachbarten Säulendrilling. In diese rundgebogenen Felder zwischen den Säulen sind kleine rechteckige Nischen eingebracht, die Apsisnische ist zusätzlich gegliedert. So ist ein wunderbarer kleiner, zierlich gestalteter Zentralraum entstanden, der den Krieg gut überstanden hat. Die schwersten Bombentreffer musste St. Gereon ja auf der gegenüberliegenden Nordseite hinnehmen, wo bis zur Restaurierung ein riesiges Loch klaffte.

Das  Gewölbe der Taufkapelle war ursprünglich leuchtend blau mit goldenen Sternen ausgemalt. Auch die gesamte Architektur war farbig gefasst, was Sie an den Säulen in der Altarapsis noch sehen können. Ich komme damit mal wieder auf eine meiner Lieblingsthemen zu sprechen: die Liebe des Mittelalters zur Farbe. Mauerwerk in Steinsicht hätten die Menschen damals als ungeschlacht und roh empfunden. Der angebliche Kitsch neugotischer Farborgien kommt also dem Originalgeschmack sehr nahe. An der Nordseite der Kapelle zum Dekagon hin ragt einer der Kuppelpfeiler in den Raum. Dieser soll früher mit einer dünnen Putzschicht überzogen gewesen sein, auf die eine regelmäßige Schein-Quaderung aufgemalt war. Also selbst dort, wo die Mauer als Mauer sichtbar blieb, gab man sich nicht einfach mit der Arbeit der Maurer zufrieden, sondern legte zur Zierde nochmal eigens Hand an. Die Wandfresken aus dem 13. Jahrhundert im „Zackenstil“ sind erhalten, wenn auch leider verblasst oder durch unsachgemäße Restaurierung vergangener Jahrhunderte beschädigt. Die Bezeichnung „Zackenstil“ haben sich die Kunsthistoriker einfallen lassen, um diese Art der Malerei vom zeitlich vorausgehenden „Muldenfaltenstil“ abzuheben. Der Name sagt es eigentlich schon: Die Gewänder der Figuren fließen nicht mehr so weich, sondern zeigen kantige Konturen. Sie sehen das recht gut bei der Figur des Laurentius gleich links am Eingang, dem Heiligen mit dem Bratrost als Erkennungszeichen. Über der Tür zum ehemaligen Stiftsgebäude ist der heilige Gereon als Ritter zu erkennen und die heilige Katharina mit dem Folterrad. In der unteren Wandzone sind hier und da noch Reste einer illusionistischen Vorhangmalerei vorhanden. Der Taufstein aus grauem Marmor wiederholt die Grundform. Der Deckel mit der Heilig-Geist-Taube stammt aus dem Jahr 1931, was auch schon das Einzige ist, was sich darüber sagen lässt.

Sollten Sie die Kirche an einem Regentag oder in der Zeit der Dämmerung besuchen, rate ich Ihnen, eine Taschenlampe mitzubringen, um die Details etwas besser auszuleuchten, als es das  matte Deckenlicht kann.

Öffnungszeiten

Montag – Freitag 10:00 bis 18:00 Uhr
Samstag 10:00 bis 17:30 Uhr
Sonntag 13:00 bis 18:00 Uhr

 

Während der Sonntagsmessen um 10:00 Uhr und 11:30 Uhr und während TaufenTrauungen und anderer Gottesdienste ist die Besichtigung der Kirche nicht möglich.

Neue Literatur: Jürgen Kaiser (Text), Florian Monheim (Fotografien): Kleiner Führer der großen romanischen Kirchen in Köln, 144 Seiten, 76 farbige Abbildungen, Greven-Verlag, 9,90 Euro.

 

Der „Saufang“ ist die älteste Glocke Deutschlands

Vor mehr als 1000 Jahren aus eisen geschmiedet - Ausstellung im Museum Schnütgen - Weihnachtsläuten gehört traditionell zur Feststimmung

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 28/29 November 2015, S. 29

Im kommenden Monat fällt meine Kolumne etwas anders aus sonst. Schon vom Titel her sind Sie es gewohnt, dass ich Ansehnliches und Unansehnliches in Köln „auf den Punkt“ zu bringen versuche. Diesmal möchte ich Sie lieber im Kreis herumführen und Ihnen, passend zum Advent, vier Punkte in Köln zeigen mit Kunstwerken, die alle irgendwie mit Weihnachten zu tun haben: mein spezieller Adventskranz für Sie. Hoffentlich gefällt er Ihnen!

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Den Anfang machen Glocken. Ihr Klang gehört für viele Menschen an Weihnachten einfach dazu. Das Fernsehen lässt die Glocken läuten. Man kann sie sich auch mit Hilfe von CDs und inzwischen auch eigener Apps fürs Smartphone ins Wohnzimmer holen. Aber an Heiligabend kommen die Kölner auch immer in Scharen auf die Domplatte und beginnen ihre Weihnachtstage mit dem „Dicken Pitter“ oben Südturm des Doms. Auch wenn die Liedzeile von den Glocken, die sie süßer klingen als zur Weihnachtszeit mindestens so durchgenudelt ist wie ihre verballhornte Variante „Süßer die Kassen…“ – sie trifft ein Gefühl.

Es ist nicht nur Gewohnheit, dass wir Glockengeläut fast automatisch mit der Kirche in Verbindung bringen. Zwar gab es Glocken als Musikinstrumente schon im alten China, und die Römer verwendeten sie nach antiken Quellen für Rufzeichen und Signale.

Aber danach gelangten sie in Europa erst wieder zu Ehren, als irische Mönche im Frühmittelalter als Missionare aufs Festland ins Frankenreich zogen und die Menschen mit Handglocken auf sich aufmerksam machten. Das funktionierte so gut, weil der Klang sich von allen Alltagsgeräuschen unterschied. Glocke und Christentum – das war fortan eins.

Bevor Karl der Große persönlich einen Mönch aus dem Kloster Sankt Gallen nach Aachen holte, der die Kunst des Bronzegusses beherrschte, waren die Glocken in unseren Breiten aus Eisenteilen zusammengeschmiedet.

Das vielleicht älteste erhaltene Exemplar in Deutschland, wenn nicht in ganz Europa ist der Kölner „Saufang“ im Schnütgen-Museum. Der Legende nach wurde sie von Erzbischof Kunibert (623 bis 663) im 7. Jahrhundert für das Cäcilien-Kloster gestiftet. Im 14. Jahrhundert ist an dieser Stelle eine „Sankt Kunibertsglocke“ bezeugt. Ob es freilich dieselbe war, die bis ins 19. Jahrhundert im Dachreiter des Cäcilienklosters hing, das ist nicht eindeutig gesichert.

Wenn man den alten Quellen glauben darf, muss die Glocke nämlich irgendwann bei einem Brand heruntergefallen und im morastigen Untergrund  versunken sein. Oder sie wurde aus Angst vor Plünderung abgenommen und verbuddelt.

Jedenfalls berichtet der Chronist Gelenius, im 17. Jahrhundert, ein Schwein habe die Glocke aus einem Teich rund um Sankt Cäcilia namens „Perlenpfuhl“ gewühlt. Die Geschichte, so schön sie sich anhören mag, ist mit Vorsicht zu genießen. Sie wird so oder so ähnlich von vielen Glocken erzählt – eine typische legendenhafte Begebenheit.

 

Auch die Herkunft des „Saufangs“ aus dem 7. Jahrhundert gilt als fraglich. Experten datieren ihn heute eher ins 9. Jahrhundert, was ja immer noch sehr, sehr früh ist. Die Glocke ist aus drei geschmiedeten, grob miteinander vernieteten Eisenplatten zusammengesetzt. Überzogen ist sie mit einer Kupferlegierung. Der „Saufang“ ist etwa 15 Kilo schwer und ohne die später ergänzte Aufhängung etwas 40 Zentimeter hoch.

 

Als der Direktor des Schnütgen-Museums, Moritz Woelk, sein Amt antrat, bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: „Ich würde gar zu gern mal den Saufang hören.“ – „Oh“, hat er gesagt, „ich auch!“. Also zogen wir gemeinsam mit einigen Mitarbeitern der Dombauhütte ins Museum Schnütgen. Woelk hatte den Restaurator hinbestellt. Der kam mit einem paar weißer Handschuhe, löste ganz vorsichtig die Arretierung des Klöppels und ließ diesen einmal kurz an die Glockenwand schlagen. Dong! Sofort kam ein Aufseher angeschossen: „Was machen Sie denn da für einen Unsinn! Das dürfen Sie nicht!“ Der kannte nämlich seinen neuen Chef noch nicht. Wir haben dann den Restaurator mit vereinten Kräften beschwatzt, die Glocke bitte ein zweites Mal anzuschlagen.

Wie sie sie sich anhört? Ich halte mich mal raus, damit Sie mich nicht für pietätlos oder eingebildet halten – beim Gedanken an  „mein“ grandioses Domgeläut. Stattdessen zitiere ich Mario Kramp vom Stadtmuseum. Aus dessen Sammlung ist der „Saufang“ als Dauerleihgabe nach Sankt Cäcilien zurückgekehrt, dorthin, wo er sich jahrhundertelang befunden hatte. Kramp also vergleicht den Klang mit dem einer Kuhglocke, „weit entfernt vom harmonischen Geläut späterer Bronzeglocken. Na ja, wenn er das sagt… Ich könnte Moritz Woelk ja mal vorschlagen, den Besuchern im Schnütgen-Museum eine Klangprobe als Soundfile anzubieten. Die älteste Glocke Europas will man ja nicht nur sehen, sondern auch hören können. Nicht nur zur Weihnachtszeit.

 

Antikes Erbe, mit Füßen getreten

Nichts deutet am Domparkhaus auf einen der spektakulärsten Fundorte in ganz Köln hin

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 24. 11. 2015

Uns Kölnern, sage ich gern, uns Kölnern liegt die Geschichte zu Füßen. Zweitausend Jahre Vergangenheit, nur wenige Meter unter unseren Straßen und Häusern. Aber es gibt auch Stellen in der Stadt, da denke ich jedes Mal: Wie gehen wir nur mit diesem großartigen archäologischen Erbe um? Wir treten es mit Füßen!

Das haarsträubendste Beispiel befindet sich ausgerechnet an einem der markantesten und belebtesten Orte Kölns, zwischen Hauptbahnhof und Dom. Als Autofahrer kennen Sie vielleicht den Eingang zum Domparkhaus gegenüber vom „Kölntourismus“-Laden. Die Türe ist leicht zu übersehen, weil an dem Gitter davor immer ein Haufen Fahrräder angekettet ist. Was aber völlig fehlt, ist irgendeine Art von Hinweis darauf, dass direkt hinter dem Eingang einer der eindrucksvollsten Reste der antiken römischen Stadtmauer zu sehen ist, zusammen mit dem Unterbau des einzigen Stadttors in Richtung Norden. Einen Bogen davon haben Sie  garantiert schon mal gesehen. Die Rekonstruktion des kleinen Bogens  steht auf dem Platz links vor der Domfassade, der große Bogen ist im Römisch-Germanischen Museum wiedererrichtet worden.. Aber ungleich spektakulärer sind, wenige Meter davon entfernt, die monumentalen, im Ursprungszustand erhaltenen Mauerabschnitte aus dem späten 1. Jahrhundert. Nur sagt einem das ärgerlicherweise keiner. Selbst Kölner ahnungs- und achtlos daran vorbei. Und wer hier schnell sein Auto abstellt, kriegt es ohnehin nicht mit. Deswegen dachte ich, bevor die Stadt  hoffentlich bald etwas zur Information der Einheimischen und der Touristen unternimmt, führe ich Sie heute schon mal in meiner Kolumne hin.

Im Draufblick von oben auf der ersten Ebene des Parkhauses erkennen Sie besser als an jeder anderen Stelle in Köln die Bauweise der alten Römer: Die 2,40 starke Mauer besteht aus einer Füllschicht im „Opus Caementium“, dem römischen Zement. Außen wie innen ist sie mit Grauwacke-Quadern verkleidet,  stufig abgesetzt und zur Feldseite hin – da wo heute der Hauptbahnhof ist – mit einem Schrägsockel versehen. Wo das einst drei Meter tief im Boden versenkte Fundament der auf fast acht Meter Höhe geplanten Mauer begann, sehen Sie an der gröberen Verarbeitung der ansonsten absolut akkurat gemauerten Außenschicht. Dafür steigen Sie am besten die Treppe hinunter auf Ebene 2 des Parkhauses.

Vor der Mauer befand sich ein gut zehn Meter breiter, drei bis vier Meter tiefer Graben. Haben Sie sich schon mal gewundert, warum die Straßenführung zwischen Bahnhofsvorplatz und Dom so weit unten verläuft? Jetzt wissen Sie’s: Die heutige Trankgasse folgt dem römischen Stadtgraben. Allerdings ist der Unterschied im Geländeniveau, der den Stadtplanern bis heute zu schaffen macht, erst durch den Bau der Domplatte richtig dramatisch geworden. Auf alten Ansichten ist zu sehen, dass er früher nicht gar so stark ausfiel.

Wenn Sie ein Stück an der Mauer entlang gehen, stoßen Sie auf einen quadratisch gemauerten Anbau aus dem Mittelalter: den „Anno-Stollen“. Dieser 5,50 Meter hohe Schacht soll im Haus eines Domherrn senkrecht nach unten in einen Gang gemündet sein, der unter der Stadtmauer hindurch ins Freie führte. Wie die Annalen des Abtes Lampert von Hersfeld (ca. 1028 bis ca. 1085) berichten, war dies der Fluchtweg, den der heilige Erzbischof Anno II. (1010 bis 1075) im Jahr 1074 nutzte, um sich vor den aufständischen Bürgern seiner Bischofsstadt in Sicherheit zu bringen. Schon damals hatte die kirchliche Obrigkeit ihre liebe Not mit den Kölner Quergeistern. Diese ihrerseits hatten es  im Gegensatz zu heute gerade in Annos Fall Anno nicht nur mit einem frommen Oberhirten, sondern auch mit einem Machthaber von solcher Brutalität zu tun, dass wir beides eigentlich kaum mehr zusammenbringen.

Von Ebene 1 aus können Sie einen Blick ins Innere des Anno-Stollens werfen. Bei meinem letzten Besuch allerdings ging das nicht, weil irgendjemand Stücke  vergammelte Pappe auf das Schutzgitter gelegt hatte samt einem Putzlumpen. Köln, sage ich nur, mein Gott, Köln!.

Wenn die geplante Via Culturalis vollendet sein wird, dann könnte sie sehr gut hier  beginnen, an der Nordmauer des antiken Köln. „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“, hieß ein populärer Archäologie-Führer von Rudolf Pörtner aus meiner Jugendzeit. Wie Sie sehen, kann auch die Einfahrt in eine Tiefgarage genügen. Und  dieses skurrile Nebeneinander von Parkhaus-Tristesse und glanzvoller Historie ist eben auch – typisch Köln.

Der schönste Ort zum Warten auf den jüngsten Tag

Der Friedhof Melaten hat eine magische Faszination, besonders an Allerheiligen - Kölner Bürger können Paten für historische Gräber werden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 30. 10. 2015

Manche Leute schaufeln sich ihr eigenes Grab. Ich wüsste da den einen oder anderen. Ich selber bin schon bei der Grabpflege angelangt. Davon möchte ich Ihnen bei einem Besuch auf dem Friedhof Melaten erzählen.

Melaten ist für mich ein magischer Ort. Obwohl ich mich für durchaus lebensfroh halte, komme ich unglaublich gerne hierher und gehe stundenlang spazieren, ohne dass es mir langweilig würde. Schon die Natur ist wunderschön mit ihren alten Bäumen, und das Areal mit seinen 435.000 Quadratmetern Fläche ist so groß, dass ich jedes Mal verschiedene nehmen kann. Anders als im Wald, bekomme ich dabei immer etwas Zusätzliches zum Sehen Sinnieren.

Wussten Sie, dass es auf Melaten mehr als 55.000 Grabstätten gibt? Es rührt mich, wie verschieden die Menschen ihre Trauer ausdrücken, erst recht bei der wachsenden Vielfalt der Kulturen, die hier zusammenkommen. Nicht alles davon ist mein Geschmack. Aber interessant ist es in jedem Fall, zu sehen, was es jenseits der christlichen Zeichen, der Bezüge auf die antike Mythologie oder die Berufe der Verstorbenen so alles an Schmuck und Symbolik rund um den Tod gibt. Regelmäßig besuche ich die Gräber verstorbener Freunde. Bei manchen wohnen die Angehörigen irgendwo anders, so dass außer mir eigentlich keiner herkommt.  Auch eine Studienfreundin liegt hier, nach deren plötzlichem Tod ihre Freunde für ein Grab zusammengelegt hatten. Auf meinen Runden alle Vierteljahre gehe ich vorbei und stelle ein Kerzchen auf. Offenbar gibt es immer noch viele Leute, die dieser alten Tradition folgen. Faszinierend ist ein Besuch auf Melaten jetzt zu Allerheiligen bei Einbruch der Dunkelheit: der ganze Friedhof voller Licht!

[Schon bei seiner Gründung 1810, in der Zeit der napoleonischen Besatzung Kölns, war Melaten ja eine Melange. Das kaiserliche „Dekret über die Begräbnisse“ von 1804 entzog der katholischen Kirche die Zuständigkeit für die Bestattungen und übergab sie der Stadt. Neue Friedhöfe mussten außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern liegen. Der Friedhof Melaten war der erste Kölner Zentralfriedhof. Er entstand im Westen der Stadt entlang der Aachener Straße auf dem Gelände des ehemaligen Leprosenheims, dessen Name im Volksmund „Maladen“ war und dem neuen Friedhof seinen Namen gab. Er stand von Anfang an allen Konfessionen offen. Auch Nicht-Christen können hier Grabstätten erwerben. Und es gibt auch keine strikte Trennung nach sozialer Schicht. Fromm oder gottlos, arm und reich – im Tod sind alle gleich.  Solche Sachen gehen mir hier auf Melaten durch den Kopf.]

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Das Grab aber, das ich am häufigsten besuche, ist mein eigenes. Zwei Möglichkeiten haben Sie, wenn Sie auf Melaten an ein Grab kommen wollen: Entweder Sie kaufen sich ein neues; es gibt auf dem Gelände ja sehr viele Lücken, weil erst vor kurzer Zeit wieder eine ganze Reihe von Gräbern aufgelassen worden ist.  Oder Sie machen es wie ich und übernehmen die Patenschaft für ein historisches Grab. Was das bedeutet? Nun, Sie erwerben als Pate das Recht, sich eines ungewissen Tages in Ihrem Patengrab beisetzen zu lassen. Im Gegenzug übernehmen Sie die Verpflichtung zum Erhalt des Bestands, ob nun denkmalgeschützt oder nicht. Wobei da niemand strenge Vorschriften macht.

Eine Zeitlang allerdings gab es für die denkmalschützten Gräber die Auflage, die Originalinschriften an ihrem Platz zu belassen und Platten für die neuen Besitzer darunter anzubringen. Daraufhin ging die Nachfrage schlagartig zurück. Die Leute wollen auf ihrem Grab dann doch ihren Namen lesen. Inzwischen wurde die Vorschrift wieder gelockert. Es gibt aber auch schöne alte Gräber, die nicht unter Denkmalschutz stehen. Wenn man sie freischnippelt und säubert, stößt man oft auf richtige Schätzchen und macht sich obendrein verdient um den Erhalt eines Stücks Friedhofskultur aus vergangener Zeit.

Als mein Patengrab, Sie werden es sich denken, habe ich mir natürlich ein neugotisches ausgesucht. Es besteht aus Sandstein mit Säulchen und Grabplatte aus weißem Marmor. Das Dekor ist typisch für die Arbeit der Kölner Dombauhütte im 19. Jahrhundert. Zu meinem 60. Geburtstag haben mir die Mitarbeiter der Dombauhütte eine Grableuchte geschenkt mit der hl. Barbara als Glasmalerei. Diese Leuchte habe ich schon aufgestellt. Mit einem großen Betonklotz unten dran, sonst wäre sie vermutlich nicht mehr da.

Die ganze Grabstätte war komplett zugewachsen und an der rechten Seite vom Efeu auch schon so angefressen, dass ich das Schmuck-Kapitell dort habe ich neu machen lassen. In den Sockel aus Sandstein war ursprünglich ein frommer Vers geschlagen. Aber der ist so verwittert, dass man nur noch einzelne Silben entziffern kann. Dabei werde ich es, habe ich überlegt, auch belassen. Auf der Inschriftenplatte fehlt noch mein Name. Das Original einer Familie Paffendorf hängt jetzt auf der Rückseite des Grabmals. Ihr Gedächtnis ist also nicht getilgt. Das finde ich gut. Und wenn ich mal viel Zeit habe, werde ich mich auf die Suche machen, wer die Paffendorfs waren.

Ich habe keinerlei Interesse, ihnen bald zu folgen. Aber es beruhigt mich, zu wissen: Hier komme ich mal rein. Ich sehe das als eine Form der Vorsorge. Meine Kinder sollen einmal keinen Ärger mit meiner Grablege haben. Und es ist ein Platz, an dem ich mir das Warten auf den Jüngsten Tag sehr gut vorstellen kann. Das klingt vielleicht seltsam, aber erstens finde ich es beruhigend, einmal in einer Gemeinschaft von Toten zu ruhen. Nun werden meine sterblichen Überreste die meiste Zeit der Ewigkeit hier verbringen. Deshalb habe ich zweitens bestimmte Erwartungen an diesen Ort. Ein richtiges Erdgrab zum Beispiel sollte es sein. Schon weil ich den Gedanken schrecklich finde, dass meine Verwandten und Freunde zur Beerdigung hinter einer Blechdose mit meiner Asche herlaufen sollten. Mein Leichnam im Sarg, runter in den Boden, Erde drüber, fertig. Das hat für mich eine zwingende Logik. Aber bitte, jeder muss das natürlich für sich selbst entscheiden.

Sie merken schon, mein Verhältnis ist ein pragmatisches mit einem Schuss Besinnlichkeit. Aber die verberge ich meistens hinter einer betont nüchternen Sprache. Als ich das erste Mal herkam und mit einer Heckenschere gegen das ganze Gestrüpp über dem Grab vorgegangen bin, kamen gleich einige ältere Damen vorbei. Mich hätten sie ja noch nie hier gesehen, und wessen Grab das denn sei. „Mein eigenes“, sagte ich bloß. Da waren sie dann doch ein bisschen schockiert.

Ab und zu komme ich für den Grünschnitt her. Mit der Steinrestaurierung hatte ich seinerzeit einen Steinmetz beauftragt. Die Kosten dafür stehen übrigens in keinem Verhältnis zum Preis für ein neues Grab in dieser Größe. Ohne zu sehr in die finanziellen Details zu gehen: Etwas vergleichbares Neues könnte eine – nun ja – Normalsterbliche wie ich sich überhaupt nicht leisten. Im „Erlebensfall“, wie das so schön heißt, zahlen Sie die ganz normale Grabgebühr, in meinem Fall für ein Doppelgrab. Die Gebühr bemisst sich nämlich immer nach der Zahl der Liegeplätze. Nach der Belegung können Sie das Grab 25 Jahre nutzen. Und wenn Sie oder Ihre Nachfahren weiterzahlen, behalten Sie den Anspruch auch länger. Patenschaft ist Patenschaft. Also, ich kann Ihnen das nur empfehlen.

Kurioserweise ist das Familiengrab meines Vorgängers im Amt des Dombaumeisters, Arnold Wolff gleich um die Ecke. Ich wusste das nicht. Aber irgendwann traf ich seine Frau hier nebenan, die es mir erzählte. So werden Wolff und ich also in unmittelbarer Nachbarschaft den ewigen Frieden finden.

Für die Domkapellmeister, auch wichtige Menschen an der Kathedrale, gibt es inzwischen sogar eine Art Amtsgrab, weil das Domkapitel auf Anregung von Eberhard Metternich die historische Grabstätte seines Vorvorgängers Carl Leibl (1784 bis 1870) und seiner Frau Gertrud aus dem 19. Jahrhundert in Patenschaft übernommen hat. Das Original-Grabmal aus dem 19. Jahrhundert war aber kriegsbeschädigt, so dass ein herrenloser Aufbau von einer anderen Ecke des Friedhofs umgesetzt und mit einer neuen Inschriftentafel versehen wurde. Auch eine Möglichkeit.

Unsere Chefs selbst, die Mitglieder des Kölner Domkapitels, sind auf Melaten ebenfalls Grabpaten. Ihre Vorgänger hatten im 19. Jahrhundert ein Gemeinschaftsgrab erworben und vermutlich vom  damaligen legendären Dombaumeister Ernst Zwirner gestalten lassen. In den 1970er Jahren dann erhielt der damalige Dompropst Bernard Henrichs einen Brief von der Stadt Köln: Die Ewigkeit sei jetzt vorbei. Das Grab falle an die Stadt Köln zurück. Das Domkapitel könne es aber erneut kaufen.

So etwas machte Henrichs Spaß, der bekanntlich ein Schalk war und keinem gepflegten Streit aus dem Weg ging. „Etwas kaufen, das uns gehört? Kommt überhaupt nicht in Frage!“, befand Henrichs. „Wenn überhaupt, dann lassen wir die Grabstätte neu herrichten. Das kommt uns schon teuer genug zu stehen.“  Womit er leider Recht hatte. So ist auch die Grabstätte des Kapitels ein Patenschaftsgrab. Und eigentlich kann die Stadt froh sein, sonst hätte sie die Pflege am Hals.

So aber war die Restaurierung Sache der Dombauhütte und fiel somit irgendwann auch in meine Zuständigkeit. Vom Eisengitter um die rechteckige Anlage war nur noch ein Segment vorhanden. Den Rest haben wir in einer historischen Gießhütte in Thüringen nachbilden lassen und die Spitzen anschließend neu vergoldet.

Bei der verschnörkelten Inschrift auf der Mittelstele komme ich jedes Mal ins Schleudern, weil ich diese Art Buchstaben partout nicht lesen kann. „Canonicis ecclesiae maj…“ –  tja, und da verließen sie ihn… 36 Plätze insgesamt gibt es, glaube ich. Theoretisch. Denn sollte sich jemals ein Domkapitular nicht auf dem Domherrenfriedhof hinter dem Dom, sondern hier beerdigen lassen wollen, würde auch 36 Mal die Begräbnisgebühr fällig. Eine horrende Summe. Solange aber keiner bestattet wird, kostet es auch nichts. Außer der Pflege. Also, das werden die Herren sich gut überlegen.

Sie sehen schon, Melaten ist voller Geschichten und Geschichte. Zu den traurigsten Kapiteln gehört das Gedächtnis der Kriegstoten. Und da treibt es mir jedes Mal den Blutdruck hoch, wenn ich an dem großen, zehn Meter hohen vierflügeligen Monument „Zum Andenken an die zu Coeln in Folge des Krieges von 1870/71 verstorbenen Söhne Deutschlands“ vorbeikomme.

Man kann von Kriegergedenken ja halten, was man will. Und ich will auch nicht die Fragen beantworten, wie lange man es fortschreiben muss oder wann man es still einschlafen lassen darf. Aber ich finde, so oder so muss es in Würde geschehen. Die vermisse ich hier schmerzlich. Offensichtlich gibt es noch Kölner, die sich der Toten des deutsch-französischen Kriegs erinnern. Jedenfalls habe ich bei meinem jüngsten Besuch frische Kränze am Fuß des Denkmals mit seinem Neo-Renaissance-Dekor liegen gesehen. Aber ganze Teile der Neorenaissance-Architektur von Stadtbaumeister Hermann Weyer (1830 bis 1899) sind überwuchert, oben wächst sogar ein Baum in den Himmel, dessen Samen sich selbst ausgesät haben.

Einen solch verkommenen Zustand haben die Männer nicht verdient, die – wie ich finde – sinnlos in den Tod geschickt wurden um einer nationalen Idee willen, mit dem Pathos „für Gott, König und Vaterland“. Wegen des Missbrauchs patriotischer Ideale ist Gefallenengedenken gerade in Deutschland nach 1945 eine sehr zwiespältige, von manchen misstrauisch beäugte Sache. Aber so offensichtlich geringschätzig wie hier darf man sich seiner nicht entledigen.

Für die Pflege der Soldatengräber aus den beiden Weltkriegen gibt es ein eigenes Grabgesetz. Darunter fällt Weyers Monument nicht. Trotzdem ist die Stadt Köln dafür verantwortlich. Ein Telefonanruf in der Verwaltung macht mir Hoffnung. Dem zuständigen Beamte war sofort klar, wovon die Rede war. Im November oder Dezember „nehmen wir uns das Denkmal vor“, versprach er, wenn erst das Laub gefallen sei. Und ja, er wisse schon, die Sache mit dem Baum… „Das wächst halt immer wieder raus.“ Genau, so ist das auf dem Friedhof Melaten, der alles andere ist als tot.

Die große Schwester der Graffiti

. An imposanten Wandmalereien hat Köln einiges zu bieten - auch dank des Street-Art-Festivals "Cityleaks"

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 26. 8. 2015, S. 26

ehrenfeld_9Auf Augenhöhe begegnen sie einem überall in der Stadt: an Hauswänden und Fassaden, auf Mauern und Zäunen, KVB- und Bahnwaggons, Rolltreppen, U-Bahnsteigen oder auf Parkbänken: Graffiti. Sie als Kunst zu bezeichnen, würden sich wohl die meisten scheuen. Hausbesitzer zumal, die oft sogar eigens versichert sind, um das „Geschmiere“ schnell wieder entfernen zu können. Auch wenn all die „Tags“, verschnörkelte Namenskürzel, bisweilen mit Silberfarbe, Schattierungen oder Umrandungen aufgehübscht sind, sagen sie nichts anderes als „guckt mal, ich war hier“. Ein bisschen kommt mir das vor wie Beinchen heben. Totlangweilig eigentlich. Aber die ganze Republik ist voll davon. Das Graffito hat allerdings eine große Schwester, und sie macht die Sache künstlerisch interessant. Ich spreche von der Fassadenmalerei.

Wände zu bemalen, war immer schon ein Teil von Architektur. In unseren Breiten handelte es sich oft um illusionistische Kunst, das heißt, mit den Mitteln der Malerei wird auf einer zweidimensionalen Fläche Räumlichkeit vorgetäuscht, die ein Haus total verändert. Berühmt ist zum Beispiel der Entwurf Hans Holbein des Jüngeren für das „Haus zum Tanz“ in Basel von 1520. Blütezeit der Wandmalerei war dann der Barock mit komplexer Schein-Architektur. Das 19. Jahrhundert bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts liebte vor allem Historien-Szenen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg hörte die farbige Wandgestaltung nicht auf, sie veränderte sich aber. Für die Nachkriegszeit sind große Keramiken charakteristisch oder Fassadenelemente aus Metall. Auch die Betonarchitektur der 1970er Jahre war zum Teil sehr stark farbig gefasst.

ehrenfeld_1Eine ganz neue Dynamik erhielt die Wandmalerei aber definitiv durch die Graffiti-Szene. Einigen ihrer Vertreter war das bloße „Tagging“ auf die Dauer zu wenig. Sie entwickelten das Sprayen zu einer echten Kunstform weiter. Dazu kamen Absolventen der Kunstakademien, die sich auf diese Art der Wandgestaltung spezialisierten. Es wäre falsch, von „echten und falschen Künstlern“ zu sprechen. Es sind einfach zwei verschiedene Zugänge zu ein und derselben Form.

Die so entstandenen Bilder sind natürlich nicht mehr Ergebnisse verbotener Sprayaktionen bei Nacht und Nebel, sondern ganz legale Arbeiten. Das geht bei deren Komplexität und Größe ja auch gar nicht anders. Zum Glück gab es Immobilienbesitzer, die ihre Häuser zur Verfügung stellten. Am beliebtesten sind lange Mauern oder Brandwände ohne Fenster, auf denen gestalterisch ohnehin nichts los ist.

Das berühmteste frühe gesprühte Wandbild in Köln ist Harald Naegelis „Tanzendes Skelett“ an der Westfassade von St. Caecilien. Naegeli hatte Anfang der 1980er Jahre eine ganze Reihe dieser Motive auch an andere Kölner Fassaden gesprüht. Aber da hat man sie schleunigst wieder entfernt. So ist nur dieses eine Bild erhalten.

Ich komme darauf, weil im September das „Cityleaks Urban Art Festival“ stattfindet, das die Kunstform gesprayter Wandbilder in Köln fördern will. Premiere war 2011. Ehrenfeld wurde damals, wie es in Anne Scherers Bildband „Street Art Cologne“ heißt, „zu einem der aktivsten Hotspots für Street Art in Köln“. Als „City Leaks Urban Art Biennale“ mit dem Titel „Die Stadt, die es nicht gibt“ geht das Festival bis 20. September in die dritte Runde. Diesmal wollen sich die Organisatoren vor allem auf Mülheim im Rechtsrheinischen konzentrieren.

Aber bis die Ergebnisse zu besichtigen sind, schlage ich Ihnen eine kleine Tour durch Ehrenfeld vor – auf den Spuren der Sprayer.

Der Kunsthistoriker an sich neigt ja immer zum Systematisieren. Ich teile deshalb die gesprayten Wandmalereien deshalb in drei Gruppen ein. Als erstes sind die rein graphische Gestaltungen zu nennen. Ein Beispiel dafür sehen Sie in der Vogelsanger Str. 34, wo ein ganzes Eckhaus an seinen beiden Fronten in Schwarz-Weiß bemalt ist. Nur die Mitte bleibt Rot. Dort sieht man, wie der Erdball von zwei Seiten her eingequetscht wird.  Mein Lieblingsobjekt befindet sich Hospeltstraße 28: Auch hier nur Schwarz-Weiß, eine stark geometrische Anlage mit Bändern und Linien, durchzogen von Ändern und Streifen, als ob das Ganze gleich wieder weggewischt werden würde. Ein feines, toll gemachtes Kunstwerk.

ehrenfeld_8Die zweite Gruppe sind die Figuren- oder Menschenbilder. Eines der berühmtesten ist der kleine trotzige Junge am Bürgerzentrum in der Venloer Str. 429.  Wenn Sie einen starken Magen haben und nicht so leicht zu schocken sind, schauen Sie sich in der Senefelder Straße 5 den gehäuteten Hasen an. Das ist schon eine ziemlich drastische Darstellung, die der Belgier „ROA“ – die Wandsprayer firmieren fast alle unter solchen Phantasienamen – den Passanten und vor allem den Anwohnern da zugemutet hat. Die sollen sich aber, wie es heißt, inzwischen an den Anblick gewöhnt haben.

Unter eine dritte und letzte Kategorie fallen all jene Bilder, die Geschichten erzählen – spielerisch und oft kritisch zugleich. Da sind zum Beispiel in der Hansemannstraße 24 die vier rosa Männer, die „Reise nach Jerusalem“ spielen. Man kann darin natürlich den Versuch sehen, die Ausweglosigkeit des menschlichen Daseins ins Bild zu bringen. An szenischen Darstellungen hat insbesondere auch die Kölner Gruppe „Captain Borderline“ einiges zu bieten. Von bemerkenswerter Aktualität ist die Arbeit „Surveillance of the Fittest“ am Ehrenfeldgürtel 95, wo das US-Wappentier, der Weißkopf-Seeadler, mit unzähligen Überwachungskameras eine Schafherde beobachtet.

Die gleichen Künstler haben übrigens mit dem „Bananen-Sprayer“ Thomas Baumgürtel das große Wandbild an der Marzellenstraße gemacht. Das ist nun nicht in Ehrenfeld, aber wenn man mit Zug oder S-Bahn von dort zum Hauptbahnhof fährt, kann man auf der rechten Seite gut sehen [stimmt doch, oder?], wie die Mauern der Stadt Köln von einer Belagerungstruppe mit einer riesigen Banane als Rammbock berannt werden. Das soll wohl eine kritische Anspielung auf den Mangel an Wohnungen und Atelierräumen in Köln sein.

Der Vollständigkeit halber sollte ich vielleicht noch die Mini-Mosaiken erwähnen, die viele von Ihnen schon mal gesehen haben werden, ohne dass sie Ihnen womöglich besonders aufgefallen wären. Die Muster und gepixelten Wesen, die eigentlich in keine der genannten Kategorien fallen, sind eine Spezialität des französischen Künstlers „Invader“, der als Street-Art-Pionier gilt und seine Kachelmosaike mittlerweile in der ganzen Welt hinterlassen hat – 24 davon im Jahr 2007 auch in Köln, unter anderem an der Hohenzollernbrücke, in der Alten Wallgasse 56-58, an der Ecke Pfeilstraße/Kettengasse und – wenn ich das sagen darf – auch an meinem Haus Am Hof 23.

Also, vielleicht schlendern Sie mal entspannt vom Bürgerzentrum Ehrenfeld aus durch das Viertel und halten Ausschau nach der großflächigen Sprayerkunst. Oder wenn Sie die Sache lieber strategisch in Angriff nehmen, dann nehmen Sie einfach Anne Scherers Buch zu Hilfe, das die Kölner Wandmalereien zusammen trägt und auch einen entsprechend markierten Stadtplan enthält. Ich verspreche Ihnen: Sie werden staunen, wie viele Objekte es in Köln gibt!

Und weil in einer lebendigen Stadt immer wieder Neues entstehen sollte, fände ich es schön, wenn die Stadt oder Privatleute weitere Wandflächen gestalten ließen. Tristes Grau haben wir in Köln ja noch zur Genüge. Den Anfang könnte der Tunnel an der Trankgasse machen. Für dessen schmuddelig verputzte Wände wäre ein knallbuntes Sprayer-Bild genau das Richtige.

Infos zum Festival: www.cityleaks-festival.de

Lektüre-Tipp: Anne Scherer, Street Art Cologne, Verlag KiWi Köln, 192 Seiten, 19,99 Euro.


Ein Selbstmordattentäter in der Bibel

Das Fußbodenmosaik in der romanischen Basilika St. Gereon erzählt die Samson-Geschichte als Comic aus der Stauferzeit

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

 

 

 

Wenn Sie meine Kolumnen regelmäßig lesen, erinnern Sie sich vielleicht, dass ich im Juni auf dem Gelände des ehemaligen Kölner Güterbahnhofs St. Gereon unterwegs war. Eigenartig, dass ein so durch und durch prosaischer Ort nach einem Heiligen benannt war, oder? Das hat mit der Bedeutung der romanischen Basilika und ihres seit dem 9. Jahrhundert bestehenden Stifts zu tun, dem im Mittelalter rundum große Ländereien gehörten. St. Gereon war in der Merowingerzeit die bedeutendste fränkische Königskirche und einer der berühmtesten Kirchenbauten des Mittelalters überhaupt. Das hat auch auf die Umgebung abgefärbt, das Gereonsviertel mit dem Gerling-Areal, vielen nach dem Kirchenpatron benannten Straßen und eben auch dem einstigen Güterbahnhof, der von 1859 bis 1990 in Betrieb war.

 

Die Kuppel und das Dekagon von St. Gereon gehören zum Markantesten, was das historische Stadtbild Kölns zu bieten hat, so dass ich Sie eigentlich gar nicht darauf hinzuweisen bräuchte. Trotzdem ist Ihnen bei der Besichtigung der Kirche bislang vielleicht etwas entgangen, was sozusagen an entgegengesetztem Ort zu suchen ist: unten in der Hallenkrypta und dort auch noch einmal auf dem tiefsten Punkt, dem Fußboden nämlich. Hierhin wurde das Jahr 1870 ein großes, um 1150 entstandenes Mosaik mit Szenen aus dem Leben des alttestamentlichen Helden Samson verlegt, das sich ursprünglich im Hochchor befunden hatte.

Die Figur aus dem Buch der Richter ist der jüdisch-christliche Widerpart zu Herkules, dem schon von Kindheit an mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten antiken Heroen. Quelle von Samsons Stärke sind seine Haare, weshalb seiner Mutter schon verkündet worden war, dass sie Knaben auf keinen Fall die Haare schneiden dürfe. Ähnlich wie die griechische Mythologie im Fall des Herkules, weiß die Bibel allerhand Taten ihres Helden zu berichten. Samsons Hauptfeinde sind die Philister, mit denen er ständig im Clinch liegt. Trotzdem nimmt er sich als Braut eine junge Philisterin, Schon bei der Hochzeit kommt es zu Streitigkeiten mit ihrem Gefolge, und am Ende liefert ihn seine Gemahlin auch an ihr Volk aus.

Typisch, könnte man sagen. Denn immer wieder rühren Samsons Bredouillen aus seiner Schwäche für das schöne Geschlecht Als er auf Brautschau, zusammen mit seinen Eltern unterwegs zu seiner Braut ist, begegnet er einem Löwen. Dummerweise ist er völlig unbewaffnet. Trotzdem stürzt sich Samson auf den Löwen und tötet ihn, indem er ihm das Maul auseinanderreißt. Diese Geschichte ist die erste, die im Samson-Mosaik dargestellt ist: Samson mit seinen wallenden langen Haaren sitzt auf dem Löwen und zerrt an dessen Ober- und Unterkiefer. Die nächste Episode handelt von Samsons Besuch bei einer Dirne in Gaza, wo ihn die Philister zu fangen versuchten. Sie umstellten das Haus und verriegelten die Stadttore in der sicheren Hoffnung, dass sie Samson so erwischen würden. Aber nichts da: Samson hebt die Tore einfach aus den Angeln und trägt sie auf einen Berg. Das ist das zweite Bild des Mosaiks.

Die dritte handelt dann von den Folgen seiner Liebe zu Dalila, über deren Charakter es sehr unterschiedliche Urteile gibt. Ob sie nun eine aufopferungsvolle Patriotin war, die half, den gefährlichsten Feind ihres Volkes zur Strecke zu bringen, oder ob sie schnöden Verrat an ihrem Mann beging, darüber kann man in der Tat lange streiten. Faktisch stellt sich das Geschehen so dar: Als Samson eines Tages nach dem Liebesspiel ermattet einschlief, ließ sie ihm die Haare abschneiden. So schildert es die Bibel. In den meisten künstlerischen Umsetzungen greift Dalila selbst zur Schere. Ohne Haare seiner Kraft beraubt, ist Samson eine leichte Beute für die Soldaten der Philister, die ihn fesseln und ihm die Augen ausstechen. Danach muss er in einer Mühle Sklavenarbeit verrichten. Aus lauter Stolz führen die Philister den entmachteten Feind als blinden Tölpel auf ihren Festen vor. Was sie aber übersehen haben: Mit der Zeit sind Samsons Haare nachgewachsen. Als er nun wieder einmal bei irgendeinem Gelage der Philister gedemütigt werden soll, greift er im Festsaal nach den nächstgelegenen Säulen und bringt den ganzen Bau zum Einsturz. Auch das ist im Mosaik zu sehen. Von den herabfallenden Steinen werden nun die Philister ebenso erschlagen wie Samson selbst. Heute würde man ihn vermutlich einen Selbstmordattentäter nennen.

Mosaiken, Bilder, die sich aus kleinsten Steinen zusammensetzen, waren in der Römerzeit in Villen und öffentlichen Gebäuden., aber dann auch im Mittelalter im Kirchenbau häufig anzutreffen Leider sind sehr viele davon verloren. Deshalb ist es so erfreulich, dass der Mosaikschmuck in St. Gereon erhalten ist. Selbst feine Details wie der Bortenschmuck an Samsons Kittel oder die Beschläge der Türen sind anschaulich wieder gegeben. Ein fein ornamentierter Rand umzieht jedes Einzelbild.

 

Das Mosaik wurde zwar im 19. Jahrhundert – an den Farbabweichungen erkennbar – stark restauriert. Trotzdem ist noch immer ein wunderbares Beispiel für die Erzählkunst der Romanik, ein Comic aus der Stauferzeit. Ein bisschen naiv, nicht so fein wie antike römische Mosaiken oder wie zeitgenössische Buchmalereien, aber trotzdem ungeheuer eindrucksvoll.