Himmelsauge im Festungsbau – Der Bayenturm

Der Bayenturm, einst Teil der mittelalterlichen Stadtmauer, beherbergt heute das Frauen-Archiv von Alice Schwarzer

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadt-Anzeiger

Bayenturm_14Mein Ziel ist heute der Bayenturm im Rheinauhafen, der FrauenMediaTurm, wie er auch heißt. Moment, werden Sie jetzt vielleicht sagen, hat die Schock-Werner nicht damit zu tun?

Stimmt! Ich bin mit dem FrauenMediaTurm seit langem verbunden – zum einen als „Emma“-Leserin der ersten Stunde und bekennende Feministin, zum anderen institutionell in den Gremien der Stiftung, die Trägerin des FrauenMediaTurms und seiner Arbeit ist. Nachdem Alice Schwarzer und ich „Botschafterinnen“ für die Bewerbung Kölns als Kulturhauptstadt Europas 2003/2004 gewesen waren, hat sie mich zunächst in den Stiftungsbeirat geholt, dem Professorinnen verschiedener Fachrichtungen angehören. Solche Kreise fand ich immer spannend, weil sie den Blick über die eigene Disziplin hinaus weiten und man immer allerhand erfährt. Inzwischen habe ich im Vorstand der Stiftung den Platz von Ursula Scheu übernommen, die sich aus Altersgründen zurückgezogen hat. Der Vorstand muss unter anderem die Finanzen prüfen, wobei ich gleich dazu sage, dass die eigentliche Arbeit von Wirtschaftsprüfern, von echten Profis, erledigt wird. Und ich kann sagen: Die Stiftung ist – in ihrem bescheidenen Rahmen – absolut solide und seriös aufgestellt. Seltsam, dass man das offenbar eigens betonen muss, aber so ist das wohl.

Bayenturm_4Und ich auch gar nicht oft genug sagen kann: Der Bayenturm mit Bibliothek und Archiv ist kein „closed shop“ oder so etwas. „Da kommt man doch gar nicht rein“, höre ich in der Stadt immer wieder. Absoluter Quatsch! Der Turm ist für Besucher offen, man kann ihn besichtigen, es gibt sogar regelmäßige Führungen. Ich kann Ihnen den Besuch nur empfehlen, denn nicht nur für Kölner ist der Bayenturm ein bemerkenswerter Ort.

Bayenturm_3_bearbeitet-1Er gehörte zur mittelalterlichen Stadtbefestigung, die in ganz Europa berühmt war, und bildete darin das Herz ihrer Südost-Ecke. In Richtung Norden nahm hier die rheinseitige Mauer ihren Ausgang, in Richtung Westen schloss sich die Landmauer in ziemlich gerader Linie bis zum Severinstor an. Der halbkreisförmige Ring vom Ende des 12. Jahrhunderts war ausnahmsweise ein Gemeinschaftswerk der Kölner Bürgerschaft und des ihres Erzbischofs. Der damalige Amtsinhaber, Philipp von Heinsberg (1130 bis 1191), hatte gerade Krach mit dem Kaiser und fürchtete sich vor einem Angriff. Deshalb half er den Kölnern bei der Errichtung ihres Festungswerks. Das hielt seine Nachfolger im 13. Jahrhundert allerdings nicht davon ab, just den Bayenturm zu einer gegen die Stadt gerichteten Burg auszubauen. 1261 nahmen die Bürger sie ein, schleiften sie und ließen nur den Turm selbst stehen. Fortan wurde er so auch zum Symbol für den Freiheits- und Selbstbehauptungswillen der Kölner Bürger. Deshalb verschonte man ihn auch bei der Schleifung der Stadtmauer im 19. Jahrhundert. Bis zum Zweiten Weltkrieg beherbergte der Turm verschiedene Museen. Für die Besucher wurde im 19. Jahrhundert längsseitig eigens eine Treppenanlage gebaut. Hierüber war der Zugang auch an Sonn- und Feiertagen möglich. Denn eigentlich stand der Turm auf dem damaligen Hafengelände, das nur werktags geöffnet war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war vom Bayenturm nur mehr ein Stumpf übrig, und erst in den 1980er Jahren entschloss sich die Stadt, unterstützt von der berühmten Stadtkonservatorin Hiltrud Kier, zum Wiederaufbau. Damit begann aber auch ein Streit über die künftige Nutzung. Das muss ein wahrer Krimi gewesen sein. Darin mischten verschiedene Karnevalsgesellschaften mit, die in den Turm einziehen wollten. Andere wollten darin ein „Haus des Jazz“ etablieren. Und dann gab es da noch – die Frauenbewegung.

Ich habe in den 70er Jahren selbst mitbekommen, wie sich Frauen im Kampf um Gleichberechtigung zusammenfanden, eine Gruppen-Identität ausbildeten und dabei auch nach den historischen Wurzeln des Frauenprotests fragten. Es stellte sich heraus, dass es ganz schwer war, dafür an Unterlagen und Dokumente zu kommen. Deshalb gründete Alice Schwarzer in den 80er Jahren das „Frauenarchiv“. Dahinter steht eine gemeinnützige Stiftung, für die Jan Philipp Reemtsma seinerzeit ein Startkapital von umgerechnet 5,1 Millionen Euro bereitgestellt hat.

Es kam dann die Idee auf, das Archiv im Bayenturm unterzubringen. Das löste wiederum heftigste Diskussionen aus, setzte sich aber letztendlich durch – übrigens auch mit Hilfe vieler Männer. Ich nenne stellvertretend den ehemaligen Oberstadtdirektor Kurt Rossa. Die Architektin Dörte Gatermann sollte im bereits laufenden Wiederaufbau des Turms eine Innenausstattung als Bibliothek und Archiv vornehmen. Gatermanns Entwurf gehört sicher zum Besten, was damals in Köln und darüber hinaus in puncto Innenarchitektur verwirklicht wurde: realisiert mit sparsamsten Mitteln, sehr schick, sehr elegant, sehr modern – und zugleich mit Respekt für die historistische Rekonstruktion des Äußeren.

Ringsum an den Wänden hat sie über mehrere Stockwerke hinweg einfache, zweckmäßige Regale für die Archivalien vorgesehen und an einer Eisenkonstruktion von der Decke eine Galerie abgehängt. In der Mitte des Raums wurde ein Lift eingezogen, dessen Wellblechverkleidung gleich wieder ein Statement ist: Schaut her, es braucht keine edlen, sündhaft teuren Materialien, um einen hochwertigen Eindruck zu erzeugen! Besonders gut gefällt mir auch, wie die Architektin das Beleuchtungsproblem gelöst hat. So ein mittelalterlicher Wehrturm hat bestimmungsgemäß nur wenige, kleine Fenster. Um das auszugleichen, hat Gatermann ein Glasdach eingebaut. „Himmelsauge“ nennt sie dieses Oberlicht, durch das die ganze Bibliothek Tageslicht bekommt. Das tut der Atmosphäre im Raum ausgesprochen gut und ist auch für die Bibliotheksbenutzer angenehm. Insgesamt ist hier wirklich etwas Einmaliges entstanden: die Verbindung von Stadtgeschichte mit einer ungewöhnlichen zeitgenössischen Nutzung.

Durch die jüngste städtebauliche Entwicklung ist der Turm, der lange Zeit mehr oder weniger isoliert stand, mittlerweile zum Bestandteil des schicksten Quartiers von ganz Köln geworden, dem Rheinauhafen. Der gefällt mir ja ausnehmend gut. Mit einer Ausnahme, wie ich gestehe: Die Kranhäuser finde ich einfach problematisch. Hintereinander gestellt, wirken sie sehr wuchtig, wie eine Art Wall. Zudem ist wider alle architektonische und wirtschaftliche Vernunft eine Bauform umgesetzt worden, bei der Aufwand und Ertrag, im Grunde nicht mehr als ein Gag, in keinem Verhältnis stehen. Aber ich komme vom Thema ab…

Zwischen dem FrauenMediaTurm, wie das Archiv inzwischen heißt, und der Stadt Köln gibt es bis 2061 einen Erbbauvertrag. Er sieht unter anderem vor, dass sämtliche Unterhaltskosten von der Trägerin aufgebracht werden müssen, der auf Reemtsma zurückgehenden Stiftung. Wie man sich leicht denken kann, hat sie in Zeiten schlechter Kapitalverzinsung und niedriger Erträge ihre liebe Not, das erforderliche Geld aufzubringen. Andere städtische Institutionen, gerade auch die Museen, werden inzwischen geradezu angehalten, durch Vermietung ihrer Räume etwas zur Finanzierung beizutragen. Nur dem FrauenMediaTurm hat die Stadt das übelgenommen, bloß weil im Pachtvertrag steht, dass alle Fremdbelegungen genehmigt werden müssen. Diese Strenge fand ich schon bizarr. Aber denken wir positiv – und halten wir fest: Die Stadt Köln und Kölner haben allen Grund zum Stolz auf ihren Bayenturm mit allem, was dazugehört.

FrauenMediaTurm

Führungen finden am letzten Donnerstag im Monat – oder nach persönlicher Vereinbarung – statt. Voranmeldung erbeten.

Nutzung 2013:

  •    ca. 1000 Besucher (Benutzung der Bibliothek und Turmbesichtigungen)
  •    ca. 500 Fernleihen von Büchern und Aufsätzen
  •   ca. 110.000 Datenbankrecherchen

(alle Angaben: FrauenMediaTurm)