Kölsche Lösung hinter dem Dom

In den Tagen vor und nach Weihnachten möchte ich Sie in diesem Jahr zu einem Dom-Besuch animieren, bei dem Sie garantiert nicht an Corona-Schutzbestimmungen scheitern. Wir bewegen uns nämlich ausschließlich im Freien und sehen uns auf der Rückseite des Doms um. Wenn Sie auf dem Roncalliplatz stehen und Richtung Osten (Hohenzollernbrücke) gehen, sehen Sie an der Südfassade zurzeit eines der Gerüste, die jedem Domliebhaber das gute Gefühl geben: Es wird noch gebaut am Dom, die Welt geht nicht unter. Die linke Ecke, das erkennen Sie an den hellen Steinen, ist schon restauriert. An zwei Kapitellen sind dort der ehemalige Dompropst Norbert Feldhoff und ihm gegenüber eine Ihnen vielleicht bekannte Dombaumeisterin porträtiert. Welche Köpfe später einmal an der rechten Ecke zu sehen sein werden, gehört zu den Dom-Geheimnissen, die selbst mir verborgen sind.

Nur wenige Schritte weiter betreten Sie links vom Römisch-Germanischen Museum (RGM) einen seltsamen Bodenbelag aus Noppengummi. Der ist zwar nicht denkmalgeschützt, aber dennoch ein Monument für Praktiken, die man gemeinhin „kölsche Lösungen“ nennt. Beim Bau der Domplatte und des neuen RGM vor 50 Jahren musste die alte Bauhütte des Doms auf der Nordseite weichen. Es wurde beschlossen, sie auf die Ostseite zu verlegen. Die Werkstätten wurden 1969/70 zunächst unter der Domplatte an der Südostseite, zwischen dem Römisch-Germanischen  Museum und dem Domgrund, untergebracht.

Mit der Zeit wurde die technisch experimentelle Decke der Werkstätten aus Pappröhren, die in Beton gegossen wurden, undicht, und das Regenwasser begann hindurchzutropfen.  Mein Nachfolger Peter Füssenich hat mir auf Nachfrage bestätigt hat, dass es das übrigens bis heute tut, „oft sturzbachartig“, wie er mir sagte. Beschwerden darüber führten zunächst nur zu der Erkenntnis, zu der man als Kölnerin oder Kölner in solchen Fällen fast immer gelangt: Es war keiner zuständig. Um dem Missstand und den Beschwerden darüber irgendwie zu begegnen.

Problemverschärfend kam hinzu, dass ständig tonnenschwere Lkw mit Getränkelieferungen für das Restaurant des Museums Ludwig über die Freifläche fuhren, die für solche Lasten überhaupt nicht ausgelegt ist.

Als auf unsere ständigen Einreden weder das Tropfen noch das Liefern aufhörte, haben der damalige Dompropst Norbert Feldhoff und ich uns gesagt: „Jetzt reicht’s! Dann nehmen wir die Sache halt selbst in die Hand!“

Wir haben also ein paar abgebaute Steinblöcke vom Dom, die bei Instandsetzungsarbeiten ausgetauscht worden waren, als Durchfahrtssperren platziert. Im Anti-Terror-Kampf gibt es dafür heute wesentlich professionellere Modelle aus Beton. Aber für unseren Bedarf waren die Dom-Spolien völlig ausreichend. Der Ärger der Lieferanten war erwartungsgemäß groß, der Erfolg unserer Aktion aber auch durchschlagend: Die vorschriftswidrige Nutzung dieses Teils der Domplatte hatte ein sofortiges Ende.

Nicht gelöst war das Problem mit der undichten Decke. Regenwasser, das in den Raum tropft, ist ja nicht nur lästig, sondern auch gefährlich. Denken Sie an die Elektrik. Abhilfe schuf hier eine echt Kölsche Lösung: Der letzte Pächter des Weihnachtsmarktes hatte im Backstagebereich um den Dom immer einen Noppengummiboden ausgelegt. Es wurde dann beschlossen, ihn nach Weihnachten einfach liegen zu lassen. Das sollte dem Durchsickern des Regenwassers notdürftig etwas entgegensetzen – für die „paar Jahre“ bis zu einer ordentlichen Sanierung des Areals. Aber wie wir das in Köln kennen, liegt der Gummiboden bald zehn Jahre da.

Weltkulturerbe, Museumsbau, Domfragmente und schäbiger Gummi ergeben eine Mischung, die man mit Fug und Recht auch als Kölner Kombination bezeichnen darf. Mit der Sanierung des RGM gibt es nun berechtigte Hoffnung, dass auch das Areal um das Museum instand gesetzt wird. Peter Füssenich ist jedenfalls guten Mutes, dass seine Mitarbeitenden künftig nicht mehr im Regen stehen gelassen werden.

Wenn Sie dann einmal linker Hand über die halbhohe Brüstung schauen, fällt Ihr Blick zunächst gegenüber in die Glasrestaurierungswerkstatt. Dieser obere Teil der Dombauhütte entstand 1984. Ein Stockwerk tiefer arbeiten die Steinmetze, Schreiner und Schmiede. Sie können dort auch fertige Werkstücke für den Dom liegen sehen.

In der Bildhauerwerkstatt und davor sehen Sie Mauerstücke aus großen, unregelmäßig behauenen Bruchsteinen. Sie gehören zur früheren Privatkapelle des Erzbischofs und wurden erst beim Neubau der Dombauhütte entdeckt. Solche Kapellen für den Erzbischof, der in der Kathedralkirche selbst ja immer nur Gast des Domkapitels ist, waren in deutschen Bistumsstädten üblich. Am Dom zu Speyer ist eine von ihnen erhalten. Die Kölner Kapelle, in alten Grundrissen eingezeichnet, war Teil des karolingischen Vorgängerdoms aus dem 9. Jahrhundert. Hier haben sie also Mauerwerk vor sich, das annährend 1200 Jahre alt ist.

Noch ein Stück weiter Richtung Osten treffen Sie auf den Basaltkubus, in dem die oberen Werkstätten der Bauhütte untergebracht sind. Mein damaliger Stellvertreter, Domarchitekt Bernd Billecke (1952 bis 2012), hat diesen Bau entworfen. Die Dachbekrönungen mit Handwerkerfiguren, die sich im Wind drehen, stammen von dem Bildhauer Friedel Denecke. Die Figürchen, die jetzt wieder in langer Reihe an der Innenseite des Eingangs stehen und die verschiedenen Gewerke der Bauhütte symbolisieren, waren lange Zeit eingelagert, nachdem einige von ihnen gestohlen worden waren. Die Meisterschaft der Domdachdecker wird in der aufwendigen Bleiabdeckung der Bauhütte sichtbar. Ein Highlight für Liebhaber von Steinmetzarbeiten ist die Inschrift „Dombauhütte“. Die Buchstaben sind sozusagen als Kipp-Relief schräg in den Stein gemeißelt – extrem kompliziert, aber auch sehr dekorativ.