Juwel der Katedrale

Wenn die drei Weisen aus dem Morgenland heute mit der Bahn nach Köln kämen, fiele ihr Blick von der Hohenzollernbrücke hin zum Dom als erstes auf den Ostchor. Dort steht der berühmte goldene Schrein mit den Reliquien der Heiligen Drei Könige. Aber eine Art Schrein für den größten Schatz des Doms ist auch der Chor selbst. Er ist „das“ architektonische Juwel der Kathedrale, gebaut in den Jahren von 1248 bis 1260/65.

Köln_Ostchor

 

 

 

 

 

 

 

Haben Sie sich den Ostchor wirklich schon einmal ganz bewusst und aus der Nähe angesehen? Die Strebepfeiler unten um den Kranz der Chorkapellen, mit denen der Dombau im 13. Jahrhundert begann, sind noch relativ schlicht gehalten, ohne Verzierungen. Nur über den Fenstern sind Laubfriese eingearbeitet, und man sieht das schöne Maßwerk. Über dem Untergeschoss des Chors setzt dann ein deutlich aufwendiger gestaltetes Strebewerk an.

Man muss sich vielleicht noch einmal klarmachen, dass der gotische Innenraum mit seinen fast komplett in Fensterflächen aufgelösten Wänden statisch nur möglich war, indem man die gewaltige Last des Dachs und der Gewölbe nach außen auf die sogenannten Strebepfeiler ableitete, die mit der Kirchenwand durch Strebebögen verbunden sind. Das ist die geniale Lösung der gotischen Baumeister zur Bewältigung der Schwerkraft. Am Kölner Dom können Sie nun ganz wunderbar sehen, wie man aus einer statischen Hilfskonstruktion ein Kunstwerk gemacht hat. Das Strebewerk bestimmt ja nun völlig unzweifelhaft das äußere Erscheinungsbild des Chors. Und weil der Chor, zum Rhein hin gelegen, immer schon die Renommierseite des Doms war, wurde hierauf ganz besondere Sorgfalt und Raffinesse verwendet.

Schon im Mittelalter war es dann so, dass die „Stadtseite“ des Doms nach Süden hin weitaus reicher geschmückt war als die „Feldseite“ im Norden, an der die Stadtmauer entlang lief. Sie können auch am Strebewerk des Chors verfolgen, wie der Zierrat von Süden nach Norden – vereinfacht gesagt: von links nach rechts – hin abnimmt. An dieses Prinzip hat man sich dann auch bei der Gestaltung der Querhausfassaden im 19. Jahrhundert gehalten.

Ein Teil der Steine ist der originale Trachyt vom Drachenfels. Aber an der teils mitgenommenen Oberfläche erahnen Sie, dass es zu allen Epochen notwendig war, Teile des Mauerwerks auszutauschen. Das galt insbesondere seit der Zeit, als die Dampflokomotiven des 19. Jahrhunderts über die Hohenzollernbrücke in den neuen Hauptbahnhof schnauften und mit ihrem schwefelhaltigen Rauch die Luft verpesteten. Wir haben es dort also mit einem Stein-Mix zu tun.

Ganz am Ende des Chors zur Bahnhofseite hin ist zurzeit eine Achse eingerüstet – da startet mein Nachfolger Peter Füssenich einen Testlauf für eine gründliche Steinsanierung des Chors. Es kann übrigens sein, dass dann ausgerechnet die Steine wieder herausgeholt werden müssen, mit denen mit Schäden im mittelalterlichen Mauerwerk zu flicken versucht hat. Mit Steinen ist es wie mit Menschen: Nicht alle vertragen sich gut miteinander.

Über  den Strebepfeilern sehen Sie Baldachine, offene Häuschen, in denen Engelsfiguren stehen. Dieses Gestaltungselement hatten die Kölner Baumeister des Mittelalters von der Kathedrale im französischen Reims übernommen. Ursprünglich waren es Posaunenengel, die zum Weltgericht bliesen. Im 19. Jahrhundert wurden sie durch zwischen 1834 und 1838 durch musizierende Engel mit verschiedenen Instrumenten ersetzt. Die Entwürfe stammten vom Großmeister des Klassizismus, Karl Friedrich Schinkel. Die Ausführung besorgte der Bildhauer Wilhelm Josef Imhoff. Auch an diesen Figuren nagte der Zahn der Zeit. Ganz rechts musste einer 1968 komplett erneuert werden. Der Ersatz-Engel, den sie dort sehen, stammt von Erlefried Hoppe, der auch für die Engel am Vierungsturm des Doms verantwortlich zeichnet.

Wenn Sie Glück haben oder Ihren Rundgang zeitlich gut abpassen, fällt das Sonnenlicht auf das goldene Kreuz, das den Chor schon seit mehr als 700 Jahren bekrönt. Als es nach dem Krieg restauriert werden sollte, ging man in der Dombauhütte davon aus, dass es sich um ein Werk des 19. Jahrhunderts handelte. Doch dann stellte man fest, nein, es ist tatsächlich die originale Kupferschmiede-Arbeit aus dem Mittelalter. Eine kleine Sensation! Ein bisschen ausgebeult und frisch vergoldet, kehrte das Kreuz an seinen angestammten Platz zurück. Im Knauf solcher Kreuze befinden sich traditionell Erinnerungsstücke – Münzen, literarische Quellen und andere Zeugnisse – aus der Entstehungszeit. Diese Beigaben zu sichten, ist für Historiker eine gleichermaßen spannende wie dankbare Aufgabe.

Auf der Nordseite des Doms wurden zu verschiedenen Zeiten etliche Anbauten errichtet. Weil ich den (vor-)weihnachtlichen Frieden nicht stören will, schweige ich von den Betonbuden, auf die Sie unweigerlich stoßen, wenn Sie die Freitreppe vom Hauptbahnhof hochkommen. Reden wir lieber von der Domsakristei. Ihr erster, neugotischer Bauteil stammt aus dem 19. Jahrhundert, entworfen von Dombaumeister Richard Voigtel (1829 bis 1902). In die Fenster wurden zwei der schönsten mittelalterlichen Glasmalereien des Doms eingeglast. An diesen Sakristeibau hat Dombaumeister Willy Weyres (1903 bis 1989) für die Erschließung weiterer Nebenräume ein Treppenhaus angefügt, dazu auch den neuen Kapitelsaal samt einer kleinen Kapelle. Weyres verwendete dafür die von ihm geliebte Basaltlava, die er in einer zeittypischen Formensprache verarbeitete. Sehr schön finde ich die halbrund vortretende kleine Altarnische mit ihrem durchbrochenen und gewölbten 60er-Jahre-Relief[1], dessen Öffnungen mit Buntglasstreifen verschlossen sind.

Erst kürzlich hat mein Nachfolger Peter Füssenich die Bleiabdeckung erneuern lassen. Die alten Bleche hatten sich gesenkt und dabei die Regenrinne nach unten gedrückt. Hinter den schartenartigen Fenstern im Stockwerk darüber befindet sich die Nähstube des Doms, wo die liturgischen Gewänder der Domgeistlichen in Schuss gehalten und zum Teil auch gelagert werden. Auch einen Aufenthaltsraum für die Domschweizerinnen und Domschweizer gibt es da oben und Übungsräume für die Dommusik.