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Ausflugtipp für Köln-Verächter

Auf der Rheinuferstraße Richtung Süden weist ein Schild in der Höhe des Rheinauhafens auf das Bürgerhaus Stollwerck, einen echten Aktivposten in der Südstadt. Ein paar Schritte weiter kommt man in ein sehr schönes neues, gut durchgrüntes Wohnviertel – glücklich, wer hier so stadtnah und doch ruhig leben kann! In dem mittig gelegenen Platz stößt man dann unvermittelt auf ein eigenwilliges Ensemble: Aus einem gekachelten Betonsockel ragen riesige Maschinenräder aus Stahl heraus, die durch Achsen miteinander verbunden sind. Unweit davon steht ein rundes, durch farbige Klinker gestaltetes Architekturgebilde.

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Auf einer Tafel ist zu lesen, dass es sich um Reste der ehemaligen Stollwerck-Schokoladenfabrik handelt. Um deren geplanten Abriss gab es 1980 einen regelrechten Kulturkampf, von dem seinerzeit auch ich als Noch-nicht-Kölnerin Notiz nahm. Nach langem Ringen wurde die Anlage zur „Kulturfabrik Stollwerck“ umgewidmet. Der Kunstvermittler und Galerist Ingo Kümmel, der sich sehr für das Projekt engagierte, kam als Namensgeber für einen Teil des Geländes zu Ehren.

Mit der Zeit verschwanden die Fabrikgebäude, lediglich der sogenannte Annosaal blieb erhalten und wurde zu einem Wohnblock umgebaut. Das Bürgerhaus Stollwerck wiederum trägt zwar den geschichtsträchtigen Namen der Fabrik, ist aber im ehemaligen preußischen Heeresproviantamt untergebracht.

Einzige Relikte der für Köln so wichtigen Fabrik – und zugleich Erinnerung an die Geschichte ihres Endes – sind die erwähnten eingelassenen, rot angestrichenen Teile des Räderwerks, die als Kunstobjekt den Titel „Rädersaal“ tragen, und der Sockel eines Schornsteins. Sie werden unter anderem in dem Buch „111 Orte in Köln, die man gesehen haben muss“ erwähnt und müssen – alten Fotos zufolge – einmal sehr dekorativ gewirkt haben. Heute sieht die Anlage erbärmlich aus. Offenbar hat sich in den letzten 30 Jahren niemand um sie gekümmert. Der Sockel des „Rädersaals“ ist verwittert, Teile der Verkachelung fehlen, die Farbe ist verblasst, die Räder sind beschmiert.  Aus dem Schornsteinsockel wächst an vielen Stellen Unkraut. Ein provisorischer Bauzaun weist auf ein völlig marodes Gemäuer hin. Wenn das ein Ort sein soll, den man in Köln gesehen haben muss, dann richtet sich das vielleicht an Köln-Verächter.

Auf einen Hinweis kritischer Bürger hin wollte ich herausfinden, wer für den Unterhalt verantwortlich ist. Als regelmäßige Leser dieser Kolumnen ahnen Sie schon, was nun kommt: die organisierte Desorganisation.

Vom Stadtkonservator erhielt ich die Auskunft: kein eingetragenes Denkmal. Rolf Schramm von der Leitung des Bürgerhauses Stollwerck sagte mir: nicht unsere Sache. Das Liegenschaftsamt wusste zu berichten: Der Ingo-Kümmel-Platz, Flurstück 425, gehöre einer – aus Datengründen nicht zu nennenden – großen Wohnungsbaugenossenschaft. Möglicherweise gebe es auch ein Sondernutzungsrecht. Der Schornsteinsockel wiederum stehe auf Flurstück 376, das einer Wohnungseigentümergemeinschaft gehöre. Die „große Kölner Wohnungsbaugenossenschaft“ teilte mit: Flurstück 425 mit dem „Rädersaal“  sei als Parkgelände ausgewiesen und befinde sich – in städtischem Besitz.

Nach vielen Wochen Recherchen bin ich nun so klug als wie vorher. Und offenbar ist keiner in Köln für das Stollwerck-Monument zuständig. Genau so sieht es eben auch aus. Aber warum ist das keinem aufgefallen? Warum hat keiner etwas unternommen? Nicht das Bürgerhaus, vor dessen Haustür die Erinnerungsstücke an seinen Namensgeber stehen. Nicht das Grünflächenamt, das ja den umgebenden Park pflegt. Weder die Anwohner mit ihrer beneidenswerten Immobilie noch die Eigentümer der Hausgruppe, auf deren Gelände der Schornstein steht. Und auch nicht die Bezirksverwaltung Innenstadt, in deren Zuständigkeit das Areal fällt.

Viele Bürger engagieren sich auf lobenswerte Weise zu unser allen Gewinn für das Grün vor der Haustür. Aber niemanden interessieren die Denkmäler nebenan? Noch mag das nicht glauben. Mit dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege werden wir die Stollwerck-Erinnerungsstücke demnächst in der Reihe „Denkmal des Monats“ vorstellen. Wie wäre es, wenn sich bis dahin die Verantwortlichen für den Erhalt von Rädersaal und Schornsteinsockel bei mir melden und wir gemeinsam über eine Verbesserung des Zustands beraten? Die Erinnerung an die Schokoladenfabrik und den Kampf um ihren Erhalt sollte – anders als die Gebäude – nicht untergehen.