Kölns erste Denkmalpfleger

Wie die Heiligen Drei Könige die Geburtskirche in Bethlehem retteten - Das Gebäude muss dringend saniert werden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 27. August 2016 Seite 26

 

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In der schier endlosen Reihe der Partnerstädte Kölns hat Bethlehem den engsten Bezug zur Stadt – und zum Kölner Dom. Hier endete 1164 die lange Reise der Heiligen Drei Könige, die mehr als 1000 Jahre zuvor auf die Suche nach dem neugeborenen König der Juden gegangen und im Stall von Bethlehem fündig geworden waren. Und so wie der Dom der Inbegriff Kölns ist, verbindet sich der Name Bethlehem fast automatisch mit der Geburtskirche. Sie wurde auf Geheiß der heiligen Helena, der Mutter Kaiser Konstantins und großer Reliquiensammlerin vor dem Herrn, im 4. Jahrhundert an dem Ort errichtet, wo Maria laut uralter Überlieferung das Jesuskind zur Welt gebracht hatte. Die Bibel weiß zwar nur etwas von einer „Krippe“ zu berichten. Aber die stand damals gewiss nicht in einem Stall, sondern – wenn überhaupt – in einer Höhle. Dort nämlich hausten im Nahen Osten die Hirten.  Und über solch einer Höhle erhebt sich Geburtskirche, das älteste kontinuierlich genutzte christliche Gotteshaus im Heiligen Land.

Sie weist seit ihrer Erneuerung im 5. Jahrhundert eine Besonderheit auf: die erste bekannte Choranlage mit drei halbrunden Konchen. Diesen Architekturtyp, besser bekannt als „Kleeblatt-Chor“, übernahmen Kölner Baumeister im 11. Jahrhundert bei der Errichtung von St. Maria im Kapitol. Sie folgten dabei nicht nur einem vagen mittelalterlichen Begriff von Ähnlichkeit, sondern fertigten eine maßstabgerechte Kopie an: Wenn man die Grundrisse übereinander legt, dann erweisen sie sich auf frappierende Weise als deckungsgleich. Das ist spannend, weil die Kölner mit dem Bau auch einen inhaltlichen Anspruch formulierten: Ihre Marienkirche sollte es dem „Mutterheiligtum“ im Heiligen Land gleichtun. Die Kölner Erzbischöfe übrigens feierten fortan jedes Jahr an Weihnachten die erste Messe zum Fest in Maria im Kapitol.

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Dem rheinischen Sinn für plastische Architektur kam der Kleeblatt-Chor der Kirche offenbar sehr entgegen. Er findet sich zum Beispiel auch in Groß St. Martin, St. Aposteln und St. Andreas wieder. So hat Köln der Geburtskirche in Bethlehem viel zu verdanken. Das gilt aber auch umgekehrt. Wie die Legende erzählt, blieb die Geburtskirche bei der Besetzung Palästinas durch die Perser im Jahr 614 verschont, weil sich die Eroberer in einem Mosaik der drei Weisen aus dem Morgenland über dem Eingang der Kirche wiedererkannten. Die drei Kölner Stadtpatrone waren somit auch die ersten Kölner Denkmalpfleger.

Deren Hilfe hätte die Geburtskirche auch heute bitter nötig. Besonders die wertvollen Mosaiken aus der Kreuzfahrer-Epoche sind in einem erbärmlichen Zustand. Schuld daran tragen ausgerechnet die Hüter der Kirche. Das ganze Areal ist seit 1757 exakt zwischen den rivalisierenden christlichen Konfessionen aufgeteilt. Das hält  Griechisch-Orthodoxe, Armenier und Katholiken aber bis heute nicht von Eifersüchteleien und Kompetenzstreitigkeiten ab, die so beschämend wie widersinnig sind: Im Nahen Osten geht die Welt unter, aber die Christen zanken darüber, wem welcher Altar gehört. Absurd! 2007 und 2011 kam es vor Weihnachten sogar zu Handgreiflichkeiten, so dass die Polizei einschreiten musste. Und die Armenier verhinderten über Jahre eine Renovierung des maroden Kirchendachs, weil es „Lateiner“ – gemeint sind Katholiken – gewesen wären, die das Geld dafür gegeben hätten. Lieber sahen diese Herrschaften tatenlos zu, wie das Regenwasser die Wände herunterlief. Ergebnis: Die Mosaiken des 12. Jahrhunderts waren mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit versintert, also mit einer Kruste aus Kalk und Schmutz überzogen! Noch so eine unbegreifliche Absurdität!

Dass 2013 endlich eine Sanierung in Gang kam, ist ausgerechnet der palästinensischen Autonomiebehörde zu verdanken. Sie erreichte die Aufnahme der Geburtskirche ins UNESCO-Weltkulturerbe und zugleich den Eintrag in die Rote Liste gefährdeter Denkmäler. Inzwischen arbeitet ein italienisches Konsortium an der Restaurierung der Kirche. Ob diese je bis in die Geburtsgrotte vordringt, deren Wände die Armenier notdürftig mit silbrig glänzenden Tüchern verhängt haben, ist allerdings höchst ungewiss. Wahrscheinlich sind an diesem hochheiligen Ort selbst die Pilzkulturen sakrosankt. Also, ich kann mir nicht helfen: Ich finde Schimmel nicht heilig, sondern eklig.

Im 20. Jahr seines Bestehens wollte sich der bewundernswert rege Städtepartnerschaftsverein Köln-Bethlehem mit seinem scheidenden Vorsitzenden, Alt-Präses Manfred Kock, gemeinsam mit der Stadt Köln eigentlich um die Geburtskirche verdient machen und die Restaurierung des Drei-Königen-Mosaiks finanzieren. Doch ausgerechnet dieses Kunstwerk, das vor 1400 Jahren die Kirche rettete, ist unrettbar verloren. Das macht die Dringlichkeit der Aufgabe umso deutlicher. Und es bleibt noch viel zu tun.