Tohuwabohu in Alu und Blech

Die Stadt propagiert das Radfahren, hat aber keine Lösung für das zunehmende Problem des Wildparkens gefunden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 11. Juli 2016

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Radfahren ist ein Thema in dieser Stadt. Die Oberbürgermeisterin will „den Menschen die Stadt zurückgeben, in dem wir sie ein Stück weit vom Autokollaps befreien“. Neue Radwege sollen her, bessere Ampelschaltungen, weniger Autoparkplätze. Der Verkehrsminister unseres Landes, Michael Groschek, fährt eigens nach Chicago und schaut sich innovative Konzepte für „stressreduzierte Radwege“ an. Solche „Protected Bicycle Lanes“ empfiehlt er auch dem „lebenslustigen, modernen“ Köln, selbst wenn der Verkehrsdezernent sie offenbar hässlich findet. Im Stadthaus liegen jede Menge Prospekte aus, die aufs Radfahren Lust machen sollen, und überall mischt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) mit.

F_7Nichts dagegen, dass Sie mich da ja nicht falsch verstehen! Ich bin selber auch mit dem Rad unterwegs und finde es völlig Okay. Jedes Auto weniger im Zentrum ist ein Mehrwert für die Stadt und ihre Bewohner. Ein Problem allerdings wurde bisher offenbar nicht gesehen oder zumindest nicht gelöst: Steigt der Radfahrer ab, löst sich sein Gefährt ja nicht in Wohlgefallen auf. Er muss es also irgendwo abstellen. Und beim Wort „irgendwo“ beginnt mein Unbehagen. Als ich mir neulich mal wieder bewusst die neue, schicke U-Bahn-Haltestelle Breslauer Platz angesehen habe, sprang mir diese Unmenge geparkter Fahrräder ins Auge, die sich wie eine Endmoräne um die Haltestelle herum ergießt und auf die Platzfläche schiebt. Ein einziges Tohuwabohu in Alu und Blech.

Nachdem mir das erst mal aufgefallen war, das kennen Sie bestimmt auch von sich selbst, habe ich angefangen, überall das Gewusel zu entdecken. Die ganze Stadt ist voll von Rädern: an Laternenmasten, an Verkehrsschildern, an Zäunen, Geländern, Schaukästen, sogar an der Hinweistafel mit den Gottesdienstzeiten am Dom.

Sicher, es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Fahrradständern, die mehr oder weniger gut genutzt werden. Ich habe auch schon Räder gesehen, die zwei Meter neben einem solchen Ständer an einen Laternenmast gekettet waren. Manchmal so geschickt, dass weder mit Kinderwagen noch mit Rollator ein Durchkommen ist.

Ich sehe gerade, wie der Herr Frank vom Stadt-Anzeiger, dem ich immer meine Kolumnen diktiert, mich missbilligend anguckt und den Kopf schüttelt. Kein Wunder, als er vorhin mit seinem Rad angefahren kam, hat er es am Breslauer Platz auch direkt an einem Geländer festgemacht. Und jetzt muss er sich anhören, dass ich ihn für die Stadtbildverschandelung mitverantwortlich machte.

Aber ich meine gar nicht ihn persönlich oder irgendeinen einzelnen Radler. Mir geht es ums Grundsätzliche: Wenn man das Radfahren so propagiert, wie das zurzeit in dieser Stadt geschieht, sollte man auch darüber nachdenken, was mit den Rädern im „ruhenden Verkehr“ passiert. An jeder freien Stelle einen Fahrradständer aufzubauen, macht die Stadt ja auch nicht schöner.

Ein erster Schritt könnte es sein, in jedem städtischen Parkhaus ebenerdig ein Extra-Areal für Fahrräder einzurichten, das leicht erreichbar ist und möglichst nahe am Ausgang liegt. Und bei jedem neuen Gebäude, das in der Stadt genehmigt wird,  müsste selbstverständlich eine Abstellfläche für Räder eingeplant werden, so wie ja auch Parkplätze für Autos vorgesehen sein müssen.

In anderen Städten, Freiburg oder Münster zum Beispiel, gibt es direkt vor dem Hauptbahnhof ein großes, helles verglastes Fahrrad-Parkhaus. Effekt: Die Räder landen dort und nicht im öffentlichen Raum. In Köln hat man das auch probiert, die Radstation aber an die schmuddeligste Stelle im ganzen Bahnhofsbereich verfrachtet. Ob mein Eindruck stimmt, dass sie deshalb eher ein Schattendasein fristet? Herr Frank wendet ein, dass man für die Stellplätze bezahlen müsse. Das mache sie nicht sonderlich attraktiv. Stimmt! Aber auch auf die Gefahr, dass ich mich bei meinem Chronisten und den radelnden Lesern unbeliebt mache: Vielleicht wird man langfristig und generell nicht um eine geringe Gebühr  herumkommen. Für einen sicheren Parkplatz ein paar Cent zu zahlen, das sollte es einem schon wert sein. Zumal bei dem Geld, das viele Leute für ein gutes Rad oder gar ein E-Bike hinlegen.

Ich will also  um Gottes willen nicht das Radfahren abschaffen oder eindämmen. Nur: Wenn  ich mich um den Hauptbahnhof herum und an vielen anderen Stellen der Stadt umgucke, komme ich zu dem Schluss: So kann es nicht weitergehen. Und auch wenn Herr Frank mir jetzt entgegenhält, dass eine Stadt voller Räder doch sympathisch sei; dass sie für die moderne, mobile Gesellschaft im Zeitalter nach Benzin und Diesel  stehe; und dass das bisschen Zweirad-Chaos im Vergleich zur Schadstoffbelastung durch den Autoverkehr doch eine Lappalie sei – ich finde trotzdem, dass ein geordneter Stadtraum auch in der „Post-Kfz-Ära“ seine Bedeutung hat. Sorry, Herr Frank! Vielleicht können wir uns ja zumindest darauf verständigen, dass man zwei  Fehler tunlichst vermeiden sollte. Erstens: ein Problem gegen das andere auszuspielen. Und zweitens: die Dinge laufen zu lassen und sich mit dem Wildparken abzufinden, statt nach besseren, stadtbild-verträglicheren Lösungen zu suchen. Ich glaube, da hat man sich einfach noch nicht genügend Gedanken gemacht.


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