Domumgebung

Aufgezeichnet:  Joachim Frank  Joachim Frank Joachim Frank
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Nirgends ist diese Stadt so bei sich selbst wie rund um den Dom. Köln kann groß – und schafft dann nicht mal artig. Köln will schön sein – und kriegt oft nur schaurig hin. An einem sonnigen Wochenende lässt das pulsierende Treiben auf der Domplatte erkennen, wie attraktiv Köln ist. Ich mag ja das Gewusel und Gewimmel. Ich finde, es passt zum Kölner Lebensgefühl. Ein echtes Plus für die Besucher, Sie gestatten mir dieses Eigenlob, ist die neu gestaltete Südseite mit dem Zugang zu den Domtürmen. Wenn ich da noch an die völlig versiffte Terrasse hinter dem Betonkiosk denke – das beliebteste Freiluft-Urinal der ganzen Innenstadt! Ich sage jetzt nicht, auf wie viele Liter pro Tag wir in unseren Hochrechnungen kamen. Es war das reine Grausen. Nun wünschte ich mir noch, dass man irgendwann wieder die Freitreppe zum Dom an der Südseite öffnen könnte, auf der die Leute dann Gelegenheit zum Sitzen und Sonnen hätten. Aber bislang ist wohl die Sorge vor den Schmierfinken und urbanen Vandalen zu groß. Schade drum!

Der noch größere Gewinn ist die neue Anlage an der rückwärtigen Seite des Doms zum Hauptbahnhof mit Baptisterium und Domherrenfriedhof. Und auch die Ecke zwischen Museum Ludwig und Römisch-Germanischem Museum (RGM) ist inzwischen deutlich aufgewertet, um nicht zu sagen, richtig schön geworden. Aber gleichzeitig schafft es diese Stadt, den Durchgang zum Roncalliplatz zwischen Dombauhütte und RGM seit Jahr und Tag zu behandeln wie ein Gässchen irgendwo in einer Industriebrache. Der Noppenbelag aus Gummi ist das, was Köln gern „Tradition“ nennt: eine Kombination aus Provisorium und Schlendrian. Gefühlt 20 Jahre lang ist der Boden undicht, so dass die darunter liegenden Werkstätten der Dombauhütte eine einzige Tropfsteinhöhle sind. Und ebenso lang lässt die Stadt die Sache laufen – passender Weise dort, wo alle Besucher gelaufen kommen, die von der Messe in Deutz über die Hohenzollernbrücke in die Stadt möchten.

Gehen wir über den Heinrich-Böll-Platz einmal diesem tagsüber unentwegt fließenden Besucherstrom entgegen! Der Riemchen-Boden aus roten Ziegeln, Teil des Kunstwerks „Ma’alot“ von Dani Karavan, ist auch so ein Fall von „gut gemeint, schlecht gemacht“. Die in den 1980er Jahre lose verlegten Ziegel sollten durch abgelagerten Staub und Sand auf Dauer Halt bekommen. Die Architekten sagen immer, das scheitere an den Kehrmaschinen der Stadt. Aber es ist schon eine rührende Annahme, dass ein Platz dieser Dimension von Hand mit dem Besen gefegt werden würde.

Mit dem Weg hinunter zur Rheinpromenade beginnt dann die Expedition ins Ärgernis.Scheinbar vergessene, durch Bauzäune abgetrennte Wiesenstücke vor dem Sockel der Hohenzollernbrücke signalisieren Desinteresse am Erscheinungsbild dieser Filetflächen. Die Brückenunterquerung – notorisch verschmiert, der Deutschen Bahn ist bekanntlich alles egal –  führt auf der Südseite zu einem Höhepunkt städtebaulichen Desasters oder auch an den Tiefpunkt stadtplanerischer Versäumnisse, ganz wie Sie wollen: ein unasphaltierter Parkplatz, in dem sich bei Regen riesige Pfützen bilden; ein Durcheinander verschiedener Bodenniveaus; das Chaos am Busbahnhof; dazu noch der ungeschlachte Klotz des Kommerz-Hotels aus den 1960er Jahren, von dem seit langem die Rede geht, er solle verschwinden. Natürlich wissen die Eingeweihten, dass diese Misere mit der ungeklärten Zukunft des Musical-Domes zu tun hat: ein Provisorium, das in Köln längst zum Dauerzustand…  – aber ich wiederhole mich.

Ganz schlimm sind auch die beiden Autotunnel stadtein- und -auswärts hinter dem Hauptbahnhof mit ihren vergammelten Kacheln und einem Mauerwerk, an dem seit dem Krieg keiner mehr Hand angelegt zu haben scheint. Getoppt aber werden sie noch von der Johannisstraße, die unter der Gleisanlage die Bahnhofsnordseite mit der Domzufahrt verbindet. Was ließe sich mit ein bisschen Gestaltungswille aus diesen paar Metern machen! Sie könnten die Fußgängertrasse in die Altstadt schlechthin werden – angenehm breit, hinreichend hell und offen. Aber so schmuddelig, verwahrlost und unwirtlich, wie die Passage derzeit ist, schieben sich die Leute lieber durch die Bahnhofshalle. Bloß weg aus dieser grauenhaften Zone – für mich ganz klar die Minus-Ecke der gesamten Domumgebung!

Der Breslauer Platz versucht, dagegenzuhalten und etwas Eleganz zu zaubern. Aber irgendwie fremdelt die schöne, moderne Anlage noch mit ihrer Umgebung, wirkt nicht wirklich integriert, eher ein bisschen wie vom Himmel gefallen. Vielleicht ändert sich das, wenn erst einmal die Neubauten am östlichen Platzrand fertig sind.

Durch den Hauptbahnhof und über den Bahnhofsvorplatz, wo nur mehr die größere Zahl von Polizisten und ihre VW-Transporter indirekt an die Silvesternacht gemahnen, geht es über die Trankgasse wieder in Richtung Domplatte. Bevor Sie aber dort ankommen, werden Sie noch einmal unweigerlich in ein Kölner Kuddelmuddel erster Güte geraten. Es sei denn, sie bummeln nachts. Zu den üblichen Tagzeiten aber kommt es an der Zufahrt zum „Excelsior“, die keineswegs bloß von Hotelgästen genutzt wird, und eine Ecke weiter an den beiden Ampelübergängen zum Dom ständig zu Verstopfungen, ja fast zum Zusammenbruchs des Verkehrs. Ich finde, das ist eine Zumutung für Einheimische und Gäste. Mit einer klareren Gestaltung der Fußgängerwege und einer besseren optischen Führung, etwa durch einheitliche Pflasterung des Zuwegs zum Domforum und zum Café Reichard, ließe sich da schon etwas machen.

Und noch einen kleinen, aber wirkungsvollen Kniff hätte ich im Angebot. Als Kölner kennen Sie bestimmt die rot-weißen Plastikgatter, die an ständig wechselnden Stellen vor dem Dom stehen. Das kommt daher, dass die hier verlegten Bodenplatten zu dünn geschnitten sind. Deshalb brechen ständig welche oder schieben sich bei starken Temperaturschwankungen übereinander. Die zuständige Firma stellt dann die besagten Gatter auf, zum Schutz der Passanten, aber auch – etwaige Schadensersatzansprüche vor Augen – zur Eigensicherung. Da ein neues Pflaster für die Domplatte bis auf Weiteres allenfalls ein frommer Wunsch bleiben dürfte, müssten die – Sie wissen, was jetzt kommt – provisorischen Reparaturarbeiten zumindest so getaktet werden, dass die Absperrungen an den Wochenenden verschwinden. „Rut un wiess, wie lieb ich dich…“ – aber doch bestimmt nicht so.