Wo ist hier die Folterkammer?

Mit Ritterburgen ist es wie mit Eisenbahnen: sie sind meist Jungssache. Trotzdem ist unsere Autorin seit drei Jahren leibhaftige Herrin der einzigen Rheinburg, die nie zerstört wurde.

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 29. Juni 2016

Marksburg

 

 

Wenn ich vor Freunden und Bekannten angeben will, dann sage ich: „Besucht mich doch mal auf meiner Burg!“ – Ja, kennen wir, werden manche denken: „My home is my castle“ und so weiter. Aber tatsächlich bin ich seit 2013 Herrin einer originalen mittelalterlichen Burg mit Bergfried, Rittersaal, Waffenkammer, Verlies und Folterkeller. Also gut, letzteres ist ein bisschen geschummelt. Doch davon später mehr.

Die Marksburg liegt hoch über der Ortschaft Braubach am Mittelrhein, etwas üsdlich von Koblenz.. Sie wurde im 13. Jahrhundert errichtet und als einzige der zahlreichen Rheinburgen nie zerstört. Das gehört zu ihrem besonderen Reiz: Sie sieht aus, wie so eine richtige Ritterburg nun mal auszusehen hat. Trotzdem ist die Marksburg in der Region gar nicht so bekannt. Ich behaupte mal, es kommen mehr Amerikaner her als Kölner. In den USA boomt der Tourismus mit Flusskreuzfahrten auf dem Rhein. Ein einziger großer Anbieter steuert die Marksburg mit 500 bis 600 Schiffen an, die allein ein Drittel der jährlich 185.000 Besucher bringen. Sie tragen mit ihren Eintrittsgeldern wesentlich zum Erhalt und Betrieb der Burg bei, die der 1899 gegründeten Deutschen Burgenvereinigung gehört. Im 19. Jahrhundert waren viele Burgen ihren damalig Besitzern lästig geworden. Sie waren unwirtlich und teuer, ständig fielen irgendwo Steine herunter und wirklich nutzbar waren sie in seltenen Fällen. Deshalb wurden viele Burgen zum Abbruch verkauft. Dagegen wandten sich denkmalbewusste Zeitgenossen wie der in Bremen geborene Architekt Bodo Ebhardt. Am preußischen Hof hielt er Vorträge im allererlauchtesten Kreise. Damit lenkte er die Aufmerksamkeit Kaiser Wilhelms II. auf die mittelalterlichen Burgen. 1900 konnte Ebhardt die Marksburg vom preußischen Staat übernehmen.

Die Burgenvereinigung war ursprünglich ein ganz elitärer Zirkel von Blaublütigen, die sich Erforschung und Erhalt der deutschen Burgen zum Ziel setzten. Vielen von ihnen hatten selber eine im Familienbesitz, später kamen Neueigentümer dazu, dann auch Wissenschaftler und ganz normale Leute – wie ich. Heute sind sie mit 52 Euro Mitgliedsbeitrag dabei. Bei den Ritterburgen ist es ja so ähnlich bei den Eisenbahnen: Sie sind meistens Jungssache. So wurde ich 1989 tatsächlich erstes weibliches Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Burgenvereinigung, nachdem ich  vor diesem forscherkreis einen Vortrag über Burgenmodelle im Kunstgewerbe gehalten hatte. Den Dreh fanden die Herren irgendwie gut: „So was hatten wir ja noch nie“, sagten sie und holten mich in ihren Club.

 

Burgenforscher sind ein streitbares Völkchen. Irgendwie scheint die Beschäftigung mit solchen martialischen Objekten sich auf den Charakter auszuwirken. Jedenfalls verkrachte sich der Beirat heillos darüber, ob die Marksburg verputzt werden sollte oder nicht. Es kam zur Spaltung und zum Austritt vieler Beiratsmitglieder. Der Rest trat die Flucht nach vorn an und wählte 1992die einzige Frau im Gremium zur Vorsitzenden – nach dem Motto, anders kommen wir hier jetzt nicht weiter. In diesem Job habe ich wirklich gelernt, mit gruppendynamischen Prozessen umzugehen. Im Ergebnis beruhigten sich die Gemüter nach und nach. Als Vorsitzende des Beirats rückte ich auch in die Spitze der Burgenvereinigung auf, war erst Mitglied des Präsidiums und später Vizepräsidentin. Meine Zeit als Dombaumeisterin war kaum beendet, als der Präsident der Burgenvereinigung anrief sagte: „So, jetzt müssen Sie das hier machen!“ Ich konnte mich nicht heftig genug wehren, auch wenn ich nicht die Idealbesetzung bin. Denn tatsächlich erwarten viele Mitglieder bis heute, dass der Präsident/die Präsidentin einen Adelstitel oder zumindest eine Burg besitzt. Ich habe von Haus aus weder das eine noch das andere. Aber als  Präsidentin der Burgenvereinigung bin ich automatisch Herrin der Marksburg, und der Burgvogt ist mein Geschäftsführer.

Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist Lobby-Arbeit für die zehn Prozent unserer Mitglieder mit eigener Burg. Sie denken wahrscheinlich: Das müssen Leute mit sehr viel Geld sein. Meistens ist das Gegenteil der Fall: Ein Burgbesitzer braucht sehr viel Geld – und Hilfe vom Staat. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft soll mal gesagt haben: Wir sind doch nicht dafür da, dass Schlossbesitzer sich ihre Einfahrt neu bekiesen lassen. Die Probleme liegen ganz woanders. Ein gutes Beispiel sind die neuen Wärmeverordnungen. Dämmung mit Styropor mag für Privathäuser ja sinnvoll sein. Bei einer bewohnten Burg ist das schwierig. Aber glauben Sie mal nicht, dass Abgeordneten von sich aus darauf kommen. Als Burgenvereinigung müssen wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass alte Burgen als Geschichtszeugen und optisch wirksame Objekte unserer Landschaft  halt etwas sehr Spezielles sind – nochmal ganz was anderes als ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus in der Altstadt.

Unser zweites großes Feld ist die  Inventarisierung. Wir gehen auf dem Gebiet der Bundesrepublik von 25.000 bis 30.000 Burgen und Schlössern aus. Ein Drittel davon gibt es noch. Wobei „gibt es“ ein dehnbarer Begriff ist. Manchmal sind es nur ein paar Bodenwellen in einem Waldstück oder ein Geländeschatten auf einem Luftbild. Von etlichen ehemaligen Burgen dagegen existieren nur mehr Hinweise in schriftlichen Quellen. Trotzdem gehen sie alle in unsere elektronische Datenbank ebidat.eu ein, die inzwischen fast 5 000 Einträge aus Deutschland und ganz Europa enthält. Finnland ist schon komplett erfasst. Da gibt’s aber auch nur 14 Burgen.

Testlauf für die systematische Erfassung in Deutschland waren alle Burgen in NRW. Das hat in drei Jahren gut geklappt. Wir wissen also, es geht. Einen Teil von Württemberg und Hessen haben wir inzwischen auch schon. Zurzeit werden die Burgen in Niedersachsen erfasst.. Dabei geht es natürlich immer um die Finanzierung. So etwas Wunderbares wie die NRW-Stiftung haben andere Bundesländer leider nicht. Darum ist es ausgesprochen schwierig, an Gelder zu kommen, zumal für streng wissenschaftliche Zwecke. Da ist dann doch der Hang der Politik zur Popularität spürbar. Fast das gesamte öffentliche Geld geht inzwischen an die Event-Kultur. Eine „Burgen-App“, die fänden auch noch viele super, wir auch.Aber eine App macht ja nur Sinn, wenn vorher die Daten entsprechend erfasst und aufbereitet worden sind. Also stricken wir unsere Anträge so, dass der wissenschaftliche Teil des Unternehmens darin fast versteckt ist.

Ebidat bietet zu jeder darin enthaltenen Burg möglichst umfassende Informationen, über die jeweilige Geschichte und das aussehen, aber eben auch touristische: Parkplätze, Führungen, Gastronomie, Toiletten. Wir hatten mal einen Wissenschaftler in unserem Team, der doch tatsächlich meinte, das sei nun unter seiner Würde. Wenn er solche Daten eingeben müsse, dann streike er.  Dennoch findet der Benutzer solche Angaben. Man kann mit Ebidat z. B. feststellen, wo ist die nächstgelegene Burg auf der man Kaffee trinken kann.

So halten wir es auch für die Besucher der Marksburg.

Wir legen großen Wert darauf, dass sie nicht den üblichen Burgen-Unsinn erzählt und vorgeführt bekommen. Unser Rittersaal  zum Beispiel ist nicht vollgestellt mit Rüstungen oder Waffen. Dieses ganze Gerät wurde natürlich in der Waffenkammer aufbewahrt. Der Rittersaal hingegen war eher spartanisch eingerichtet.

Überhaupt geistern viele Klischees durch die Köpfe – von skrupellosen Raubrittern, die die armen Bauern ausplünderten, sich niemals wuschen und im Wesentlichen mit ihrem Keuschheitsgürtel beschäftigt waren. Daran ist immer auch etwas Wahres. Aber im Wesentlichen war zum Beispiel das Verhältnis zwischen einem adligen Burgherrn und der Landbevölkerung ein sehr enges, symbiotisches; fast könnte man es ein Geschäft auf Gegenseitigkeit nennen: Die Bauern versorgten die Burg, und der Ritter bot ihnen dafür seinen Schutz.

In der Zeit, als der Burgenbau boomte, gab es fast keine Leibeigenschaft mehr und auch keinen Frondienst. Das heißt, die Arbeiter mussten entlohnt werden. Burgenbauen war ein lukrativer Job, und ein langfristig sicherer obendrein. Schließlich dauerte es im Schnitt  gut und gern fünf, sechs Jahre, bis so eine Burg stand.

Für unsere Gäste heute ganz wichtig: der Gruselfaktor. Wo ist denn hier nun die Folterkammer? Wo ist das Verlies? Da sind wir  – um ehrlich zu sein – ein bisschen in Verlegenheit: Die meisten Burgherren hatten im Mittelalter nur die niedere Gerichtsbarkeit für Diebe oder ähnliche Missetäter. Diese wurden aber weder gefoltert noch jahrelang eingekerkert. Dauerhaft hielten die Burgherren höchstens hochrangige, zahlungsfähige Geiseln fest. Bis ein Lösegeld gezahlt wurde, saßen freilich auch diese Gefangenen nicht etwa in einem finsteren Kellerloch. Was heute gern als „Verlies“ gezeigt wird, meistens im Untergeschoss des Burgturms, wurde tatsächlich eher als Tresorraum genutzt für Waffen oder wertvolle Vorräte, die nicht gestohlen werden konnten, weil der Aufbewahrungsort eben nur von oben zugänglich war. Aber das Bild eines in Ketten gelegten, dahinvegetierenden Häftlings ist natürlich viel eindrucksvoller.

Deshalb haben auch wir zur Freude der Touristen eine „Folterkammer“. Aber in der etwa einstündigen Burgführung sagen wir  immer gleich dazu, dass es sich in Wahrheit um den ehemaligen Pferdestall handelt,  was man an der hohen Pforte noch sehen kann. Streng genommen, bieten wir nur eine kleine Schau kriminaltechnischer Instrumente, an denen wir den Unterschied zwischen Folter- und Strafgeräten zeigen. Eine Streckbank zum Beispiel war nicht zur Bestrafung dar, sondern zur ‚Wahrheitsfindung‘. Indizienprozesse gab es nicht. Deshalb musste der Delinquent ein Geständnis ablegen, das man ihm in der Folter abpresste. Das berüchtigte Rädern hingegen war keine Folter, sondern eben eine Strafe. Ähnlich wie der Pranger oder die Schandmaske für Lügner – Ehrverlust galt den Menschen des Mittelalters als besonders schlimme Strafe.

Vielleicht haben Sie ja Lust auf einen Ausflug an den Mittelrhein mit einem Besuch auf der Marksburg bekommen. Sollte ich dann auch gerade da sein, zeige ich Ihnen gern meinen Schlüssel zur Burg: Mit seinen 25 Zentimetern ist erlänger als die Schlüssel zum Kölner Dom.

Alles über die Deutsche Burgenvereinigung, auch Mitglied werden, unter www.deutsche-burgen.org

 

Die Marksburg, ursprünglich Burg Braubach, wurde im 13. Jahrhundert errichtet. Urkunden und  dendrologische Proben von dem beim Bau verwendeten Holzbalken erlauben eine Datierung des Baubeginns auf das Jahr 1231. Der romanische Palas stammt von 1239, der 39 Meter hohe Wehrturm aus dem Jahr 1373. An ihm sollten im Falle einer Belagerung Geschosse abprallen, die von schräg gegenüber mit Armbrüsten oder Katapulten abgefeuert worden wären. Kanonen wurden erst später – seit der Schlacht von Bacharach 1380 – eingesetzt. Vom Ende des 16. Jahrhunderts an wurde die mittelalterliche Hochburg systematisch zur Festung ausgebaut. Die Marksburg, benannt nach dem Evangelisten Markus als Patron der Burgkapelle, war durchgehend bewohnt. Das erklärt ihren hervorragenden Erhaltungszustand. Zudem konnte sie als echte Gipfelburg nicht direkt beschossen werden.

Praktische Infos:

Die Marksburg liegt auf der rechten Rheinseite, südlich von Koblenz und ist täglich von 10.00 -17.00 Uhr geöffnet.

www.marksburg.de

 

Ebidat.eu ist ein von den wissenschaftlern in Der DBV entwickeltes Inventarisierungsprogramm mit dem alle Burgen und Deutschland und darüger hinaus erfasst  und im Internet präsentiert werden sollen. Daran wird intensiv gearbeitet, wenn es auch immer ein Kampf und die Finanzierung ist. www.ebidat.eu

 

Die unterhalb der Marksburg am Rheinufer gelegene Philippsburg wurde zur Zeit der Renaissance als Wohnsitz für den damaligen Burgherrn,  Landgraf Philipp II. von Hessen, errichtet und nach ihm benannt. 1997 kam sie in den Besitz der Deutschen Burgenvereinigung und beherbergt heute deren Burgen-Institut mit der europaweit größten Spezialbibliothek für Burgen und Schlösser. Diese umfasst neben mehr als 35.000 Bänden ein  umfangreiches Planarchiv. (jf)