Rückkehr zur lebenswerten Stadt

Neuer Sammelband zeigt aktuelle Bauprojekte - Zuversichtlicher Blick in die Zukunft

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 22. April 2016

Was ich Ihnen heute zeigen möchte, liebe Leserinnen und Leser, das finden Sie so an keiner Stelle Kölns. Oder an ganz vielen, nämlich in jeder Buchhandlung. Das Dezernat für Stadtentwicklung und das Haus der Architektur haben Anfang April einen Sammelband zu allen Bauprojekten veröffentlicht, die in Köln derzeit betrieben werden oder geplant wind. Dieses Buch hat mir unglaublich viel Freude gemacht. Es kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Mitten hinein in die gegenwärtige Depri-Phase unserer Stadt, in der die lähmende Opern-Misere ja nur eines von vielen Leiden ist, sendet dieses Buch die Botschaft: Köln kann etwas! Und Köln hat Zukunft! Beim Blättern und Lesen bekommt man zumindest die Idee, wenn nicht die Zuversicht, dass das wieder was werden kann mit Köln. Damit stellt sich das Buch in eine Reihe mit dem Stübben-Plan für den Altstadtring vom Ende des 19. Jahrhunderts, mit Konrad Adenauers und Fritz Schumachers Grüngürtel-Konzept, mit den Nachkriegsvisionen von Rudolf Schwarz und mit Albert Speers Masterplan für Köln von 2009, auf dem das Buch erklärtermaßen aufbaut.

Besonderes Lob dafür gebührt dem Baudezernenten. Franz-Josef Höing ist ein wirklicher Glücksfall für die Stadt, weil er Visionen hat und gewillt ist, sie voranzutreiben. Ich hoffe nur, dass er sie auch umsetzen kann. Einen eigenen Beitrag zu dem neuen Buch steuert Höing mit zehn kurzen, überzeugenden Thesen bei.  Über die Nord-Süd-Fahrt heißt es zum Beispiel, sie habe „über ihre gesamte Länge hin ein städtebauliches und freiräumliches Desaster angerichtet“. Wunderbar, oder? Da bringt einer auf den Punkt, was in der Kölner Stadtplanung nicht funktioniert hat und was sich folglich nicht wiederholen darf. Gut gefallen hat mir auch Höings zehnte These, dass der öffentliche Raum nicht immer „postkartentauglich“ sein muss. Dem stimme ich hundertprozentig zu. Eine Stadt braucht nicht nur die gelackten, polierten Areale, sondern auch das Zufällige, wo etwas nach und nach gewachsen ist und eigenen Charme entfaltet – wie das „Eierplätzchen“ in der Südstadt oder das „Schillplätzchen“ in Nippes, die sich die Bürger bis hin zur Namensgebung sozusagen selber erschlossen haben.

Köln ist eine wachsende Stadt. Mit Wohnungsnot. Dementsprechend zeigt das neue Buch, wo und wie das neue Köln wächst, nicht nur anhand der öffentlichen Großprojekte, sondern gerade  auch mit Blick auf den Wohnungsbau. Der Band entkrampft geradezu den alten Zwist, in dem es heißt: „Was soll dieses ganze Gewese um irrwitzig teure Opern und neue Museen – wir brauchen doch bezahlbare Wohnungen!“ Ich erwidere: Beides muss in einer Stadt wie Köln drin sein. Und das Buch zeigt sehr schön: Das geht. Es ist nicht von Insidern für Insider geschrieben, sondern für alle, die sich für die Zukunft der Stadt interessieren. Hinzu kommt eine opulente Bebilderung, so dass sich jeder das plastisch vorstellen kann, wovon in den Texten die Rede ist.

Der Mülheimer Hafen, um ein Beispiel zu nennen, wird ein sehr schönes Projekt in der Integration von alten und neuen Bauten werden. Der Deutzer Hafen ist es in weiten Teilen schon. Da hat man als Kölner jetzt schon Lust, hinzuziehen. Ich selber bin zu alt, ich werde dort nicht mehr wohnen, aber finde allein schon den Gedanken daran animierend, zumal diese neuen Quartiere – anders als der Rheinauhafen – mit einem erheblichen Anteil geförderten Wohnungsbaus auch für normale Leute zugänglich sein werden.

Bemerkenswert sind aber nicht nur solche „Leuchttürme“, sondern auch viele kleine Projekte, die Stadtbild und Lebensqualität in Köln bereichern. Denken Sie etwa an das Antoniterquartier an der Schildergasse! Man hält es ja eigentlich gar nicht für möglich, dass mitten in der Innenstadt überhaupt noch Platz für Neues ist, und dann findet an der Antoniterkirche neben dem Wal von Peek und Cloppenburg eine Ecke, die ausbaufähig ist und wo jetzt in der Regie der evangelischen Kirche etwas sehr Schönes entsteht.

Oder nehmen Sie die „Neumann-Siedlung“ in Riehl. Die Anlage von 1929 wurde behutsam modernisiert, die alten Sozialwohnungen saniert, ergänzende Dachausbauten machen den Betrieb wirtschaftlich. Kurzum: ein tolles Projekt! Ähnlich das Kinderheimgelände in Sülz, das lange verwaist war, weil (Waisen-)Kinder heute natürlich nach anderen Standards untergebracht und betreute werden. Jetzt entsteht rund um die ehemalige denkmalgeschützte Kapelle  Kirche des einstigen Waisenhauses ein „Dorf in der Großstadt“.

Solche sehr konkreten Planungen zeigen mir eigentlich auch die Rückkehr zum guten alten Städtebau: Es gibt wieder Straßen, an denen Häuser stehen! Häuser, in denen Menschen wohnen, arbeiten, Einkaufen gehen oder sich in der Eckkneipe zum Kölsch treffen. Ich glaube, in solchen Quartieren wollen die Leute lieber leben als in sterilen Wohnghettos.

Kölner Perspektiven. Städtebau, Architektur, Öffentlicher Raum, herausgegeben vom Dezernat Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Verkehr der Stadt Köln mit dem Haus der Architektur Köln, Texte von Uta Winterhager u.a., 160 Seiten, 240 farbige Abbildungen, jovis Verlag, 29,25 Euro.