Verloren im Nirwana der Bürokratie

Die Sanierung des ehemaligen Bahnhofs Belvedere in Müngersdorf ist akut gefährdet - Hohe Verwaltungs-Hürden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger2. April 2016

Architekten und Denkmalschützer haben es naturgemäß oft mit komplizierten Bauhistorien zu tun. Aber so etwas Vertracktes wie beim ehemaligen Bahnhof Belvedere in Müngersdorf ist mir selten begegnet. Keine Sorge, ich verschone Sie mit den Einzelheiten. Entscheidend ist, wie die Stadt Köln als Besitzerin mit diesem national bedeutenden Baudenkmal umgeht. Ich sehe darin einen kölschen Schildbürgerstreich, der mit all seinen  Absurditäten kaum zu überbieten ist.

Der Bahnhof Belvedere ist das älteste erhaltene Bahnhofsgebäude Deutschlands überhaupt. 1839 wurde es im Auftrag der Rheinischen Eisenbahngesellschaft an der Strecke Köln-Antwerpen errichtet, vermutlich nach Plänen Karl Friedrich Schinkels. Es hat die Form eines klassizistischen Landhauses, eingebettet in eine Parkanlage, die in Rudimenten noch heute vorhanden ist. Eisenbahn fahren war im 19. Jahrhundert etwas ganz Vornehmes, und die Kölner kamen aus der Stadtmitte eigens zum Kaffeetrinken hierher.

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Das Grundstück und der denkmalgeschützte Bahnhof gehören beide der Stadt Köln. Bis um das Jahr 2000 wohnte ein Künstler hier, bis ihn der Totalausfall der ohnehin desolaten Strom- und Wasserversorgung vertrieb. Erhebliche Probleme machte schon damals eine Platane direkt neben dem Gebäude. Die Wurzeln des Baums beschädigten nämlich die Abwasserrohre. Völlig marode war auch das Dach, das seit den 1970er Jahren undicht war, so dass es ins Gebäude regnen und der Hausschwamm sich munter im Gebälk ausbreiten konnte. In diesem verheerenden Zustand fand sich niemand, der der Stadt den Bahnhof abgekauft hätte.

Dafür nahm sich ein 2010 gegründeter Förderkreis des Bahnhofs an. Mit dem damaligen Oberbürgermeister Jürgen Roters als Schirmherr und dem Rückenwind aus dem OB-Büro konnten Ratsbeschlüsse mit Finanzierungszusagen für die Sanierung erwirkt, Pläne für einen modernen Erschließungsbau mit barrierefreiem Zugang und sanitären Anlagen erstellt sowie Fördergelder der NRW-Stiftung, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und – was als sehr schwierig gilt – sogar der Berliner Kulturstaatsministerin eingeworben werden.

Aber seit  mindestens zwei  Jahren legen sich Liegenschaftsamt, Wirtschaftsdezernat und andere Abteilungen der Stadtverwaltung quer, wo immer es geht. Die Stadt torpediert nach innen, was sie nach außen als ein ureigenes Anliegen verkauft.  Ich habe mir von den Vorständen des Förderkreises, Elisabeth Spiegel und Sebastian Engelhardt, eine Dokumentation zeigen lassen, und ich kann Ihnen sagen, mir hat anschließend der Schädel gebrummt. Sie müssten nur einmal lesen, was für eine endlose Liste an Kontakten zu städtischen Ämtern  Wirtschaftsdezernentin Ute Berg dem Förderkreis vorschreibt. So geht eine Verwaltung mit Leuten um, die sie loswerden will: Man schickt sie ins Behördendickicht und hofft, dass sie sich darin bis zur Erschöpfung verrennen und verstricken. Ergebnis: Es geht am Bahnhof Belvedere keinen Schritt vorwärts. Alle Energie, alles Geld, die in den Erhalt der Bausubstanz geflossen sind, könnten hinfällig sein. Bürgerschaftliches Engagement trifft nicht auf Wertschätzung und Anerkennung, sondern verliert sich im Bürokraten-Nirwana.

Inzwischen bedroht die Blockade sogar den Bestand des Gebäudes. Die besagte Platane hat eine Starkwurzel unter das Mauerwerk geschoben. Es weist inzwischen solche Risse auf, dass ein statisches Gutachten die Standfestigkeit nicht mehr dauerhaft gewährleistet sieht. Damit wäre natürlich jedes weitere Sanierung sinnlos, jedes Konzept für eine etwaige spätere Nutzung hinfällig.

Kurz und gut: Die Platane muss weg. Darf sie aber nicht, sagt die zuständige Untere Landschaftsbehörde. Der Baum – obwohl kein Naturdenkmal – sei „denkmalgleich“. Ein verräterisch vager Begriff, für den mir jedes Verständnis abgeht. Die Verweigerung der Fällgenehmigung führt jedenfalls dazu, dass kein  Cent mehr zur Sicherung des Bahnhofs und seiner Zukunft fließt. Bäume gibt’s im Landschaftspark um das Gebäude und im angrenzenden Waldgebiet nun wirklich zur Genüge. Aber diese eine Platane soll wichtiger sein als ein einmaliges Architekturdenkmal?

Ich begreife nicht, was die Stadt da treibt. Manche munkeln ja, der Leiter des Liegenschaftsamts spekuliere nach der inzwischen erfolgten Dachsanierung darauf, den Bahnhof doch noch verkaufen zu können. Aber soweit ich sehe, kann die Stadt ein solches Denkmal gar nicht verscherbeln.

Manchmal denke ich, die Oberbürgermeisterin müsste sich – nach dem Vorbild ihres Vorgängers – zur Bahnhofsvorsteherin ehrenhalber aufschwingen. Aber dann sage ich mir: Die gute Frau Reker hat genug mit Schwierigkeiten an einem anderen Kölner Bahnhof zu kämpfen. Ob sie für da wirklich Zeit und Nerven für noch einen hat?

Förderkreis Bahnhof Belvedere e.V. www.bahnhof-belvedere.de/