Büdchen zum Lachen und zum Weinen

Der Zustand mancher Kioske an zentralen Orten erinnert an ein Sperrmüllager oder die Stratagie von Hausbesetzern

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 19. Februar 2016

Seit ich diese Kolumne verfasse, bekomme ich immer wieder Post, ich möchte mir doch mal diese oder jene Ecke in der Stadt ansehen. So wies mich ein Leser schon vor geraume Zeit auf den Kiosk im Inneren Grüngürtel neben dem Wasserspielplatz an der Venloer Straße hin. Das sei, so stand in dem Brief zu lesen, ein echter Schandfleck. Ich wurde. Und das erst recht, als ich während der Recherchen für einen Kunstführer über die Kölner U-Bahn-Stationen – auch das ein Ergebnis dieser Kolumnen-Serie – auf den Kiosk in der Zwischenebene der KVB-Haltestelle Rudolfplatz aufmerksam wurde. In beiden Fällen weiß ich immer nicht so ganz genau, ob ich lachen oder weinen soll.Kiosk_1

Sicher haben Sie aus den vorigen Wochen noch die Karnevals-Klassiker der Bläck Fööss im Ohr. Die haben schon gewusst, warum sie dem „Bickendorfer Büdche“ und der „Kaffeebud“ in ihren Liedern ein musikalisches Denkmal gesetzt haben. Das Büdchen ist nun mal eine Institution. Hier deckt sich der Kölner mit allem Lebensnotwendigen ein, wann immer ihm danach ist: Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten. Ich finde das gut, und zur richtigen Büdchen-Kultur gehört eine kleine Außengastronomie mit ein paar Stehtischen oder auch Sitzgarnituren.Kiosk_2

Aber was der Pächter des Kiosks am Wasserspielplatz im Grüngürtel daraus gemacht hat, spottet jeder Beschreibung. Um den Gebäudekern, der – soweit man ihn vor lauter Gerümpel drumherum überhaupt noch erkennen kann – ganz hübsch ausgesehen haben muss, hat er sich in alle Himmelsrichtungen hin ausgebreitet, mit einem wüsten Materialmix: Hier ein bisschen Gartenplane, dort ein paar Kleingarten-Accessoires,  zur Abgrenzung des Areals mal ein paar Beton-Blumenkübel, dann wieder Bauzäune oder – der Gipfel der Absurdität – senkrecht gestellte Europaletten. Insgesamt sieht das Ganze aus wie ein einziges Sperrmülllager.

Als ich unlängst noch einmal vorbeigeschaut habe, um mich vom unverändert scheußlichen Zustand zu überzeugen, sprach mich der Pächter misstrauisch an, was ich denn hier zu suchen hätte. Ja, sagte er, er sei da noch ein bisschen am Renovieren – jetzt, vor Beginn der Freiluftsaison. Und es stimme schon, er müsse „Step By Step“ noch so einiges machen, „wofür bisher einfach keine Zeit war“. – „Dann sind Sie also neu hier?“, habe ich ihn gefragt. Was ein bisschen fies war, weil ich schon wusste, dass er seit Monaten rein gar nichts unternommen hatte.Kiosk_5

Ich will dem Mann ja eigentlich auch nichts Böses, zumal mir der zuständige Beamte beim Grünflächenamt verriet, die Stadt sei im Grunde ganz froh, dass sie jemanden habe, der sich um die Technik für den Wasserspielplatz und den Kiosk-Betrieb kümmert.

Trotzdem darf es hier nicht so aussehen. Der Grüngürtel ist ja eine vielgenutzte, ambitionierte Fläche im öffentlichen Raum. Den kann man unmöglich so vergammeln lassen.

Ähnliches gilt meiner Meinung nach für einen so zentralen Ort wie einen U-Bahnhof mitten in der City. Am Rudolfplatz nimmt der Kiosk-Pächter einen erklecklichen Teil der Zwischenebene in Beschlag. Der Umgang mit dieser einst elegant angelegten Passage erinnert mich an eine Hausbesetzung: Man testet mal, wie weit man gehen kann, bis einer protestiert. So ragen die Verkaufsflächen auf allen Seiten meterweise in den Raum: Zeitungs- und Zeitschriftenständer, Regale auf Rollpaletten mit Snacks und Süßigkeiten aller Art, Batterien von alkoholischen und nicht-alkoholischen Getränken, Kühlschränke, Eistruhen. Selbst Obst gibt es zu kaufen. Und natürlich Kaffee, den die Kunden gleich nebenan an Stehtischen trinken können. Zwischen die Stützpfeiler des Tiefgeschosses hat der Pächter dann noch große Reklametafeln als Raumteiler eingezogen.Kiosk_rudolfplatz

Ich habe KVB-Chef Jürgen Fenske mal gefragt, wie so etwas möglich sei. Er konnte mir aber nicht mal sagen, ob sein Unternehmen überhaupt für den Kiosk-Betrieb und dessen Überwachung zuständig ist. Inzwischen habe ich herausgefunden: Ist sie nicht. Vielmehr liegt auch hier die Zuständigkeit bei der Stadt.

Und die sagt nun: Hat alles seine Ordnung! Der Pächter des Kiosks bewege sich exakt auf den Flächen, die ihm zustehen. Das werde auch regelmäßig kontrolliert, zuletzt erst vor ein paar Tagen. Tja, was soll ich dazu sagen? Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht – aber mich stört diese Art von Verhau enorm. Wenn Sie möchten, sagen Sie mir doch einfach Ihre Meinung!

Baudezernent Franz-Josef Höing betont in solchen Debatten gern, die Gestaltung des öffentlichen Raums müsse einem Gesamtkonzept folgen. Mit ein paar Schönheitsreparaturen hier, ein bisschen Gefrickel dort werde das nichts. Das stimmt schon, und sein Amt ist sicher nicht für kosmetische Details da. Aber es müsste eine Anlaufstelle für die Bürger geben, wenn ihnen besondere Missstände auffallen. Ein engagierter, energischer Verwaltungsbeamter mit Organisationsgeschick würde dann die Relevanz solcher Eingaben prüfen und könnte zusammen mit dem Ordnungsamt, dem Grünflächenamt oder den Abfallwirtschaftsbetrieben für Abhilfe sorgen. Das wäre eine Aufgabe unterhalb der eigentlichen Stadtplanung, hätte aber bestimmt große Signalwirkung: Die Stadt nimmt ihre Bürger ernst.

Vielleicht kommt ja sogar die neue Oberbürgermeisterin darauf, dass so etwas gut zu ihrem Anspruch eines neuen Köln passen würde. In einer Millionenstadt wird es nie so aussehen wie bei Mutter Beimer im Wohnzimmer. Das ist schon klar. Aber gerade die Diskussionen der vergangenen Wochen haben auch gezeigt, wie sehr die Lebensqualität der Bürger leidet, wenn sie sich an zentralen Orten ihrer Stadt unwohl fühlen oder dort ungern verweilen.

Wer da auf einen Masterplan setzt, der alles besser macht, der kann lange warten.