Der frühreife junge Heiland

Die Fenster im Chor der Minoritenkirche zeigen einen Weihnachtszyklus - konzentriert aufs Wesentliche und voller liebenswerter Details

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 19. 12.2015

Nun geht es mit Riesenschritten auf Heiligabend zu. Für die letzte meiner vier Adventskolumnen habe ich mir wieder das Ziel gesetzt, Ihnen eine Weihnachts-Szene aus Köln zu zeigen, die Sie womöglich noch nicht gesehen haben.  Mein Krippenweg führt diesmal in die Minoritenkirche mitten in der City. Die neun hohen Fenster des für Besucher zugänglichen gotischen Chors wurden 1963 bis 1966 von Helmut Kaldenhoff (geboren 1915 in Wesel  und gestorben 1980 in Köln) gestaltet. Kaldenhoff hatte erst an der Kunstakademie in Düsseldorf und später an der Kölner Werkkunstschule studiert, und zwar bei dem damals vielleicht angesehensten Glasmaler Wilhelm Teuwen. Später war Kaldenhoff selbst als Lehrer tätig.Helmut_Kaldenhoff_Minoritenkirche_1963-66

In einem unlängst erschienenen Kunstführer über die Glasmalerei in Köln heißt es über Kaldenhoffs Fenster, sie seien „eines der vom Stil her stärksten und eindrucksvollsten Werke moderner Glasmalerei in den Kirchen der Kölner Innenstadt“. Ganz ehrlich, ich hätte sie nach meinem Gefühl nicht gar so hoch angesetzt. Aber als die Teilnehmer an meinem Seminar in der Akademie „Zeit für Wissen“ alle ganz begeistert davon waren, dachte ich: „Na ja, dann stimmt es ja vielleicht doch…“

Was Sie sehen, sind zunächst einmal gleichmäßig gestaltete Bahnen, die durch jeweils grau abgedunkelte Gläser in sich geschlossen sind. Vom Rand greift – wie in Fenstern des Mittelalters – ein Ornamentband in die einzelnen Flächen ein. Die Mittelpfosten der Fenster sind begleitet von je einer grauen Bahn. In diese Grundierung hat Kaldenhoff einen Christus-und-Maria-Zyklus gesetzt, und zwar  in einer Passform, die wiederum auf mittelalterliche Glasmalerei anspielt.

Stilistisch haben die Szenen – beginnend links außen, und dann immer hin und her springend – ein bisschen was von Neuer Sachlichkeit, ein bisschen was von Picasso in seiner klassischen Periode. Die Die kantigen Gesichter mit den stark schematisierten Nasen erinnern den heutigen Betrachter vielleicht an  James Camerons „Avatar“-Film. Bei der Auswahl der Farben hat Kaldenhoff sich noch von einer Nachkriegsdepressions-Skala leiten lassen. Die dargestellten Personen sind vorwiegend als Halbfiguren in Grautönen (en grisaille) vor buntem Hintergrund gemalt. Auffallend ist, wie die Bildszenen an einigen Stellen die Passform sprengen. So kommt zum Beispiel die Heilig-Geist-Taube ins Bild hereingeschwebt. Und Kaldenhoff betont bestimmte Accessoires in den verschiedenen Feldern, indem er ihnen Farbe angedeihen lässt. So zum Beispiel die marianische Rose in der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth oder im Dreikönigsbild das Brokatgewand von einem der drei Könige.

Speziell das Weihnachtsbild fasziniert einerseits durch seine Konzentration aufs Wesentliche, andererseits durch eine durchaus liebevoller Erzählweise und eigenwillige Details in moderner Malerei. zeigt lediglich Maria und ein fröhlich winkendes Christuskind in der Krippe. Bei der Darstellung im Tempel, die laut Bibel am achten Tag nach der Geburt von statten ging, steht das Jesuskind dann schon segnend auf dem Altar und tritt dem Hohepriester ganz selbstbewusst gegenüber. Im Alter von nur einer Woche eine beachtliche Leistung. Frühreif, der junge Heiland!

Als Symbol der Jungfrau Maria ragt auch in der Weihnachtsszene eine große Rose ins Bild. Apropos groß: Achten Sie mal auf die Hände! Das sind schon beinahe Pranken wie beim Rotkäppchen: „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände?“  Kaldenhoff hat sich hier für eine fast surreal gesteigerte Perspektivwirkung entschieden und alles, was im Bildvordergrund liegt, überproportional vergrößert. Besonders gut zu sehen ist das in der Szene der Marienkrönung in der Mitte des Chors – mit der wirklich riesigen Hand Christi. Und auch hier durchbricht der Engel mit der Krone die strenge Passform.

Die Geburtsszene ist aber auch aus anderen Gründen bemerkenswert: Josef zum Beispiel kommt überhaupt nicht vor, auch die sonstige Staffage mit Ochs und Esel, Hirten und Engeln fehlt. Alles ist reduziert auf die Mutter mit ihrem Kind.  Ein weiteres Detail fällt womöglich erst auf den zweiten Blick auf: Maria trägt auf allen Bildern eine ausladende Haube, die ein bisschen an die frühere Ordenstracht der Vinzentinerinnen erinnert. Das ist insofern ungewöhnlich, als die mittelalterlichen Marienbilder allergrößten Wert auf das offene Haupthaar der Gottesmutter legten – als Hinweis auf ihre „unversehrten Jungfräulichkeit“. Offene Haare waren damals Zeichen des Jungfrauenstandes, während die Frauen mit ihrer Heirat „unter die Haube“ kamen und das Haar bedeckt trugen.

Na ja, vielleicht fand Kaldenhoff diese Variante einfach attraktiver. Ich komme darauf, weil er den anderen Frauengestalten einen charakteristisch strengen Dutt – fast hätte ich „Bekennerinnen-Knoten“  gesagt – verpasst und sie in annähernd zeitgenössische Kleider gesteckt hat.

Alles in allem: ein sehenswerter Weihnachtszyklus, der nicht allzu vielen Kölnern bekannt sein dürfte. Ich würde mich freuen, wenn sich das jetzt ändert, und ich wünsche Ihnen, dass auch ihre Festtage – wie Kaldenhoffs Bilder – konzentriert aufs Wesentliche und voll von liebenswerten Details sind.