Datenraten im Rathaus mit Georg Meistermann

Im 'Geschichtsfenster' für den spanischen Bau hat der Glasmaler 200 Ereignisse und Namen der Stadthistorie untergebracht

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 5. 12. 2015

Das Licht hat schon in den Schriften des Alten Testaments etwas mit der Hoffnung des Volkes Israel auf den Messias, den Retter, zu tun: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht“, heißt es beim Propheten Jesaja. Diese Bibelstelle wird jedes Jahr in der Weihnachtsmesse vorgelesen. Und es ist natürlich kein Zufall, dass Weihnachten mit dem davor liegenden Advent in die dunkle Jahreszeit fällt. Da es kein historisch gesichertes Datum der Geburt Jesu gibt, wäre theoretisch auch jeder andere Termin denkbar gewesen. Aber die Wintersonnwende, von der an die Tage wieder länger werden, bietet sich an.

SpanischerBau_MeistermannIn der Kunst kann das Licht auf verschiedene Art zum Thema werden – indirekt etwa, indem es durch bunt bemaltes Fensterglas fällt und das Innere eines Raums farbig erleuchtet. Kaum eine Kirche, in der das nicht so wäre. Aber es gibt auch die profane Variante der Glasmalerei, bis in die Moderne. Ein schönes Kölner Beispiel befindet sich im Spanischen Bau des Rathauses. Er wurde in den 1950er Jahren in relativ kurzer Zeit errichtet. Die Stadt und die Verwaltung brauchten nach dem Krieg einen Ersatz für das historische Rathaus, das noch in Trümmern lag. Der Spanische Bau ist ein sehr schönes, zeittypisches Gebäude mit charakteristischer Innenausstattung.

Dazu gehört sicher die wunderbar geschwungene Freitreppe zum Ratssaal im ersten Stock. 1958 bekam Georg Meistermann (1911 bis 1990) den Auftrag, die große Fensterfront hinter der Freitreppe mit Glasmalerei zu gestalten. Meistermann, der unter den Nazis Ausstellungsverbot gehabt hatte, wurde nach 1945 zum Protagonisten moderner Glasmalerei. Im Lauf der Zeit entwickelte er einen ganz eigenen Stil mit hoch expressiver Farbgebung. Bis zu seinem Tod war Meistermann auch an seinem Wohnort in Köln ein angesagter Künstler. Die Glasfront im Spanischen Bau ist eine Arbeit aus der Frühphase seines Schaffens, ein „Geschichtsfenster“, dessen Ornamentik sich am Kölner Stadtplan orientiert. Der Rhein ist zu erkennen, der halbkreisförmige Verlauf der Stadtmauer. Aber Meistermann projiziert nicht einfach eine Karte auf sein Fenster, sondern verwendet die Topografie mehr als Anspielung, als lockeres Zitat.

In diese Struktur, farblich zurückhaltend, hat er Daten und Namen aus der Stadthistorie eingefügt. 200 sollen es sein, ich habe das aber nicht nachgezählt. Für die Auswahl ist Meistermann mit dem Köln-Bezug recht großzügig umgegangen. So lässt er Albrecht Dürer vorkommen, der nur ein einziges Mal auf Besuch in Köln war. Ob das eine Anspielung auf die einnehmende Art der Kölner sein soll? Die römische Kaiserin Agrippina als „Stadtmutter“, wie sie ja jetzt genannt werden soll, wird unten rechts besonders hervorgehoben. Aber die Reihe der Namen reicht bis zu Zeitgenossen Meistermanns. Konrad Adenauer darf da natürlich nicht fehlen. Ebenso wenig wie Willi Ostermann.

Bei den historischen Daten fallen die Jahreszahlen auf, die sich mit den verheerenden Bombenangriffen auf Köln im Zweiten Weltkrieg verbinden, symbolisiert durch Feuerzungen, die auf die Stadt fallen. Fragen Sie mich nicht nach der Bedeutung jeder einzelnen Jahreszahl! Ich habe ein bisschen in der Literatur gestöbert, aber auf Anhieb keine vollständige Liste gefunden. Vielleicht verbinden Sie die Besichtigung des Fensters mit einem kleinen persönlichen Geschichts-Quiz: „Datenraten im Rathaus“. Auf Ihre Lösungen bin ich gespannt. Vielleicht wird daraus ja einmal ein Infoblatt für künftige Besucher.

Insgesamt ist Meistermanns Verbindung von Farbe, Ornament und – sagen wir – Geschichtsdidaktik etwas ganz Besonderes. Und weil ich vermute, dass Sie nicht alle Tage in den Spanischen Bau des Rathauses kommen, ist das an diesem zweiten Advent mein Tipp für die Wochen bis Weihnachten.

Öffnungszeiten – Freier Zugang zur Treppe für Leser

Der Spanische Bau des Rathauses, Rathausplatz, 50667 Köln, ist geöffnet:

Montag, Mittwoch, Donnerstag von 8 bis 16 Uhr, Donnerstag bis 18 Uhr, Freitag bis 12 Uhr.

 

Leser des „Kölner Stadt-Anzeiger“, die diesen Artikel mitbringen, dürfen zur Besichtigung des „Geschichtsfensters“ von Georg Meistermann die Freitreppe zum Ratssaal mitnutzen. Bitte beim Empfangspersonal melden.