Wunderschön, oft übersehen

Eine Seitenkapelle von Sankt Gereon ist einer der interessantesten Tauforte Kölns

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 12. Dezember 2015

Das zentrale Thema des Weihnachtsfestes ist die Geburt. Bei Jesus sprechen die Theologen von der „Menschwerdung“, weil es ja der Sohn Gottes ist, der nach christlichem Glauben in Bethlehem zur Welt kam. Aber auch uns schlichte Menschenkinder verweist Weihnachten auf die eigene Geburt und – wenn wir Eltern sind – auf die Weitergabe des Lebens an unsere Kinder. Dazu passt es ganz gut, dass die Weihnachtszeit im kirchlichen Kalender mit dem Fest „Taufe des Herrn“ endet, dem Sonntag nach dem Dreikönigstag.

Deshalb nehme ich Sie heute mit in eine Taufkapelle. Eigentlich mag ich in der Kunst keine Hierarchien oder Hitlisten der Schönheit. Aber einer der interessantesten und bedeutendsten Tauforte Kölns befindet sich ganz gewiss in St. Gereon.  Die romanische Basilika mit ihrem Dekagon ist zu Recht ein Anziehungspunkt für Besucher aus nah und fern. Aber ich bin mir sicher, dass es viele vor lauter Begeisterung für den hoch aufragenden Zentralbau nicht bis nach rechts in die kleine Seitenkapelle mit dem romanischen Taufstein schaffen.

Sie wurde bereits kurz nach der Vollendung des Dekagons zwischen 1240 und 1242 im Süden angebaut. Wie der Hauptbau selbst, weist sie eine eindrucksvolle Stilmischung auf. Aus spätester Romanik stammen Wandgliederung und Säulenbildung, die frühe Gotik ist vor allem im Gewölbe präsent. Wegen des Gebäudeanschlusses an das Dekagon und das Gereonsstift im Süden weicht der Grundriss vom klassischen Achteck vieler Baptisterien ab. Durch das Gewölbe haben die Baumeister aber versucht, sich der Idealform des Zentralbaus wieder anzunähern.

Sehr schön ist die Wandgliederung aus drei Diensten auf einem Sockel mit attischen Basen. Für die Säulen wurde – wie auch andernorts in Köln – Blaustein verwendet, fast schwarzer Kalkstein. Zwei davon sind mit charakteristischen Schaftringen versehen. Darüber steigt das Gewölbe auf, und ein Schildbogen umläuft jeweils ein Wandsegment bis zum benachbarten Säulendrilling. In diese rundgebogenen Felder zwischen den Säulen sind kleine rechteckige Nischen eingebracht, die Apsisnische ist zusätzlich gegliedert. So ist ein wunderbarer kleiner, zierlich gestalteter Zentralraum entstanden, der den Krieg gut überstanden hat. Die schwersten Bombentreffer musste St. Gereon ja auf der gegenüberliegenden Nordseite hinnehmen, wo bis zur Restaurierung ein riesiges Loch klaffte.

Das  Gewölbe der Taufkapelle war ursprünglich leuchtend blau mit goldenen Sternen ausgemalt. Auch die gesamte Architektur war farbig gefasst, was Sie an den Säulen in der Altarapsis noch sehen können. Ich komme damit mal wieder auf eine meiner Lieblingsthemen zu sprechen: die Liebe des Mittelalters zur Farbe. Mauerwerk in Steinsicht hätten die Menschen damals als ungeschlacht und roh empfunden. Der angebliche Kitsch neugotischer Farborgien kommt also dem Originalgeschmack sehr nahe. An der Nordseite der Kapelle zum Dekagon hin ragt einer der Kuppelpfeiler in den Raum. Dieser soll früher mit einer dünnen Putzschicht überzogen gewesen sein, auf die eine regelmäßige Schein-Quaderung aufgemalt war. Also selbst dort, wo die Mauer als Mauer sichtbar blieb, gab man sich nicht einfach mit der Arbeit der Maurer zufrieden, sondern legte zur Zierde nochmal eigens Hand an. Die Wandfresken aus dem 13. Jahrhundert im „Zackenstil“ sind erhalten, wenn auch leider verblasst oder durch unsachgemäße Restaurierung vergangener Jahrhunderte beschädigt. Die Bezeichnung „Zackenstil“ haben sich die Kunsthistoriker einfallen lassen, um diese Art der Malerei vom zeitlich vorausgehenden „Muldenfaltenstil“ abzuheben. Der Name sagt es eigentlich schon: Die Gewänder der Figuren fließen nicht mehr so weich, sondern zeigen kantige Konturen. Sie sehen das recht gut bei der Figur des Laurentius gleich links am Eingang, dem Heiligen mit dem Bratrost als Erkennungszeichen. Über der Tür zum ehemaligen Stiftsgebäude ist der heilige Gereon als Ritter zu erkennen und die heilige Katharina mit dem Folterrad. In der unteren Wandzone sind hier und da noch Reste einer illusionistischen Vorhangmalerei vorhanden. Der Taufstein aus grauem Marmor wiederholt die Grundform. Der Deckel mit der Heilig-Geist-Taube stammt aus dem Jahr 1931, was auch schon das Einzige ist, was sich darüber sagen lässt.

Sollten Sie die Kirche an einem Regentag oder in der Zeit der Dämmerung besuchen, rate ich Ihnen, eine Taschenlampe mitzubringen, um die Details etwas besser auszuleuchten, als es das  matte Deckenlicht kann.

Öffnungszeiten

Montag – Freitag 10:00 bis 18:00 Uhr
Samstag 10:00 bis 17:30 Uhr
Sonntag 13:00 bis 18:00 Uhr

 

Während der Sonntagsmessen um 10:00 Uhr und 11:30 Uhr und während TaufenTrauungen und anderer Gottesdienste ist die Besichtigung der Kirche nicht möglich.

Neue Literatur: Jürgen Kaiser (Text), Florian Monheim (Fotografien): Kleiner Führer der großen romanischen Kirchen in Köln, 144 Seiten, 76 farbige Abbildungen, Greven-Verlag, 9,90 Euro.