Der „Saufang“ ist die älteste Glocke Deutschlands

Vor mehr als 1000 Jahren aus eisen geschmiedet - Ausstellung im Museum Schnütgen - Weihnachtsläuten gehört traditionell zur Feststimmung

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 28/29 November 2015, S. 29

Im kommenden Monat fällt meine Kolumne etwas anders aus sonst. Schon vom Titel her sind Sie es gewohnt, dass ich Ansehnliches und Unansehnliches in Köln „auf den Punkt“ zu bringen versuche. Diesmal möchte ich Sie lieber im Kreis herumführen und Ihnen, passend zum Advent, vier Punkte in Köln zeigen mit Kunstwerken, die alle irgendwie mit Weihnachten zu tun haben: mein spezieller Adventskranz für Sie. Hoffentlich gefällt er Ihnen!

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Den Anfang machen Glocken. Ihr Klang gehört für viele Menschen an Weihnachten einfach dazu. Das Fernsehen lässt die Glocken läuten. Man kann sie sich auch mit Hilfe von CDs und inzwischen auch eigener Apps fürs Smartphone ins Wohnzimmer holen. Aber an Heiligabend kommen die Kölner auch immer in Scharen auf die Domplatte und beginnen ihre Weihnachtstage mit dem „Dicken Pitter“ oben Südturm des Doms. Auch wenn die Liedzeile von den Glocken, die sie süßer klingen als zur Weihnachtszeit mindestens so durchgenudelt ist wie ihre verballhornte Variante „Süßer die Kassen…“ – sie trifft ein Gefühl.

Es ist nicht nur Gewohnheit, dass wir Glockengeläut fast automatisch mit der Kirche in Verbindung bringen. Zwar gab es Glocken als Musikinstrumente schon im alten China, und die Römer verwendeten sie nach antiken Quellen für Rufzeichen und Signale.

Aber danach gelangten sie in Europa erst wieder zu Ehren, als irische Mönche im Frühmittelalter als Missionare aufs Festland ins Frankenreich zogen und die Menschen mit Handglocken auf sich aufmerksam machten. Das funktionierte so gut, weil der Klang sich von allen Alltagsgeräuschen unterschied. Glocke und Christentum – das war fortan eins.

Bevor Karl der Große persönlich einen Mönch aus dem Kloster Sankt Gallen nach Aachen holte, der die Kunst des Bronzegusses beherrschte, waren die Glocken in unseren Breiten aus Eisenteilen zusammengeschmiedet.

Das vielleicht älteste erhaltene Exemplar in Deutschland, wenn nicht in ganz Europa ist der Kölner „Saufang“ im Schnütgen-Museum. Der Legende nach wurde sie von Erzbischof Kunibert (623 bis 663) im 7. Jahrhundert für das Cäcilien-Kloster gestiftet. Im 14. Jahrhundert ist an dieser Stelle eine „Sankt Kunibertsglocke“ bezeugt. Ob es freilich dieselbe war, die bis ins 19. Jahrhundert im Dachreiter des Cäcilienklosters hing, das ist nicht eindeutig gesichert.

Wenn man den alten Quellen glauben darf, muss die Glocke nämlich irgendwann bei einem Brand heruntergefallen und im morastigen Untergrund  versunken sein. Oder sie wurde aus Angst vor Plünderung abgenommen und verbuddelt.

Jedenfalls berichtet der Chronist Gelenius, im 17. Jahrhundert, ein Schwein habe die Glocke aus einem Teich rund um Sankt Cäcilia namens „Perlenpfuhl“ gewühlt. Die Geschichte, so schön sie sich anhören mag, ist mit Vorsicht zu genießen. Sie wird so oder so ähnlich von vielen Glocken erzählt – eine typische legendenhafte Begebenheit.

 

Auch die Herkunft des „Saufangs“ aus dem 7. Jahrhundert gilt als fraglich. Experten datieren ihn heute eher ins 9. Jahrhundert, was ja immer noch sehr, sehr früh ist. Die Glocke ist aus drei geschmiedeten, grob miteinander vernieteten Eisenplatten zusammengesetzt. Überzogen ist sie mit einer Kupferlegierung. Der „Saufang“ ist etwa 15 Kilo schwer und ohne die später ergänzte Aufhängung etwas 40 Zentimeter hoch.

 

Als der Direktor des Schnütgen-Museums, Moritz Woelk, sein Amt antrat, bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: „Ich würde gar zu gern mal den Saufang hören.“ – „Oh“, hat er gesagt, „ich auch!“. Also zogen wir gemeinsam mit einigen Mitarbeitern der Dombauhütte ins Museum Schnütgen. Woelk hatte den Restaurator hinbestellt. Der kam mit einem paar weißer Handschuhe, löste ganz vorsichtig die Arretierung des Klöppels und ließ diesen einmal kurz an die Glockenwand schlagen. Dong! Sofort kam ein Aufseher angeschossen: „Was machen Sie denn da für einen Unsinn! Das dürfen Sie nicht!“ Der kannte nämlich seinen neuen Chef noch nicht. Wir haben dann den Restaurator mit vereinten Kräften beschwatzt, die Glocke bitte ein zweites Mal anzuschlagen.

Wie sie sie sich anhört? Ich halte mich mal raus, damit Sie mich nicht für pietätlos oder eingebildet halten – beim Gedanken an  „mein“ grandioses Domgeläut. Stattdessen zitiere ich Mario Kramp vom Stadtmuseum. Aus dessen Sammlung ist der „Saufang“ als Dauerleihgabe nach Sankt Cäcilien zurückgekehrt, dorthin, wo er sich jahrhundertelang befunden hatte. Kramp also vergleicht den Klang mit dem einer Kuhglocke, „weit entfernt vom harmonischen Geläut späterer Bronzeglocken. Na ja, wenn er das sagt… Ich könnte Moritz Woelk ja mal vorschlagen, den Besuchern im Schnütgen-Museum eine Klangprobe als Soundfile anzubieten. Die älteste Glocke Europas will man ja nicht nur sehen, sondern auch hören können. Nicht nur zur Weihnachtszeit.