Antikes Erbe, mit Füßen getreten

Nichts deutet am Domparkhaus auf einen der spektakulärsten Fundorte in ganz Köln hin

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 24. 11. 2015

Uns Kölnern, sage ich gern, uns Kölnern liegt die Geschichte zu Füßen. Zweitausend Jahre Vergangenheit, nur wenige Meter unter unseren Straßen und Häusern. Aber es gibt auch Stellen in der Stadt, da denke ich jedes Mal: Wie gehen wir nur mit diesem großartigen archäologischen Erbe um? Wir treten es mit Füßen!

Das haarsträubendste Beispiel befindet sich ausgerechnet an einem der markantesten und belebtesten Orte Kölns, zwischen Hauptbahnhof und Dom. Als Autofahrer kennen Sie vielleicht den Eingang zum Domparkhaus gegenüber vom „Kölntourismus“-Laden. Die Türe ist leicht zu übersehen, weil an dem Gitter davor immer ein Haufen Fahrräder angekettet ist. Was aber völlig fehlt, ist irgendeine Art von Hinweis darauf, dass direkt hinter dem Eingang einer der eindrucksvollsten Reste der antiken römischen Stadtmauer zu sehen ist, zusammen mit dem Unterbau des einzigen Stadttors in Richtung Norden. Einen Bogen davon haben Sie  garantiert schon mal gesehen. Die Rekonstruktion des kleinen Bogens  steht auf dem Platz links vor der Domfassade, der große Bogen ist im Römisch-Germanischen Museum wiedererrichtet worden.. Aber ungleich spektakulärer sind, wenige Meter davon entfernt, die monumentalen, im Ursprungszustand erhaltenen Mauerabschnitte aus dem späten 1. Jahrhundert. Nur sagt einem das ärgerlicherweise keiner. Selbst Kölner ahnungs- und achtlos daran vorbei. Und wer hier schnell sein Auto abstellt, kriegt es ohnehin nicht mit. Deswegen dachte ich, bevor die Stadt  hoffentlich bald etwas zur Information der Einheimischen und der Touristen unternimmt, führe ich Sie heute schon mal in meiner Kolumne hin.

Im Draufblick von oben auf der ersten Ebene des Parkhauses erkennen Sie besser als an jeder anderen Stelle in Köln die Bauweise der alten Römer: Die 2,40 starke Mauer besteht aus einer Füllschicht im „Opus Caementium“, dem römischen Zement. Außen wie innen ist sie mit Grauwacke-Quadern verkleidet,  stufig abgesetzt und zur Feldseite hin – da wo heute der Hauptbahnhof ist – mit einem Schrägsockel versehen. Wo das einst drei Meter tief im Boden versenkte Fundament der auf fast acht Meter Höhe geplanten Mauer begann, sehen Sie an der gröberen Verarbeitung der ansonsten absolut akkurat gemauerten Außenschicht. Dafür steigen Sie am besten die Treppe hinunter auf Ebene 2 des Parkhauses.

Vor der Mauer befand sich ein gut zehn Meter breiter, drei bis vier Meter tiefer Graben. Haben Sie sich schon mal gewundert, warum die Straßenführung zwischen Bahnhofsvorplatz und Dom so weit unten verläuft? Jetzt wissen Sie’s: Die heutige Trankgasse folgt dem römischen Stadtgraben. Allerdings ist der Unterschied im Geländeniveau, der den Stadtplanern bis heute zu schaffen macht, erst durch den Bau der Domplatte richtig dramatisch geworden. Auf alten Ansichten ist zu sehen, dass er früher nicht gar so stark ausfiel.

Wenn Sie ein Stück an der Mauer entlang gehen, stoßen Sie auf einen quadratisch gemauerten Anbau aus dem Mittelalter: den „Anno-Stollen“. Dieser 5,50 Meter hohe Schacht soll im Haus eines Domherrn senkrecht nach unten in einen Gang gemündet sein, der unter der Stadtmauer hindurch ins Freie führte. Wie die Annalen des Abtes Lampert von Hersfeld (ca. 1028 bis ca. 1085) berichten, war dies der Fluchtweg, den der heilige Erzbischof Anno II. (1010 bis 1075) im Jahr 1074 nutzte, um sich vor den aufständischen Bürgern seiner Bischofsstadt in Sicherheit zu bringen. Schon damals hatte die kirchliche Obrigkeit ihre liebe Not mit den Kölner Quergeistern. Diese ihrerseits hatten es  im Gegensatz zu heute gerade in Annos Fall Anno nicht nur mit einem frommen Oberhirten, sondern auch mit einem Machthaber von solcher Brutalität zu tun, dass wir beides eigentlich kaum mehr zusammenbringen.

Von Ebene 1 aus können Sie einen Blick ins Innere des Anno-Stollens werfen. Bei meinem letzten Besuch allerdings ging das nicht, weil irgendjemand Stücke  vergammelte Pappe auf das Schutzgitter gelegt hatte samt einem Putzlumpen. Köln, sage ich nur, mein Gott, Köln!.

Wenn die geplante Via Culturalis vollendet sein wird, dann könnte sie sehr gut hier  beginnen, an der Nordmauer des antiken Köln. „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“, hieß ein populärer Archäologie-Führer von Rudolf Pörtner aus meiner Jugendzeit. Wie Sie sehen, kann auch die Einfahrt in eine Tiefgarage genügen. Und  dieses skurrile Nebeneinander von Parkhaus-Tristesse und glanzvoller Historie ist eben auch – typisch Köln.