Der schönste Ort zum Warten auf den jüngsten Tag

Der Friedhof Melaten hat eine magische Faszination, besonders an Allerheiligen - Kölner Bürger können Paten für historische Gräber werden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 30. 10. 2015

Manche Leute schaufeln sich ihr eigenes Grab. Ich wüsste da den einen oder anderen. Ich selber bin schon bei der Grabpflege angelangt. Davon möchte ich Ihnen bei einem Besuch auf dem Friedhof Melaten erzählen.

Melaten ist für mich ein magischer Ort. Obwohl ich mich für durchaus lebensfroh halte, komme ich unglaublich gerne hierher und gehe stundenlang spazieren, ohne dass es mir langweilig würde. Schon die Natur ist wunderschön mit ihren alten Bäumen, und das Areal mit seinen 435.000 Quadratmetern Fläche ist so groß, dass ich jedes Mal verschiedene nehmen kann. Anders als im Wald, bekomme ich dabei immer etwas Zusätzliches zum Sehen Sinnieren.

Wussten Sie, dass es auf Melaten mehr als 55.000 Grabstätten gibt? Es rührt mich, wie verschieden die Menschen ihre Trauer ausdrücken, erst recht bei der wachsenden Vielfalt der Kulturen, die hier zusammenkommen. Nicht alles davon ist mein Geschmack. Aber interessant ist es in jedem Fall, zu sehen, was es jenseits der christlichen Zeichen, der Bezüge auf die antike Mythologie oder die Berufe der Verstorbenen so alles an Schmuck und Symbolik rund um den Tod gibt. Regelmäßig besuche ich die Gräber verstorbener Freunde. Bei manchen wohnen die Angehörigen irgendwo anders, so dass außer mir eigentlich keiner herkommt.  Auch eine Studienfreundin liegt hier, nach deren plötzlichem Tod ihre Freunde für ein Grab zusammengelegt hatten. Auf meinen Runden alle Vierteljahre gehe ich vorbei und stelle ein Kerzchen auf. Offenbar gibt es immer noch viele Leute, die dieser alten Tradition folgen. Faszinierend ist ein Besuch auf Melaten jetzt zu Allerheiligen bei Einbruch der Dunkelheit: der ganze Friedhof voller Licht!

[Schon bei seiner Gründung 1810, in der Zeit der napoleonischen Besatzung Kölns, war Melaten ja eine Melange. Das kaiserliche „Dekret über die Begräbnisse“ von 1804 entzog der katholischen Kirche die Zuständigkeit für die Bestattungen und übergab sie der Stadt. Neue Friedhöfe mussten außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern liegen. Der Friedhof Melaten war der erste Kölner Zentralfriedhof. Er entstand im Westen der Stadt entlang der Aachener Straße auf dem Gelände des ehemaligen Leprosenheims, dessen Name im Volksmund „Maladen“ war und dem neuen Friedhof seinen Namen gab. Er stand von Anfang an allen Konfessionen offen. Auch Nicht-Christen können hier Grabstätten erwerben. Und es gibt auch keine strikte Trennung nach sozialer Schicht. Fromm oder gottlos, arm und reich – im Tod sind alle gleich.  Solche Sachen gehen mir hier auf Melaten durch den Kopf.]

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Das Grab aber, das ich am häufigsten besuche, ist mein eigenes. Zwei Möglichkeiten haben Sie, wenn Sie auf Melaten an ein Grab kommen wollen: Entweder Sie kaufen sich ein neues; es gibt auf dem Gelände ja sehr viele Lücken, weil erst vor kurzer Zeit wieder eine ganze Reihe von Gräbern aufgelassen worden ist.  Oder Sie machen es wie ich und übernehmen die Patenschaft für ein historisches Grab. Was das bedeutet? Nun, Sie erwerben als Pate das Recht, sich eines ungewissen Tages in Ihrem Patengrab beisetzen zu lassen. Im Gegenzug übernehmen Sie die Verpflichtung zum Erhalt des Bestands, ob nun denkmalgeschützt oder nicht. Wobei da niemand strenge Vorschriften macht.

Eine Zeitlang allerdings gab es für die denkmalschützten Gräber die Auflage, die Originalinschriften an ihrem Platz zu belassen und Platten für die neuen Besitzer darunter anzubringen. Daraufhin ging die Nachfrage schlagartig zurück. Die Leute wollen auf ihrem Grab dann doch ihren Namen lesen. Inzwischen wurde die Vorschrift wieder gelockert. Es gibt aber auch schöne alte Gräber, die nicht unter Denkmalschutz stehen. Wenn man sie freischnippelt und säubert, stößt man oft auf richtige Schätzchen und macht sich obendrein verdient um den Erhalt eines Stücks Friedhofskultur aus vergangener Zeit.

Als mein Patengrab, Sie werden es sich denken, habe ich mir natürlich ein neugotisches ausgesucht. Es besteht aus Sandstein mit Säulchen und Grabplatte aus weißem Marmor. Das Dekor ist typisch für die Arbeit der Kölner Dombauhütte im 19. Jahrhundert. Zu meinem 60. Geburtstag haben mir die Mitarbeiter der Dombauhütte eine Grableuchte geschenkt mit der hl. Barbara als Glasmalerei. Diese Leuchte habe ich schon aufgestellt. Mit einem großen Betonklotz unten dran, sonst wäre sie vermutlich nicht mehr da.

Die ganze Grabstätte war komplett zugewachsen und an der rechten Seite vom Efeu auch schon so angefressen, dass ich das Schmuck-Kapitell dort habe ich neu machen lassen. In den Sockel aus Sandstein war ursprünglich ein frommer Vers geschlagen. Aber der ist so verwittert, dass man nur noch einzelne Silben entziffern kann. Dabei werde ich es, habe ich überlegt, auch belassen. Auf der Inschriftenplatte fehlt noch mein Name. Das Original einer Familie Paffendorf hängt jetzt auf der Rückseite des Grabmals. Ihr Gedächtnis ist also nicht getilgt. Das finde ich gut. Und wenn ich mal viel Zeit habe, werde ich mich auf die Suche machen, wer die Paffendorfs waren.

Ich habe keinerlei Interesse, ihnen bald zu folgen. Aber es beruhigt mich, zu wissen: Hier komme ich mal rein. Ich sehe das als eine Form der Vorsorge. Meine Kinder sollen einmal keinen Ärger mit meiner Grablege haben. Und es ist ein Platz, an dem ich mir das Warten auf den Jüngsten Tag sehr gut vorstellen kann. Das klingt vielleicht seltsam, aber erstens finde ich es beruhigend, einmal in einer Gemeinschaft von Toten zu ruhen. Nun werden meine sterblichen Überreste die meiste Zeit der Ewigkeit hier verbringen. Deshalb habe ich zweitens bestimmte Erwartungen an diesen Ort. Ein richtiges Erdgrab zum Beispiel sollte es sein. Schon weil ich den Gedanken schrecklich finde, dass meine Verwandten und Freunde zur Beerdigung hinter einer Blechdose mit meiner Asche herlaufen sollten. Mein Leichnam im Sarg, runter in den Boden, Erde drüber, fertig. Das hat für mich eine zwingende Logik. Aber bitte, jeder muss das natürlich für sich selbst entscheiden.

Sie merken schon, mein Verhältnis ist ein pragmatisches mit einem Schuss Besinnlichkeit. Aber die verberge ich meistens hinter einer betont nüchternen Sprache. Als ich das erste Mal herkam und mit einer Heckenschere gegen das ganze Gestrüpp über dem Grab vorgegangen bin, kamen gleich einige ältere Damen vorbei. Mich hätten sie ja noch nie hier gesehen, und wessen Grab das denn sei. „Mein eigenes“, sagte ich bloß. Da waren sie dann doch ein bisschen schockiert.

Ab und zu komme ich für den Grünschnitt her. Mit der Steinrestaurierung hatte ich seinerzeit einen Steinmetz beauftragt. Die Kosten dafür stehen übrigens in keinem Verhältnis zum Preis für ein neues Grab in dieser Größe. Ohne zu sehr in die finanziellen Details zu gehen: Etwas vergleichbares Neues könnte eine – nun ja – Normalsterbliche wie ich sich überhaupt nicht leisten. Im „Erlebensfall“, wie das so schön heißt, zahlen Sie die ganz normale Grabgebühr, in meinem Fall für ein Doppelgrab. Die Gebühr bemisst sich nämlich immer nach der Zahl der Liegeplätze. Nach der Belegung können Sie das Grab 25 Jahre nutzen. Und wenn Sie oder Ihre Nachfahren weiterzahlen, behalten Sie den Anspruch auch länger. Patenschaft ist Patenschaft. Also, ich kann Ihnen das nur empfehlen.

Kurioserweise ist das Familiengrab meines Vorgängers im Amt des Dombaumeisters, Arnold Wolff gleich um die Ecke. Ich wusste das nicht. Aber irgendwann traf ich seine Frau hier nebenan, die es mir erzählte. So werden Wolff und ich also in unmittelbarer Nachbarschaft den ewigen Frieden finden.

Für die Domkapellmeister, auch wichtige Menschen an der Kathedrale, gibt es inzwischen sogar eine Art Amtsgrab, weil das Domkapitel auf Anregung von Eberhard Metternich die historische Grabstätte seines Vorvorgängers Carl Leibl (1784 bis 1870) und seiner Frau Gertrud aus dem 19. Jahrhundert in Patenschaft übernommen hat. Das Original-Grabmal aus dem 19. Jahrhundert war aber kriegsbeschädigt, so dass ein herrenloser Aufbau von einer anderen Ecke des Friedhofs umgesetzt und mit einer neuen Inschriftentafel versehen wurde. Auch eine Möglichkeit.

Unsere Chefs selbst, die Mitglieder des Kölner Domkapitels, sind auf Melaten ebenfalls Grabpaten. Ihre Vorgänger hatten im 19. Jahrhundert ein Gemeinschaftsgrab erworben und vermutlich vom  damaligen legendären Dombaumeister Ernst Zwirner gestalten lassen. In den 1970er Jahren dann erhielt der damalige Dompropst Bernard Henrichs einen Brief von der Stadt Köln: Die Ewigkeit sei jetzt vorbei. Das Grab falle an die Stadt Köln zurück. Das Domkapitel könne es aber erneut kaufen.

So etwas machte Henrichs Spaß, der bekanntlich ein Schalk war und keinem gepflegten Streit aus dem Weg ging. „Etwas kaufen, das uns gehört? Kommt überhaupt nicht in Frage!“, befand Henrichs. „Wenn überhaupt, dann lassen wir die Grabstätte neu herrichten. Das kommt uns schon teuer genug zu stehen.“  Womit er leider Recht hatte. So ist auch die Grabstätte des Kapitels ein Patenschaftsgrab. Und eigentlich kann die Stadt froh sein, sonst hätte sie die Pflege am Hals.

So aber war die Restaurierung Sache der Dombauhütte und fiel somit irgendwann auch in meine Zuständigkeit. Vom Eisengitter um die rechteckige Anlage war nur noch ein Segment vorhanden. Den Rest haben wir in einer historischen Gießhütte in Thüringen nachbilden lassen und die Spitzen anschließend neu vergoldet.

Bei der verschnörkelten Inschrift auf der Mittelstele komme ich jedes Mal ins Schleudern, weil ich diese Art Buchstaben partout nicht lesen kann. „Canonicis ecclesiae maj…“ –  tja, und da verließen sie ihn… 36 Plätze insgesamt gibt es, glaube ich. Theoretisch. Denn sollte sich jemals ein Domkapitular nicht auf dem Domherrenfriedhof hinter dem Dom, sondern hier beerdigen lassen wollen, würde auch 36 Mal die Begräbnisgebühr fällig. Eine horrende Summe. Solange aber keiner bestattet wird, kostet es auch nichts. Außer der Pflege. Also, das werden die Herren sich gut überlegen.

Sie sehen schon, Melaten ist voller Geschichten und Geschichte. Zu den traurigsten Kapiteln gehört das Gedächtnis der Kriegstoten. Und da treibt es mir jedes Mal den Blutdruck hoch, wenn ich an dem großen, zehn Meter hohen vierflügeligen Monument „Zum Andenken an die zu Coeln in Folge des Krieges von 1870/71 verstorbenen Söhne Deutschlands“ vorbeikomme.

Man kann von Kriegergedenken ja halten, was man will. Und ich will auch nicht die Fragen beantworten, wie lange man es fortschreiben muss oder wann man es still einschlafen lassen darf. Aber ich finde, so oder so muss es in Würde geschehen. Die vermisse ich hier schmerzlich. Offensichtlich gibt es noch Kölner, die sich der Toten des deutsch-französischen Kriegs erinnern. Jedenfalls habe ich bei meinem jüngsten Besuch frische Kränze am Fuß des Denkmals mit seinem Neo-Renaissance-Dekor liegen gesehen. Aber ganze Teile der Neorenaissance-Architektur von Stadtbaumeister Hermann Weyer (1830 bis 1899) sind überwuchert, oben wächst sogar ein Baum in den Himmel, dessen Samen sich selbst ausgesät haben.

Einen solch verkommenen Zustand haben die Männer nicht verdient, die – wie ich finde – sinnlos in den Tod geschickt wurden um einer nationalen Idee willen, mit dem Pathos „für Gott, König und Vaterland“. Wegen des Missbrauchs patriotischer Ideale ist Gefallenengedenken gerade in Deutschland nach 1945 eine sehr zwiespältige, von manchen misstrauisch beäugte Sache. Aber so offensichtlich geringschätzig wie hier darf man sich seiner nicht entledigen.

Für die Pflege der Soldatengräber aus den beiden Weltkriegen gibt es ein eigenes Grabgesetz. Darunter fällt Weyers Monument nicht. Trotzdem ist die Stadt Köln dafür verantwortlich. Ein Telefonanruf in der Verwaltung macht mir Hoffnung. Dem zuständigen Beamte war sofort klar, wovon die Rede war. Im November oder Dezember „nehmen wir uns das Denkmal vor“, versprach er, wenn erst das Laub gefallen sei. Und ja, er wisse schon, die Sache mit dem Baum… „Das wächst halt immer wieder raus.“ Genau, so ist das auf dem Friedhof Melaten, der alles andere ist als tot.