Bausünden und Multikulti am Eigelstein in Köln

Am Eigelstein ist Multikulti lebendig – auch darum liebt Ex-Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner die Straße in der Kölner City. An vielen Stelle ist die Baustruktur des 19. Jahrhunderts bewahrt.

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

Warum über den Eigelstein reden, obwohl das Stadtmuseum ihm erst voriges Jahr eine eigene Ausstellung gewidmet hat? Weil ich diese Straße einfach toll finde. Sie ist nicht geleckt, sondern lebendig. Sie ist spießig und wirkt gerade deshalb charmant.

Das fängt schon gleich am Südausgang in dem Knick Richtung Breslauer Platz und Hauptbahnhof hin an: Diese Wohnhäuser mit ihren weißen Klinkerbalkonen – also, schrecklicher geht es eigentlich gar nicht! Aber hier fügen sie sich in ein urbanes Ganzes. Genau wie die Leuchtreklamen und die Werbeschilder an den Geschäften, die mich sonst immer auf die Palme bringen. Hier stören sie mich überhaupt nicht. Wahrscheinlich, weil Häusern von so geringer architektonischer Qualität selbst die schreiendste Verkleidung nichts anhaben kann.

Eine Besonderheit der Straße nehmen Sie womöglich nur wahr, wenn Sie eigens darauf aufmerksam gemacht werden: Zum ersten Mal hat die Stadt auf dem Eigelstein den absatzlosen Gehweg ausprobiert, der von der Fahrbahn nur durch eine andere Form des Pflasters abgehoben ist. Das Fehlen der Bordsteinkante bringt Bürgersteig und Straße auf gleiches Niveau. Das sieht schöner aus, ist passantenfreundlicher und signalisiert den Autofahrern: „Ihr spielt hier nicht die Hauptrolle!“ Alles eine Frage der Psychologie. Noch besser fände ich es, wenn die vielen Poller weg wären. Aber dann wäre der Fahrbahnrand bestimmt komplett zugeparkt.

Was mir beim Bummeln immer wieder Spaß macht, ist das bunte Nebeneinander der verschiedenen Nationalitäten: hier der Asia-Shop, daneben der Türke und nur ein paar Meter weiter der klassische deutsche Supermarkt. Also, wenn Multikulti irgendwo in dieser Stadt lebendig ist, dann auf dem Eigelstein.

An der Ecke Unter Krahnenbäumen bleibe ich jedes Mal vor dem Laden mit türkischer Brautmode stehen und bewundere die prachtvollen Roben: ein einziger Traum in Tüll! Just hier sei übrigens einst die schlüpfrigste Ecke Kölns gewesen. Heute ist Unter Krahnenbäumen als Wurmfortsatz zur Turiner Straße die vielleicht langweiligste Straße der Stadt. Man sieht: Nichts ist für die Ewigkeit, noch nicht einmal die sündige Meile für das älteste Gewerbe der Welt.

Passend zur Vielfalt der Lebensmittel-Läden, bietet der Eigelstein auch gastronomisch für jeden Geschmack etwas. Ich gehe ab und zu gern in das Traditionsbrauhaus „Em Kölsche Boor“. Da trifft sich die ganze Stadt, wenn nicht die halbe Welt. Architektonisch ist der Eigelstein ein ähnlich sympathisches Sammelsurium: der Charme der 1950er Jahre wie beim Haus Nummer 34 fast direkt neben denkmalgeschütztem Erbe der Gründerzeit. Gründerzeit in der Billigversion, wenn Sie genauer hinschauen. Macht aber nichts. Es brauchte ja nicht überall so ambitioniert zugehen wie etwa auf der Hohe Straße, von deren Bestand aus dem 19.  Jahrhundert der Krieg kaum etwas übrig gelassen hat.

Dagegen bewahrt der Eigelstein an vielen Stellen die alte Baustruktur mit den sehr schmalen Grundstücksflächen, die nur Ein- bis maximal Zwei-Fenster-Fassaden zuließen. Diese wurden dann sogar bei den nüchternen Nachkriegsbauten übernommen. Wie störend jede Abweichung davon wirkt, sieht man sehr gut an dem breiten Riegel von Haus Nummer 103-113 mit seinen zwölf Fensterachsen.

Genau das freilich ist die Gefahr, die dem Eigelstein auch heute droht. Nicht nur, dass in der Nachbarschaft am Breslauer Platz schon wieder so ein Ungetüm aus Stahl und Glas entsteht. Fällt den Architekten, nebenbei bemerkt, eigentlich gar nichts anderes mehr ein? Nein, auch auf dem Eigelstein selbst ist der Erweiterungsbau des Savoy-Hotels mit seiner hohen, breiten, gleichmäßigen Fassade auf bestem – oder präziser, auf schlechtestem – Weg, den Rhythmus des Straßenbilds empfindlich zu stören. Es ist ja schön, dass sich die Luxus-Herberge der Stars und Sternchen offenbar großer Beliebtheit erfreut. Aber muss das mit solch einem rabiaten Eingriff ins gewachsene Ensemble einhergehen? Ich kann nur hoffen, dass die Stadtplanung die putzige Eigenart des Eigelsteins erhält und es der Straße erspart, zur charakterlosen, aseptischen Zone zu werden. Das wäre sehr bedauerlich!