Qualität außen wie innen

Das Gymnasium Kreuzgasse ist Beleg dafür, wie wichtig die Stadt ihre Schulbauten nahm

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

In den 1950er und 1960er Jahren gehörten Schulen zu den edelsten Bauaufgaben überhaupt. Zwar schwammen die Kommunen damals auch nicht gerade im Geld. Trotzdem gab es ein allgemeines Einverständnis darüber, dass Schulbauten anspruchsvoll zu sein hätten. Nach der Zivilisationskatastrophe des „Dritten Reichs“ sollten Bildung und Erziehung verhindern helfen, dass es je wieder zu solchen Verirrungen kommen würde wie in der Nazi-Zeit. Sie finden kein Architekturheft aus jener Zeit, in der nicht eine vorbildliche Schule vorgestellt worden wäre. Berühmte Architekten bemühten sich um Bauaufträge für Schulen. Viele Architekturpreise gingen an Schulbauten.

Während sie in der Vorkriegszeit oft eintönig waren mit langen Fluren und einem Klassenraum am anderen, bevorzugte man nach dem Krieg das skandinavische Prinzip: das Ganze eher aufgelockert, mit Grün versehen. Das Gymnasium Kreuzgasse mit seiner Lage mitten im Grüngürtel ist deshalb so charakteristisch wie zeittypisch.

Der Entwurf für das Kerngebäude aus den Jahren 1952/53 stammt von Karl Hell (1908 bis 1999), der in dieser Zeit viele Schulen für die Stadt gebaut hat. Die von ihm bereits vorgesehenen Erweiterungsbauten wie zum Beispiel eine Turnhalle wurden später errichtet, allerdings nicht mehr nach den originalen Plänen.

Natürlich, Sie finden auch hier einen dreistöckigen Block mit Klassenräumen vor. Aber Hell bemühte sich außen wie innen um Qualität, um Sorgfalt in Proportion und Ausstattung. Schauen Sie sich nur das Treppenhaus oder den oberen Abschluss der Geschosse mit ihrem Betonmaßwerk an. Man erkennt den Wunsch nach Gestaltung, die auch einen positiven Einfluss auf die Schüler haben sollte. Diese Art zu bauen endet abrupt mit den Betongebirgen der 70er Jahre.

Umso wichtiger ist es, die Erinnerung daran zu bewahren, wie wichtig Köln in den 50er Jahren seine Schulbauten nahm. Das Problem: Schule verändert sich, muss sich verändern. Also auch die Gebäude. In den 70er Jahren ging es da erst mal schlicht um Kapazitäten, als die geburtenstarken Jahrgänge auf die weiterführenden Schulen drängten und die Politik das Ziel ausgab, möglichst viele Jugendliche zum Abitur zu führen. Heute entsprechen die alten Gebäude nicht mehr den neuen Erfordernissen von Ganztagsbetreuung oder Inklusion. Oft fehlen Küchen, Speisesäle, Sozialräume, behindertengerechte Zugänge und vieles mehr. Hier im Gymnasium Kreuzgasse haben die alten Klassenräume noch nicht mal einen Wasseranschluss. Um den Schwamm für die Tafel nass zu machen, muss einer mit dem Eimerchen den ganzen Flur runter laufen. Die neue Direktorin, Dr. Claudia Fülling, berichtet mir noch von manch anderen Schwierigkeiten: Da macht die Installation eines WLAN-Netzes Probleme, da beschweren sich Lehrer und Schüler über eine unzumutbare Akustik in den hohen Räumen. Wenn da einer nur ein bisschen mit Papier raschelt oder einen Stift fallen lässt, sei das gleich ein gewaltiger Krach.

Ich verstehe solche Klagen. Aber unverständlich ist mir der Versuch, dem Denkmalschutz alles in die Schuhe zu schieben, was an den Schulen im Argen liegt. In Köln wird jetzt sogar darüber diskutiert, den Denkmalschutz für die Schulen generell aufzuheben. Das ist keine Lösung. Dahinter steckt eine Denke, die Denkmalschutz für etwas Störendes und Kostentreibendes hält, worauf man notfalls ganz schnell verzichten sollte. Aber genau das ist eben nicht wahr. Denkmalschutz bewahrt Stadtarchitektur, gute Stadtarchitektur. Man würde das Beste verwerfen, was die 1950er und 1960er Jahre an Architektur hervorgebracht haben, wenn man die Schulen dieser Zeit völlig aus dem Denkmalschutz herausnähme.

Wenn ich an den Schulen nachfrage höre ich, dass die Verantwortlichen dort selber nicht im Detail wissen, wo die Auflagen beginnen und wo sie enden. Oft genug bremst nicht der Denkmalschutz sinnvolle Veränderungen und notwendige Veränderungen aus, sondern die Geldnot der Stadt und die Unbeweglichkeit der Verwaltung.

Natürlich lässt sich der Baubestand denkmalgeschützter Schulen nicht pur erhalten. Das wäre Konservatoren-Fundamentalismus. Zugegeben, manchmal neigen die Denkmalschützer dazu. Aber das liegt auch daran, dass sie so stark unter Beschuss stehen und sich dann zur eigenen Verteidigung in die Schützengräben, hinter die Barrikaden von Rechtsnormen und Vorschriften begeben. Dem neuen Stadtkonservator Dr. Werner ist dieser Vorwurf freilich nicht zu machen.

Sicherheitsbestimmungen sind zu erfüllen. Energetische Aufwertung muss sein, für neue pädagogische Konzepte braucht es den geeigneten Raum. Aber nicht, indem man den Denkmalschutz einfach hinten runter kegelt. Vielmehr müsste die Stadt Stadtkonservator, Gebäudewirtschaft und Schulamt an einen Tisch holen, damit sie gemeinsam passende Lösungen finden. Intelligenten Leute mit gutem Willen gelingt das fast immer.