Entstellte, alte Schönheit

Wilhelm Riphahn setzte bei der Neugestaltung des Hahnenstraße auf Zurückhaltung

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

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Als ich Vorlesungen für Architektur- und Stadtbaugeschichte in Erlangen hielt, kam darin immer die Hahnenstraße vor. Kurz nach dem Krieg war sie ein städtebauliches Novum. Denn anders als bis dahin üblich, hatte der Architekt Wilhelm Riphahn (1889 bis 1963) die Idee, bei der Neugestaltung der Ost-West-Achse zwischen Rudolfplatz und Neumarkt Arbeit und Privatsphäre der Menschen voneinander zu trennen. Wir kennen das bei großen Häusern in Innenstadtlage  ja normalerweise so: unten ein Ladenlokal, in den Etagen darüber Büro und Wohnungen. Riphahn dagegen stellte von 1946 bis 1949 in direkter Nähe zur Straße niedrige, einstöckige Pavillons hin, verlegte die Wohntrakte dafür nach hinten und sah dazwischen kleine Gärten vor. Das Ergebnis: Vorn liegt die Ladenzeile, von deren Betrieb die Bewohner nach hinten hin ein bisschen abgeschirmt sind. Das ergibt einen lockeren, luftigen Gesamteindruck mitten in der City.

Die Hahnenstraße ist aber noch aus einem anderen Grund etwas Besonderes: Man wollte hier bewusst Kommerz und Kultur miteinander mischen. Deshalb der Neubau der „Brücke“ und eines der größten und  berühmtesten Uraufführungs-Kinos dieser Zeit in ganz Deutschland, der „Naturlichtspiele“. Der Bau ist allerdings nicht mehr vorhanden, er wurde 1986 abgerissen.

Dieses Ensemble war ursprünglich sehr elegant. Riphahn setzte auf äußerste Zurückhaltung als Gestaltungsprinzip. Deswegen zum Beispiel die ganz schmalen, dünnen Vordächer an den Geschäftspavillons. Der Laden des Pelzgeschäfts „Adriani“, eines Kölner Traditionsunternehmens, lässt noch am ehesten erahnen, wie es einmal hier aussah. Insgesamt aber ist davon leider wenig übrig geblieben. Der Wirt im Restaurant „Riphahn“ auf der anderen Straßenseite hat mir vorhin ganz stolz Bildbände mit alten Fotografien gezeigt, auf denen man den Originalzustand sehr schön erkennen kann, bevor dann die Verwilderung durch Reklame einsetzte, wie man sie zum Beispiel auch am „Haus Appelrath“ sieht. Für das Lokal im Eckhaus zu den Ringen hin wurden in der ersten Etage große Flächen für Panoramascheiben in die Außenmauer gebrochen, wo Riphahn im Original nur relativ kleine Fenster vorgesehen hatte. Na ja, das sind vielleicht die Anforderungen moderner Gastronomie. Damit kann man sich arrangieren.

Geschäfte und Gastronomie in der Hahnenstraße

Am allerschlimmsten freilich wirkt die Entstellung von Riphahns Planung durch das Eckhaus Hahnenstraße 15 aus den 1980er Jahren. Ausgerechnet anstelle des Querblocks, den der Architekt einmal als formalen Abschluss der Anlage konzipiert hatte. Ich verstehe überhaupt nicht, wie sich da ein Kollege Riphahns mit Tunnelblick und einer seltsamen Leidenschaft für Klinker und eloxiertes Aluminium austoben durfte – und wie er das dann von der Stadt auch noch genehmigt bekam, ohne jede Rücksicht auf die Umgebung und den vorhandenen Baubestand. Schlimm, dieses Scheusal, ganz schlimm! Aber an einen Rückbau ist heute natürlich nicht mehr zu denken, man wird dieses Ding da nicht mehr wegbekommen.

Wohl aber habe ich die Hoffnung, dass die Hahnenstraße in das Sanierungskonzept für  Neumarkt und Rudolfplatz einbezogen und zumindest von dem überflüssigen, störenden Schilderwald befreit wird. Außerdem könnte die Stadt ja mal mit den Ladeninhabern reden, dass sie mit ihrer Werbung die Vordächer nicht gar so verschandeln, wie das zurzeit der Fall ist. So ließe sich diese Einfallschneise von den Ringen zum Neumarkt, wahrlich eine urbane Filet-Lage, mit einfachen Mitteln aufwerten. Und vieles von der alten Schönheit käme wieder zum Vorschein, für die die Hahnenstraße einst weit über Köln hinaus berühmt war.

Weiterführende Informationen bietet der von Wolfram Hagspiel, Hiltrud Kier und Ulrich Krings herausgegebene Band „Köln. Architektur der 50er Jahre“. Das 1986 im Verlag Bachem erschienene Buch ist vergriffen, aber im modernen Antiquariat erhältlich.

Die ISBN lautet 3-7616-0858-6.