Untergang eines Baudenkmals – Sidol-Werke

Die Sidol-Werke müssen Neubauten weichen: Nachruf auf ein Stück Kölner Industriegeschichte

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadt-Anzeiger

sidol_1_kAm Beginn des 20. Jahrhunderts gründeten die Kaufleute Otto Siegel und Eugen Wolff in Köln 1903 die Chemische Fabrik Siegel & Co., die sie 1911 in die Eupener Straße verlegten. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Firma ungeheuren Erfolg mit ihrem Metallputzmittel Sidol, das später sogar dem ganzen Betrieb seinen Namen gab.

Eugen Wolff war aber nicht nur ein cleverer Unternehmer. Er hatte auch Sinn für Architektur. Für den Neubau seines Werks in Braunsfeld gab er einen Entwurf in Auftrag, den Otto Müller-Jena im modernsten internationalen Stil erstellte. Die Anlage ist das erste Stück Bauhaus-Architektur seiner Art in Köln und eines von ganz wenigen im Rheinland.

Die Produktion auf dem Gelände der Sidol-Werke ist seit 30 Jahren eingestellt, das Unternehmen verkauft. Nach jahrelanger Zwischennutzung ist die ganze Immobilie an einen Investor gegangen, der dort sehr schicke Wohnungen errichtet. Zwar stand das Werk schon beim Verkauf unter Denkmalschutz, und der neue Eigentümer wusste das auch. Trotzdem beantragte er 2009 den Abriss und kam damit bei der damaligen, nicht immer glücklich agierenden Stadtkonservatorin Renate Kaymer auch durch. In Braunsfeld und Müngersdorf kämpfen Bürgervereine seither für den Erhalt. Aber nach erteilter Abbruchgenehmigung ist erfahrungsgemäß nichts mehr drin. Überlegen Sie nur einmal, was für Regressforderungen auf die Stadt Köln zukämen, wenn sie jetzt einen Rückzieher machte! Mit gutem Willen des Investors ließe sich vielleicht wenigstens ein Teil der Anlage erhalten. Allerdings ist meine Hoffnung gering. Die Neubaupläne dürften längst fertig sein, und in meinen Gesprächen haben bei der Stadt alle mit dem Kopf geschüttelt und abgewinkt: Keine Chance, Frau Schock-Werner!

So ist diese Kolumne zum einen ein wehmütiger Nachruf auf ein einmaliges Baudenkmal der klassischen Moderne und der Kölner Industriegeschichte, verbunden mit der Einladung zu einem Abschiedsbesuch vor seinem endgültigen Verschwinden. Zum anderen soll der Untergang der Sidol-Werke ein mahnendes Negativ-Exempel dafür sein, wie es im Umgang mit unserem Architektur-Erbe nicht laufen sollte. Ich bin mir sicher, der heutige Stadtkonservator Thomas Werner würde den Abbruch ebensowenig genehmigt haben wie Kaymers Vorgänger Ulrich Krings.

Der Ruf nach Wohnraum in einer Stadt Köln ist gewiss verständlich, und sicher hätte man die Braunsfelder Industriebrache nicht 1:1 dafür hernehmen können. Aber mit etwas Sensibilität hätte man sowohl die Wohnungsnot mildern als auch den Denkmalschutz wahren und damit zwei Bedürfnisse der Kölner Bürger berücksichtigen können. Kompromisse gibt es immer, sage ich gern, und die müssen nicht einmal faul sein. So hätte eine Ansammlung von Ateliers, Studios, Werkstätten und Industrielofts im historischen Baubestand mitten auf dem Gelände einer künftigen Wohnanlage der sozialen Mischung sicher gut getan. Auch rein ästhetisch wären bauliche Details wie der alte Wasserturm oder der Schornstein der Sidol-Werke – beide stehen noch – für das Erscheinungsbild der so schicken wie stereotypen und sterilen Wohnarchitektur von ausgesprochen großem Reiz. Offenbar ist der neue Eigentümer für derlei Ideen ja auch nicht komplett unempfänglich. Im vorderen Teil des Geländes etwa bleibt der nach dem Zweiten Weltkrieg ergänzte, aber dem Bestand stilistisch sehr gut angepasste Werkseingang mit zwei halbrunden Pavillons als altes und neues Entrée erhalten. Ähnlich hätte man auch mit der eigentlichen Fabrikanlage im Westen des Geländes umgehen können.

Leider ist es anders gekommen. Passiert ist passiert. Aber ich will mit Ihnen heute zumindest mein Bedauern darüber teilen.