Ein Selbstmordattentäter in der Bibel

Das Fußbodenmosaik in der romanischen Basilika St. Gereon erzählt die Samson-Geschichte als Comic aus der Stauferzeit

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

 

 

 

Wenn Sie meine Kolumnen regelmäßig lesen, erinnern Sie sich vielleicht, dass ich im Juni auf dem Gelände des ehemaligen Kölner Güterbahnhofs St. Gereon unterwegs war. Eigenartig, dass ein so durch und durch prosaischer Ort nach einem Heiligen benannt war, oder? Das hat mit der Bedeutung der romanischen Basilika und ihres seit dem 9. Jahrhundert bestehenden Stifts zu tun, dem im Mittelalter rundum große Ländereien gehörten. St. Gereon war in der Merowingerzeit die bedeutendste fränkische Königskirche und einer der berühmtesten Kirchenbauten des Mittelalters überhaupt. Das hat auch auf die Umgebung abgefärbt, das Gereonsviertel mit dem Gerling-Areal, vielen nach dem Kirchenpatron benannten Straßen und eben auch dem einstigen Güterbahnhof, der von 1859 bis 1990 in Betrieb war.

 

Die Kuppel und das Dekagon von St. Gereon gehören zum Markantesten, was das historische Stadtbild Kölns zu bieten hat, so dass ich Sie eigentlich gar nicht darauf hinzuweisen bräuchte. Trotzdem ist Ihnen bei der Besichtigung der Kirche bislang vielleicht etwas entgangen, was sozusagen an entgegengesetztem Ort zu suchen ist: unten in der Hallenkrypta und dort auch noch einmal auf dem tiefsten Punkt, dem Fußboden nämlich. Hierhin wurde das Jahr 1870 ein großes, um 1150 entstandenes Mosaik mit Szenen aus dem Leben des alttestamentlichen Helden Samson verlegt, das sich ursprünglich im Hochchor befunden hatte.

Die Figur aus dem Buch der Richter ist der jüdisch-christliche Widerpart zu Herkules, dem schon von Kindheit an mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten antiken Heroen. Quelle von Samsons Stärke sind seine Haare, weshalb seiner Mutter schon verkündet worden war, dass sie Knaben auf keinen Fall die Haare schneiden dürfe. Ähnlich wie die griechische Mythologie im Fall des Herkules, weiß die Bibel allerhand Taten ihres Helden zu berichten. Samsons Hauptfeinde sind die Philister, mit denen er ständig im Clinch liegt. Trotzdem nimmt er sich als Braut eine junge Philisterin, Schon bei der Hochzeit kommt es zu Streitigkeiten mit ihrem Gefolge, und am Ende liefert ihn seine Gemahlin auch an ihr Volk aus.

Typisch, könnte man sagen. Denn immer wieder rühren Samsons Bredouillen aus seiner Schwäche für das schöne Geschlecht Als er auf Brautschau, zusammen mit seinen Eltern unterwegs zu seiner Braut ist, begegnet er einem Löwen. Dummerweise ist er völlig unbewaffnet. Trotzdem stürzt sich Samson auf den Löwen und tötet ihn, indem er ihm das Maul auseinanderreißt. Diese Geschichte ist die erste, die im Samson-Mosaik dargestellt ist: Samson mit seinen wallenden langen Haaren sitzt auf dem Löwen und zerrt an dessen Ober- und Unterkiefer. Die nächste Episode handelt von Samsons Besuch bei einer Dirne in Gaza, wo ihn die Philister zu fangen versuchten. Sie umstellten das Haus und verriegelten die Stadttore in der sicheren Hoffnung, dass sie Samson so erwischen würden. Aber nichts da: Samson hebt die Tore einfach aus den Angeln und trägt sie auf einen Berg. Das ist das zweite Bild des Mosaiks.

Die dritte handelt dann von den Folgen seiner Liebe zu Dalila, über deren Charakter es sehr unterschiedliche Urteile gibt. Ob sie nun eine aufopferungsvolle Patriotin war, die half, den gefährlichsten Feind ihres Volkes zur Strecke zu bringen, oder ob sie schnöden Verrat an ihrem Mann beging, darüber kann man in der Tat lange streiten. Faktisch stellt sich das Geschehen so dar: Als Samson eines Tages nach dem Liebesspiel ermattet einschlief, ließ sie ihm die Haare abschneiden. So schildert es die Bibel. In den meisten künstlerischen Umsetzungen greift Dalila selbst zur Schere. Ohne Haare seiner Kraft beraubt, ist Samson eine leichte Beute für die Soldaten der Philister, die ihn fesseln und ihm die Augen ausstechen. Danach muss er in einer Mühle Sklavenarbeit verrichten. Aus lauter Stolz führen die Philister den entmachteten Feind als blinden Tölpel auf ihren Festen vor. Was sie aber übersehen haben: Mit der Zeit sind Samsons Haare nachgewachsen. Als er nun wieder einmal bei irgendeinem Gelage der Philister gedemütigt werden soll, greift er im Festsaal nach den nächstgelegenen Säulen und bringt den ganzen Bau zum Einsturz. Auch das ist im Mosaik zu sehen. Von den herabfallenden Steinen werden nun die Philister ebenso erschlagen wie Samson selbst. Heute würde man ihn vermutlich einen Selbstmordattentäter nennen.

Mosaiken, Bilder, die sich aus kleinsten Steinen zusammensetzen, waren in der Römerzeit in Villen und öffentlichen Gebäuden., aber dann auch im Mittelalter im Kirchenbau häufig anzutreffen Leider sind sehr viele davon verloren. Deshalb ist es so erfreulich, dass der Mosaikschmuck in St. Gereon erhalten ist. Selbst feine Details wie der Bortenschmuck an Samsons Kittel oder die Beschläge der Türen sind anschaulich wieder gegeben. Ein fein ornamentierter Rand umzieht jedes Einzelbild.

 

Das Mosaik wurde zwar im 19. Jahrhundert – an den Farbabweichungen erkennbar – stark restauriert. Trotzdem ist noch immer ein wunderbares Beispiel für die Erzählkunst der Romanik, ein Comic aus der Stauferzeit. Ein bisschen naiv, nicht so fein wie antike römische Mosaiken oder wie zeitgenössische Buchmalereien, aber trotzdem ungeheuer eindrucksvoll.