Archiv für den Monat: Januar 2021

Die Geheimnisse der Südseite

Von Barbara Schock-Werner

Jetzt ist wieder die Zeit, in der besonders viele Menschen den Dom mit der Weihnachtskrippe besuchen. Normalerweise. Aber was ist 2020 schon normal? Deshalb komme ich Ihnen in dieser und den nächsten Domgeschichten mit etwas, was man normalerweise nicht tut: Ich schicke sie hinters Haus. Genauer: Auf die Rückseite des Doms. Dort gibt es nämlich viel Wunderbares und Interessantes zu entdecken, was einem bei einem normalen Besuch im Dom entgeht.

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Beginnen möchte ich aber auf dem Roncalliplatz auf der Südseite. Hier steht nämlich zurzeit hinter dem Gitter vor der Querhausfassade die Bronzekrippe, die sonst immer in den Weihnachtsmarkt am Dom integriert ist. Die Domkrippe selbst wiederum, die Jahr für Jahr ungezählte Besucher anzieht, ist diesmal hinter den Fenstern des Römisch-Germanischen Museums zu sehen.

Auf diese Weise weihnachtlich eingestimmt, sollten Sie sich dann einmal die Südfassade ansehen. Sie gehört zu den großen Leistungen von Dombaumeister Ernst August Zwirner (1802 bis 1861). Man darf ruhig von einer Neuerfindung Zwirners sprechen. Denn anders als für den Grundriss des Doms und die Westfassade mit den beiden Türmen, stand ihm beim Weiterbau des Doms im 19. Jahrhundert für die Südseite keine Gestaltungsvorlage aus dem Mittelalter zur Verfügung. Er hat sich deshalb der vorhandenen Formen bedient und sie zu einem so wunderbar stimmigen Ganzen gefügt, dass keiner sie als Fremdkörper empfinden oder die sechs Jahrhunderte Abstand bemerken würde, die zwischen dem gotischen Hochchor und dem neugotischen Querhaus liegen.

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Na ja, „keiner“ stimmt vielleicht nicht ganz. Auf eine Inschriftentafel über dem Portal wäre das Mittelalter zum Beispiel nicht gekommen. An solchen kleinen Details erkennen Profis dann doch: Aha, das ist 19. Jahrhundert! Aber störend wirkt auch das nicht.

Über der Inschrift sehen Sie – reihenweise von unten nach oben erzählt – die Passionsgeschichte. Die Christusfigur auf dem Esel beim Einzug in Jerusalem hat leider noch immer keinen Kopf. Ganz oben in der Mitte dann zum krönenden Abschluss die Auferstehung.

Auf dem Mittelgiebel ist eine strahlendweiße Kreuzblume angebracht – eine Stiftung aus der Zeit der Domvollendung im 19. Jahrhundert. Das Werkstück ist aus Kalkstein, und weil es sich an dieser Stelle so gut erhalten hatte, wurde nach 1918 entschieden, die Reparatur der Schäden, etwa am Chorstrebewerk, ebenfalls mit Kalkstein vorzunehmen. Das war leider keine ganz so gute Idee, denn der dann verwendete Krensheimer Muschelkalk war weniger widerstandsfähig, als erhofft.

Ein anderes missliches Kapitel Baugeschichte können Sie an den Gesimsen erkennen, von denen manche viel verwitterter sind als das Mauerwerk in der Umgebung: Da hat man schon im 19. Jahrhundert bei den Bauarbeiten den falschen Stein verwendet. Das Mauerwerk des Querhauses ist hauptsächlich aus Schlaitdorfer Sandstein. Weil die Gesimse nun aber bekanntermaßen die Stellen der Fassade sind, die von Wind und Wetter am meisten beansprucht werden, sollten sie aus sehr hartem und damit vermeintlich haltbarerem Stezelberger Latit geschlagen werden.  Das war – wie man sieht – ein Trugschluss. Mein Nachfolger Peter Füssenich ist jetzt dabei, die schadhaften Partien zu ersetzen, wie linker Hand schon geschehen. Der dafür verwendete helle Sandstein aus Božanov (Tschechien) ist ein sehr haltbares aber sprödes Material. Daraus eine solch filigrane Ornamentik zu schlagen, ist eine absolute Meisterleistung.

An einigen alten Figuren, an der Profilierung des Portals oder auch in der Inschrift über dem Portal können Sie übrigens bei genauem Hinsehen noch vereinzelte Kriegsspuren erkennen. Ganz bestimmt aber fallen Ihnen die vielen hellen Architekturelemente und Figuren ins Auge. Damit es hat folgende Bewandtnis: Meinem Vorvorgänger Willy Weyres (1903 bis 1989) und dem Bildhauer Ewald Mataré (1887 bis 1965), die nach dem Zweiten Weltkrieg an die Reparatur der Südseite gingen, war die Fassade insgesamt viel zu plastisch. Mataré hätte ihr am liebsten eine Mauer vorgeblendet, um das Ganze abzuflachen. Mit dieser Idee kam er aber Gott sei Dank nicht durch. Immerhin ließ Weyres alle Außenskulpturen abnehmen – mit dem Argument, sie seien beschädigt. Für einige stimmte das, aber längst nicht für alle. Es war, ehrlich gesagt, ein Vorwand von Weyres, um seinem eigentlichen Ziel näher zu kommen, einer weniger plastischen Fassade.

In den 1990er Jahren dann ließ mein 2019 verstorbener Vorgänger Arnold Wolff, ein entschiedener Fürsprecher der lange Zeit verpönten Neugotik, die von Weyres verbannten Figuren sorgfältig kopieren. Vielleicht erinnern Sie sich von früheren Dombesuchen, dass diese Nachbildungen über einen längeren Zeitraum hinweg im Innenraum standen, weil die zugehörigen Podeste und Baldachine noch nicht fertig waren. Gerade so ein Baldachin ist eine unglaublich schwierige Steinmetzarbeit, deutlich komplizierter als jede Figur. Ein Könner seines Fachs ist mit so einem Baldachin gut und gern ein Jahr beschäftigt, sagt auch Peter Füssenich. So eine Mammutaufgabe überstieg die Kapazitäten selbst unserer Dombauhütte, so dass der Auftrag für einige Baldachine an französische Fremdfirmen ging. Die fertigen Skulpturen ließ Wolff mit einer konservierenden Lösung tränken. Das war ein Faible von ihm, was dazu geführt hat, dass der Stein nur sehr langsam nachdunkelt.

Als dann alles wieder an Ort und Stelle war, war die Wirkung frappierend: Mit einem Mal gewann die Fassade in einem Maße an Lebendigkeit und Tiefe, wie selbst wir Profis es nicht für möglich gehalten hätten. Wir standen davor und sagten zueinander: „Das hat sich nun wirklich gelohnt, und Arnold Wolff hat das gesehen.“

An sonnigen Tagen sehen Sie jetzt im Winter um die Mittagszeit mit der tiefstehenden Sonne sogar von außen die Farbquadrate von Gerhard Richters Querhausfenster – ein ganz besonderer Effekt. Auch deshalb haben wir uns 2005 für Richters Entwurf entschieden: Das Fenster sollte auf dem Roncalliplatz nicht bloß als spiegelnde Glasfläche erscheinen, sondern in seiner Struktur wahrnehmbar sein.

Ganz zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass unter den zurückgekehrten Figuren auch ein Bildnis der heiligen Barbara ist. Suchen Sie mal die Heilige mit dem Turm! Und der heilige Petrus, Namenspatron des Doms und meines Nachfolgers, ist natürlich auch zugegen. Das muss Fügung sein.

 

Kölsche Lösung hinter dem Dom

In den Tagen vor und nach Weihnachten möchte ich Sie in diesem Jahr zu einem Dom-Besuch animieren, bei dem Sie garantiert nicht an Corona-Schutzbestimmungen scheitern. Wir bewegen uns nämlich ausschließlich im Freien und sehen uns auf der Rückseite des Doms um. Wenn Sie auf dem Roncalliplatz stehen und Richtung Osten (Hohenzollernbrücke) gehen, sehen Sie an der Südfassade zurzeit eines der Gerüste, die jedem Domliebhaber das gute Gefühl geben: Es wird noch gebaut am Dom, die Welt geht nicht unter. Die linke Ecke, das erkennen Sie an den hellen Steinen, ist schon restauriert. An zwei Kapitellen sind dort der ehemalige Dompropst Norbert Feldhoff und ihm gegenüber eine Ihnen vielleicht bekannte Dombaumeisterin porträtiert. Welche Köpfe später einmal an der rechten Ecke zu sehen sein werden, gehört zu den Dom-Geheimnissen, die selbst mir verborgen sind.

Nur wenige Schritte weiter betreten Sie links vom Römisch-Germanischen Museum (RGM) einen seltsamen Bodenbelag aus Noppengummi. Der ist zwar nicht denkmalgeschützt, aber dennoch ein Monument für Praktiken, die man gemeinhin „kölsche Lösungen“ nennt. Beim Bau der Domplatte und des neuen RGM vor 50 Jahren musste die alte Bauhütte des Doms auf der Nordseite weichen. Es wurde beschlossen, sie auf die Ostseite zu verlegen. Die Werkstätten wurden 1969/70 zunächst unter der Domplatte an der Südostseite, zwischen dem Römisch-Germanischen  Museum und dem Domgrund, untergebracht.

Mit der Zeit wurde die technisch experimentelle Decke der Werkstätten aus Pappröhren, die in Beton gegossen wurden, undicht, und das Regenwasser begann hindurchzutropfen.  Mein Nachfolger Peter Füssenich hat mir auf Nachfrage bestätigt hat, dass es das übrigens bis heute tut, „oft sturzbachartig“, wie er mir sagte. Beschwerden darüber führten zunächst nur zu der Erkenntnis, zu der man als Kölnerin oder Kölner in solchen Fällen fast immer gelangt: Es war keiner zuständig. Um dem Missstand und den Beschwerden darüber irgendwie zu begegnen.

Problemverschärfend kam hinzu, dass ständig tonnenschwere Lkw mit Getränkelieferungen für das Restaurant des Museums Ludwig über die Freifläche fuhren, die für solche Lasten überhaupt nicht ausgelegt ist.

Als auf unsere ständigen Einreden weder das Tropfen noch das Liefern aufhörte, haben der damalige Dompropst Norbert Feldhoff und ich uns gesagt: „Jetzt reicht’s! Dann nehmen wir die Sache halt selbst in die Hand!“

Wir haben also ein paar abgebaute Steinblöcke vom Dom, die bei Instandsetzungsarbeiten ausgetauscht worden waren, als Durchfahrtssperren platziert. Im Anti-Terror-Kampf gibt es dafür heute wesentlich professionellere Modelle aus Beton. Aber für unseren Bedarf waren die Dom-Spolien völlig ausreichend. Der Ärger der Lieferanten war erwartungsgemäß groß, der Erfolg unserer Aktion aber auch durchschlagend: Die vorschriftswidrige Nutzung dieses Teils der Domplatte hatte ein sofortiges Ende.

Nicht gelöst war das Problem mit der undichten Decke. Regenwasser, das in den Raum tropft, ist ja nicht nur lästig, sondern auch gefährlich. Denken Sie an die Elektrik. Abhilfe schuf hier eine echt Kölsche Lösung: Der letzte Pächter des Weihnachtsmarktes hatte im Backstagebereich um den Dom immer einen Noppengummiboden ausgelegt. Es wurde dann beschlossen, ihn nach Weihnachten einfach liegen zu lassen. Das sollte dem Durchsickern des Regenwassers notdürftig etwas entgegensetzen – für die „paar Jahre“ bis zu einer ordentlichen Sanierung des Areals. Aber wie wir das in Köln kennen, liegt der Gummiboden bald zehn Jahre da.

Weltkulturerbe, Museumsbau, Domfragmente und schäbiger Gummi ergeben eine Mischung, die man mit Fug und Recht auch als Kölner Kombination bezeichnen darf. Mit der Sanierung des RGM gibt es nun berechtigte Hoffnung, dass auch das Areal um das Museum instand gesetzt wird. Peter Füssenich ist jedenfalls guten Mutes, dass seine Mitarbeitenden künftig nicht mehr im Regen stehen gelassen werden.

Wenn Sie dann einmal linker Hand über die halbhohe Brüstung schauen, fällt Ihr Blick zunächst gegenüber in die Glasrestaurierungswerkstatt. Dieser obere Teil der Dombauhütte entstand 1984. Ein Stockwerk tiefer arbeiten die Steinmetze, Schreiner und Schmiede. Sie können dort auch fertige Werkstücke für den Dom liegen sehen.

In der Bildhauerwerkstatt und davor sehen Sie Mauerstücke aus großen, unregelmäßig behauenen Bruchsteinen. Sie gehören zur früheren Privatkapelle des Erzbischofs und wurden erst beim Neubau der Dombauhütte entdeckt. Solche Kapellen für den Erzbischof, der in der Kathedralkirche selbst ja immer nur Gast des Domkapitels ist, waren in deutschen Bistumsstädten üblich. Am Dom zu Speyer ist eine von ihnen erhalten. Die Kölner Kapelle, in alten Grundrissen eingezeichnet, war Teil des karolingischen Vorgängerdoms aus dem 9. Jahrhundert. Hier haben sie also Mauerwerk vor sich, das annährend 1200 Jahre alt ist.

Noch ein Stück weiter Richtung Osten treffen Sie auf den Basaltkubus, in dem die oberen Werkstätten der Bauhütte untergebracht sind. Mein damaliger Stellvertreter, Domarchitekt Bernd Billecke (1952 bis 2012), hat diesen Bau entworfen. Die Dachbekrönungen mit Handwerkerfiguren, die sich im Wind drehen, stammen von dem Bildhauer Friedel Denecke. Die Figürchen, die jetzt wieder in langer Reihe an der Innenseite des Eingangs stehen und die verschiedenen Gewerke der Bauhütte symbolisieren, waren lange Zeit eingelagert, nachdem einige von ihnen gestohlen worden waren. Die Meisterschaft der Domdachdecker wird in der aufwendigen Bleiabdeckung der Bauhütte sichtbar. Ein Highlight für Liebhaber von Steinmetzarbeiten ist die Inschrift „Dombauhütte“. Die Buchstaben sind sozusagen als Kipp-Relief schräg in den Stein gemeißelt – extrem kompliziert, aber auch sehr dekorativ.

Juwel der Katedrale

Wenn die drei Weisen aus dem Morgenland heute mit der Bahn nach Köln kämen, fiele ihr Blick von der Hohenzollernbrücke hin zum Dom als erstes auf den Ostchor. Dort steht der berühmte goldene Schrein mit den Reliquien der Heiligen Drei Könige. Aber eine Art Schrein für den größten Schatz des Doms ist auch der Chor selbst. Er ist „das“ architektonische Juwel der Kathedrale, gebaut in den Jahren von 1248 bis 1260/65.

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Haben Sie sich den Ostchor wirklich schon einmal ganz bewusst und aus der Nähe angesehen? Die Strebepfeiler unten um den Kranz der Chorkapellen, mit denen der Dombau im 13. Jahrhundert begann, sind noch relativ schlicht gehalten, ohne Verzierungen. Nur über den Fenstern sind Laubfriese eingearbeitet, und man sieht das schöne Maßwerk. Über dem Untergeschoss des Chors setzt dann ein deutlich aufwendiger gestaltetes Strebewerk an.

Man muss sich vielleicht noch einmal klarmachen, dass der gotische Innenraum mit seinen fast komplett in Fensterflächen aufgelösten Wänden statisch nur möglich war, indem man die gewaltige Last des Dachs und der Gewölbe nach außen auf die sogenannten Strebepfeiler ableitete, die mit der Kirchenwand durch Strebebögen verbunden sind. Das ist die geniale Lösung der gotischen Baumeister zur Bewältigung der Schwerkraft. Am Kölner Dom können Sie nun ganz wunderbar sehen, wie man aus einer statischen Hilfskonstruktion ein Kunstwerk gemacht hat. Das Strebewerk bestimmt ja nun völlig unzweifelhaft das äußere Erscheinungsbild des Chors. Und weil der Chor, zum Rhein hin gelegen, immer schon die Renommierseite des Doms war, wurde hierauf ganz besondere Sorgfalt und Raffinesse verwendet.

Schon im Mittelalter war es dann so, dass die „Stadtseite“ des Doms nach Süden hin weitaus reicher geschmückt war als die „Feldseite“ im Norden, an der die Stadtmauer entlang lief. Sie können auch am Strebewerk des Chors verfolgen, wie der Zierrat von Süden nach Norden – vereinfacht gesagt: von links nach rechts – hin abnimmt. An dieses Prinzip hat man sich dann auch bei der Gestaltung der Querhausfassaden im 19. Jahrhundert gehalten.

Ein Teil der Steine ist der originale Trachyt vom Drachenfels. Aber an der teils mitgenommenen Oberfläche erahnen Sie, dass es zu allen Epochen notwendig war, Teile des Mauerwerks auszutauschen. Das galt insbesondere seit der Zeit, als die Dampflokomotiven des 19. Jahrhunderts über die Hohenzollernbrücke in den neuen Hauptbahnhof schnauften und mit ihrem schwefelhaltigen Rauch die Luft verpesteten. Wir haben es dort also mit einem Stein-Mix zu tun.

Ganz am Ende des Chors zur Bahnhofseite hin ist zurzeit eine Achse eingerüstet – da startet mein Nachfolger Peter Füssenich einen Testlauf für eine gründliche Steinsanierung des Chors. Es kann übrigens sein, dass dann ausgerechnet die Steine wieder herausgeholt werden müssen, mit denen mit Schäden im mittelalterlichen Mauerwerk zu flicken versucht hat. Mit Steinen ist es wie mit Menschen: Nicht alle vertragen sich gut miteinander.

Über  den Strebepfeilern sehen Sie Baldachine, offene Häuschen, in denen Engelsfiguren stehen. Dieses Gestaltungselement hatten die Kölner Baumeister des Mittelalters von der Kathedrale im französischen Reims übernommen. Ursprünglich waren es Posaunenengel, die zum Weltgericht bliesen. Im 19. Jahrhundert wurden sie durch zwischen 1834 und 1838 durch musizierende Engel mit verschiedenen Instrumenten ersetzt. Die Entwürfe stammten vom Großmeister des Klassizismus, Karl Friedrich Schinkel. Die Ausführung besorgte der Bildhauer Wilhelm Josef Imhoff. Auch an diesen Figuren nagte der Zahn der Zeit. Ganz rechts musste einer 1968 komplett erneuert werden. Der Ersatz-Engel, den sie dort sehen, stammt von Erlefried Hoppe, der auch für die Engel am Vierungsturm des Doms verantwortlich zeichnet.

Wenn Sie Glück haben oder Ihren Rundgang zeitlich gut abpassen, fällt das Sonnenlicht auf das goldene Kreuz, das den Chor schon seit mehr als 700 Jahren bekrönt. Als es nach dem Krieg restauriert werden sollte, ging man in der Dombauhütte davon aus, dass es sich um ein Werk des 19. Jahrhunderts handelte. Doch dann stellte man fest, nein, es ist tatsächlich die originale Kupferschmiede-Arbeit aus dem Mittelalter. Eine kleine Sensation! Ein bisschen ausgebeult und frisch vergoldet, kehrte das Kreuz an seinen angestammten Platz zurück. Im Knauf solcher Kreuze befinden sich traditionell Erinnerungsstücke – Münzen, literarische Quellen und andere Zeugnisse – aus der Entstehungszeit. Diese Beigaben zu sichten, ist für Historiker eine gleichermaßen spannende wie dankbare Aufgabe.

Auf der Nordseite des Doms wurden zu verschiedenen Zeiten etliche Anbauten errichtet. Weil ich den (vor-)weihnachtlichen Frieden nicht stören will, schweige ich von den Betonbuden, auf die Sie unweigerlich stoßen, wenn Sie die Freitreppe vom Hauptbahnhof hochkommen. Reden wir lieber von der Domsakristei. Ihr erster, neugotischer Bauteil stammt aus dem 19. Jahrhundert, entworfen von Dombaumeister Richard Voigtel (1829 bis 1902). In die Fenster wurden zwei der schönsten mittelalterlichen Glasmalereien des Doms eingeglast. An diesen Sakristeibau hat Dombaumeister Willy Weyres (1903 bis 1989) für die Erschließung weiterer Nebenräume ein Treppenhaus angefügt, dazu auch den neuen Kapitelsaal samt einer kleinen Kapelle. Weyres verwendete dafür die von ihm geliebte Basaltlava, die er in einer zeittypischen Formensprache verarbeitete. Sehr schön finde ich die halbrund vortretende kleine Altarnische mit ihrem durchbrochenen und gewölbten 60er-Jahre-Relief[1], dessen Öffnungen mit Buntglasstreifen verschlossen sind.

Erst kürzlich hat mein Nachfolger Peter Füssenich die Bleiabdeckung erneuern lassen. Die alten Bleche hatten sich gesenkt und dabei die Regenrinne nach unten gedrückt. Hinter den schartenartigen Fenstern im Stockwerk darüber befindet sich die Nähstube des Doms, wo die liturgischen Gewänder der Domgeistlichen in Schuss gehalten und zum Teil auch gelagert werden. Auch einen Aufenthaltsraum für die Domschweizerinnen und Domschweizer gibt es da oben und Übungsräume für die Dommusik.

 

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Ausflugtipp für Köln-Verächter

Auf der Rheinuferstraße Richtung Süden weist ein Schild in der Höhe des Rheinauhafens auf das Bürgerhaus Stollwerck, einen echten Aktivposten in der Südstadt. Ein paar Schritte weiter kommt man in ein sehr schönes neues, gut durchgrüntes Wohnviertel – glücklich, wer hier so stadtnah und doch ruhig leben kann! In dem mittig gelegenen Platz stößt man dann unvermittelt auf ein eigenwilliges Ensemble: Aus einem gekachelten Betonsockel ragen riesige Maschinenräder aus Stahl heraus, die durch Achsen miteinander verbunden sind. Unweit davon steht ein rundes, durch farbige Klinker gestaltetes Architekturgebilde.

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Auf einer Tafel ist zu lesen, dass es sich um Reste der ehemaligen Stollwerck-Schokoladenfabrik handelt. Um deren geplanten Abriss gab es 1980 einen regelrechten Kulturkampf, von dem seinerzeit auch ich als Noch-nicht-Kölnerin Notiz nahm. Nach langem Ringen wurde die Anlage zur „Kulturfabrik Stollwerck“ umgewidmet. Der Kunstvermittler und Galerist Ingo Kümmel, der sich sehr für das Projekt engagierte, kam als Namensgeber für einen Teil des Geländes zu Ehren.

Mit der Zeit verschwanden die Fabrikgebäude, lediglich der sogenannte Annosaal blieb erhalten und wurde zu einem Wohnblock umgebaut. Das Bürgerhaus Stollwerck wiederum trägt zwar den geschichtsträchtigen Namen der Fabrik, ist aber im ehemaligen preußischen Heeresproviantamt untergebracht.

Einzige Relikte der für Köln so wichtigen Fabrik – und zugleich Erinnerung an die Geschichte ihres Endes – sind die erwähnten eingelassenen, rot angestrichenen Teile des Räderwerks, die als Kunstobjekt den Titel „Rädersaal“ tragen, und der Sockel eines Schornsteins. Sie werden unter anderem in dem Buch „111 Orte in Köln, die man gesehen haben muss“ erwähnt und müssen – alten Fotos zufolge – einmal sehr dekorativ gewirkt haben. Heute sieht die Anlage erbärmlich aus. Offenbar hat sich in den letzten 30 Jahren niemand um sie gekümmert. Der Sockel des „Rädersaals“ ist verwittert, Teile der Verkachelung fehlen, die Farbe ist verblasst, die Räder sind beschmiert.  Aus dem Schornsteinsockel wächst an vielen Stellen Unkraut. Ein provisorischer Bauzaun weist auf ein völlig marodes Gemäuer hin. Wenn das ein Ort sein soll, den man in Köln gesehen haben muss, dann richtet sich das vielleicht an Köln-Verächter.

Auf einen Hinweis kritischer Bürger hin wollte ich herausfinden, wer für den Unterhalt verantwortlich ist. Als regelmäßige Leser dieser Kolumnen ahnen Sie schon, was nun kommt: die organisierte Desorganisation.

Vom Stadtkonservator erhielt ich die Auskunft: kein eingetragenes Denkmal. Rolf Schramm von der Leitung des Bürgerhauses Stollwerck sagte mir: nicht unsere Sache. Das Liegenschaftsamt wusste zu berichten: Der Ingo-Kümmel-Platz, Flurstück 425, gehöre einer – aus Datengründen nicht zu nennenden – großen Wohnungsbaugenossenschaft. Möglicherweise gebe es auch ein Sondernutzungsrecht. Der Schornsteinsockel wiederum stehe auf Flurstück 376, das einer Wohnungseigentümergemeinschaft gehöre. Die „große Kölner Wohnungsbaugenossenschaft“ teilte mit: Flurstück 425 mit dem „Rädersaal“  sei als Parkgelände ausgewiesen und befinde sich – in städtischem Besitz.

Nach vielen Wochen Recherchen bin ich nun so klug als wie vorher. Und offenbar ist keiner in Köln für das Stollwerck-Monument zuständig. Genau so sieht es eben auch aus. Aber warum ist das keinem aufgefallen? Warum hat keiner etwas unternommen? Nicht das Bürgerhaus, vor dessen Haustür die Erinnerungsstücke an seinen Namensgeber stehen. Nicht das Grünflächenamt, das ja den umgebenden Park pflegt. Weder die Anwohner mit ihrer beneidenswerten Immobilie noch die Eigentümer der Hausgruppe, auf deren Gelände der Schornstein steht. Und auch nicht die Bezirksverwaltung Innenstadt, in deren Zuständigkeit das Areal fällt.

Viele Bürger engagieren sich auf lobenswerte Weise zu unser allen Gewinn für das Grün vor der Haustür. Aber niemanden interessieren die Denkmäler nebenan? Noch mag das nicht glauben. Mit dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege werden wir die Stollwerck-Erinnerungsstücke demnächst in der Reihe „Denkmal des Monats“ vorstellen. Wie wäre es, wenn sich bis dahin die Verantwortlichen für den Erhalt von Rädersaal und Schornsteinsockel bei mir melden und wir gemeinsam über eine Verbesserung des Zustands beraten? Die Erinnerung an die Schokoladenfabrik und den Kampf um ihren Erhalt sollte – anders als die Gebäude – nicht untergehen.