Archiv für den Monat: März 2017

Willkommen im Niemandsland

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In Köln gibt es ja eine ganze Reihe chaotisch strukturierter Plätze. Zu den Spitzenreitern gehört ganz sicher die südliche Hälfte des Heumarkts. Wer aus der Altstadt kommt und zum Beispiel ins Hotel Maritim, zur Handwerkskammer,  in die Brauerei Malzmühle oder – was bei mir dann doch häufiger vorkommt – ins Ausweichquartier des Stadtarchivs gehen möchte, ist zu einem kaum zu durchschauenden Parcours über Straßen und Gassen, Busvorfahrten und Gleisanlagen  gezwungen. Die KVB-Linien fahren hier in besonders dichtem Takt, so dass der Querverkehr für Fußgänger und Radler alle paar Minuten unterbrochen ist. Wenn sich denn alle daran hielten, statt wild entschlossen und manchmal  auch verwegen über Rot zu laufen oder zu fahren.Heumarkt

 

 

 

 

 

 

Wer die Gleise dann erst einmal hinter sich hat, gelangt in eine Art Niemandsland. Der Ortsunkundige sieht linker Hand schon das Hotel Maritim liegen, dahinter den Schriftzug am Haus des Handwerks und wendet sich automatisch in diese Richtung. Ich habe mir eigens noch einmal angesehen und ungezählte Male beobachtet, wie Hotelgäste mit ihren Rollkoffern nach links gerattert sind, um schnurstracks die Auffahrt Deutzer Brücke zu überqueren. Das wäre ja auch der direkte und logische Weg. Aber was heißt das schon in Köln? Warum denn Gehwege da anlegen, wo die Leute gehen?  An der betreffenden Stelle jedenfalls gibt es keine offizielle Querung, keinen Zebrastreifen, erst recht keine Fußgängerampel. Also packen die Leute ihre Koffer, hechten über die Fahrbahn und wuchten auf der anderen Straßenseite ihr Gepäck und sich selbst über die Absperrkette. Ein kleines Wunder, dass hier laut Polizei im vorigen Jahr keine Fußgänger zu Schaden gekommen sind.

Natürlich werden wir hören, dass es keine andere Lösung gibt und für einen direkten Überweg kein Platz da ist und es sonst zu lange Staus gäbe usw. Aber will man wirklich noch viele Jahre die Fußgänger einer so unwürdigen und gefährlichen Situation aussetzen? Eine intelligente Planung müsste doch eine bessere Lösung finden, auch für die nächsten Jahre, ehe der totale Umbau beginnt.

Es hat ihnen vorher einfach niemand gesagt und kein Hinweisschild hat ihnen gezeigt, dass sie nicht links, sondern rechts herum hätten gehen müssen, um dann zu einem zweiten Ampel-Hopping anzusetzen. Ich habe es spaßeshalber einmal gezählt:  Es sind insgesamt sieben Übergänge mit und ohne Ampeln, die vom Hauptplatz bis ans Südende zu überwinden sind. Sieben! Und die Ampeln sind natürlich nicht parallel geschaltet.

Das Ganze ist also in höchstem Maße verwirrend. Selbst Autofahrer – so habe ich mir sagen lassen – tun sich mit der Orientierung schwer und landen nach falschem Abbiegen schneller in Deutz, als es ihnen lieb ist.

Zum verkehrstechnischen kommt das optische Durcheinander. Aus der berühmten Vogelperspektive müsste besagtem Vogel schwindelig werden. Es fehlt an jeglicher Führung, jeglicher Gestaltung. Und der Tiefpunkt sind die räudigen Grünflächen, die wie grün-braune Kleckse auf dem Asphalt beziehungsweise dem Pflaster wirken und aus denen – wie zufällig – mal ein Baum, mal ein Busch wuchert. Meine „Lieblingsstelle“ ist ein kleines, völlig verwahrlostes Rasendreieck an der Busvorfahrt. Es wächst kaum ein Grashalm da, aber umgeben ist das Areal von einem aufwändig gestalteten Zäunchen aus Eisen. Mir kommt das vor wie ein Mahnmal für die öffentlichen Anlagen der Stadt: Viel Tamtam und dahinter das große Nichts. Was soll so etwas? Ich bin sonst immer für städtisches Grün, aber in dieser lieblosen, ungepflegten Form ist es wie ein städteplanerischer Hilfeschrei: „Bitte versiegeln!“

Das dritte Problem des Platzes ist der öffentliche Nahverkehr. Der Heumarkt ist ein Knotenpunkt von Straßenbahn- und Buslinien. Der Halt der U-Bahn-Linien 1, 7 und 9 befindet sich an einer besonders engen Stelle. Warum ausgerechnet hier die Überdachung keine leichte, filigrane Glaskonstruktion ist wie andernorts, sondern ein dunkles Stahlungetüm – das ist ein Geheimnis, das wohl selbst die KVB-Gewaltigen nicht auflösen können. Vollends verloren ist man aber, wenn man auf den irrwitzigen Gedanken kommt, hier einen Bus zu nehmen. Den 106er zum Beispiel oder den 250er. Ein Blick auf den Linienplan zeigt: Beide Linien fahren zwar ab Heumarkt, halten aber nicht hier am Bussteig A. Der Heumarkt ist ja auch groß. Aber wo dann? Es hängt zwar eine bunte Zeichnung mit einem Schnitt durch die U-Bahn-Haltestelle Heumarkt. Aber wer sich nicht auskennt, versteht sie nicht. Und wer wie versteht, der braucht sie nicht. Der Umgebungsausschnitt aus dem Stadtplan ist genordet und damit konträr zum tatsächlichen Straßenverlauf. Nur eine schlichte Hinweistafel mit einem Pfeil gibt scheinbar die gewünschte Auskunft, wo der Bussteig zu finden sei: irgendwo links. Ein nächstes Schild an einem Ampelmast hängt in etwa vier Metern Höhe, außerhalb des Blickfelds. Als ich einmal abends verzweifelt den 106er Bus gesucht habe, habe ich den Hinweis da oben auch prompt übersehen. Dafür hängt darunter ein weißes Schild mit bedeutungsschwangerem schwarzem Rand, auf dem rein gar nichts steht – abgesehen von ein paar sinnlosen Aufklebern.

Ich habe mich bei der KVB über dieses Wirrwarr beklagt. Das Unternehmen, so die Auskunft von Sprecher Matthias Pesch, hält die Beschilderung zu den Bushaltestellen grundsätzlich für ausreichend. Außer mir habe sich auch noch niemand beschwert. Aber nachdem er sich das Ganze mit mir gemeinsam angesehen hatte, konnte Herr Pesch mich zumindest verstehen und hat mir versprochen, dass „wir uns die Situation noch einmal ansehen und prüfen werden, ob und wie wir die Hinweisbeschilderung noch verbessern können“. Na bitte, ich bin gespannt!

 

Zugegeben: Die Platzanlage ist hinreichend kompliziert. Aber ein begabter, kreativer Info-Grafiker der KVB sollte eine Beschilderung entwerfen können, zu deren Verständnis man kein Diplom in Kartografie benötigt.

Und die neue Verkehrsdezernentin Andrea Berg könnte doch auch gleich mal ihre stadtplanerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen, indem sie die Wegeführung verbessert, ohne dass sie gleich ganze Straßen verlegen müsste.  Was im Ernst ja auch keiner von ihr erwartet. Es sei „nicht damit getan, dass wir irgendwo eine Signalanlage aufstellen oder verändern“, sagt Klaus Harzendorf vom Städtischen Amt für Straßen und Verkehrstechnik. Vielmehr müsse man sich dann „insgesamt über die Situation Gedanken zu machen“.

Nachdenken schadet nie, würde ich sagen, schon gar nicht über das große Ganze. Aber bis zum Einschlag des Geistesblitzes könnte man ja doch manchmal schon im Kleinen handeln. Eine zusätzliche Fußgängerampel zur Überquerung der Auffahrt Deutzer Brücke aufzustellen – das wäre ein Leichtes. Der Straßenverkehr würde nicht zusätzlich gehemmt, weil die Autos ein Stück weiter rechts, vom Neumarkt über die Pipinstraße kommend, sowieso halten müssen. Und dieses ganze unsinnige und gefährliche Gehoppel über Straßen und Verkehrsinseln würde schlagartig mehr als halbiert.

In der ganz großen Dimension gedacht, ist die Situation hier natürlich das beste Plädoyer für den Bau der Ost-West-U-Bahn. Aber wir wissen alle, dass das noch Jahre dauern wird. Deshalb wäre den Besuchern und dem Areal mit einer Zwischenlösung schon einmal gedient. Die Stadt will ja die „Freundin“ ihrer Bürger sein, sagt Oberbürgermeisterin Henriette. Mit einem kleinen Freundschaftsdienst hier am Heumarkt kann sie es beweisen.