Archiv für den Monat: September 2016

Kölns erste Denkmalpfleger

Wie die Heiligen Drei Könige die Geburtskirche in Bethlehem retteten - Das Gebäude muss dringend saniert werden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 27. August 2016 Seite 26

 

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In der schier endlosen Reihe der Partnerstädte Kölns hat Bethlehem den engsten Bezug zur Stadt – und zum Kölner Dom. Hier endete 1164 die lange Reise der Heiligen Drei Könige, die mehr als 1000 Jahre zuvor auf die Suche nach dem neugeborenen König der Juden gegangen und im Stall von Bethlehem fündig geworden waren. Und so wie der Dom der Inbegriff Kölns ist, verbindet sich der Name Bethlehem fast automatisch mit der Geburtskirche. Sie wurde auf Geheiß der heiligen Helena, der Mutter Kaiser Konstantins und großer Reliquiensammlerin vor dem Herrn, im 4. Jahrhundert an dem Ort errichtet, wo Maria laut uralter Überlieferung das Jesuskind zur Welt gebracht hatte. Die Bibel weiß zwar nur etwas von einer „Krippe“ zu berichten. Aber die stand damals gewiss nicht in einem Stall, sondern – wenn überhaupt – in einer Höhle. Dort nämlich hausten im Nahen Osten die Hirten.  Und über solch einer Höhle erhebt sich Geburtskirche, das älteste kontinuierlich genutzte christliche Gotteshaus im Heiligen Land.

Sie weist seit ihrer Erneuerung im 5. Jahrhundert eine Besonderheit auf: die erste bekannte Choranlage mit drei halbrunden Konchen. Diesen Architekturtyp, besser bekannt als „Kleeblatt-Chor“, übernahmen Kölner Baumeister im 11. Jahrhundert bei der Errichtung von St. Maria im Kapitol. Sie folgten dabei nicht nur einem vagen mittelalterlichen Begriff von Ähnlichkeit, sondern fertigten eine maßstabgerechte Kopie an: Wenn man die Grundrisse übereinander legt, dann erweisen sie sich auf frappierende Weise als deckungsgleich. Das ist spannend, weil die Kölner mit dem Bau auch einen inhaltlichen Anspruch formulierten: Ihre Marienkirche sollte es dem „Mutterheiligtum“ im Heiligen Land gleichtun. Die Kölner Erzbischöfe übrigens feierten fortan jedes Jahr an Weihnachten die erste Messe zum Fest in Maria im Kapitol.

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Dem rheinischen Sinn für plastische Architektur kam der Kleeblatt-Chor der Kirche offenbar sehr entgegen. Er findet sich zum Beispiel auch in Groß St. Martin, St. Aposteln und St. Andreas wieder. So hat Köln der Geburtskirche in Bethlehem viel zu verdanken. Das gilt aber auch umgekehrt. Wie die Legende erzählt, blieb die Geburtskirche bei der Besetzung Palästinas durch die Perser im Jahr 614 verschont, weil sich die Eroberer in einem Mosaik der drei Weisen aus dem Morgenland über dem Eingang der Kirche wiedererkannten. Die drei Kölner Stadtpatrone waren somit auch die ersten Kölner Denkmalpfleger.

Deren Hilfe hätte die Geburtskirche auch heute bitter nötig. Besonders die wertvollen Mosaiken aus der Kreuzfahrer-Epoche sind in einem erbärmlichen Zustand. Schuld daran tragen ausgerechnet die Hüter der Kirche. Das ganze Areal ist seit 1757 exakt zwischen den rivalisierenden christlichen Konfessionen aufgeteilt. Das hält  Griechisch-Orthodoxe, Armenier und Katholiken aber bis heute nicht von Eifersüchteleien und Kompetenzstreitigkeiten ab, die so beschämend wie widersinnig sind: Im Nahen Osten geht die Welt unter, aber die Christen zanken darüber, wem welcher Altar gehört. Absurd! 2007 und 2011 kam es vor Weihnachten sogar zu Handgreiflichkeiten, so dass die Polizei einschreiten musste. Und die Armenier verhinderten über Jahre eine Renovierung des maroden Kirchendachs, weil es „Lateiner“ – gemeint sind Katholiken – gewesen wären, die das Geld dafür gegeben hätten. Lieber sahen diese Herrschaften tatenlos zu, wie das Regenwasser die Wände herunterlief. Ergebnis: Die Mosaiken des 12. Jahrhunderts waren mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit versintert, also mit einer Kruste aus Kalk und Schmutz überzogen! Noch so eine unbegreifliche Absurdität!

Dass 2013 endlich eine Sanierung in Gang kam, ist ausgerechnet der palästinensischen Autonomiebehörde zu verdanken. Sie erreichte die Aufnahme der Geburtskirche ins UNESCO-Weltkulturerbe und zugleich den Eintrag in die Rote Liste gefährdeter Denkmäler. Inzwischen arbeitet ein italienisches Konsortium an der Restaurierung der Kirche. Ob diese je bis in die Geburtsgrotte vordringt, deren Wände die Armenier notdürftig mit silbrig glänzenden Tüchern verhängt haben, ist allerdings höchst ungewiss. Wahrscheinlich sind an diesem hochheiligen Ort selbst die Pilzkulturen sakrosankt. Also, ich kann mir nicht helfen: Ich finde Schimmel nicht heilig, sondern eklig.

Im 20. Jahr seines Bestehens wollte sich der bewundernswert rege Städtepartnerschaftsverein Köln-Bethlehem mit seinem scheidenden Vorsitzenden, Alt-Präses Manfred Kock, gemeinsam mit der Stadt Köln eigentlich um die Geburtskirche verdient machen und die Restaurierung des Drei-Königen-Mosaiks finanzieren. Doch ausgerechnet dieses Kunstwerk, das vor 1400 Jahren die Kirche rettete, ist unrettbar verloren. Das macht die Dringlichkeit der Aufgabe umso deutlicher. Und es bleibt noch viel zu tun.

Verwilderter Park in Köln-Mülheim sucht Paten

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 8.8.2016

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Ich habe es mir schon lange vorgenommen, Ihnen in meiner Kolumne einmal einen vergessenen Kölner Park vorzustellen. „Da müssen Sie nach Mülheim gehen“, riet mir Henriette Meynen, eine Spezialistin für den Kölner Festungsbau, aus dem vor knapp 100 Jahren der Äußere Grüngürtel hervorging. Im Rechtsrheinischen ist das Zwischenwerk XIb in Teilen bis heute erhalten. Ich hoffe mal, Sie kennen es noch nicht, damit mein Plan aufgeht und ich Ihnen tatsächlich etwas Altes neu nahebringen kann.

Zwischenwerke lagen im preußischen Befestigungsring aus dem 19. Jahrhundert jeweils rechts und links von den größeren Forts. Insgesamt gab es 23 solcher Anlagen. Hier waren die Besatzungen kaserniert. Das Zwischenwerk XIb an der Cottbuser Straße, 1877 bis 1879 erbaut, war für Artillerie und Infanterie ausgelegt.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Befestigungsring 1922 geschleift. Die Fläche sollte eigentlich komplett zur Brache werden, aber der damalige OB Konrad Adenauer erwirkte die Genehmigung, sie als Grünanlage und Naherholungsgebiet für die Kölner Bürger umzugestalten – teils öffentlich zugänglich, teils privat genutzt in Kleingartenanlagen.

Adenauer beauftragte den Gartenbaudirektor Fritz Encke, Entwürfe für Parks zu liefern. Einer davon entstand auf dem Gelände von Zwischenwerk XIb. Die Grundidee beschreibt Henriette Meynen in einem Aufsatz so: „Im Rechtsrheinischen entwarf Encke für die Gräben des Mülheimer Zwischenwerks XIb eine besondere Ausgestaltung, indem von den Kehlpunkten aus die Flankengräben als gemächliche, gelegentlich von Treppenanlagen unterbrochene Aufstiege zum weitgehend aufgefüllten, aber dennoch ein klein wenig tiefer liegenden Frontgraben führten. Von dieser architektonisch gegliederten Gartenpartie leitete Encke über einige Stufen zum Hauptschmuckgarten auf dem Festungswerk über.“ Ich sag’s mal mit meinen Worten: Das Areal mit den ehemaligen Gräben und Wällen wurde nicht planiert, sondern hügelig belassen. Fotos aus dem Rheinischen Bildarchiv zeigen den Zustand nach der Errichtung 1927 – ein richtig schöner Schmuckgarten mit Blumenbeeten und Spazierwegen, gliedernden Sockelmäuerchen, Hecken und ansehnlichem Baumbestand. Ich finde das schon erstaunlich, weil die 1920er Jahre ja keine Zeit waren, in der besonders viel Geld dagewesen wäre.

Umso schlimmer ist dann der Vergleich der alten Parkansichten mit dem verheerenden Zustand heute. Die Blumenbeete sind verschwunden, überall wuchern Brombeersträucher und Brennnesseln, die Begrenzungsmäuerchen verfallen. Alles wirkt ungepflegt, vergammelt, lieblos. „Die Stadt Köln sorgt aber dafür, dass die Anlage nicht verwildert“, habe ich irgendwo gelesen. Das ist wirklich geschmeichelt. Dass das Grünflächenamt sich hier gelegentlich zu schaffen macht, ist nämlich vor allem daran erkennbar, dass der Grünschnitt einfach in die Landschaft gekippt worden ist, um da zu verrotten. Pflege – um von Verschönerung gar nicht erst zu reden – sieht anders aus.

Nun weiß ich auch, dass das Grünflächenamt keine unendlichen Kapazitäten hat. Deshalb kam mir eine Idee: Wie wäre es, wenn die benachbarten Kleingärtner, die ihre immerhin 70 Parzellen ja auch auf dem ehemaligen Befestigungsring verdanken, sich der Sache annähmen? Wenn sie der Stadt ehrenamtlich helfen würden, dem Park wieder annähernd seine ursprüngliche Gestalt zu geben? Als eine Art Park-Paten. Die Kleingärtner haben die Kenntnisse, sie haben das Gerät, und selbst wenn sie nur viermal zu einem gemeinsamen Arbeitseinsatz herkämen, bekäme das dem Gelände mit Sicherheit sehr gut. So ein Kleingarten in der Stadt ist ein Privileg. Wer ihn sein Eigen nennen darf, könnte der Gemeinschaft dadurch Dank erweisen, dass er ein Auge auch auf die nähere Umgebung hat.

Das alles ging mir so durch den Kopf, bis ich mich hinsetzte und daraus einen Brief an die Kleingarten-Gemeinschaft „Am Springborn“ formulierte, einen eingetragenen Verein  mit Vorstand, Vereinsadresse und allem Pipapo. Leider wurde ich noch nicht einmal einer Antwort für würdig befunden. Vielleicht kann ich die Vereinsmitglieder auf diesem Weg motivieren, über meinen Vorschlag zumindest einmal nachzudenken. Mit dem einen oder anderen neu bepflanzten Beet, ohne das ganze Unkraut, könnte hier ein wunderbares, charmantes kleines Naherholungsgebiet entstehen – oder besser: wiederentstehen.

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