Archiv für den Monat: Juli 2016

Tohuwabohu in Alu und Blech

Die Stadt propagiert das Radfahren, hat aber keine Lösung für das zunehmende Problem des Wildparkens gefunden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 11. Juli 2016

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Radfahren ist ein Thema in dieser Stadt. Die Oberbürgermeisterin will „den Menschen die Stadt zurückgeben, in dem wir sie ein Stück weit vom Autokollaps befreien“. Neue Radwege sollen her, bessere Ampelschaltungen, weniger Autoparkplätze. Der Verkehrsminister unseres Landes, Michael Groschek, fährt eigens nach Chicago und schaut sich innovative Konzepte für „stressreduzierte Radwege“ an. Solche „Protected Bicycle Lanes“ empfiehlt er auch dem „lebenslustigen, modernen“ Köln, selbst wenn der Verkehrsdezernent sie offenbar hässlich findet. Im Stadthaus liegen jede Menge Prospekte aus, die aufs Radfahren Lust machen sollen, und überall mischt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) mit.

F_7Nichts dagegen, dass Sie mich da ja nicht falsch verstehen! Ich bin selber auch mit dem Rad unterwegs und finde es völlig Okay. Jedes Auto weniger im Zentrum ist ein Mehrwert für die Stadt und ihre Bewohner. Ein Problem allerdings wurde bisher offenbar nicht gesehen oder zumindest nicht gelöst: Steigt der Radfahrer ab, löst sich sein Gefährt ja nicht in Wohlgefallen auf. Er muss es also irgendwo abstellen. Und beim Wort „irgendwo“ beginnt mein Unbehagen. Als ich mir neulich mal wieder bewusst die neue, schicke U-Bahn-Haltestelle Breslauer Platz angesehen habe, sprang mir diese Unmenge geparkter Fahrräder ins Auge, die sich wie eine Endmoräne um die Haltestelle herum ergießt und auf die Platzfläche schiebt. Ein einziges Tohuwabohu in Alu und Blech.

Nachdem mir das erst mal aufgefallen war, das kennen Sie bestimmt auch von sich selbst, habe ich angefangen, überall das Gewusel zu entdecken. Die ganze Stadt ist voll von Rädern: an Laternenmasten, an Verkehrsschildern, an Zäunen, Geländern, Schaukästen, sogar an der Hinweistafel mit den Gottesdienstzeiten am Dom.

Sicher, es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Fahrradständern, die mehr oder weniger gut genutzt werden. Ich habe auch schon Räder gesehen, die zwei Meter neben einem solchen Ständer an einen Laternenmast gekettet waren. Manchmal so geschickt, dass weder mit Kinderwagen noch mit Rollator ein Durchkommen ist.

Ich sehe gerade, wie der Herr Frank vom Stadt-Anzeiger, dem ich immer meine Kolumnen diktiert, mich missbilligend anguckt und den Kopf schüttelt. Kein Wunder, als er vorhin mit seinem Rad angefahren kam, hat er es am Breslauer Platz auch direkt an einem Geländer festgemacht. Und jetzt muss er sich anhören, dass ich ihn für die Stadtbildverschandelung mitverantwortlich machte.

Aber ich meine gar nicht ihn persönlich oder irgendeinen einzelnen Radler. Mir geht es ums Grundsätzliche: Wenn man das Radfahren so propagiert, wie das zurzeit in dieser Stadt geschieht, sollte man auch darüber nachdenken, was mit den Rädern im „ruhenden Verkehr“ passiert. An jeder freien Stelle einen Fahrradständer aufzubauen, macht die Stadt ja auch nicht schöner.

Ein erster Schritt könnte es sein, in jedem städtischen Parkhaus ebenerdig ein Extra-Areal für Fahrräder einzurichten, das leicht erreichbar ist und möglichst nahe am Ausgang liegt. Und bei jedem neuen Gebäude, das in der Stadt genehmigt wird,  müsste selbstverständlich eine Abstellfläche für Räder eingeplant werden, so wie ja auch Parkplätze für Autos vorgesehen sein müssen.

In anderen Städten, Freiburg oder Münster zum Beispiel, gibt es direkt vor dem Hauptbahnhof ein großes, helles verglastes Fahrrad-Parkhaus. Effekt: Die Räder landen dort und nicht im öffentlichen Raum. In Köln hat man das auch probiert, die Radstation aber an die schmuddeligste Stelle im ganzen Bahnhofsbereich verfrachtet. Ob mein Eindruck stimmt, dass sie deshalb eher ein Schattendasein fristet? Herr Frank wendet ein, dass man für die Stellplätze bezahlen müsse. Das mache sie nicht sonderlich attraktiv. Stimmt! Aber auch auf die Gefahr, dass ich mich bei meinem Chronisten und den radelnden Lesern unbeliebt mache: Vielleicht wird man langfristig und generell nicht um eine geringe Gebühr  herumkommen. Für einen sicheren Parkplatz ein paar Cent zu zahlen, das sollte es einem schon wert sein. Zumal bei dem Geld, das viele Leute für ein gutes Rad oder gar ein E-Bike hinlegen.

Ich will also  um Gottes willen nicht das Radfahren abschaffen oder eindämmen. Nur: Wenn  ich mich um den Hauptbahnhof herum und an vielen anderen Stellen der Stadt umgucke, komme ich zu dem Schluss: So kann es nicht weitergehen. Und auch wenn Herr Frank mir jetzt entgegenhält, dass eine Stadt voller Räder doch sympathisch sei; dass sie für die moderne, mobile Gesellschaft im Zeitalter nach Benzin und Diesel  stehe; und dass das bisschen Zweirad-Chaos im Vergleich zur Schadstoffbelastung durch den Autoverkehr doch eine Lappalie sei – ich finde trotzdem, dass ein geordneter Stadtraum auch in der „Post-Kfz-Ära“ seine Bedeutung hat. Sorry, Herr Frank! Vielleicht können wir uns ja zumindest darauf verständigen, dass man zwei  Fehler tunlichst vermeiden sollte. Erstens: ein Problem gegen das andere auszuspielen. Und zweitens: die Dinge laufen zu lassen und sich mit dem Wildparken abzufinden, statt nach besseren, stadtbild-verträglicheren Lösungen zu suchen. Ich glaube, da hat man sich einfach noch nicht genügend Gedanken gemacht.


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Domumgebung

Aufgezeichnet:  Joachim Frank  Joachim Frank Joachim Frank
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Nirgends ist diese Stadt so bei sich selbst wie rund um den Dom. Köln kann groß – und schafft dann nicht mal artig. Köln will schön sein – und kriegt oft nur schaurig hin. An einem sonnigen Wochenende lässt das pulsierende Treiben auf der Domplatte erkennen, wie attraktiv Köln ist. Ich mag ja das Gewusel und Gewimmel. Ich finde, es passt zum Kölner Lebensgefühl. Ein echtes Plus für die Besucher, Sie gestatten mir dieses Eigenlob, ist die neu gestaltete Südseite mit dem Zugang zu den Domtürmen. Wenn ich da noch an die völlig versiffte Terrasse hinter dem Betonkiosk denke – das beliebteste Freiluft-Urinal der ganzen Innenstadt! Ich sage jetzt nicht, auf wie viele Liter pro Tag wir in unseren Hochrechnungen kamen. Es war das reine Grausen. Nun wünschte ich mir noch, dass man irgendwann wieder die Freitreppe zum Dom an der Südseite öffnen könnte, auf der die Leute dann Gelegenheit zum Sitzen und Sonnen hätten. Aber bislang ist wohl die Sorge vor den Schmierfinken und urbanen Vandalen zu groß. Schade drum!

Der noch größere Gewinn ist die neue Anlage an der rückwärtigen Seite des Doms zum Hauptbahnhof mit Baptisterium und Domherrenfriedhof. Und auch die Ecke zwischen Museum Ludwig und Römisch-Germanischem Museum (RGM) ist inzwischen deutlich aufgewertet, um nicht zu sagen, richtig schön geworden. Aber gleichzeitig schafft es diese Stadt, den Durchgang zum Roncalliplatz zwischen Dombauhütte und RGM seit Jahr und Tag zu behandeln wie ein Gässchen irgendwo in einer Industriebrache. Der Noppenbelag aus Gummi ist das, was Köln gern „Tradition“ nennt: eine Kombination aus Provisorium und Schlendrian. Gefühlt 20 Jahre lang ist der Boden undicht, so dass die darunter liegenden Werkstätten der Dombauhütte eine einzige Tropfsteinhöhle sind. Und ebenso lang lässt die Stadt die Sache laufen – passender Weise dort, wo alle Besucher gelaufen kommen, die von der Messe in Deutz über die Hohenzollernbrücke in die Stadt möchten.

Gehen wir über den Heinrich-Böll-Platz einmal diesem tagsüber unentwegt fließenden Besucherstrom entgegen! Der Riemchen-Boden aus roten Ziegeln, Teil des Kunstwerks „Ma’alot“ von Dani Karavan, ist auch so ein Fall von „gut gemeint, schlecht gemacht“. Die in den 1980er Jahre lose verlegten Ziegel sollten durch abgelagerten Staub und Sand auf Dauer Halt bekommen. Die Architekten sagen immer, das scheitere an den Kehrmaschinen der Stadt. Aber es ist schon eine rührende Annahme, dass ein Platz dieser Dimension von Hand mit dem Besen gefegt werden würde.

Mit dem Weg hinunter zur Rheinpromenade beginnt dann die Expedition ins Ärgernis.Scheinbar vergessene, durch Bauzäune abgetrennte Wiesenstücke vor dem Sockel der Hohenzollernbrücke signalisieren Desinteresse am Erscheinungsbild dieser Filetflächen. Die Brückenunterquerung – notorisch verschmiert, der Deutschen Bahn ist bekanntlich alles egal –  führt auf der Südseite zu einem Höhepunkt städtebaulichen Desasters oder auch an den Tiefpunkt stadtplanerischer Versäumnisse, ganz wie Sie wollen: ein unasphaltierter Parkplatz, in dem sich bei Regen riesige Pfützen bilden; ein Durcheinander verschiedener Bodenniveaus; das Chaos am Busbahnhof; dazu noch der ungeschlachte Klotz des Kommerz-Hotels aus den 1960er Jahren, von dem seit langem die Rede geht, er solle verschwinden. Natürlich wissen die Eingeweihten, dass diese Misere mit der ungeklärten Zukunft des Musical-Domes zu tun hat: ein Provisorium, das in Köln längst zum Dauerzustand…  – aber ich wiederhole mich.

Ganz schlimm sind auch die beiden Autotunnel stadtein- und -auswärts hinter dem Hauptbahnhof mit ihren vergammelten Kacheln und einem Mauerwerk, an dem seit dem Krieg keiner mehr Hand angelegt zu haben scheint. Getoppt aber werden sie noch von der Johannisstraße, die unter der Gleisanlage die Bahnhofsnordseite mit der Domzufahrt verbindet. Was ließe sich mit ein bisschen Gestaltungswille aus diesen paar Metern machen! Sie könnten die Fußgängertrasse in die Altstadt schlechthin werden – angenehm breit, hinreichend hell und offen. Aber so schmuddelig, verwahrlost und unwirtlich, wie die Passage derzeit ist, schieben sich die Leute lieber durch die Bahnhofshalle. Bloß weg aus dieser grauenhaften Zone – für mich ganz klar die Minus-Ecke der gesamten Domumgebung!

Der Breslauer Platz versucht, dagegenzuhalten und etwas Eleganz zu zaubern. Aber irgendwie fremdelt die schöne, moderne Anlage noch mit ihrer Umgebung, wirkt nicht wirklich integriert, eher ein bisschen wie vom Himmel gefallen. Vielleicht ändert sich das, wenn erst einmal die Neubauten am östlichen Platzrand fertig sind.

Durch den Hauptbahnhof und über den Bahnhofsvorplatz, wo nur mehr die größere Zahl von Polizisten und ihre VW-Transporter indirekt an die Silvesternacht gemahnen, geht es über die Trankgasse wieder in Richtung Domplatte. Bevor Sie aber dort ankommen, werden Sie noch einmal unweigerlich in ein Kölner Kuddelmuddel erster Güte geraten. Es sei denn, sie bummeln nachts. Zu den üblichen Tagzeiten aber kommt es an der Zufahrt zum „Excelsior“, die keineswegs bloß von Hotelgästen genutzt wird, und eine Ecke weiter an den beiden Ampelübergängen zum Dom ständig zu Verstopfungen, ja fast zum Zusammenbruchs des Verkehrs. Ich finde, das ist eine Zumutung für Einheimische und Gäste. Mit einer klareren Gestaltung der Fußgängerwege und einer besseren optischen Führung, etwa durch einheitliche Pflasterung des Zuwegs zum Domforum und zum Café Reichard, ließe sich da schon etwas machen.

Und noch einen kleinen, aber wirkungsvollen Kniff hätte ich im Angebot. Als Kölner kennen Sie bestimmt die rot-weißen Plastikgatter, die an ständig wechselnden Stellen vor dem Dom stehen. Das kommt daher, dass die hier verlegten Bodenplatten zu dünn geschnitten sind. Deshalb brechen ständig welche oder schieben sich bei starken Temperaturschwankungen übereinander. Die zuständige Firma stellt dann die besagten Gatter auf, zum Schutz der Passanten, aber auch – etwaige Schadensersatzansprüche vor Augen – zur Eigensicherung. Da ein neues Pflaster für die Domplatte bis auf Weiteres allenfalls ein frommer Wunsch bleiben dürfte, müssten die – Sie wissen, was jetzt kommt – provisorischen Reparaturarbeiten zumindest so getaktet werden, dass die Absperrungen an den Wochenenden verschwinden. „Rut un wiess, wie lieb ich dich…“ – aber doch bestimmt nicht so.

 

 

Wo ist hier die Folterkammer?

Mit Ritterburgen ist es wie mit Eisenbahnen: sie sind meist Jungssache. Trotzdem ist unsere Autorin seit drei Jahren leibhaftige Herrin der einzigen Rheinburg, die nie zerstört wurde.

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 29. Juni 2016

Marksburg

 

 

Wenn ich vor Freunden und Bekannten angeben will, dann sage ich: „Besucht mich doch mal auf meiner Burg!“ – Ja, kennen wir, werden manche denken: „My home is my castle“ und so weiter. Aber tatsächlich bin ich seit 2013 Herrin einer originalen mittelalterlichen Burg mit Bergfried, Rittersaal, Waffenkammer, Verlies und Folterkeller. Also gut, letzteres ist ein bisschen geschummelt. Doch davon später mehr.

Die Marksburg liegt hoch über der Ortschaft Braubach am Mittelrhein, etwas üsdlich von Koblenz.. Sie wurde im 13. Jahrhundert errichtet und als einzige der zahlreichen Rheinburgen nie zerstört. Das gehört zu ihrem besonderen Reiz: Sie sieht aus, wie so eine richtige Ritterburg nun mal auszusehen hat. Trotzdem ist die Marksburg in der Region gar nicht so bekannt. Ich behaupte mal, es kommen mehr Amerikaner her als Kölner. In den USA boomt der Tourismus mit Flusskreuzfahrten auf dem Rhein. Ein einziger großer Anbieter steuert die Marksburg mit 500 bis 600 Schiffen an, die allein ein Drittel der jährlich 185.000 Besucher bringen. Sie tragen mit ihren Eintrittsgeldern wesentlich zum Erhalt und Betrieb der Burg bei, die der 1899 gegründeten Deutschen Burgenvereinigung gehört. Im 19. Jahrhundert waren viele Burgen ihren damalig Besitzern lästig geworden. Sie waren unwirtlich und teuer, ständig fielen irgendwo Steine herunter und wirklich nutzbar waren sie in seltenen Fällen. Deshalb wurden viele Burgen zum Abbruch verkauft. Dagegen wandten sich denkmalbewusste Zeitgenossen wie der in Bremen geborene Architekt Bodo Ebhardt. Am preußischen Hof hielt er Vorträge im allererlauchtesten Kreise. Damit lenkte er die Aufmerksamkeit Kaiser Wilhelms II. auf die mittelalterlichen Burgen. 1900 konnte Ebhardt die Marksburg vom preußischen Staat übernehmen.

Die Burgenvereinigung war ursprünglich ein ganz elitärer Zirkel von Blaublütigen, die sich Erforschung und Erhalt der deutschen Burgen zum Ziel setzten. Vielen von ihnen hatten selber eine im Familienbesitz, später kamen Neueigentümer dazu, dann auch Wissenschaftler und ganz normale Leute – wie ich. Heute sind sie mit 52 Euro Mitgliedsbeitrag dabei. Bei den Ritterburgen ist es ja so ähnlich bei den Eisenbahnen: Sie sind meistens Jungssache. So wurde ich 1989 tatsächlich erstes weibliches Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Burgenvereinigung, nachdem ich  vor diesem forscherkreis einen Vortrag über Burgenmodelle im Kunstgewerbe gehalten hatte. Den Dreh fanden die Herren irgendwie gut: „So was hatten wir ja noch nie“, sagten sie und holten mich in ihren Club.

 

Burgenforscher sind ein streitbares Völkchen. Irgendwie scheint die Beschäftigung mit solchen martialischen Objekten sich auf den Charakter auszuwirken. Jedenfalls verkrachte sich der Beirat heillos darüber, ob die Marksburg verputzt werden sollte oder nicht. Es kam zur Spaltung und zum Austritt vieler Beiratsmitglieder. Der Rest trat die Flucht nach vorn an und wählte 1992die einzige Frau im Gremium zur Vorsitzenden – nach dem Motto, anders kommen wir hier jetzt nicht weiter. In diesem Job habe ich wirklich gelernt, mit gruppendynamischen Prozessen umzugehen. Im Ergebnis beruhigten sich die Gemüter nach und nach. Als Vorsitzende des Beirats rückte ich auch in die Spitze der Burgenvereinigung auf, war erst Mitglied des Präsidiums und später Vizepräsidentin. Meine Zeit als Dombaumeisterin war kaum beendet, als der Präsident der Burgenvereinigung anrief sagte: „So, jetzt müssen Sie das hier machen!“ Ich konnte mich nicht heftig genug wehren, auch wenn ich nicht die Idealbesetzung bin. Denn tatsächlich erwarten viele Mitglieder bis heute, dass der Präsident/die Präsidentin einen Adelstitel oder zumindest eine Burg besitzt. Ich habe von Haus aus weder das eine noch das andere. Aber als  Präsidentin der Burgenvereinigung bin ich automatisch Herrin der Marksburg, und der Burgvogt ist mein Geschäftsführer.

Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist Lobby-Arbeit für die zehn Prozent unserer Mitglieder mit eigener Burg. Sie denken wahrscheinlich: Das müssen Leute mit sehr viel Geld sein. Meistens ist das Gegenteil der Fall: Ein Burgbesitzer braucht sehr viel Geld – und Hilfe vom Staat. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft soll mal gesagt haben: Wir sind doch nicht dafür da, dass Schlossbesitzer sich ihre Einfahrt neu bekiesen lassen. Die Probleme liegen ganz woanders. Ein gutes Beispiel sind die neuen Wärmeverordnungen. Dämmung mit Styropor mag für Privathäuser ja sinnvoll sein. Bei einer bewohnten Burg ist das schwierig. Aber glauben Sie mal nicht, dass Abgeordneten von sich aus darauf kommen. Als Burgenvereinigung müssen wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass alte Burgen als Geschichtszeugen und optisch wirksame Objekte unserer Landschaft  halt etwas sehr Spezielles sind – nochmal ganz was anderes als ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus in der Altstadt.

Unser zweites großes Feld ist die  Inventarisierung. Wir gehen auf dem Gebiet der Bundesrepublik von 25.000 bis 30.000 Burgen und Schlössern aus. Ein Drittel davon gibt es noch. Wobei „gibt es“ ein dehnbarer Begriff ist. Manchmal sind es nur ein paar Bodenwellen in einem Waldstück oder ein Geländeschatten auf einem Luftbild. Von etlichen ehemaligen Burgen dagegen existieren nur mehr Hinweise in schriftlichen Quellen. Trotzdem gehen sie alle in unsere elektronische Datenbank ebidat.eu ein, die inzwischen fast 5 000 Einträge aus Deutschland und ganz Europa enthält. Finnland ist schon komplett erfasst. Da gibt’s aber auch nur 14 Burgen.

Testlauf für die systematische Erfassung in Deutschland waren alle Burgen in NRW. Das hat in drei Jahren gut geklappt. Wir wissen also, es geht. Einen Teil von Württemberg und Hessen haben wir inzwischen auch schon. Zurzeit werden die Burgen in Niedersachsen erfasst.. Dabei geht es natürlich immer um die Finanzierung. So etwas Wunderbares wie die NRW-Stiftung haben andere Bundesländer leider nicht. Darum ist es ausgesprochen schwierig, an Gelder zu kommen, zumal für streng wissenschaftliche Zwecke. Da ist dann doch der Hang der Politik zur Popularität spürbar. Fast das gesamte öffentliche Geld geht inzwischen an die Event-Kultur. Eine „Burgen-App“, die fänden auch noch viele super, wir auch.Aber eine App macht ja nur Sinn, wenn vorher die Daten entsprechend erfasst und aufbereitet worden sind. Also stricken wir unsere Anträge so, dass der wissenschaftliche Teil des Unternehmens darin fast versteckt ist.

Ebidat bietet zu jeder darin enthaltenen Burg möglichst umfassende Informationen, über die jeweilige Geschichte und das aussehen, aber eben auch touristische: Parkplätze, Führungen, Gastronomie, Toiletten. Wir hatten mal einen Wissenschaftler in unserem Team, der doch tatsächlich meinte, das sei nun unter seiner Würde. Wenn er solche Daten eingeben müsse, dann streike er.  Dennoch findet der Benutzer solche Angaben. Man kann mit Ebidat z. B. feststellen, wo ist die nächstgelegene Burg auf der man Kaffee trinken kann.

So halten wir es auch für die Besucher der Marksburg.

Wir legen großen Wert darauf, dass sie nicht den üblichen Burgen-Unsinn erzählt und vorgeführt bekommen. Unser Rittersaal  zum Beispiel ist nicht vollgestellt mit Rüstungen oder Waffen. Dieses ganze Gerät wurde natürlich in der Waffenkammer aufbewahrt. Der Rittersaal hingegen war eher spartanisch eingerichtet.

Überhaupt geistern viele Klischees durch die Köpfe – von skrupellosen Raubrittern, die die armen Bauern ausplünderten, sich niemals wuschen und im Wesentlichen mit ihrem Keuschheitsgürtel beschäftigt waren. Daran ist immer auch etwas Wahres. Aber im Wesentlichen war zum Beispiel das Verhältnis zwischen einem adligen Burgherrn und der Landbevölkerung ein sehr enges, symbiotisches; fast könnte man es ein Geschäft auf Gegenseitigkeit nennen: Die Bauern versorgten die Burg, und der Ritter bot ihnen dafür seinen Schutz.

In der Zeit, als der Burgenbau boomte, gab es fast keine Leibeigenschaft mehr und auch keinen Frondienst. Das heißt, die Arbeiter mussten entlohnt werden. Burgenbauen war ein lukrativer Job, und ein langfristig sicherer obendrein. Schließlich dauerte es im Schnitt  gut und gern fünf, sechs Jahre, bis so eine Burg stand.

Für unsere Gäste heute ganz wichtig: der Gruselfaktor. Wo ist denn hier nun die Folterkammer? Wo ist das Verlies? Da sind wir  – um ehrlich zu sein – ein bisschen in Verlegenheit: Die meisten Burgherren hatten im Mittelalter nur die niedere Gerichtsbarkeit für Diebe oder ähnliche Missetäter. Diese wurden aber weder gefoltert noch jahrelang eingekerkert. Dauerhaft hielten die Burgherren höchstens hochrangige, zahlungsfähige Geiseln fest. Bis ein Lösegeld gezahlt wurde, saßen freilich auch diese Gefangenen nicht etwa in einem finsteren Kellerloch. Was heute gern als „Verlies“ gezeigt wird, meistens im Untergeschoss des Burgturms, wurde tatsächlich eher als Tresorraum genutzt für Waffen oder wertvolle Vorräte, die nicht gestohlen werden konnten, weil der Aufbewahrungsort eben nur von oben zugänglich war. Aber das Bild eines in Ketten gelegten, dahinvegetierenden Häftlings ist natürlich viel eindrucksvoller.

Deshalb haben auch wir zur Freude der Touristen eine „Folterkammer“. Aber in der etwa einstündigen Burgführung sagen wir  immer gleich dazu, dass es sich in Wahrheit um den ehemaligen Pferdestall handelt,  was man an der hohen Pforte noch sehen kann. Streng genommen, bieten wir nur eine kleine Schau kriminaltechnischer Instrumente, an denen wir den Unterschied zwischen Folter- und Strafgeräten zeigen. Eine Streckbank zum Beispiel war nicht zur Bestrafung dar, sondern zur ‚Wahrheitsfindung‘. Indizienprozesse gab es nicht. Deshalb musste der Delinquent ein Geständnis ablegen, das man ihm in der Folter abpresste. Das berüchtigte Rädern hingegen war keine Folter, sondern eben eine Strafe. Ähnlich wie der Pranger oder die Schandmaske für Lügner – Ehrverlust galt den Menschen des Mittelalters als besonders schlimme Strafe.

Vielleicht haben Sie ja Lust auf einen Ausflug an den Mittelrhein mit einem Besuch auf der Marksburg bekommen. Sollte ich dann auch gerade da sein, zeige ich Ihnen gern meinen Schlüssel zur Burg: Mit seinen 25 Zentimetern ist erlänger als die Schlüssel zum Kölner Dom.

Alles über die Deutsche Burgenvereinigung, auch Mitglied werden, unter www.deutsche-burgen.org

 

Die Marksburg, ursprünglich Burg Braubach, wurde im 13. Jahrhundert errichtet. Urkunden und  dendrologische Proben von dem beim Bau verwendeten Holzbalken erlauben eine Datierung des Baubeginns auf das Jahr 1231. Der romanische Palas stammt von 1239, der 39 Meter hohe Wehrturm aus dem Jahr 1373. An ihm sollten im Falle einer Belagerung Geschosse abprallen, die von schräg gegenüber mit Armbrüsten oder Katapulten abgefeuert worden wären. Kanonen wurden erst später – seit der Schlacht von Bacharach 1380 – eingesetzt. Vom Ende des 16. Jahrhunderts an wurde die mittelalterliche Hochburg systematisch zur Festung ausgebaut. Die Marksburg, benannt nach dem Evangelisten Markus als Patron der Burgkapelle, war durchgehend bewohnt. Das erklärt ihren hervorragenden Erhaltungszustand. Zudem konnte sie als echte Gipfelburg nicht direkt beschossen werden.

Praktische Infos:

Die Marksburg liegt auf der rechten Rheinseite, südlich von Koblenz und ist täglich von 10.00 -17.00 Uhr geöffnet.

www.marksburg.de

 

Ebidat.eu ist ein von den wissenschaftlern in Der DBV entwickeltes Inventarisierungsprogramm mit dem alle Burgen und Deutschland und darüger hinaus erfasst  und im Internet präsentiert werden sollen. Daran wird intensiv gearbeitet, wenn es auch immer ein Kampf und die Finanzierung ist. www.ebidat.eu

 

Die unterhalb der Marksburg am Rheinufer gelegene Philippsburg wurde zur Zeit der Renaissance als Wohnsitz für den damaligen Burgherrn,  Landgraf Philipp II. von Hessen, errichtet und nach ihm benannt. 1997 kam sie in den Besitz der Deutschen Burgenvereinigung und beherbergt heute deren Burgen-Institut mit der europaweit größten Spezialbibliothek für Burgen und Schlösser. Diese umfasst neben mehr als 35.000 Bänden ein  umfangreiches Planarchiv. (jf)

 

 

 

 

 

 

 

Verloren im Nirwana der Bürokratie

Die Sanierung des ehemaligen Bahnhofs Belvedere in Müngersdorf ist akut gefährdet - Hohe Verwaltungs-Hürden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger2. April 2016

Architekten und Denkmalschützer haben es naturgemäß oft mit komplizierten Bauhistorien zu tun. Aber so etwas Vertracktes wie beim ehemaligen Bahnhof Belvedere in Müngersdorf ist mir selten begegnet. Keine Sorge, ich verschone Sie mit den Einzelheiten. Entscheidend ist, wie die Stadt Köln als Besitzerin mit diesem national bedeutenden Baudenkmal umgeht. Ich sehe darin einen kölschen Schildbürgerstreich, der mit all seinen  Absurditäten kaum zu überbieten ist.

Der Bahnhof Belvedere ist das älteste erhaltene Bahnhofsgebäude Deutschlands überhaupt. 1839 wurde es im Auftrag der Rheinischen Eisenbahngesellschaft an der Strecke Köln-Antwerpen errichtet, vermutlich nach Plänen Karl Friedrich Schinkels. Es hat die Form eines klassizistischen Landhauses, eingebettet in eine Parkanlage, die in Rudimenten noch heute vorhanden ist. Eisenbahn fahren war im 19. Jahrhundert etwas ganz Vornehmes, und die Kölner kamen aus der Stadtmitte eigens zum Kaffeetrinken hierher.

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Das Grundstück und der denkmalgeschützte Bahnhof gehören beide der Stadt Köln. Bis um das Jahr 2000 wohnte ein Künstler hier, bis ihn der Totalausfall der ohnehin desolaten Strom- und Wasserversorgung vertrieb. Erhebliche Probleme machte schon damals eine Platane direkt neben dem Gebäude. Die Wurzeln des Baums beschädigten nämlich die Abwasserrohre. Völlig marode war auch das Dach, das seit den 1970er Jahren undicht war, so dass es ins Gebäude regnen und der Hausschwamm sich munter im Gebälk ausbreiten konnte. In diesem verheerenden Zustand fand sich niemand, der der Stadt den Bahnhof abgekauft hätte.

Dafür nahm sich ein 2010 gegründeter Förderkreis des Bahnhofs an. Mit dem damaligen Oberbürgermeister Jürgen Roters als Schirmherr und dem Rückenwind aus dem OB-Büro konnten Ratsbeschlüsse mit Finanzierungszusagen für die Sanierung erwirkt, Pläne für einen modernen Erschließungsbau mit barrierefreiem Zugang und sanitären Anlagen erstellt sowie Fördergelder der NRW-Stiftung, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und – was als sehr schwierig gilt – sogar der Berliner Kulturstaatsministerin eingeworben werden.

Aber seit  mindestens zwei  Jahren legen sich Liegenschaftsamt, Wirtschaftsdezernat und andere Abteilungen der Stadtverwaltung quer, wo immer es geht. Die Stadt torpediert nach innen, was sie nach außen als ein ureigenes Anliegen verkauft.  Ich habe mir von den Vorständen des Förderkreises, Elisabeth Spiegel und Sebastian Engelhardt, eine Dokumentation zeigen lassen, und ich kann Ihnen sagen, mir hat anschließend der Schädel gebrummt. Sie müssten nur einmal lesen, was für eine endlose Liste an Kontakten zu städtischen Ämtern  Wirtschaftsdezernentin Ute Berg dem Förderkreis vorschreibt. So geht eine Verwaltung mit Leuten um, die sie loswerden will: Man schickt sie ins Behördendickicht und hofft, dass sie sich darin bis zur Erschöpfung verrennen und verstricken. Ergebnis: Es geht am Bahnhof Belvedere keinen Schritt vorwärts. Alle Energie, alles Geld, die in den Erhalt der Bausubstanz geflossen sind, könnten hinfällig sein. Bürgerschaftliches Engagement trifft nicht auf Wertschätzung und Anerkennung, sondern verliert sich im Bürokraten-Nirwana.

Inzwischen bedroht die Blockade sogar den Bestand des Gebäudes. Die besagte Platane hat eine Starkwurzel unter das Mauerwerk geschoben. Es weist inzwischen solche Risse auf, dass ein statisches Gutachten die Standfestigkeit nicht mehr dauerhaft gewährleistet sieht. Damit wäre natürlich jedes weitere Sanierung sinnlos, jedes Konzept für eine etwaige spätere Nutzung hinfällig.

Kurz und gut: Die Platane muss weg. Darf sie aber nicht, sagt die zuständige Untere Landschaftsbehörde. Der Baum – obwohl kein Naturdenkmal – sei „denkmalgleich“. Ein verräterisch vager Begriff, für den mir jedes Verständnis abgeht. Die Verweigerung der Fällgenehmigung führt jedenfalls dazu, dass kein  Cent mehr zur Sicherung des Bahnhofs und seiner Zukunft fließt. Bäume gibt’s im Landschaftspark um das Gebäude und im angrenzenden Waldgebiet nun wirklich zur Genüge. Aber diese eine Platane soll wichtiger sein als ein einmaliges Architekturdenkmal?

Ich begreife nicht, was die Stadt da treibt. Manche munkeln ja, der Leiter des Liegenschaftsamts spekuliere nach der inzwischen erfolgten Dachsanierung darauf, den Bahnhof doch noch verkaufen zu können. Aber soweit ich sehe, kann die Stadt ein solches Denkmal gar nicht verscherbeln.

Manchmal denke ich, die Oberbürgermeisterin müsste sich – nach dem Vorbild ihres Vorgängers – zur Bahnhofsvorsteherin ehrenhalber aufschwingen. Aber dann sage ich mir: Die gute Frau Reker hat genug mit Schwierigkeiten an einem anderen Kölner Bahnhof zu kämpfen. Ob sie für da wirklich Zeit und Nerven für noch einen hat?

Förderkreis Bahnhof Belvedere e.V. www.bahnhof-belvedere.de/