Archiv für den Monat: November 2015

Der „Saufang“ ist die älteste Glocke Deutschlands

Vor mehr als 1000 Jahren aus eisen geschmiedet - Ausstellung im Museum Schnütgen - Weihnachtsläuten gehört traditionell zur Feststimmung

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 28/29 November 2015, S. 29

Im kommenden Monat fällt meine Kolumne etwas anders aus sonst. Schon vom Titel her sind Sie es gewohnt, dass ich Ansehnliches und Unansehnliches in Köln „auf den Punkt“ zu bringen versuche. Diesmal möchte ich Sie lieber im Kreis herumführen und Ihnen, passend zum Advent, vier Punkte in Köln zeigen mit Kunstwerken, die alle irgendwie mit Weihnachten zu tun haben: mein spezieller Adventskranz für Sie. Hoffentlich gefällt er Ihnen!

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Den Anfang machen Glocken. Ihr Klang gehört für viele Menschen an Weihnachten einfach dazu. Das Fernsehen lässt die Glocken läuten. Man kann sie sich auch mit Hilfe von CDs und inzwischen auch eigener Apps fürs Smartphone ins Wohnzimmer holen. Aber an Heiligabend kommen die Kölner auch immer in Scharen auf die Domplatte und beginnen ihre Weihnachtstage mit dem „Dicken Pitter“ oben Südturm des Doms. Auch wenn die Liedzeile von den Glocken, die sie süßer klingen als zur Weihnachtszeit mindestens so durchgenudelt ist wie ihre verballhornte Variante „Süßer die Kassen…“ – sie trifft ein Gefühl.

Es ist nicht nur Gewohnheit, dass wir Glockengeläut fast automatisch mit der Kirche in Verbindung bringen. Zwar gab es Glocken als Musikinstrumente schon im alten China, und die Römer verwendeten sie nach antiken Quellen für Rufzeichen und Signale.

Aber danach gelangten sie in Europa erst wieder zu Ehren, als irische Mönche im Frühmittelalter als Missionare aufs Festland ins Frankenreich zogen und die Menschen mit Handglocken auf sich aufmerksam machten. Das funktionierte so gut, weil der Klang sich von allen Alltagsgeräuschen unterschied. Glocke und Christentum – das war fortan eins.

Bevor Karl der Große persönlich einen Mönch aus dem Kloster Sankt Gallen nach Aachen holte, der die Kunst des Bronzegusses beherrschte, waren die Glocken in unseren Breiten aus Eisenteilen zusammengeschmiedet.

Das vielleicht älteste erhaltene Exemplar in Deutschland, wenn nicht in ganz Europa ist der Kölner „Saufang“ im Schnütgen-Museum. Der Legende nach wurde sie von Erzbischof Kunibert (623 bis 663) im 7. Jahrhundert für das Cäcilien-Kloster gestiftet. Im 14. Jahrhundert ist an dieser Stelle eine „Sankt Kunibertsglocke“ bezeugt. Ob es freilich dieselbe war, die bis ins 19. Jahrhundert im Dachreiter des Cäcilienklosters hing, das ist nicht eindeutig gesichert.

Wenn man den alten Quellen glauben darf, muss die Glocke nämlich irgendwann bei einem Brand heruntergefallen und im morastigen Untergrund  versunken sein. Oder sie wurde aus Angst vor Plünderung abgenommen und verbuddelt.

Jedenfalls berichtet der Chronist Gelenius, im 17. Jahrhundert, ein Schwein habe die Glocke aus einem Teich rund um Sankt Cäcilia namens „Perlenpfuhl“ gewühlt. Die Geschichte, so schön sie sich anhören mag, ist mit Vorsicht zu genießen. Sie wird so oder so ähnlich von vielen Glocken erzählt – eine typische legendenhafte Begebenheit.

 

Auch die Herkunft des „Saufangs“ aus dem 7. Jahrhundert gilt als fraglich. Experten datieren ihn heute eher ins 9. Jahrhundert, was ja immer noch sehr, sehr früh ist. Die Glocke ist aus drei geschmiedeten, grob miteinander vernieteten Eisenplatten zusammengesetzt. Überzogen ist sie mit einer Kupferlegierung. Der „Saufang“ ist etwa 15 Kilo schwer und ohne die später ergänzte Aufhängung etwas 40 Zentimeter hoch.

 

Als der Direktor des Schnütgen-Museums, Moritz Woelk, sein Amt antrat, bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: „Ich würde gar zu gern mal den Saufang hören.“ – „Oh“, hat er gesagt, „ich auch!“. Also zogen wir gemeinsam mit einigen Mitarbeitern der Dombauhütte ins Museum Schnütgen. Woelk hatte den Restaurator hinbestellt. Der kam mit einem paar weißer Handschuhe, löste ganz vorsichtig die Arretierung des Klöppels und ließ diesen einmal kurz an die Glockenwand schlagen. Dong! Sofort kam ein Aufseher angeschossen: „Was machen Sie denn da für einen Unsinn! Das dürfen Sie nicht!“ Der kannte nämlich seinen neuen Chef noch nicht. Wir haben dann den Restaurator mit vereinten Kräften beschwatzt, die Glocke bitte ein zweites Mal anzuschlagen.

Wie sie sie sich anhört? Ich halte mich mal raus, damit Sie mich nicht für pietätlos oder eingebildet halten – beim Gedanken an  „mein“ grandioses Domgeläut. Stattdessen zitiere ich Mario Kramp vom Stadtmuseum. Aus dessen Sammlung ist der „Saufang“ als Dauerleihgabe nach Sankt Cäcilien zurückgekehrt, dorthin, wo er sich jahrhundertelang befunden hatte. Kramp also vergleicht den Klang mit dem einer Kuhglocke, „weit entfernt vom harmonischen Geläut späterer Bronzeglocken. Na ja, wenn er das sagt… Ich könnte Moritz Woelk ja mal vorschlagen, den Besuchern im Schnütgen-Museum eine Klangprobe als Soundfile anzubieten. Die älteste Glocke Europas will man ja nicht nur sehen, sondern auch hören können. Nicht nur zur Weihnachtszeit.

 

Antikes Erbe, mit Füßen getreten

Nichts deutet am Domparkhaus auf einen der spektakulärsten Fundorte in ganz Köln hin

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 24. 11. 2015

Uns Kölnern, sage ich gern, uns Kölnern liegt die Geschichte zu Füßen. Zweitausend Jahre Vergangenheit, nur wenige Meter unter unseren Straßen und Häusern. Aber es gibt auch Stellen in der Stadt, da denke ich jedes Mal: Wie gehen wir nur mit diesem großartigen archäologischen Erbe um? Wir treten es mit Füßen!

Das haarsträubendste Beispiel befindet sich ausgerechnet an einem der markantesten und belebtesten Orte Kölns, zwischen Hauptbahnhof und Dom. Als Autofahrer kennen Sie vielleicht den Eingang zum Domparkhaus gegenüber vom „Kölntourismus“-Laden. Die Türe ist leicht zu übersehen, weil an dem Gitter davor immer ein Haufen Fahrräder angekettet ist. Was aber völlig fehlt, ist irgendeine Art von Hinweis darauf, dass direkt hinter dem Eingang einer der eindrucksvollsten Reste der antiken römischen Stadtmauer zu sehen ist, zusammen mit dem Unterbau des einzigen Stadttors in Richtung Norden. Einen Bogen davon haben Sie  garantiert schon mal gesehen. Die Rekonstruktion des kleinen Bogens  steht auf dem Platz links vor der Domfassade, der große Bogen ist im Römisch-Germanischen Museum wiedererrichtet worden.. Aber ungleich spektakulärer sind, wenige Meter davon entfernt, die monumentalen, im Ursprungszustand erhaltenen Mauerabschnitte aus dem späten 1. Jahrhundert. Nur sagt einem das ärgerlicherweise keiner. Selbst Kölner ahnungs- und achtlos daran vorbei. Und wer hier schnell sein Auto abstellt, kriegt es ohnehin nicht mit. Deswegen dachte ich, bevor die Stadt  hoffentlich bald etwas zur Information der Einheimischen und der Touristen unternimmt, führe ich Sie heute schon mal in meiner Kolumne hin.

Im Draufblick von oben auf der ersten Ebene des Parkhauses erkennen Sie besser als an jeder anderen Stelle in Köln die Bauweise der alten Römer: Die 2,40 starke Mauer besteht aus einer Füllschicht im „Opus Caementium“, dem römischen Zement. Außen wie innen ist sie mit Grauwacke-Quadern verkleidet,  stufig abgesetzt und zur Feldseite hin – da wo heute der Hauptbahnhof ist – mit einem Schrägsockel versehen. Wo das einst drei Meter tief im Boden versenkte Fundament der auf fast acht Meter Höhe geplanten Mauer begann, sehen Sie an der gröberen Verarbeitung der ansonsten absolut akkurat gemauerten Außenschicht. Dafür steigen Sie am besten die Treppe hinunter auf Ebene 2 des Parkhauses.

Vor der Mauer befand sich ein gut zehn Meter breiter, drei bis vier Meter tiefer Graben. Haben Sie sich schon mal gewundert, warum die Straßenführung zwischen Bahnhofsvorplatz und Dom so weit unten verläuft? Jetzt wissen Sie’s: Die heutige Trankgasse folgt dem römischen Stadtgraben. Allerdings ist der Unterschied im Geländeniveau, der den Stadtplanern bis heute zu schaffen macht, erst durch den Bau der Domplatte richtig dramatisch geworden. Auf alten Ansichten ist zu sehen, dass er früher nicht gar so stark ausfiel.

Wenn Sie ein Stück an der Mauer entlang gehen, stoßen Sie auf einen quadratisch gemauerten Anbau aus dem Mittelalter: den „Anno-Stollen“. Dieser 5,50 Meter hohe Schacht soll im Haus eines Domherrn senkrecht nach unten in einen Gang gemündet sein, der unter der Stadtmauer hindurch ins Freie führte. Wie die Annalen des Abtes Lampert von Hersfeld (ca. 1028 bis ca. 1085) berichten, war dies der Fluchtweg, den der heilige Erzbischof Anno II. (1010 bis 1075) im Jahr 1074 nutzte, um sich vor den aufständischen Bürgern seiner Bischofsstadt in Sicherheit zu bringen. Schon damals hatte die kirchliche Obrigkeit ihre liebe Not mit den Kölner Quergeistern. Diese ihrerseits hatten es  im Gegensatz zu heute gerade in Annos Fall Anno nicht nur mit einem frommen Oberhirten, sondern auch mit einem Machthaber von solcher Brutalität zu tun, dass wir beides eigentlich kaum mehr zusammenbringen.

Von Ebene 1 aus können Sie einen Blick ins Innere des Anno-Stollens werfen. Bei meinem letzten Besuch allerdings ging das nicht, weil irgendjemand Stücke  vergammelte Pappe auf das Schutzgitter gelegt hatte samt einem Putzlumpen. Köln, sage ich nur, mein Gott, Köln!.

Wenn die geplante Via Culturalis vollendet sein wird, dann könnte sie sehr gut hier  beginnen, an der Nordmauer des antiken Köln. „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“, hieß ein populärer Archäologie-Führer von Rudolf Pörtner aus meiner Jugendzeit. Wie Sie sehen, kann auch die Einfahrt in eine Tiefgarage genügen. Und  dieses skurrile Nebeneinander von Parkhaus-Tristesse und glanzvoller Historie ist eben auch – typisch Köln.

Der schönste Ort zum Warten auf den jüngsten Tag

Der Friedhof Melaten hat eine magische Faszination, besonders an Allerheiligen - Kölner Bürger können Paten für historische Gräber werden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 30. 10. 2015

Manche Leute schaufeln sich ihr eigenes Grab. Ich wüsste da den einen oder anderen. Ich selber bin schon bei der Grabpflege angelangt. Davon möchte ich Ihnen bei einem Besuch auf dem Friedhof Melaten erzählen.

Melaten ist für mich ein magischer Ort. Obwohl ich mich für durchaus lebensfroh halte, komme ich unglaublich gerne hierher und gehe stundenlang spazieren, ohne dass es mir langweilig würde. Schon die Natur ist wunderschön mit ihren alten Bäumen, und das Areal mit seinen 435.000 Quadratmetern Fläche ist so groß, dass ich jedes Mal verschiedene nehmen kann. Anders als im Wald, bekomme ich dabei immer etwas Zusätzliches zum Sehen Sinnieren.

Wussten Sie, dass es auf Melaten mehr als 55.000 Grabstätten gibt? Es rührt mich, wie verschieden die Menschen ihre Trauer ausdrücken, erst recht bei der wachsenden Vielfalt der Kulturen, die hier zusammenkommen. Nicht alles davon ist mein Geschmack. Aber interessant ist es in jedem Fall, zu sehen, was es jenseits der christlichen Zeichen, der Bezüge auf die antike Mythologie oder die Berufe der Verstorbenen so alles an Schmuck und Symbolik rund um den Tod gibt. Regelmäßig besuche ich die Gräber verstorbener Freunde. Bei manchen wohnen die Angehörigen irgendwo anders, so dass außer mir eigentlich keiner herkommt.  Auch eine Studienfreundin liegt hier, nach deren plötzlichem Tod ihre Freunde für ein Grab zusammengelegt hatten. Auf meinen Runden alle Vierteljahre gehe ich vorbei und stelle ein Kerzchen auf. Offenbar gibt es immer noch viele Leute, die dieser alten Tradition folgen. Faszinierend ist ein Besuch auf Melaten jetzt zu Allerheiligen bei Einbruch der Dunkelheit: der ganze Friedhof voller Licht!

[Schon bei seiner Gründung 1810, in der Zeit der napoleonischen Besatzung Kölns, war Melaten ja eine Melange. Das kaiserliche „Dekret über die Begräbnisse“ von 1804 entzog der katholischen Kirche die Zuständigkeit für die Bestattungen und übergab sie der Stadt. Neue Friedhöfe mussten außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern liegen. Der Friedhof Melaten war der erste Kölner Zentralfriedhof. Er entstand im Westen der Stadt entlang der Aachener Straße auf dem Gelände des ehemaligen Leprosenheims, dessen Name im Volksmund „Maladen“ war und dem neuen Friedhof seinen Namen gab. Er stand von Anfang an allen Konfessionen offen. Auch Nicht-Christen können hier Grabstätten erwerben. Und es gibt auch keine strikte Trennung nach sozialer Schicht. Fromm oder gottlos, arm und reich – im Tod sind alle gleich.  Solche Sachen gehen mir hier auf Melaten durch den Kopf.]

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Das Grab aber, das ich am häufigsten besuche, ist mein eigenes. Zwei Möglichkeiten haben Sie, wenn Sie auf Melaten an ein Grab kommen wollen: Entweder Sie kaufen sich ein neues; es gibt auf dem Gelände ja sehr viele Lücken, weil erst vor kurzer Zeit wieder eine ganze Reihe von Gräbern aufgelassen worden ist.  Oder Sie machen es wie ich und übernehmen die Patenschaft für ein historisches Grab. Was das bedeutet? Nun, Sie erwerben als Pate das Recht, sich eines ungewissen Tages in Ihrem Patengrab beisetzen zu lassen. Im Gegenzug übernehmen Sie die Verpflichtung zum Erhalt des Bestands, ob nun denkmalgeschützt oder nicht. Wobei da niemand strenge Vorschriften macht.

Eine Zeitlang allerdings gab es für die denkmalschützten Gräber die Auflage, die Originalinschriften an ihrem Platz zu belassen und Platten für die neuen Besitzer darunter anzubringen. Daraufhin ging die Nachfrage schlagartig zurück. Die Leute wollen auf ihrem Grab dann doch ihren Namen lesen. Inzwischen wurde die Vorschrift wieder gelockert. Es gibt aber auch schöne alte Gräber, die nicht unter Denkmalschutz stehen. Wenn man sie freischnippelt und säubert, stößt man oft auf richtige Schätzchen und macht sich obendrein verdient um den Erhalt eines Stücks Friedhofskultur aus vergangener Zeit.

Als mein Patengrab, Sie werden es sich denken, habe ich mir natürlich ein neugotisches ausgesucht. Es besteht aus Sandstein mit Säulchen und Grabplatte aus weißem Marmor. Das Dekor ist typisch für die Arbeit der Kölner Dombauhütte im 19. Jahrhundert. Zu meinem 60. Geburtstag haben mir die Mitarbeiter der Dombauhütte eine Grableuchte geschenkt mit der hl. Barbara als Glasmalerei. Diese Leuchte habe ich schon aufgestellt. Mit einem großen Betonklotz unten dran, sonst wäre sie vermutlich nicht mehr da.

Die ganze Grabstätte war komplett zugewachsen und an der rechten Seite vom Efeu auch schon so angefressen, dass ich das Schmuck-Kapitell dort habe ich neu machen lassen. In den Sockel aus Sandstein war ursprünglich ein frommer Vers geschlagen. Aber der ist so verwittert, dass man nur noch einzelne Silben entziffern kann. Dabei werde ich es, habe ich überlegt, auch belassen. Auf der Inschriftenplatte fehlt noch mein Name. Das Original einer Familie Paffendorf hängt jetzt auf der Rückseite des Grabmals. Ihr Gedächtnis ist also nicht getilgt. Das finde ich gut. Und wenn ich mal viel Zeit habe, werde ich mich auf die Suche machen, wer die Paffendorfs waren.

Ich habe keinerlei Interesse, ihnen bald zu folgen. Aber es beruhigt mich, zu wissen: Hier komme ich mal rein. Ich sehe das als eine Form der Vorsorge. Meine Kinder sollen einmal keinen Ärger mit meiner Grablege haben. Und es ist ein Platz, an dem ich mir das Warten auf den Jüngsten Tag sehr gut vorstellen kann. Das klingt vielleicht seltsam, aber erstens finde ich es beruhigend, einmal in einer Gemeinschaft von Toten zu ruhen. Nun werden meine sterblichen Überreste die meiste Zeit der Ewigkeit hier verbringen. Deshalb habe ich zweitens bestimmte Erwartungen an diesen Ort. Ein richtiges Erdgrab zum Beispiel sollte es sein. Schon weil ich den Gedanken schrecklich finde, dass meine Verwandten und Freunde zur Beerdigung hinter einer Blechdose mit meiner Asche herlaufen sollten. Mein Leichnam im Sarg, runter in den Boden, Erde drüber, fertig. Das hat für mich eine zwingende Logik. Aber bitte, jeder muss das natürlich für sich selbst entscheiden.

Sie merken schon, mein Verhältnis ist ein pragmatisches mit einem Schuss Besinnlichkeit. Aber die verberge ich meistens hinter einer betont nüchternen Sprache. Als ich das erste Mal herkam und mit einer Heckenschere gegen das ganze Gestrüpp über dem Grab vorgegangen bin, kamen gleich einige ältere Damen vorbei. Mich hätten sie ja noch nie hier gesehen, und wessen Grab das denn sei. „Mein eigenes“, sagte ich bloß. Da waren sie dann doch ein bisschen schockiert.

Ab und zu komme ich für den Grünschnitt her. Mit der Steinrestaurierung hatte ich seinerzeit einen Steinmetz beauftragt. Die Kosten dafür stehen übrigens in keinem Verhältnis zum Preis für ein neues Grab in dieser Größe. Ohne zu sehr in die finanziellen Details zu gehen: Etwas vergleichbares Neues könnte eine – nun ja – Normalsterbliche wie ich sich überhaupt nicht leisten. Im „Erlebensfall“, wie das so schön heißt, zahlen Sie die ganz normale Grabgebühr, in meinem Fall für ein Doppelgrab. Die Gebühr bemisst sich nämlich immer nach der Zahl der Liegeplätze. Nach der Belegung können Sie das Grab 25 Jahre nutzen. Und wenn Sie oder Ihre Nachfahren weiterzahlen, behalten Sie den Anspruch auch länger. Patenschaft ist Patenschaft. Also, ich kann Ihnen das nur empfehlen.

Kurioserweise ist das Familiengrab meines Vorgängers im Amt des Dombaumeisters, Arnold Wolff gleich um die Ecke. Ich wusste das nicht. Aber irgendwann traf ich seine Frau hier nebenan, die es mir erzählte. So werden Wolff und ich also in unmittelbarer Nachbarschaft den ewigen Frieden finden.

Für die Domkapellmeister, auch wichtige Menschen an der Kathedrale, gibt es inzwischen sogar eine Art Amtsgrab, weil das Domkapitel auf Anregung von Eberhard Metternich die historische Grabstätte seines Vorvorgängers Carl Leibl (1784 bis 1870) und seiner Frau Gertrud aus dem 19. Jahrhundert in Patenschaft übernommen hat. Das Original-Grabmal aus dem 19. Jahrhundert war aber kriegsbeschädigt, so dass ein herrenloser Aufbau von einer anderen Ecke des Friedhofs umgesetzt und mit einer neuen Inschriftentafel versehen wurde. Auch eine Möglichkeit.

Unsere Chefs selbst, die Mitglieder des Kölner Domkapitels, sind auf Melaten ebenfalls Grabpaten. Ihre Vorgänger hatten im 19. Jahrhundert ein Gemeinschaftsgrab erworben und vermutlich vom  damaligen legendären Dombaumeister Ernst Zwirner gestalten lassen. In den 1970er Jahren dann erhielt der damalige Dompropst Bernard Henrichs einen Brief von der Stadt Köln: Die Ewigkeit sei jetzt vorbei. Das Grab falle an die Stadt Köln zurück. Das Domkapitel könne es aber erneut kaufen.

So etwas machte Henrichs Spaß, der bekanntlich ein Schalk war und keinem gepflegten Streit aus dem Weg ging. „Etwas kaufen, das uns gehört? Kommt überhaupt nicht in Frage!“, befand Henrichs. „Wenn überhaupt, dann lassen wir die Grabstätte neu herrichten. Das kommt uns schon teuer genug zu stehen.“  Womit er leider Recht hatte. So ist auch die Grabstätte des Kapitels ein Patenschaftsgrab. Und eigentlich kann die Stadt froh sein, sonst hätte sie die Pflege am Hals.

So aber war die Restaurierung Sache der Dombauhütte und fiel somit irgendwann auch in meine Zuständigkeit. Vom Eisengitter um die rechteckige Anlage war nur noch ein Segment vorhanden. Den Rest haben wir in einer historischen Gießhütte in Thüringen nachbilden lassen und die Spitzen anschließend neu vergoldet.

Bei der verschnörkelten Inschrift auf der Mittelstele komme ich jedes Mal ins Schleudern, weil ich diese Art Buchstaben partout nicht lesen kann. „Canonicis ecclesiae maj…“ –  tja, und da verließen sie ihn… 36 Plätze insgesamt gibt es, glaube ich. Theoretisch. Denn sollte sich jemals ein Domkapitular nicht auf dem Domherrenfriedhof hinter dem Dom, sondern hier beerdigen lassen wollen, würde auch 36 Mal die Begräbnisgebühr fällig. Eine horrende Summe. Solange aber keiner bestattet wird, kostet es auch nichts. Außer der Pflege. Also, das werden die Herren sich gut überlegen.

Sie sehen schon, Melaten ist voller Geschichten und Geschichte. Zu den traurigsten Kapiteln gehört das Gedächtnis der Kriegstoten. Und da treibt es mir jedes Mal den Blutdruck hoch, wenn ich an dem großen, zehn Meter hohen vierflügeligen Monument „Zum Andenken an die zu Coeln in Folge des Krieges von 1870/71 verstorbenen Söhne Deutschlands“ vorbeikomme.

Man kann von Kriegergedenken ja halten, was man will. Und ich will auch nicht die Fragen beantworten, wie lange man es fortschreiben muss oder wann man es still einschlafen lassen darf. Aber ich finde, so oder so muss es in Würde geschehen. Die vermisse ich hier schmerzlich. Offensichtlich gibt es noch Kölner, die sich der Toten des deutsch-französischen Kriegs erinnern. Jedenfalls habe ich bei meinem jüngsten Besuch frische Kränze am Fuß des Denkmals mit seinem Neo-Renaissance-Dekor liegen gesehen. Aber ganze Teile der Neorenaissance-Architektur von Stadtbaumeister Hermann Weyer (1830 bis 1899) sind überwuchert, oben wächst sogar ein Baum in den Himmel, dessen Samen sich selbst ausgesät haben.

Einen solch verkommenen Zustand haben die Männer nicht verdient, die – wie ich finde – sinnlos in den Tod geschickt wurden um einer nationalen Idee willen, mit dem Pathos „für Gott, König und Vaterland“. Wegen des Missbrauchs patriotischer Ideale ist Gefallenengedenken gerade in Deutschland nach 1945 eine sehr zwiespältige, von manchen misstrauisch beäugte Sache. Aber so offensichtlich geringschätzig wie hier darf man sich seiner nicht entledigen.

Für die Pflege der Soldatengräber aus den beiden Weltkriegen gibt es ein eigenes Grabgesetz. Darunter fällt Weyers Monument nicht. Trotzdem ist die Stadt Köln dafür verantwortlich. Ein Telefonanruf in der Verwaltung macht mir Hoffnung. Dem zuständigen Beamte war sofort klar, wovon die Rede war. Im November oder Dezember „nehmen wir uns das Denkmal vor“, versprach er, wenn erst das Laub gefallen sei. Und ja, er wisse schon, die Sache mit dem Baum… „Das wächst halt immer wieder raus.“ Genau, so ist das auf dem Friedhof Melaten, der alles andere ist als tot.