Archiv für den Monat: August 2015

Die große Schwester der Graffiti

. An imposanten Wandmalereien hat Köln einiges zu bieten - auch dank des Street-Art-Festivals "Cityleaks"

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 26. 8. 2015, S. 26

ehrenfeld_9Auf Augenhöhe begegnen sie einem überall in der Stadt: an Hauswänden und Fassaden, auf Mauern und Zäunen, KVB- und Bahnwaggons, Rolltreppen, U-Bahnsteigen oder auf Parkbänken: Graffiti. Sie als Kunst zu bezeichnen, würden sich wohl die meisten scheuen. Hausbesitzer zumal, die oft sogar eigens versichert sind, um das „Geschmiere“ schnell wieder entfernen zu können. Auch wenn all die „Tags“, verschnörkelte Namenskürzel, bisweilen mit Silberfarbe, Schattierungen oder Umrandungen aufgehübscht sind, sagen sie nichts anderes als „guckt mal, ich war hier“. Ein bisschen kommt mir das vor wie Beinchen heben. Totlangweilig eigentlich. Aber die ganze Republik ist voll davon. Das Graffito hat allerdings eine große Schwester, und sie macht die Sache künstlerisch interessant. Ich spreche von der Fassadenmalerei.

Wände zu bemalen, war immer schon ein Teil von Architektur. In unseren Breiten handelte es sich oft um illusionistische Kunst, das heißt, mit den Mitteln der Malerei wird auf einer zweidimensionalen Fläche Räumlichkeit vorgetäuscht, die ein Haus total verändert. Berühmt ist zum Beispiel der Entwurf Hans Holbein des Jüngeren für das „Haus zum Tanz“ in Basel von 1520. Blütezeit der Wandmalerei war dann der Barock mit komplexer Schein-Architektur. Das 19. Jahrhundert bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts liebte vor allem Historien-Szenen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg hörte die farbige Wandgestaltung nicht auf, sie veränderte sich aber. Für die Nachkriegszeit sind große Keramiken charakteristisch oder Fassadenelemente aus Metall. Auch die Betonarchitektur der 1970er Jahre war zum Teil sehr stark farbig gefasst.

ehrenfeld_1Eine ganz neue Dynamik erhielt die Wandmalerei aber definitiv durch die Graffiti-Szene. Einigen ihrer Vertreter war das bloße „Tagging“ auf die Dauer zu wenig. Sie entwickelten das Sprayen zu einer echten Kunstform weiter. Dazu kamen Absolventen der Kunstakademien, die sich auf diese Art der Wandgestaltung spezialisierten. Es wäre falsch, von „echten und falschen Künstlern“ zu sprechen. Es sind einfach zwei verschiedene Zugänge zu ein und derselben Form.

Die so entstandenen Bilder sind natürlich nicht mehr Ergebnisse verbotener Sprayaktionen bei Nacht und Nebel, sondern ganz legale Arbeiten. Das geht bei deren Komplexität und Größe ja auch gar nicht anders. Zum Glück gab es Immobilienbesitzer, die ihre Häuser zur Verfügung stellten. Am beliebtesten sind lange Mauern oder Brandwände ohne Fenster, auf denen gestalterisch ohnehin nichts los ist.

Das berühmteste frühe gesprühte Wandbild in Köln ist Harald Naegelis „Tanzendes Skelett“ an der Westfassade von St. Caecilien. Naegeli hatte Anfang der 1980er Jahre eine ganze Reihe dieser Motive auch an andere Kölner Fassaden gesprüht. Aber da hat man sie schleunigst wieder entfernt. So ist nur dieses eine Bild erhalten.

Ich komme darauf, weil im September das „Cityleaks Urban Art Festival“ stattfindet, das die Kunstform gesprayter Wandbilder in Köln fördern will. Premiere war 2011. Ehrenfeld wurde damals, wie es in Anne Scherers Bildband „Street Art Cologne“ heißt, „zu einem der aktivsten Hotspots für Street Art in Köln“. Als „City Leaks Urban Art Biennale“ mit dem Titel „Die Stadt, die es nicht gibt“ geht das Festival bis 20. September in die dritte Runde. Diesmal wollen sich die Organisatoren vor allem auf Mülheim im Rechtsrheinischen konzentrieren.

Aber bis die Ergebnisse zu besichtigen sind, schlage ich Ihnen eine kleine Tour durch Ehrenfeld vor – auf den Spuren der Sprayer.

Der Kunsthistoriker an sich neigt ja immer zum Systematisieren. Ich teile deshalb die gesprayten Wandmalereien deshalb in drei Gruppen ein. Als erstes sind die rein graphische Gestaltungen zu nennen. Ein Beispiel dafür sehen Sie in der Vogelsanger Str. 34, wo ein ganzes Eckhaus an seinen beiden Fronten in Schwarz-Weiß bemalt ist. Nur die Mitte bleibt Rot. Dort sieht man, wie der Erdball von zwei Seiten her eingequetscht wird.  Mein Lieblingsobjekt befindet sich Hospeltstraße 28: Auch hier nur Schwarz-Weiß, eine stark geometrische Anlage mit Bändern und Linien, durchzogen von Ändern und Streifen, als ob das Ganze gleich wieder weggewischt werden würde. Ein feines, toll gemachtes Kunstwerk.

ehrenfeld_8Die zweite Gruppe sind die Figuren- oder Menschenbilder. Eines der berühmtesten ist der kleine trotzige Junge am Bürgerzentrum in der Venloer Str. 429.  Wenn Sie einen starken Magen haben und nicht so leicht zu schocken sind, schauen Sie sich in der Senefelder Straße 5 den gehäuteten Hasen an. Das ist schon eine ziemlich drastische Darstellung, die der Belgier „ROA“ – die Wandsprayer firmieren fast alle unter solchen Phantasienamen – den Passanten und vor allem den Anwohnern da zugemutet hat. Die sollen sich aber, wie es heißt, inzwischen an den Anblick gewöhnt haben.

Unter eine dritte und letzte Kategorie fallen all jene Bilder, die Geschichten erzählen – spielerisch und oft kritisch zugleich. Da sind zum Beispiel in der Hansemannstraße 24 die vier rosa Männer, die „Reise nach Jerusalem“ spielen. Man kann darin natürlich den Versuch sehen, die Ausweglosigkeit des menschlichen Daseins ins Bild zu bringen. An szenischen Darstellungen hat insbesondere auch die Kölner Gruppe „Captain Borderline“ einiges zu bieten. Von bemerkenswerter Aktualität ist die Arbeit „Surveillance of the Fittest“ am Ehrenfeldgürtel 95, wo das US-Wappentier, der Weißkopf-Seeadler, mit unzähligen Überwachungskameras eine Schafherde beobachtet.

Die gleichen Künstler haben übrigens mit dem „Bananen-Sprayer“ Thomas Baumgürtel das große Wandbild an der Marzellenstraße gemacht. Das ist nun nicht in Ehrenfeld, aber wenn man mit Zug oder S-Bahn von dort zum Hauptbahnhof fährt, kann man auf der rechten Seite gut sehen [stimmt doch, oder?], wie die Mauern der Stadt Köln von einer Belagerungstruppe mit einer riesigen Banane als Rammbock berannt werden. Das soll wohl eine kritische Anspielung auf den Mangel an Wohnungen und Atelierräumen in Köln sein.

Der Vollständigkeit halber sollte ich vielleicht noch die Mini-Mosaiken erwähnen, die viele von Ihnen schon mal gesehen haben werden, ohne dass sie Ihnen womöglich besonders aufgefallen wären. Die Muster und gepixelten Wesen, die eigentlich in keine der genannten Kategorien fallen, sind eine Spezialität des französischen Künstlers „Invader“, der als Street-Art-Pionier gilt und seine Kachelmosaike mittlerweile in der ganzen Welt hinterlassen hat – 24 davon im Jahr 2007 auch in Köln, unter anderem an der Hohenzollernbrücke, in der Alten Wallgasse 56-58, an der Ecke Pfeilstraße/Kettengasse und – wenn ich das sagen darf – auch an meinem Haus Am Hof 23.

Also, vielleicht schlendern Sie mal entspannt vom Bürgerzentrum Ehrenfeld aus durch das Viertel und halten Ausschau nach der großflächigen Sprayerkunst. Oder wenn Sie die Sache lieber strategisch in Angriff nehmen, dann nehmen Sie einfach Anne Scherers Buch zu Hilfe, das die Kölner Wandmalereien zusammen trägt und auch einen entsprechend markierten Stadtplan enthält. Ich verspreche Ihnen: Sie werden staunen, wie viele Objekte es in Köln gibt!

Und weil in einer lebendigen Stadt immer wieder Neues entstehen sollte, fände ich es schön, wenn die Stadt oder Privatleute weitere Wandflächen gestalten ließen. Tristes Grau haben wir in Köln ja noch zur Genüge. Den Anfang könnte der Tunnel an der Trankgasse machen. Für dessen schmuddelig verputzte Wände wäre ein knallbuntes Sprayer-Bild genau das Richtige.

Infos zum Festival: www.cityleaks-festival.de

Lektüre-Tipp: Anne Scherer, Street Art Cologne, Verlag KiWi Köln, 192 Seiten, 19,99 Euro.


Ein Selbstmordattentäter in der Bibel

Das Fußbodenmosaik in der romanischen Basilika St. Gereon erzählt die Samson-Geschichte als Comic aus der Stauferzeit

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

 

 

 

Wenn Sie meine Kolumnen regelmäßig lesen, erinnern Sie sich vielleicht, dass ich im Juni auf dem Gelände des ehemaligen Kölner Güterbahnhofs St. Gereon unterwegs war. Eigenartig, dass ein so durch und durch prosaischer Ort nach einem Heiligen benannt war, oder? Das hat mit der Bedeutung der romanischen Basilika und ihres seit dem 9. Jahrhundert bestehenden Stifts zu tun, dem im Mittelalter rundum große Ländereien gehörten. St. Gereon war in der Merowingerzeit die bedeutendste fränkische Königskirche und einer der berühmtesten Kirchenbauten des Mittelalters überhaupt. Das hat auch auf die Umgebung abgefärbt, das Gereonsviertel mit dem Gerling-Areal, vielen nach dem Kirchenpatron benannten Straßen und eben auch dem einstigen Güterbahnhof, der von 1859 bis 1990 in Betrieb war.

 

Die Kuppel und das Dekagon von St. Gereon gehören zum Markantesten, was das historische Stadtbild Kölns zu bieten hat, so dass ich Sie eigentlich gar nicht darauf hinzuweisen bräuchte. Trotzdem ist Ihnen bei der Besichtigung der Kirche bislang vielleicht etwas entgangen, was sozusagen an entgegengesetztem Ort zu suchen ist: unten in der Hallenkrypta und dort auch noch einmal auf dem tiefsten Punkt, dem Fußboden nämlich. Hierhin wurde das Jahr 1870 ein großes, um 1150 entstandenes Mosaik mit Szenen aus dem Leben des alttestamentlichen Helden Samson verlegt, das sich ursprünglich im Hochchor befunden hatte.

Die Figur aus dem Buch der Richter ist der jüdisch-christliche Widerpart zu Herkules, dem schon von Kindheit an mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten antiken Heroen. Quelle von Samsons Stärke sind seine Haare, weshalb seiner Mutter schon verkündet worden war, dass sie Knaben auf keinen Fall die Haare schneiden dürfe. Ähnlich wie die griechische Mythologie im Fall des Herkules, weiß die Bibel allerhand Taten ihres Helden zu berichten. Samsons Hauptfeinde sind die Philister, mit denen er ständig im Clinch liegt. Trotzdem nimmt er sich als Braut eine junge Philisterin, Schon bei der Hochzeit kommt es zu Streitigkeiten mit ihrem Gefolge, und am Ende liefert ihn seine Gemahlin auch an ihr Volk aus.

Typisch, könnte man sagen. Denn immer wieder rühren Samsons Bredouillen aus seiner Schwäche für das schöne Geschlecht Als er auf Brautschau, zusammen mit seinen Eltern unterwegs zu seiner Braut ist, begegnet er einem Löwen. Dummerweise ist er völlig unbewaffnet. Trotzdem stürzt sich Samson auf den Löwen und tötet ihn, indem er ihm das Maul auseinanderreißt. Diese Geschichte ist die erste, die im Samson-Mosaik dargestellt ist: Samson mit seinen wallenden langen Haaren sitzt auf dem Löwen und zerrt an dessen Ober- und Unterkiefer. Die nächste Episode handelt von Samsons Besuch bei einer Dirne in Gaza, wo ihn die Philister zu fangen versuchten. Sie umstellten das Haus und verriegelten die Stadttore in der sicheren Hoffnung, dass sie Samson so erwischen würden. Aber nichts da: Samson hebt die Tore einfach aus den Angeln und trägt sie auf einen Berg. Das ist das zweite Bild des Mosaiks.

Die dritte handelt dann von den Folgen seiner Liebe zu Dalila, über deren Charakter es sehr unterschiedliche Urteile gibt. Ob sie nun eine aufopferungsvolle Patriotin war, die half, den gefährlichsten Feind ihres Volkes zur Strecke zu bringen, oder ob sie schnöden Verrat an ihrem Mann beging, darüber kann man in der Tat lange streiten. Faktisch stellt sich das Geschehen so dar: Als Samson eines Tages nach dem Liebesspiel ermattet einschlief, ließ sie ihm die Haare abschneiden. So schildert es die Bibel. In den meisten künstlerischen Umsetzungen greift Dalila selbst zur Schere. Ohne Haare seiner Kraft beraubt, ist Samson eine leichte Beute für die Soldaten der Philister, die ihn fesseln und ihm die Augen ausstechen. Danach muss er in einer Mühle Sklavenarbeit verrichten. Aus lauter Stolz führen die Philister den entmachteten Feind als blinden Tölpel auf ihren Festen vor. Was sie aber übersehen haben: Mit der Zeit sind Samsons Haare nachgewachsen. Als er nun wieder einmal bei irgendeinem Gelage der Philister gedemütigt werden soll, greift er im Festsaal nach den nächstgelegenen Säulen und bringt den ganzen Bau zum Einsturz. Auch das ist im Mosaik zu sehen. Von den herabfallenden Steinen werden nun die Philister ebenso erschlagen wie Samson selbst. Heute würde man ihn vermutlich einen Selbstmordattentäter nennen.

Mosaiken, Bilder, die sich aus kleinsten Steinen zusammensetzen, waren in der Römerzeit in Villen und öffentlichen Gebäuden., aber dann auch im Mittelalter im Kirchenbau häufig anzutreffen Leider sind sehr viele davon verloren. Deshalb ist es so erfreulich, dass der Mosaikschmuck in St. Gereon erhalten ist. Selbst feine Details wie der Bortenschmuck an Samsons Kittel oder die Beschläge der Türen sind anschaulich wieder gegeben. Ein fein ornamentierter Rand umzieht jedes Einzelbild.

 

Das Mosaik wurde zwar im 19. Jahrhundert – an den Farbabweichungen erkennbar – stark restauriert. Trotzdem ist noch immer ein wunderbares Beispiel für die Erzählkunst der Romanik, ein Comic aus der Stauferzeit. Ein bisschen naiv, nicht so fein wie antike römische Mosaiken oder wie zeitgenössische Buchmalereien, aber trotzdem ungeheuer eindrucksvoll.