Archiv für den Monat: Juli 2015

Urbanes zeitgenössisches Gefühl

Im und um den Mediapark liegen gute architektur und städtische Verwahrlosung dicht an dicht

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner stadtanzeiger 0

Wenn Sie eine halbe Stunde Zeit übrig haben und gerade auf den Ringen unterwegs sind, dann machen Sie doch mal den Stadtspaziergang, auf den ich Sie heute mitnehmen möchte. Es geht im Mediapark gleich gut los. Die ganze Anlage finde ich mit ihrer modernen Gestaltung sehr gelungen. Wer nicht Altstadt-Gemütlichkeit sucht, sondern urbanes zeitgenössisches Feeling, wird hier fündig. Das markanteste Ausrufezeichen hat der französische Star-Architekt und Pritzker-Preisträger Jean Nouvel (geb. 1945) mit dem „Kölnturm“ gesetzt. Problematisch daran ist allenfalls die bedruckte Fassade. Der fragmentierte Dom ist überhaupt nicht nach meinem Geschmack, und Flugzeug-Silhouetten auf Hochhäusern nach dem 11. September sind…  – na ja, Sie wissen schon. Aber für diese atmosphärische Störung seiner Ästhetik kann der Architekt ja nichts.

Das Areal, zu dem eine Grünanlage von insgesamt zehn Hektar gehört, verdankt sich der Umnutzung des Geländes, auf dem früher der Güterbahnhof St. Gereon gewesen war. Der städtebauliche Gesamtentwurf, realisiert zwischen 1987 und 2004, stammt von dem in Braunsfeld geborenen Architekten Eberhard Zeidler (geb. 1926). Der „Grünzug Nord“ ist Teil des Projekts „Regio Grün“ mit sechs Grünkorridoren zwischen Köln und Bonn. Vom Mediapark ausgehend, verläuft eine der Routen durch den Blücherpark und den Bürgerpark bis zum Äußeren Grüngürtel. Auf der Rückseite des Mediaparks wurde ein Fußweg angelegt, den Sie erreichen, wenn Sie zwischen den Gebäuden in der Mitte durchgehen.

Eigentlich ist das hier gar nicht meine Gegend. So war ich selbst überrascht, als ich dem Tipp eines Freunds folgte und zum ersten Mal herkam. Entlang der Bahntrasse kommen Sie im August-Sander-Park, benannt nach dem berühmten, 1964 gestorbenen Kölner Fotografen, bald zu einem großen Kinderspielplatz mit einer baulichen Besonderheit: Als technisches Denkmal der Stadt Köln ist das alte Stellwerk aus den 1920er Jahren  stehengeblieben – eine ganz frühe moderne Architektur, neue Sachlichkeit, so ähnlich wie bei der Bastei am Rheinufer.

Ein Stück weiter Richtung Westen [?] stoßen Sie auf eine 96,40 Meter lange und 4,,60 Meter breite Fußgängerbrücke, die über die Bahngleise hinüber zum Herkulesberg und zum Inneren Grüngürtel führt. Die Architektin Verena Dietrich (geb. 1941) hat sich 1994 eine sehr ungewöhnliche Stahlkonstruktion ausgedacht mit lauter gut durchdachten Kleinigkeiten, zum Beispiel dem Geländer und den Stangen, die allesamt schräg gestellt sind. Das Betonportal am Ende mit einer sich verengenden Treppe steigert die natürliche Perspektiv-Wirkung. Alles in allem also nicht irgend so ein langweiliger Steg, sondern richtig gute Architektur.

Aber Sie ahnen vielleicht schon, dass es in Köln nicht dabei bleiben kann: Klettern Sie nur mal die kleine Verbindungstreppe zur Gladbacher Straße und zur Erftstraße. Aber Vorsicht bitte, Sie könnten sonst übel fallen, so verwahrlost das hier ist! Abenteuerlich alte Betonstufen, ein völlig verrottetes Geländer, dazu ein nutzlos gewordener Strommast, an dem sich das Unkraut hochrankt… Und werfen Sie mal einen Blick in das Häuschen am Fuß der Treppe: da gammelt kniehoch der Müll vor sich hin. Das Ganze wirkt, als ob eine Ecke des ehemaligen Güterbahnhofs vergessen worden wäre – in der Stadtplanung wie im Reinigungsplan. Aber wenn die Stadt hier nicht saubermacht, gehört ihr das Gelände vermutlich auch nicht. Da habe ich dann gleich einen bösen Verdacht: Mitten in Köln bringt so was eigentlich nur die Deutsche Bahn fertig. Anders kann ich mir den schroffen Kontrast zur sorgfältig gepflegten Umgebung jedenfalls nicht erklären. Die Bahn hat ja auch sonst kein Auge für ihre Liegenschaften und lässt alles verkommen, was nicht Filetlage ist.

Bevor Sie den Stadtpark erreichen, liegt linker Hand die Kirche Neu St. Alban. Hans Schilling (1921 bis 2009) hat den Bau von 1957 bis 1959 aus den Abbruchziegeln des alten Opernhauses errichtet. Die Ausstattung wurde aus der im Krieg zerstörten Kirche Alt St. Alban übernommen, von der noch die Ruine erhalten ist. Heute gehört die nur nachmittags geöffnete Kirche zur katholischen Pfarrei St. Gereon. Zeittypisch ist der Wechsel verschiedener Fenstergrößen, und anstelle eines richtigen Kirchturms gibt es nur eine Art Architekturzitat an einer der Ecken. Versteckt am Rand des Stadtgartens kommen nur wenige Besucher hierher. Und ganz ehrlich: Waren Sie schon jemals dort? Der Blick auf ein Stück Nachkriegsarchitektur lohnt sich bestimmt, ehe Sie dann noch durch den Stadtgarten promenieren können oder an den Wohngebäuden entlang wieder zum Mediapark gelangen.