Archiv für den Monat: Juni 2015

Köln Nippes – das Veedel mit dem charmantesten Namen

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

Der wohl charmanteste Vorort-Name von ganz Köln ist „Nippes“. Oft wird das Wort ja mit „Tand“ oder „wertlosem Krimskrams“ gleichgesetzt, was dieser Stadtteil nun überhaupt nicht verdient. Der Name ist 1549 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Bei den Erklärungsversuchen fällt auf, dass sie komplett konträr sind. Die einen leiten den Namen von „Niep“ als Bezeichnung für eine feuchte Senke ab und erinnern daran, dass in diesem Gebiet einst ein Altarm des Rheins verlief und der Untergrund dementsprechend sumpfig war. Die anderen sagen, „Nepp“ weise – wie an anderen Orten auch – auf einen Hügel oder eine kleine Anhöhe hin. So was macht mir Spaß, weil man auf entgegengesetzten Wegen zum selben Ziel kommt.

Ich überspringe mal die Siedlungsgeschichte, die in römischer Zeit begann und im Mittelalter einige große Anlagen wie den „Altenberger Hof“ hervorbrachte, der recht gut erhalten ist. Heute hat das Bürgerzentrum Nippes hier seinen Sitz. Im 19. Jahrhundert war Nippes besonders beliebt, weil hier untergäriges Bier gebraut und ausgeschenkt werden durfte. Wer also kein Kölsch mochte, der ging nach Nippes und bekam dann auch richtiges Bier. Die traditionsreiche Kneipe „Em Golde Kappes“ auf der Neusser Straße am U-Bahn-Halt Florastraße, wo ich meinen kleinen Rundweg beginne, war allerdings schon von ihrer Eröffnung 1913 an auf Kölsch spezialisiert.

Foto (2)Für die Stadtentwicklung von Nippes noch wichtiger als das Brauwesen war die Ansiedlung bedeutender Industrien in der Peripherie der Altstadt, besonders eines Eisenbahn-Ausbesserungswerks und der Gummi-Fabrik Clouth. Im vorderen, in die Neusser Straße mündenden Teil der Mauenheimer Straße sehen Sie die Wohnungsbauten, die damals für die Industrie-Arbeiter errichtet wurden: dreigeschossige Stadthäuser in historistischer Manier mit Anleihen bei Gotik, Renaissance und Barock. Im Vergleich mit der Innenstadtbebauung sind sie kleiner und weniger aufwendig gestaltet, aber eben doch mit ästhetischem Anspruch. Jedenfalls keine Wohnsilos.

Zur Stadtentwicklung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gehörte in Köln auch die regelmäßige Durchsetzung mit Plätzen. Der Königliche Gartenbaudirektor Fritz Encke (1861 bis 1931) setzte sich vehement dafür ein, dass auch in den Arbeitervierteln Grünflächen angelegt werden sollten. Sie sollten einen doppelten Zweck erfüllen: Grün für die Großen ringsum und in der Mitte Spielplätze für die Kinder. Der Erzberger Platz ist einer dieser Anlagen. Ursprünglich war er besonders berühmt für seinen Rosenhag und zwei Pavillons, die aber nicht erhalten sind.

Wenn Sie vom Erzberger Platz wieder ein paar Meter zurückgehen, überqueren Sie einen Platz, den es gar nicht gibt. Jedenfalls nicht postalisch, denn das Schillplätzchen findet sich in keinem Adressbuch. Seinen im Viertel gebräuchlichen Namen hat es von einer der zuführenden Straßen. Das Schillplätzchen, mit seiner Außengastronomie in den warmen Monaten stets frequentiert, ist die kölsche Form der „Utopie“: ein „Nicht-Ort“, an dem man sich umso wohler fühlt.

Die neu entstehenden Stadtteile brauchten natürlich auch Kirchen – schon des moralischen und sozialen Wohls wegen. Im Jahr 1856 errichtete Vincenz Statz (1819 bis 1898), der vom Mitarbeiter der Dombau-Hütte zu einem der erfolgreichsten Sakralbau-Architekten seiner Zeit aufstieg, am Schillplätzchen St. Heinrich und Kunigunde als eine Art Normkirche: neugotisch, nicht sonderlich raffiniert, aber auch nicht völlig schmucklos. So sollten überall in den Vororten großer Städte die Gotteshäuser aussehen.

Ein paar Ecken weiter dokumentiert die Marienkirche das Bevölkerungswachstum von Nippes. St. Heinrich und Kunigund erwies sich schon nach 20 Jahren als zu klein, so dass Statz ein zweites Mal zum Zuge kam und eine deutlich größere,  1882 eingeweihte Pfarrkirche bauen durfte. Im Krieg stark beschädigt, ist ein Blick in den Innenraum vor allem wegen der Glasfenster interessant. Es handelt sich um einen geschlossenen Zyklus von Dieter Hartmann vom Ende der 1970er Jahre, der das christliche Ursymbol des Kreuzes variiert. Mit dem Künstler habe ich eine Geschichte eigener Art, weil er nach dem Einbau des „Richter-Fensters“ im Dom ständig auf Podiumsdiskussionen auftauchte und mich beschimpfte. Dabei folgen seine Fenster in St. Marien nun auch nicht gerade der reinen Lehre traditioneller Glasmalerei. In meinen Augen hat Hartmann sogar einen Stockfehler begangen: Der von ihm gewählte braune Grundton – mit „Kakao“ vornehm umschrieben –  ist nun mal alles andere als eine Farbe für Glasfenster.

Der Wilhelmsplatz wenige Meter weiter hat Einzigartiges zu bieten: Zum einen gibt es hier seit 1900 einen täglichen Markt – heute ein Mix von Obst- und Gemüseständen und Basar. Zum anderen steht hier das kölsche Tadsch Mahal. Lachen Sie nicht, wenn Sie diesen unförmigen, 2003 vom Künstler Rolf Jahn mit „Vögeln der Welt“ bunt bemalten Betonquader sehen, der Toiletten, Platz für Telefonzellen, einen Kiosk und eine mir nicht recht erklärliche Art Rampe oder Tribüne vereint. Aber der damalige Kölner Oberbürgermeister Norbert Burger hat bei der Einweihung 1992 tatsächlich eine Parallele zu dem weltberühmten „Kronenpalast“  im indischen Agra gezogen. Mit feiner Ironie, wie ich zu seinen Gunsten vermute. Andernfalls müsste zur Strafe für diese Entehrung des wahren Tadsch Mahal, eines Traums aus weißem Marmor, der Geist seines Erbauers, des Großmoguls Shah Jahan (1592 bis 1666), auf dem Wilhelmsplatz spuken.

Auf unserem Rundgang kommen wir über die Wilhelmstraße zurück zur Neusser Straße und überqueren sie in östlicher Richtung. Am Kaufhof vorbei, geht es um ein paar Ecken herum in die Gneisenaustraße.  Dort steht die 1912 bis 1914 gebaute St. Bonifatius Kirche des Architekten Adolf Nöcker. An ihr können Sie im Vergleich zu den beiden weiter westlich gelegenen Kirchen ablesen, was stilistisch innerhalb von nur zwei Generationen passierte: Mit der Neugotik ist es komplett vorbei. Während sich ein Vincenz Statz noch bemüht hatte, die originale Gotik möglichst getreu zu kopieren, eignet Nöcker sich den Historismus auf eine ganz eigene Weise an. Er mischt romanische Formen wie den massiven Wandaufriss oder die Rundbögen wild mit Klassizismus und Jugendstil. Die kannelierten Säulen an der Vorhalle zum Beispiel passen ebenso wenig in die Romanik wie die recht undefinierbaren Kapitelle mit ihren ovalen Ornamenten. Völlig untypisch für die Romanik, aber sehr typisch für die Zeit nach der Jahrhundertwende sind auch die vier Engelsfiguren oben auf den Säulen. Sie sehen zwar recht martialisch und furchteinflößend aus mit ihren großen Schwertern. Aber wenn Sie in die Gesichter schauen, dann sind es doch eigentlich ganz sanfte Gestalten. „Lecker Mädche“, würde der Kölner sagen. Reinen Jugendstil können Sie übrigens an den schmiedeeisernen Gittern am Eingang mit Perlstäben und ovalen Abschlüssen finden.

Wenn Sie sich dann umdrehen und die Schwerinstraße hinaufgehen, sehen Sie eine der am besten erhaltenen historistischen Straßenzüge Kölns. Alle Häuser, die den Krieg überstanden haben, wurden zwischen 1903 und 1907 gebaut, also innerhalb ganz kurzer Zeit. Umso bemerkenswerter ist die dekorative Vielfalt. Da gibt’s nicht die Spur von Fertighaus- oder Einheitsarchitektur. Gut, die meisten Bauherren haben sich für einen Erker entschieden. Aber schon der konnte mal mittig sein, mal rechts oder links. Die Stadtplanung hatte lediglich die Traufhöhe vorgegeben, alles andere durften die Bauherren individuell gestalten. Herausgekommen ist eine urbane Wohnstraße, wie sie schöner eigentlich nicht sein kann.

Die folgende Querstraße markiert deutlich eine Bebauungsgrenze. Denn in der Verlängerung der Schwerinstraße jenseits der Blücherstraße steht ein Gebäudekarree, dessen Formen in die Zwischenkriegszeit der 1920er Jahre fallen. Damals gab es große Wohnungsnot in Köln, die mit Hilfe großer Neubauten gelindert werden sollte. Sozialer Wohnungsbau der 20er Jahre, könnte man sagen. Der Architekt hat sich bei der Außengestaltung für Ziegel entschieden, aber auch hier versucht, nicht einfach 08/15-Fassaden hochzuziehen, sondern diese mit vorspringenden Bändern und Ornamenten an den Fensterbrüstungen zu gliedern. Ursprünglich waren die Fenster kleinteilig verglast – wegen der Ästhetik, aber auch aus Kostengründen. Kleine Scheiben waren billiger als große, und wenn mal eine kaputt ging, brauchten die Bewohner eben auch nur das eine Segment zu ersetzen. Aber wie wichtig für die Gesamtoptik die Proportionen der Fenster sind, das sehen Sie sofort im Vergleich der alten mit den modernen Verglasungen. Da gähnen dann Löcher oder Höhlen in der insgesamt kleinteiligen Front.

Nach Ehrenfeld war Nippes der zweite Kölner Vorort, der ein eigenes Gymnasium bekam. „Realgymnasium“ steht noch heute über dem Eingang des Baus von 1908. Das heißt, der Schwerpunkt lag nicht auf dem „humanistischen“ Bildungskanon mit Fächern wie Latein und Griechisch, sondern auf Mathematik und Naturwissenschaften und seit 1925 auf den modernen Fremdsprachen. Die Architektur ist betont repräsentativ und symbolisiert so den Wert einer guten Schulbildung. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gymnasium schwer beschädigt. Das zweite Obergeschoss und die alte Turnhalle brannten aus. Zwischen 1960 und 1963 wurde auf Initiative des damaligen Direktors Hermann Gundermann die bekannte Sternwarte mit ihrer gut sichtbaren Kuppel errichtet, teils mit ehrenamtlichem Einsatz ehemaliger Schüler. Bis heute pflegen Astronomie-Begeisterte die Anlage mit viel Liebe und bieten regelmäßig Vorführungen und Vorträge an. Im Veedel läuft die ursprünglich namenlose Schule meistens unter „Blücher-Gymnasium“ oder „Gymnasium Blücherstraße“, ganz einfach weil sie da steht. Offiziell hat sie seit 2010 einen viel klangvolleren Namen: Leonardo da Vinci. Wow! Ganz schön hoch gegriffen für ein Realgymnasium. Aber vielleicht ein Signal an die Schüler, dass sie hier an einem Ort für potenzielle Genies sind.

Der Leipziger Platz gegenüber, im Jahr 1905 wiederum von Fritz Encke angelegt, befand sich mit Erholungs- und Spielzone ursprünglich auf tieferem Niveau. Doch nach 1945 wurde hier der Kriegsschutt abgeladen, so dass das Platzniveau stieg und bis heute ein gutes Stück höher liegt.

Am Schluss unserer kleinen Runde komme ich leider nicht an der Nippeser Todsünde vorbei. Wer auch immer den „Nippes-Tower“ verbrochen hat, er müsste in der Stadtplaner-Hölle braten. Der brachiale Versuch einer „Modernisierung“ der Neusser Straße in den 1970er ist grotesk gescheitert. Er zerstört den gewachsenen, lebendigen und Bebauungsrhythmus der Nippeser Hauptverkehrsachse: ein Pseudo-Hochhaus ohne jeden maßstäblichen Bezug zur Umgebung, und dazu auch noch in sich unfassbar scheußlich mit seiner farbigen – ich hätte fast „kotzgrün“ gesagt – Wellverkleidung. Aber es kommt noch schlimmer, wenn sie sich die anschließende Überbauung am Durchgang zur Florastraße ansehen: vollkommen stumpf an die Nachbarhäuser drangeklatscht, jeweils halbseitig schmuddelig verputzt und mit der beliebten Nippeser Kachel versehen, die auf Dauer mindestens genauso dreckig wird. Von der früheren Stadtkonservatorin Hiltrud Kier geht die Rede, sie habe den Nippes Tower das hässlichste Gebäude von ganz Köln genannt. Dem hätte ich nichts hinzuzufügen.

Trotzdem empfehle allen den Besuch, die mit dem Gedanken spielen, auch heute innerstädtische Areale mit investorenfreundlichen, aber dem Stadtbild feindlichen Klötzen zu verschandeln. Da müssen wir alle miteinander aufpassen. Wie furchtbar das Ergebnis sein kann, ist in Nippes eindrucksvoll zu besichtigen. Und so erkläre ich den Nippes-Tower hiermit zum Mahnmal aller betriebsblinden Stadtplaner und Architekten!

Darauf ein Bier im „Golde Kappes“. Meinetwegen darf es auch ein obergäriges sein. Köbes, eine Runde Kölsch!

Aufgezeichnet von Joachim Frank