Archiv für den Monat: Mai 2015

Klares Bekenntnis zur Moderne

Die Neubauten an der Christuskirche setzen architektonische Akzente im Viertel - alte Fensterrosette auf der Turmseite wird freigelegt

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

Marodes Gemäuer beseitigen, ein baufälliges Haus abreißen – nichts lieber als das. Sollte man meinen. Ist aber zu einfach gedacht. Gebäude haben ihre Geschichte. Mit ihnen sind Erinnerungen und Emotionen verbunden. Das gilt besonders für Gotteshäuser. An Kirchen hängt das Herz der Menschen, die dort getauft, gefirmt oder konfirmiert wurden, die hier geheiratet, gebetet, gefeiert oder ihre Toten beweint haben. Dieses Gefühl der Verbundenheit hat überhaupt nichts mit der baulichen Qualität zu tun. Da kann man nicht einfach hergehen nach dem Motto, „das taugt nicht, das kommt jetzt weg!“

Mich wundert es nicht, dass die Initiative „Rettet die Christuskirche“ im Belgischen Viertel das 1951 errichtete Schiff erhalten wollte. Es war an die Stelle des im Krieg zerstörten neugotischen Kirchenraums getreten. Der „Dehio“, die Bibel deutscher Architekturdenkmäler, bezeichnete es als „Notkirche“. Die despektierliche Bemerkung sagt schon alles: gewöhnliche Architektur und – nach allem, was ich darüber weiß – miserable Bausubstanz.

Wie Sie sehen: Der Widerstand gegen den Abriss hat nichts genutzt. Die evangelische Kirchengemeinde hat sich mit ihren Neubauplänen durchgesetzt. Aber sie hat die Gegner ernst genommen, hat sich lange und intensiv Gedanken über den Neubau gemacht. Das gefällt mir, zumal etwas Vielversprechendes herausgekommen ist. Die Gemeinde hat die Architekten Hollenbeck und Maier zu einem kühnen Entwurf ermuntert. Die Kölner Büros haben hinter den 77 Meter hohen neugotischen Turm der alten Christuskirche einen verkleinerten Neubau gesetzt und daneben zu beiden Seiten einen Längsriegel für Gemeinderäume, Wohnungen und Geschäftsflächen. Auf der Ostseite, zur Herwarthstraße hin, rücken die Gebäude so nah an den Turm heran, dass ich versucht bin, einmal tief Luft zu holen. Doch ich sage mir: abwarten, wie es aussieht, wenn erst mal die Verschalungen verschwunden sind!

Für künftige Bewohner stellt sich direkt unter dem Kirchturm nicht nur die Frage der Optik, sondern auch der Akustik. Stichwort: Glockengeläut. Nun, wer hier einzieht, der weiß, wo er hinkommt. Und sich dann darüber beschweren zu wollen, das käme mir so vor, als ob sich einer, der im Allgäu wohnen möchte, als erstes über Kuhglocken beklagt. Außerdem wird sich die Klangkulisse für die Mieter in den neuen Wohnungen nicht unterscheiden von der ihrer Nachbarn, deren Häuser ein paar Meter weiter auf der anderen Straßenseite stehen.

Ich höre ja immer wieder, dass die Leute sich an Kirchengeläut stören – frei nach Wilhelm Busch: „Geläut wird oft nicht schön empfunden, weil es stets mit Geräusch verbunden.“ Dabei muss man Glockenläuten nicht als Belästigung empfinden.

Mein Mann und ich wohnen gegenüber vom Dom seit Jahren damit, und wir lieben es. Der Glockenschlag hat etwas Tröstliches. Er lässt uns gewiss sein, dass unser Leben behütet und beschützt ist. Wem das zu pathetisch ist, dem sage ich: Seien Sie doch froh, wenn Sie nachts aufwachen und beim Glockenschlag wissen, wie spät es ist!

Alles in allem nehmen die Neubauten an der Christuskirche  in Dimension und Höhe rücksichtsvoll Bezug auf die Struktur des Viertels ein. Sie stören nicht dessen gewachsene Struktur und setzen doch eigene Akzente. Zum Beispiel mit der skulpturalen Auffassung der Fassaden, die eben nicht nach Schema F –  Fenster, Fenster, eins, zwei drei – gestaltet sind.

Im Inneren des neuen Kirchenraums hat man auf der Turmseite die alte Fensterrosette freigelegt und dafür die Orgel nach links und rechts hin separiert. Zur Altarseite verwirklichen die Architekten mit  ihrem „Himmelsfenster“ eine gewagte Licht-Raum-Erfindung. Prosaischer formuliert, handelt es sich um ein Oberlicht über dem Altar mit horizontaler Verglasung, die natürliches Licht nach unten in den Altarraum fluten lässt. Alle Achtung! Dem Entwurf nach zu urteilen, wird das ungemein effektvoll sein. Ich finde: Wenn man schon den Schritt wagt und einen Neubau an die Stelle des Bisherigen setzt, dann bitte auch mit einem Anspruch an Qualität und einem klaren Bekenntnis zu Moderne – so wie hier. Jetzt müssten Architekten und die Gemeinde als Bauherrin ihre Ambitionen nur noch auf den Vorplatz zum Stadtgarten hin ausdehnen und sich dafür etwas ähnlich Pfiffiges einfallen lassen wie für den Rest des Projekt, und dann die Stadt Köln, der das Gelände gehört, überzeugen, das auch umzusetzen. Zurzeit ist das Tristesse pur: öde Parktaschen und natürlich: meine Lieblings-Altglascontainer! Sie erinnern sich vielleicht an meinen Ärger über den Entsorger Remondis, der mit seinen Riesenblechbüchsen ganz Köln beglückt. Und gerade ein Ort wie dieser hier, der nach dem Ende der Bauarbeiten richtig schön werden könnte, hat zweifellos Besseres verdient als den „Mercedes unter den Containern“.