Archiv für den Monat: März 2015

Bausünden und Multikulti am Eigelstein in Köln

Am Eigelstein ist Multikulti lebendig – auch darum liebt Ex-Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner die Straße in der Kölner City. An vielen Stelle ist die Baustruktur des 19. Jahrhunderts bewahrt.

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

Warum über den Eigelstein reden, obwohl das Stadtmuseum ihm erst voriges Jahr eine eigene Ausstellung gewidmet hat? Weil ich diese Straße einfach toll finde. Sie ist nicht geleckt, sondern lebendig. Sie ist spießig und wirkt gerade deshalb charmant.

Das fängt schon gleich am Südausgang in dem Knick Richtung Breslauer Platz und Hauptbahnhof hin an: Diese Wohnhäuser mit ihren weißen Klinkerbalkonen – also, schrecklicher geht es eigentlich gar nicht! Aber hier fügen sie sich in ein urbanes Ganzes. Genau wie die Leuchtreklamen und die Werbeschilder an den Geschäften, die mich sonst immer auf die Palme bringen. Hier stören sie mich überhaupt nicht. Wahrscheinlich, weil Häusern von so geringer architektonischer Qualität selbst die schreiendste Verkleidung nichts anhaben kann.

Eine Besonderheit der Straße nehmen Sie womöglich nur wahr, wenn Sie eigens darauf aufmerksam gemacht werden: Zum ersten Mal hat die Stadt auf dem Eigelstein den absatzlosen Gehweg ausprobiert, der von der Fahrbahn nur durch eine andere Form des Pflasters abgehoben ist. Das Fehlen der Bordsteinkante bringt Bürgersteig und Straße auf gleiches Niveau. Das sieht schöner aus, ist passantenfreundlicher und signalisiert den Autofahrern: „Ihr spielt hier nicht die Hauptrolle!“ Alles eine Frage der Psychologie. Noch besser fände ich es, wenn die vielen Poller weg wären. Aber dann wäre der Fahrbahnrand bestimmt komplett zugeparkt.

Was mir beim Bummeln immer wieder Spaß macht, ist das bunte Nebeneinander der verschiedenen Nationalitäten: hier der Asia-Shop, daneben der Türke und nur ein paar Meter weiter der klassische deutsche Supermarkt. Also, wenn Multikulti irgendwo in dieser Stadt lebendig ist, dann auf dem Eigelstein.

An der Ecke Unter Krahnenbäumen bleibe ich jedes Mal vor dem Laden mit türkischer Brautmode stehen und bewundere die prachtvollen Roben: ein einziger Traum in Tüll! Just hier sei übrigens einst die schlüpfrigste Ecke Kölns gewesen. Heute ist Unter Krahnenbäumen als Wurmfortsatz zur Turiner Straße die vielleicht langweiligste Straße der Stadt. Man sieht: Nichts ist für die Ewigkeit, noch nicht einmal die sündige Meile für das älteste Gewerbe der Welt.

Passend zur Vielfalt der Lebensmittel-Läden, bietet der Eigelstein auch gastronomisch für jeden Geschmack etwas. Ich gehe ab und zu gern in das Traditionsbrauhaus „Em Kölsche Boor“. Da trifft sich die ganze Stadt, wenn nicht die halbe Welt. Architektonisch ist der Eigelstein ein ähnlich sympathisches Sammelsurium: der Charme der 1950er Jahre wie beim Haus Nummer 34 fast direkt neben denkmalgeschütztem Erbe der Gründerzeit. Gründerzeit in der Billigversion, wenn Sie genauer hinschauen. Macht aber nichts. Es brauchte ja nicht überall so ambitioniert zugehen wie etwa auf der Hohe Straße, von deren Bestand aus dem 19.  Jahrhundert der Krieg kaum etwas übrig gelassen hat.

Dagegen bewahrt der Eigelstein an vielen Stellen die alte Baustruktur mit den sehr schmalen Grundstücksflächen, die nur Ein- bis maximal Zwei-Fenster-Fassaden zuließen. Diese wurden dann sogar bei den nüchternen Nachkriegsbauten übernommen. Wie störend jede Abweichung davon wirkt, sieht man sehr gut an dem breiten Riegel von Haus Nummer 103-113 mit seinen zwölf Fensterachsen.

Genau das freilich ist die Gefahr, die dem Eigelstein auch heute droht. Nicht nur, dass in der Nachbarschaft am Breslauer Platz schon wieder so ein Ungetüm aus Stahl und Glas entsteht. Fällt den Architekten, nebenbei bemerkt, eigentlich gar nichts anderes mehr ein? Nein, auch auf dem Eigelstein selbst ist der Erweiterungsbau des Savoy-Hotels mit seiner hohen, breiten, gleichmäßigen Fassade auf bestem – oder präziser, auf schlechtestem – Weg, den Rhythmus des Straßenbilds empfindlich zu stören. Es ist ja schön, dass sich die Luxus-Herberge der Stars und Sternchen offenbar großer Beliebtheit erfreut. Aber muss das mit solch einem rabiaten Eingriff ins gewachsene Ensemble einhergehen? Ich kann nur hoffen, dass die Stadtplanung die putzige Eigenart des Eigelsteins erhält und es der Straße erspart, zur charakterlosen, aseptischen Zone zu werden. Das wäre sehr bedauerlich!

Das Abenteuer Deutzer Bahnhof

Keine Rolltreppe, kein Aufzug, kein Förderband – Wer am rechtsrheinischen ICE-Bahnhof in Köln-Deutz aus- oder umsteigt, der braucht Kraft und Ausdauer. Eine Zumutung für alle Reisenden, meint Ex-Dombaumeisterin Schock-Werner.

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

Der Bahnhof in Köln-Deutz.  Foto: Peter Rakoczy
Köln, der Dom, der Hauptbahnhof und die Zufahrt über die Hohenzollernbrücke. Wie so oft, standen Wunsch und Wille eines mächtigen Mannes am Anfang dieser perfekten Rauminszenierung: Preußens König Friedrich Wilhelm IV. (1795 bis 1861) wollte alte und neue Technik, Mittelalter und Industriezeit, Tradition und Fortschritt in einen augenfälligen Zusammenhang bringen. Eine wunderbare Idee. Theoretisch.

In der Praxis war sie höchst fatal, weil der schwefelhaltige Rauch der Dampflokomotiven dem Dom schwer zusetzte. An dieser Stelle muss ich mich immer beherrschen, weil ich sonst kein Ende finde. Und mein Thema heute ist ja der Deutzer Bahnhof.

 Ursprünglich näher am Rheinufer gelegen, wurde er 1912/1913 am jetzigen Standort neu gebaut in einem für die Zeit typischen Mix gemäßigt barocker und klassizistischer Elemente. Der große ovale Mittelbau mit Kuppel, zwei Seitenflügeln und reicher Ornamentik ist dem Schlossbau abgeguckt und wirkt wie ein Festsaal. Achten Sie besonders auf die üppigen Pflanzengirlanden an den Kapitellen. Dieses Motiv hat einer Kunstrichtung der 1770er/1780er Jahre ihren Namen gegeben: Zopfstil.

Warum Bahnhöfe unbedingt wie Paläste aussehen sollten, das kann im Grunde nur der Historismus beantworten. Aber sei’s drum, es ist ein schönes Ensemble, das den Krieg mit nur kleinen Schäden überdauert hat und inzwischen sorgfältig wieder hergerichtet ist. Trotz aller Meckerei gefällt mir auch die Anlage davor. Der Ottoplatz hat großstädtischen Charakter, die Bäume werden von selber größer, und das Ganze ist ja nicht zum Chillen gedacht, sondern für den Transit oder das Entree zur City. Seit die ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse von Köln über den Frankfurter Flughafen und weiter Richtung Süden fertiggestellt ist und die Fahrzeiten möglichst kurz sein sollen, meidet die Bahn tunlichst das Nadelöhr Hohenzollernbrücke/Hauptbahnhof und nutzt den Deutzer Bahnhof als Durchgangshalt. So weit, so gut.

Nur: Wenn Sie in Deutz ankommen und vom Fernverkehr in die Regionalzüge oder die S-Bahn umsteigen wollen, um über den Rhein in die Stadt zu gelangen, haben Sie ein Problem: Es gibt keine Rolltreppe, es gibt keinen Aufzug, noch nicht mal Förderbänder oder Schrägen, über die Sie Ihren Koffer ziehen könnten. Nein, von Gleis 11 aus müssen Sie 39 Stufen – spätestens seit Alfred Hitchcock eine kriminelle Zahl – überwinden, von Gleis 12 mit der Unterführung sind es sogar 96 Stufen, so viel wie in einem vier- bis fünfstöckigen Haus!

Schönes Ensemble mit Schwächen: Am Deutzer Bahnhof ist Treppensteigen angesagt.  Foto: Peter Rakoczy
Das geht doch nicht, so eine Zumutung für alle Reisenden, besonders die älteren oder gebrechlichen. Und was macht eigentlich ein Passagier im Rollstuhl? Manchmal sehe ich Schaffner, wie sie mit so einer kleinen Hebebühne Rollstuhlfahrern aus dem Zug helfen. Aber wenn sie dann auf dem Bahnsteig stehen, sind sie total verlassen. Ein Unding!

Ganz clevere Reisende könnten den Weg außen herum um den Bahnhof nehmen, den Eingang an der Rückseite nutzen und über die lange Rampe dort auf den S-Bahnsteig gelangen. Abenteuer Deutz. Absurd, oder? Etwas karikierend gesagt: In derselben Zeit kommen Sie von Deutz mit dem ICE ja fast zum Frankfurter Flughafen. Außerdem steht in den Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn, meines Lieblingskonzerns, nichts von einer erfolgreich bestandenen Pfadfinderprüfung.

Ich weiß gar nicht, warum. Aber ständig erregt die Bahn mein Missfallen. Ich hatte ja in meiner Kolumne vor einiger Zeit die Verwahrlosung der Südbrücke beklagt. Neulich war ich mal wieder da. Und es ist noch schlimmer als damals. Als ob sich die Bahn sagte: „Ist uns doch egal, was die alte Nervensäge da wieder zu kamellen hat! Jetzt erst recht!“ In diesem Sinn frage ich mich, ob es besser wäre, einfach still zu sein und am Deutzer Bahnhof weiter den geduldigen Packesel zu spielen. Aber Sie wissen ja inzwischen: Den Mund halten, das schaffe ich einfach nicht.