Archiv für den Monat: Oktober 2014

Straßenmusik

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadt-Anzeiger

Als Bewohnerin der Innenstadt genieße ich das urbane Treiben rund ums Haus. Seit die Skater mit ihrem Lärm von der Domplatte verschwunden sind, ist es toll hier – oder, wie der Freund meiner Tochter den Blick aus unserem Fenster auf den Roncalliplatz kommentierte, „besser als 24 Kabelkanäle“. Nur eine Eintrübung stelle ich fest: Mein Verhältnis zu Musik ändert sich zunehmend. Köln ist voller Musiker, die ihre Kunst auf der Straße darbieten. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat ja erst in dieser Woche über das „namenlos glückliche“ Ensemble vier junger Österreicher berichtet. Glücklich sein und glücklich machen ist aber nicht immer dasselbe. Genau das ist mein Problem.

Da ist der Mann mit dem typisch karibischen Instrument. Ich weiß auch, dass es „Steel Pan“ heißt und ursprünglich aus Trinidad stammt. Aber alle, die in der Umgebung wohnen oder arbeiten, reden nur vom Mann mit der Blechschüssel. Er ist ungeheuer fleißig. Ob werktags oder sonntags, ob im Sommer oder Winter, bei Regen oder Hitze, ganz egal – er beginnt sein Tagwerk um 10 Uhr auf dem Bahnhofvorplatz. Nach der höchstens erlaubten halben Stunde wechselt er vor den Dom, danach auf den Roncalliplatz, es folgt der Platz vor dem Kaufhof, auch vor dem Schokomuseum habe ich ihn schon gehört. Danach fängt er dieselbe Runde wieder auf dem Bahnhofsplatz an. An guten Tagen kann ich ihm also viermal lauschen. [Für exotische Klänge ist die Steel Pan sicher gut geeignet. Andere bekannte Melodien klingen darauf schräg und schmerzen die Ohren musikalischer Menschen.] Der Blechschüssel-Mann steht deshalb ganz oben auf der Hassliste aller Anwohner. Zugegeben: Von Hass sollte man in diesen Zeiten, da es viel zu viel davon in der Welt gibt, besser nicht sprechen. Aber alle, die jetzt über mich herfallen wollen, sind herzlich eingeladen, den Mann mit der Steel Pan mal vor ihr Fenster zu holen.

Wenn er verschwunden ist, kommt der Flötenbläser, der sich selbst mit Klangdeckeln begleitet, die er an die Füße geschnallt hat. Rhythmisches Scheppern dringt über den Platz. Gleichzeitig spielt ein virtuoser Klarinettist an einer anderen Ecke. Am Nachmittag, zusammen mit dem unvermeidlichen Karibik-Sound, erklingt vom Durchgang des Römisch-Germanischen Museums her die „Air“ von Bach. Der zugehörige Akkordeon-Spieler ist auch schon lange in der Stadt. Er beherrscht sein Instrument phantastisch. Leider ist sein Repertoire übersichtlich. Manchmal wiederholt er es bis in die Nacht. Genau wie der Xylophon-Spieler, ein alter Bekannter mit einem Hang zur Virtuosität, der alle Stücke viel zu schnell spielt.

Dann gibt es noch eine Sängerin. Bittere Not muss sie zu ihren Darbietungen zwingen. Freude am Gesang kann es jedenfalls nicht sein. Beim Einkaufen in der Breite Straße höre ich eine Dixieband. Offenbar stammen die Mitglieder irgendwo vom Balkan. Sie sind toll, haben Schwung. Ich bleibe stehen, weil sie eines meiner Lieblingsstücke spielen, den „Wild Cat Blues“. Ich bin gleich besserer Laune und werfe ein Geldstück in ihren Kasten. Vielleicht sind sie mir aber auch nur sympathisch, weil sie noch nie unter meinem Fenster gespielt haben. Wieder zu Hause, höre ich ein Marimbaphon, das hatte ich noch nie. Die weichen Töne des südamerikanischen Instrumentes sind angenehm schwebend. Aber gleich drängt sich wieder die Blechschüssel dazwischen. Da hilft es wenig, das Fenster zu schließen.

Der jüngste – nun ja – Schrei ist schottisch. Mögen Sie Dudelsack? Ich an sich schon, aber in Schottland klingt das Instrument irgendwie besser. Oder liegt es doch an den Fähigkeiten des Kölner Spielers, dass sein Dudelsack vor allem quäkt. Vor der Außengastronomie des nahe gelegenen Brauhauses ist eine Dreiergruppe aufgezogen, um die Gäste mit Zigeunermusik – darf man das noch so sagen? – zu unterhalten. [Und ein verzweifelter Pianist schiebt seinen Flügel auf den Domvorplatz und bearbeitet die Tasten.]Denkt eigentlich mal jemand an die Frauen und Männer, die in der Altstadt arbeiten und sich konzentrieren müssen?

Ich glaube, mein Mann und ich gehen so gern in die Philharmonie, damit wir wenigstens ab und zu wirklich gute Musik hören. Da fällt mir ein, dass meine Freundin, die international anerkannte Flötistin Camilla Hoitenga, auch als Musikerin auf Kölns Straßen angefangen hat. Für den Weg von dort auf die Konzertpodien aber wird es bei den meisten nicht reichen.

Abends, beim Nachhausekommen, wird es langsam ruhiger auf dem Roncalli-Platz. Ganz still ist es nie. Gerade als ich mich hinlegen möchte, lässt eine offenbar fromme Jugendgruppe ihr Gotteslob gen Himmel steigen. Nichts dagegen, wenn sie den Herrn nur nicht gerade um 23 Uhr erfreuen wollte und ihre Lieder nicht alle gleich klängen. Auf meine Bitte aus dem Fenster um ein „Amen“ reagieren sie gleich. Welch eine Gnade! Es geht nun auf Mitternacht. Fast keine Musik mehr, nur ein einsamer Sänger, der aus der Altstadt kommt und den Dom in Köln lassen will. Ich auch.