Archiv für den Monat: September 2014

Lehrpfad für Architekturgeschichte

Breite Straße und Ehrenstraße haben mehr zu bieten als Schaufenster – ein Spaziergang von der Nord-Süd-Fahrt zum Ring

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

Jeder Kölner, jede Kölnerin, das wage ich einfach mal zu behaupten, war schon mal auf der Breite Straße und der Ehrenstraße unterwegs. Und ich bin auch sicher, ihnen allen fallen sofort auch Geschäfte ein, die dort ihren Sitz haben – die traditionsreich-gediegenen ebenso wie die neuen, exotischen. Ich möchte Sie heute von sämtlichen Angeboten dort ablenken. Achten Sie ausnahmsweise mal nicht auf die Schaufenster, sondern legen Sie den Kopf in den Nacken und schauen Sie sich die Geschäftshäuser als ganzes an. Ich verspreche Ihnen allerhand Aha-Erlebnisse. Breite Straße und Ehrenstraße sind nämlich nichts weniger als ein Lehrpfad für die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Es fängt an der Nord-Süd-Fahrt gleich hoch dramatisch mit den WDR-Arkaden an, die Vater Gottfried und Sohn Peter aus der Böhm-Dynastie gebaut haben. Ihr Entwurf ist typisch für die 1990er Jahre, weil er die Fenster nicht in der ebenen Fläche belässt, sondern in Quadern nach außen gegeneinander verschiebt, besonders schön zu beobachten an der Ecke zur Nord-Süd-Fahrt, die dadurch besonders betont wird. Ein Stilmittel, das abgewandelt – nämlich mit einem in Richtung Neven-DuMont-Straße vorgeschobenen Rund – etwas weiter die Straße hinunter auch an Ulrich Coersmeiers DuMont-Carré begegnet.

Gleich in unmittelbarer Nachbarschaft sieht man Vertreter jener aufs rein Funktionelle reduzierten Formen, die für die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg charakteristisch sind und insofern auch ein Stück Historie repräsentieren. Manche sehen noch heute aus wie Provisorien. Es wäre freilich völlig falsch, sich durch solche Banalitäten abschrecken zu lassen.

P1000007So stoßen Sie schon ein paar Meter weiter links auf die ehemalige „Schweizer Ladenstadt“, die heutige Opernpassage. Fassaden mit  Keramik-Formsteinen waren ursprünglich eine Erfindung des berühmten Architekten Egon Eiermann für das Kaufhaus Horten in Stuttgart, sie wurden später als Selbstläufer vielfach kopiert . So auch hier. Schweigen wir von dem darunter gesetzten Glasvordach und dem moströsen Dachaufbau und würdigen stattdessen eine seinerzeit so originelle wie beliebte Formgebung der 1960-er Jahre!

P1000008Der nächste Höhepunkt ist links das ehemalige Kaufhaus Peter (heute Karstadt) von 1910 bis 1914, eine Mischung aus spätem Jugendstil und frühem Neoklassizismus. Die Fassade dieses einst vierflügeligen Prachtbaus ist aufwändig mit Ornamentbändern gestaltet. Sie wurde nach 1945 nie saniert, so dass Abplatzungen und Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg sichtbar sind wie Schrunden und Narben auf einer verletzten Haut. Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? Mir bislang nicht, woran ich gemerkt habe, wie sehr ich mich doch als Konsumentin in Einkaufsstraßen auf das Erdgeschoss zu konzentrieren pflege.

Wechseln wir auf die andere Straßenseite: Das WDR-Gebäude am Hanns-Hartmann-Platz soll – typisch für die 1950er Jahre – den Eifer derer nach außen darstellen, die hier arbeiten. So oder so ähnlich sehen unzählige Verwaltungsgebäude aus dieser Zeit aus: viele, viele kleine Fenster nebeneinander, und hinter jedem sitzt unverdrossen einer bei der Arbeit. Der gebaute Fleiß!

Eine Weiterentwicklung der Reihenfenster zeigt der nächste Abschnitt hinter der Querstraße Auf dem Berlich: Fassaden mit Bänderfenstern, die nicht mehr durch Mauerabschnitte unterbrochen sind.  Auf die Nierentisch-Ästhetik der 1950er Jahre verweisen kleine vorgeblendete Zier-Balkone mit ihren Zick-Zack-Mustern aus Eisenbändern.

Der letzte Schrei während meines Architekturstudiums in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren waren Fensterlaibungen mit abgerundeten Ecken. Ein Beispiel ist das Haus Nummer 155 links, das die Mode dieser Zeit durch den ornamentalen Versatz der einzelnen Fassadenplatten zusätzlich betont.

Etwas weiter, Hausnummer 161-167, ist der Zeitgeist der 1980er Jahre lebendig: Damals garnierte man wenig Architektur mit viel Bronze, Naturstein und Spiegelglas  – Chi-Chi, bei dem der Betrachter heute zu Recht fragt: Was soll das Ganze eigentlich? Und dann drehen Sie sich einmal kurz um – und stellen mit Erstaunen fest: Da gibt’s ja wieder was richtig Historisches! Haus Nummer 118-120 ist sicher in den 1920er Jahren errichtet worden. Die Ornamentik ist weniger verspielt als beim Karstadt-Gebäude. Alles ist hier härter, fester. Man arbeitet mit pseudo-antikisierenden Formen, denen freilich  nicht aller Charme genommen ist: Blumenkübel, Vater mit Sohn, Mutter mit Tochter als Kunst am Bau… Dass es so etwas hier noch gibt, weiß ich auch erst seit voriger Woche. Alles eine Frage der Wahrnehmung!

P1000017In den 1960er und 1970er Jahren gab es – in England entwickelt – einen Architekturstil mit dem schönen Namen „Brutalismus“, der bewusst schwere Betonformen verwandte. Auch er hat seinen Niederschlag auf der Breite Straße gefunden, nämlich im Wohnhaus links am Willy-Millowitsch-Platz. Allerdings – das muss ich zur Ehrenrettung der Brutalisten sagen  – ein Niederschlag auf einem weit heruntergebrochenen Level.

 

P1000020Genau gegenüber, vor dem Übergang zur Ehrenstraße an der Ecke zur St.-Apern-Straße, wiederum befindet sich eines der charmantesten Gebäude des ganzen Straßenzugs. 1890 bis 1895 errichtet, hat der Architekt die Ecksituation durch späte neugotische Formen aufgelockert, nicht ganz puristisch, nicht sakral, obwohl es auch eine Muttergottes ganz oben am Erker gibt. Die Fenster haben Spitzbögen, über die Fassade ziehen sich Flächenmaßwerk und sehr schöne Laubfriese, die die Geschosse voneinander trennen. Alles in allem eine reiche Gestaltung, mit der ein Stück Lokalkolorit und die Reminiszenz an das mittelalterliche Köln vermittelt werden sollen. Wie dieser Wunsch zum Schmücken, das Bemühen um Dekor verloren gegangen sind, macht der Nachbarbau aus den 1960er Jahren im direkten Vergleich besonders deutlich.

Eine weitere städtebauliche Eigenart zeigt exemplarisch das Haus Ehrenstraße 21, das mich übrigens auf die Idee für dieses ganze Flanieren mit dem Blick nach oben gebracht hat. Weil im Mittelalter die Steuerlast für Hausbesitzer nach der Gebäudeseite zur Straßenseite hin berechnet wurde, sind die Häuser sehr schmal, aber dafür möglichst tief. Viele Gebäude auf der Breite Straße wie auf der Ehrenstraße haben diese Situation bewahrt – bis hin zu Fassaden, die nicht viel breiter sind als ein großes Fenster. Doch selbst diese schmale Fassade hat der Architekt mit Säulen aufgewertet.

P1000024_2Späten Jugendstil mit Blumenranken, Kränzen, Schleifen, den typischen Schlingenformen an dem Tympanon zwischen zwei Mädchenköpfen – einer leider verwittert – zeigt Haus Nummer 40. Original aus dieser Zeit ist auch der einzige Balkon mit seinem Eisengitter aus ineinander geschobenen, nicht konzentrisch ausgerichteten Kreisen. Aus einer früheren Epoche, der Gründerzeit, stammt das Haus Nummer 44 gleich daneben. Da starrt einen ein Mann mit Muschelkopf, Voluten-Ohren und weit aufgerissenem Maul an. Auch hier befindet sich ein Balkon mit Eisengitter – und aus dem Vergleich mit dem Nachbargebäude ließe sich leicht eine Lehrstunde für Architekturstudenten über die Gegensätze zwischen Historismus und Jugendstil entwickeln.

P1000047_2Auch das Eckhaus zur Kleinen Brinkgasse links ist ein Stück Jugendstil, sicher an manchen Stellen bereinigt, aber insgesamt sehr charakteristisch. Hätte man mich vor kurzem nach Jugendstil auf der Ehrenstraße gefragt, hätte ich bestimmt den Kopf geschüttelt: Nein, hier doch nicht! Aber dann das hier: die Bogenformen, der herausgezogene Erker, auch die hervorschwingenden und dann wieder in die Fassadenfläche zurückgenommenen Balkone – das ist nicht der ganz verspielte, sondern der stärker geometrisch orientierte Jugendstil. Sehr charakteristisch, sehr qualitätvoll! Spannend, sich so etwas einmal anzusehen, und die Datierungshilfe auf das Jahr 1902 liefert die Fassade dankenswerterweise auch gleich mit.

Zur Benesisstraße hin zurückspringend, fällt linker Hand ein Werk des Architekten   (Herr Gruhl firmiert immer nur als Gruhl, ein Vorname ist nirgendsgenannt)Gruhl ins Auge: der Versuch, den internationalen Dekonstruktivismus nach Köln zu holen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Erfinder dieses Stils das Ergebnis goutieren würden, das jetzt dort oben – mehr oder weniger sinnvoll – die Dachzone ziert. Aber in dieser kölschen Variante liegt, so könnte man sagen, eben auch etwas Eigenes. Und es ist immerhin bemerkenswert, dass es den Dekonstruktivismus auch in die Ehrenstraße verschlagen hat.

In ihrem letzten Abschnitt vor den Ringen sind die Kriegsschäden vergleichsweise gering. Es haben sich noch viele Gebäude der Gründerzeit erhalten. Ich möchte Sie besonders auf das dreiteilige Ensemble mit den Hausnummern 84 bis 88 aufmerksam machen, an dem man die Architekturprinzipien jener Zeit sehr schön studieren kann. Jedes Haus ist für sich entworfen. Alle weichen in Proportionen und Geschosshöhen leicht voneinander ab. Für die Fassadengestaltung aber gab es regelrecht Kataloge, aus denen sich die Architekten bedienen konnten: dreieckige Giebel, runde Giebel, Keilsteine, Konsolen, Büsten und vieles mehr. Das alles ist damit natürlich standardisiert, aber bis heute sehenswert.

Ein kurzer Blick zurück auf das Haus Nummer 80/82: Hier geht die Gestaltung der späten 1920er, frühen 1930er Jahre weg vom  Jugendstil bereits ins Art Deco über – in einer verhärteten Form, mit diesen quadratischen Geländern, sehr streng. Das hat man auch nicht so häufig.

Ganz am Ende der Ehrenstraße noch einmal etwas sehr Gegensätzliches: Da ist zum einen das Haus Nummer 100 aus den 1990er Jahren mit auf- und zufahrbaren Fassadenelementen. Wenn sie geöffnet sind, stehen sie wie Querwände vor der Fassade. Im geschlossenen Zustand zeigenn sie ein Pflanzendekor, das sich über die ganze Fläche zieht – eine durchaus neue Entwicklung der Fassadengestaltung.

P1000043Ähnlich pompös wie das Entré zur Breite Straße mit den WDR-Arkaden ist dann auch der Abschluss der Ehrenstraße rechts: Diesmal handelt es sich um ein prachtvolles Gründerzeithaus. Zu den Ringen hin weist es einen schönen Ziererker auf. Gott sei Dank ist auch noch die originale Dachlandschaft mit einer fast kuppelförmigen Eckbetonung erhalten. Roter Sandstein und Ziegel wechseln einander sehr geschmackvoll ab. Achten Sie noch auch hier auf Schmuckelemente wie die geviertelten Muscheln: Das sind erneut Beispiele für Bauteile, die der Architekt fertig bestellen konnte und nur noch einmauern lassen musste. Aber hier eben als Bestandteil eines höchst anspruchsvollen Baus, mit dem unser Gang durch eine Kölner Einkaufsmeile, aber eben auch ein Jahrhundert Architekturgeschichte endet.