Archiv für den Monat: Juni 2014

Entstellte, alte Schönheit

Wilhelm Riphahn setzte bei der Neugestaltung des Hahnenstraße auf Zurückhaltung

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

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Als ich Vorlesungen für Architektur- und Stadtbaugeschichte in Erlangen hielt, kam darin immer die Hahnenstraße vor. Kurz nach dem Krieg war sie ein städtebauliches Novum. Denn anders als bis dahin üblich, hatte der Architekt Wilhelm Riphahn (1889 bis 1963) die Idee, bei der Neugestaltung der Ost-West-Achse zwischen Rudolfplatz und Neumarkt Arbeit und Privatsphäre der Menschen voneinander zu trennen. Wir kennen das bei großen Häusern in Innenstadtlage  ja normalerweise so: unten ein Ladenlokal, in den Etagen darüber Büro und Wohnungen. Riphahn dagegen stellte von 1946 bis 1949 in direkter Nähe zur Straße niedrige, einstöckige Pavillons hin, verlegte die Wohntrakte dafür nach hinten und sah dazwischen kleine Gärten vor. Das Ergebnis: Vorn liegt die Ladenzeile, von deren Betrieb die Bewohner nach hinten hin ein bisschen abgeschirmt sind. Das ergibt einen lockeren, luftigen Gesamteindruck mitten in der City.

Die Hahnenstraße ist aber noch aus einem anderen Grund etwas Besonderes: Man wollte hier bewusst Kommerz und Kultur miteinander mischen. Deshalb der Neubau der „Brücke“ und eines der größten und  berühmtesten Uraufführungs-Kinos dieser Zeit in ganz Deutschland, der „Naturlichtspiele“. Der Bau ist allerdings nicht mehr vorhanden, er wurde 1986 abgerissen.

Dieses Ensemble war ursprünglich sehr elegant. Riphahn setzte auf äußerste Zurückhaltung als Gestaltungsprinzip. Deswegen zum Beispiel die ganz schmalen, dünnen Vordächer an den Geschäftspavillons. Der Laden des Pelzgeschäfts „Adriani“, eines Kölner Traditionsunternehmens, lässt noch am ehesten erahnen, wie es einmal hier aussah. Insgesamt aber ist davon leider wenig übrig geblieben. Der Wirt im Restaurant „Riphahn“ auf der anderen Straßenseite hat mir vorhin ganz stolz Bildbände mit alten Fotografien gezeigt, auf denen man den Originalzustand sehr schön erkennen kann, bevor dann die Verwilderung durch Reklame einsetzte, wie man sie zum Beispiel auch am „Haus Appelrath“ sieht. Für das Lokal im Eckhaus zu den Ringen hin wurden in der ersten Etage große Flächen für Panoramascheiben in die Außenmauer gebrochen, wo Riphahn im Original nur relativ kleine Fenster vorgesehen hatte. Na ja, das sind vielleicht die Anforderungen moderner Gastronomie. Damit kann man sich arrangieren.

Geschäfte und Gastronomie in der Hahnenstraße

Am allerschlimmsten freilich wirkt die Entstellung von Riphahns Planung durch das Eckhaus Hahnenstraße 15 aus den 1980er Jahren. Ausgerechnet anstelle des Querblocks, den der Architekt einmal als formalen Abschluss der Anlage konzipiert hatte. Ich verstehe überhaupt nicht, wie sich da ein Kollege Riphahns mit Tunnelblick und einer seltsamen Leidenschaft für Klinker und eloxiertes Aluminium austoben durfte – und wie er das dann von der Stadt auch noch genehmigt bekam, ohne jede Rücksicht auf die Umgebung und den vorhandenen Baubestand. Schlimm, dieses Scheusal, ganz schlimm! Aber an einen Rückbau ist heute natürlich nicht mehr zu denken, man wird dieses Ding da nicht mehr wegbekommen.

Wohl aber habe ich die Hoffnung, dass die Hahnenstraße in das Sanierungskonzept für  Neumarkt und Rudolfplatz einbezogen und zumindest von dem überflüssigen, störenden Schilderwald befreit wird. Außerdem könnte die Stadt ja mal mit den Ladeninhabern reden, dass sie mit ihrer Werbung die Vordächer nicht gar so verschandeln, wie das zurzeit der Fall ist. So ließe sich diese Einfallschneise von den Ringen zum Neumarkt, wahrlich eine urbane Filet-Lage, mit einfachen Mitteln aufwerten. Und vieles von der alten Schönheit käme wieder zum Vorschein, für die die Hahnenstraße einst weit über Köln hinaus berühmt war.

Weiterführende Informationen bietet der von Wolfram Hagspiel, Hiltrud Kier und Ulrich Krings herausgegebene Band „Köln. Architektur der 50er Jahre“. Das 1986 im Verlag Bachem erschienene Buch ist vergriffen, aber im modernen Antiquariat erhältlich.

Die ISBN lautet 3-7616-0858-6.

Qualität außen wie innen

Das Gymnasium Kreuzgasse ist Beleg dafür, wie wichtig die Stadt ihre Schulbauten nahm

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadt-Anzeiger

In den 1950er und 1960er Jahren gehörten Schulen zu den edelsten Bauaufgaben überhaupt. Zwar schwammen die Kommunen damals auch nicht gerade im Geld. Trotzdem gab es ein allgemeines Einverständnis darüber, dass Schulbauten anspruchsvoll zu sein hätten. Nach der Zivilisationskatastrophe des „Dritten Reichs“ sollten Bildung und Erziehung verhindern helfen, dass es je wieder zu solchen Verirrungen kommen würde wie in der Nazi-Zeit. Sie finden kein Architekturheft aus jener Zeit, in der nicht eine vorbildliche Schule vorgestellt worden wäre. Berühmte Architekten bemühten sich um Bauaufträge für Schulen. Viele Architekturpreise gingen an Schulbauten.

Während sie in der Vorkriegszeit oft eintönig waren mit langen Fluren und einem Klassenraum am anderen, bevorzugte man nach dem Krieg das skandinavische Prinzip: das Ganze eher aufgelockert, mit Grün versehen. Das Gymnasium Kreuzgasse mit seiner Lage mitten im Grüngürtel ist deshalb so charakteristisch wie zeittypisch.

Der Entwurf für das Kerngebäude aus den Jahren 1952/53 stammt von Karl Hell (1908 bis 1999), der in dieser Zeit viele Schulen für die Stadt gebaut hat. Die von ihm bereits vorgesehenen Erweiterungsbauten wie zum Beispiel eine Turnhalle wurden später errichtet, allerdings nicht mehr nach den originalen Plänen.

Natürlich, Sie finden auch hier einen dreistöckigen Block mit Klassenräumen vor. Aber Hell bemühte sich außen wie innen um Qualität, um Sorgfalt in Proportion und Ausstattung. Schauen Sie sich nur das Treppenhaus oder den oberen Abschluss der Geschosse mit ihrem Betonmaßwerk an. Man erkennt den Wunsch nach Gestaltung, die auch einen positiven Einfluss auf die Schüler haben sollte. Diese Art zu bauen endet abrupt mit den Betongebirgen der 70er Jahre.

Umso wichtiger ist es, die Erinnerung daran zu bewahren, wie wichtig Köln in den 50er Jahren seine Schulbauten nahm. Das Problem: Schule verändert sich, muss sich verändern. Also auch die Gebäude. In den 70er Jahren ging es da erst mal schlicht um Kapazitäten, als die geburtenstarken Jahrgänge auf die weiterführenden Schulen drängten und die Politik das Ziel ausgab, möglichst viele Jugendliche zum Abitur zu führen. Heute entsprechen die alten Gebäude nicht mehr den neuen Erfordernissen von Ganztagsbetreuung oder Inklusion. Oft fehlen Küchen, Speisesäle, Sozialräume, behindertengerechte Zugänge und vieles mehr. Hier im Gymnasium Kreuzgasse haben die alten Klassenräume noch nicht mal einen Wasseranschluss. Um den Schwamm für die Tafel nass zu machen, muss einer mit dem Eimerchen den ganzen Flur runter laufen. Die neue Direktorin, Dr. Claudia Fülling, berichtet mir noch von manch anderen Schwierigkeiten: Da macht die Installation eines WLAN-Netzes Probleme, da beschweren sich Lehrer und Schüler über eine unzumutbare Akustik in den hohen Räumen. Wenn da einer nur ein bisschen mit Papier raschelt oder einen Stift fallen lässt, sei das gleich ein gewaltiger Krach.

Ich verstehe solche Klagen. Aber unverständlich ist mir der Versuch, dem Denkmalschutz alles in die Schuhe zu schieben, was an den Schulen im Argen liegt. In Köln wird jetzt sogar darüber diskutiert, den Denkmalschutz für die Schulen generell aufzuheben. Das ist keine Lösung. Dahinter steckt eine Denke, die Denkmalschutz für etwas Störendes und Kostentreibendes hält, worauf man notfalls ganz schnell verzichten sollte. Aber genau das ist eben nicht wahr. Denkmalschutz bewahrt Stadtarchitektur, gute Stadtarchitektur. Man würde das Beste verwerfen, was die 1950er und 1960er Jahre an Architektur hervorgebracht haben, wenn man die Schulen dieser Zeit völlig aus dem Denkmalschutz herausnähme.

Wenn ich an den Schulen nachfrage höre ich, dass die Verantwortlichen dort selber nicht im Detail wissen, wo die Auflagen beginnen und wo sie enden. Oft genug bremst nicht der Denkmalschutz sinnvolle Veränderungen und notwendige Veränderungen aus, sondern die Geldnot der Stadt und die Unbeweglichkeit der Verwaltung.

Natürlich lässt sich der Baubestand denkmalgeschützter Schulen nicht pur erhalten. Das wäre Konservatoren-Fundamentalismus. Zugegeben, manchmal neigen die Denkmalschützer dazu. Aber das liegt auch daran, dass sie so stark unter Beschuss stehen und sich dann zur eigenen Verteidigung in die Schützengräben, hinter die Barrikaden von Rechtsnormen und Vorschriften begeben. Dem neuen Stadtkonservator Dr. Werner ist dieser Vorwurf freilich nicht zu machen.

Sicherheitsbestimmungen sind zu erfüllen. Energetische Aufwertung muss sein, für neue pädagogische Konzepte braucht es den geeigneten Raum. Aber nicht, indem man den Denkmalschutz einfach hinten runter kegelt. Vielmehr müsste die Stadt Stadtkonservator, Gebäudewirtschaft und Schulamt an einen Tisch holen, damit sie gemeinsam passende Lösungen finden. Intelligenten Leute mit gutem Willen gelingt das fast immer.

Untergang eines Baudenkmals – Sidol-Werke

Die Sidol-Werke müssen Neubauten weichen: Nachruf auf ein Stück Kölner Industriegeschichte

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadt-Anzeiger

sidol_1_kAm Beginn des 20. Jahrhunderts gründeten die Kaufleute Otto Siegel und Eugen Wolff in Köln 1903 die Chemische Fabrik Siegel & Co., die sie 1911 in die Eupener Straße verlegten. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Firma ungeheuren Erfolg mit ihrem Metallputzmittel Sidol, das später sogar dem ganzen Betrieb seinen Namen gab.

Eugen Wolff war aber nicht nur ein cleverer Unternehmer. Er hatte auch Sinn für Architektur. Für den Neubau seines Werks in Braunsfeld gab er einen Entwurf in Auftrag, den Otto Müller-Jena im modernsten internationalen Stil erstellte. Die Anlage ist das erste Stück Bauhaus-Architektur seiner Art in Köln und eines von ganz wenigen im Rheinland.

Die Produktion auf dem Gelände der Sidol-Werke ist seit 30 Jahren eingestellt, das Unternehmen verkauft. Nach jahrelanger Zwischennutzung ist die ganze Immobilie an einen Investor gegangen, der dort sehr schicke Wohnungen errichtet. Zwar stand das Werk schon beim Verkauf unter Denkmalschutz, und der neue Eigentümer wusste das auch. Trotzdem beantragte er 2009 den Abriss und kam damit bei der damaligen, nicht immer glücklich agierenden Stadtkonservatorin Renate Kaymer auch durch. In Braunsfeld und Müngersdorf kämpfen Bürgervereine seither für den Erhalt. Aber nach erteilter Abbruchgenehmigung ist erfahrungsgemäß nichts mehr drin. Überlegen Sie nur einmal, was für Regressforderungen auf die Stadt Köln zukämen, wenn sie jetzt einen Rückzieher machte! Mit gutem Willen des Investors ließe sich vielleicht wenigstens ein Teil der Anlage erhalten. Allerdings ist meine Hoffnung gering. Die Neubaupläne dürften längst fertig sein, und in meinen Gesprächen haben bei der Stadt alle mit dem Kopf geschüttelt und abgewinkt: Keine Chance, Frau Schock-Werner!

So ist diese Kolumne zum einen ein wehmütiger Nachruf auf ein einmaliges Baudenkmal der klassischen Moderne und der Kölner Industriegeschichte, verbunden mit der Einladung zu einem Abschiedsbesuch vor seinem endgültigen Verschwinden. Zum anderen soll der Untergang der Sidol-Werke ein mahnendes Negativ-Exempel dafür sein, wie es im Umgang mit unserem Architektur-Erbe nicht laufen sollte. Ich bin mir sicher, der heutige Stadtkonservator Thomas Werner würde den Abbruch ebensowenig genehmigt haben wie Kaymers Vorgänger Ulrich Krings.

Der Ruf nach Wohnraum in einer Stadt Köln ist gewiss verständlich, und sicher hätte man die Braunsfelder Industriebrache nicht 1:1 dafür hernehmen können. Aber mit etwas Sensibilität hätte man sowohl die Wohnungsnot mildern als auch den Denkmalschutz wahren und damit zwei Bedürfnisse der Kölner Bürger berücksichtigen können. Kompromisse gibt es immer, sage ich gern, und die müssen nicht einmal faul sein. So hätte eine Ansammlung von Ateliers, Studios, Werkstätten und Industrielofts im historischen Baubestand mitten auf dem Gelände einer künftigen Wohnanlage der sozialen Mischung sicher gut getan. Auch rein ästhetisch wären bauliche Details wie der alte Wasserturm oder der Schornstein der Sidol-Werke – beide stehen noch – für das Erscheinungsbild der so schicken wie stereotypen und sterilen Wohnarchitektur von ausgesprochen großem Reiz. Offenbar ist der neue Eigentümer für derlei Ideen ja auch nicht komplett unempfänglich. Im vorderen Teil des Geländes etwa bleibt der nach dem Zweiten Weltkrieg ergänzte, aber dem Bestand stilistisch sehr gut angepasste Werkseingang mit zwei halbrunden Pavillons als altes und neues Entrée erhalten. Ähnlich hätte man auch mit der eigentlichen Fabrikanlage im Westen des Geländes umgehen können.

Leider ist es anders gekommen. Passiert ist passiert. Aber ich will mit Ihnen heute zumindest mein Bedauern darüber teilen.