Archiv für den Monat: April 2014

Himmelsauge im Festungsbau – Der Bayenturm

Der Bayenturm, einst Teil der mittelalterlichen Stadtmauer, beherbergt heute das Frauen-Archiv von Alice Schwarzer

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadt-Anzeiger

Bayenturm_14Mein Ziel ist heute der Bayenturm im Rheinauhafen, der FrauenMediaTurm, wie er auch heißt. Moment, werden Sie jetzt vielleicht sagen, hat die Schock-Werner nicht damit zu tun?

Stimmt! Ich bin mit dem FrauenMediaTurm seit langem verbunden – zum einen als „Emma“-Leserin der ersten Stunde und bekennende Feministin, zum anderen institutionell in den Gremien der Stiftung, die Trägerin des FrauenMediaTurms und seiner Arbeit ist. Nachdem Alice Schwarzer und ich „Botschafterinnen“ für die Bewerbung Kölns als Kulturhauptstadt Europas 2003/2004 gewesen waren, hat sie mich zunächst in den Stiftungsbeirat geholt, dem Professorinnen verschiedener Fachrichtungen angehören. Solche Kreise fand ich immer spannend, weil sie den Blick über die eigene Disziplin hinaus weiten und man immer allerhand erfährt. Inzwischen habe ich im Vorstand der Stiftung den Platz von Ursula Scheu übernommen, die sich aus Altersgründen zurückgezogen hat. Der Vorstand muss unter anderem die Finanzen prüfen, wobei ich gleich dazu sage, dass die eigentliche Arbeit von Wirtschaftsprüfern, von echten Profis, erledigt wird. Und ich kann sagen: Die Stiftung ist – in ihrem bescheidenen Rahmen – absolut solide und seriös aufgestellt. Seltsam, dass man das offenbar eigens betonen muss, aber so ist das wohl.

Bayenturm_4Und ich auch gar nicht oft genug sagen kann: Der Bayenturm mit Bibliothek und Archiv ist kein „closed shop“ oder so etwas. „Da kommt man doch gar nicht rein“, höre ich in der Stadt immer wieder. Absoluter Quatsch! Der Turm ist für Besucher offen, man kann ihn besichtigen, es gibt sogar regelmäßige Führungen. Ich kann Ihnen den Besuch nur empfehlen, denn nicht nur für Kölner ist der Bayenturm ein bemerkenswerter Ort.

Bayenturm_3_bearbeitet-1Er gehörte zur mittelalterlichen Stadtbefestigung, die in ganz Europa berühmt war, und bildete darin das Herz ihrer Südost-Ecke. In Richtung Norden nahm hier die rheinseitige Mauer ihren Ausgang, in Richtung Westen schloss sich die Landmauer in ziemlich gerader Linie bis zum Severinstor an. Der halbkreisförmige Ring vom Ende des 12. Jahrhunderts war ausnahmsweise ein Gemeinschaftswerk der Kölner Bürgerschaft und des ihres Erzbischofs. Der damalige Amtsinhaber, Philipp von Heinsberg (1130 bis 1191), hatte gerade Krach mit dem Kaiser und fürchtete sich vor einem Angriff. Deshalb half er den Kölnern bei der Errichtung ihres Festungswerks. Das hielt seine Nachfolger im 13. Jahrhundert allerdings nicht davon ab, just den Bayenturm zu einer gegen die Stadt gerichteten Burg auszubauen. 1261 nahmen die Bürger sie ein, schleiften sie und ließen nur den Turm selbst stehen. Fortan wurde er so auch zum Symbol für den Freiheits- und Selbstbehauptungswillen der Kölner Bürger. Deshalb verschonte man ihn auch bei der Schleifung der Stadtmauer im 19. Jahrhundert. Bis zum Zweiten Weltkrieg beherbergte der Turm verschiedene Museen. Für die Besucher wurde im 19. Jahrhundert längsseitig eigens eine Treppenanlage gebaut. Hierüber war der Zugang auch an Sonn- und Feiertagen möglich. Denn eigentlich stand der Turm auf dem damaligen Hafengelände, das nur werktags geöffnet war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war vom Bayenturm nur mehr ein Stumpf übrig, und erst in den 1980er Jahren entschloss sich die Stadt, unterstützt von der berühmten Stadtkonservatorin Hiltrud Kier, zum Wiederaufbau. Damit begann aber auch ein Streit über die künftige Nutzung. Das muss ein wahrer Krimi gewesen sein. Darin mischten verschiedene Karnevalsgesellschaften mit, die in den Turm einziehen wollten. Andere wollten darin ein „Haus des Jazz“ etablieren. Und dann gab es da noch – die Frauenbewegung.

Ich habe in den 70er Jahren selbst mitbekommen, wie sich Frauen im Kampf um Gleichberechtigung zusammenfanden, eine Gruppen-Identität ausbildeten und dabei auch nach den historischen Wurzeln des Frauenprotests fragten. Es stellte sich heraus, dass es ganz schwer war, dafür an Unterlagen und Dokumente zu kommen. Deshalb gründete Alice Schwarzer in den 80er Jahren das „Frauenarchiv“. Dahinter steht eine gemeinnützige Stiftung, für die Jan Philipp Reemtsma seinerzeit ein Startkapital von umgerechnet 5,1 Millionen Euro bereitgestellt hat.

Es kam dann die Idee auf, das Archiv im Bayenturm unterzubringen. Das löste wiederum heftigste Diskussionen aus, setzte sich aber letztendlich durch – übrigens auch mit Hilfe vieler Männer. Ich nenne stellvertretend den ehemaligen Oberstadtdirektor Kurt Rossa. Die Architektin Dörte Gatermann sollte im bereits laufenden Wiederaufbau des Turms eine Innenausstattung als Bibliothek und Archiv vornehmen. Gatermanns Entwurf gehört sicher zum Besten, was damals in Köln und darüber hinaus in puncto Innenarchitektur verwirklicht wurde: realisiert mit sparsamsten Mitteln, sehr schick, sehr elegant, sehr modern – und zugleich mit Respekt für die historistische Rekonstruktion des Äußeren.

Ringsum an den Wänden hat sie über mehrere Stockwerke hinweg einfache, zweckmäßige Regale für die Archivalien vorgesehen und an einer Eisenkonstruktion von der Decke eine Galerie abgehängt. In der Mitte des Raums wurde ein Lift eingezogen, dessen Wellblechverkleidung gleich wieder ein Statement ist: Schaut her, es braucht keine edlen, sündhaft teuren Materialien, um einen hochwertigen Eindruck zu erzeugen! Besonders gut gefällt mir auch, wie die Architektin das Beleuchtungsproblem gelöst hat. So ein mittelalterlicher Wehrturm hat bestimmungsgemäß nur wenige, kleine Fenster. Um das auszugleichen, hat Gatermann ein Glasdach eingebaut. „Himmelsauge“ nennt sie dieses Oberlicht, durch das die ganze Bibliothek Tageslicht bekommt. Das tut der Atmosphäre im Raum ausgesprochen gut und ist auch für die Bibliotheksbenutzer angenehm. Insgesamt ist hier wirklich etwas Einmaliges entstanden: die Verbindung von Stadtgeschichte mit einer ungewöhnlichen zeitgenössischen Nutzung.

Durch die jüngste städtebauliche Entwicklung ist der Turm, der lange Zeit mehr oder weniger isoliert stand, mittlerweile zum Bestandteil des schicksten Quartiers von ganz Köln geworden, dem Rheinauhafen. Der gefällt mir ja ausnehmend gut. Mit einer Ausnahme, wie ich gestehe: Die Kranhäuser finde ich einfach problematisch. Hintereinander gestellt, wirken sie sehr wuchtig, wie eine Art Wall. Zudem ist wider alle architektonische und wirtschaftliche Vernunft eine Bauform umgesetzt worden, bei der Aufwand und Ertrag, im Grunde nicht mehr als ein Gag, in keinem Verhältnis stehen. Aber ich komme vom Thema ab…

Zwischen dem FrauenMediaTurm, wie das Archiv inzwischen heißt, und der Stadt Köln gibt es bis 2061 einen Erbbauvertrag. Er sieht unter anderem vor, dass sämtliche Unterhaltskosten von der Trägerin aufgebracht werden müssen, der auf Reemtsma zurückgehenden Stiftung. Wie man sich leicht denken kann, hat sie in Zeiten schlechter Kapitalverzinsung und niedriger Erträge ihre liebe Not, das erforderliche Geld aufzubringen. Andere städtische Institutionen, gerade auch die Museen, werden inzwischen geradezu angehalten, durch Vermietung ihrer Räume etwas zur Finanzierung beizutragen. Nur dem FrauenMediaTurm hat die Stadt das übelgenommen, bloß weil im Pachtvertrag steht, dass alle Fremdbelegungen genehmigt werden müssen. Diese Strenge fand ich schon bizarr. Aber denken wir positiv – und halten wir fest: Die Stadt Köln und Kölner haben allen Grund zum Stolz auf ihren Bayenturm mit allem, was dazugehört.

FrauenMediaTurm

Führungen finden am letzten Donnerstag im Monat – oder nach persönlicher Vereinbarung – statt. Voranmeldung erbeten.

Nutzung 2013:

  •    ca. 1000 Besucher (Benutzung der Bibliothek und Turmbesichtigungen)
  •    ca. 500 Fernleihen von Büchern und Aufsätzen
  •   ca. 110.000 Datenbankrecherchen

(alle Angaben: FrauenMediaTurm)

Qualität außen wie innen

Das Gymnasium Kreuzgasse ist Beleg dafür, wie wichtig die Stadt ihre Schulbauten nahm

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

In den 1950er und 1960er Jahren gehörten Schulen zu den edelsten Bauaufgaben überhaupt. Zwar schwammen die Kommunen damals auch nicht gerade im Geld. Trotzdem gab es ein allgemeines Einverständnis darüber, dass Schulbauten anspruchsvoll zu sein hätten. Nach der Zivilisationskatastrophe des „Dritten Reichs“ sollten Bildung und Erziehung verhindern helfen, dass es je wieder zu solchen Verirrungen kommen würde wie in der Nazi-Zeit. Sie finden kein Architekturheft aus jener Zeit, in der nicht eine vorbildliche Schule vorgestellt worden wäre. Berühmte Architekten bemühten sich um Bauaufträge für Schulen. Viele Architekturpreise gingen an Schulbauten.

Während sie in der Vorkriegszeit oft eintönig waren mit langen Fluren und einem Klassenraum am anderen, bevorzugte man nach dem Krieg das skandinavische Prinzip: das Ganze eher aufgelockert, mit Grün versehen. Das Gymnasium Kreuzgasse mit seiner Lage mitten im Grüngürtel ist deshalb so charakteristisch wie zeittypisch.

Der Entwurf für das Kerngebäude aus den Jahren 1952/53 stammt von Karl Hell (1908 bis 1999), der in dieser Zeit viele Schulen für die Stadt gebaut hat. Die von ihm bereits vorgesehenen Erweiterungsbauten wie zum Beispiel eine Turnhalle wurden später errichtet, allerdings nicht mehr nach den originalen Plänen.

Natürlich, Sie finden auch hier einen dreistöckigen Block mit Klassenräumen vor. Aber Hell bemühte sich außen wie innen um Qualität, um Sorgfalt in Proportion und Ausstattung. Schauen Sie sich nur das Treppenhaus oder den oberen Abschluss der Geschosse mit ihrem Betonmaßwerk an. Man erkennt den Wunsch nach Gestaltung, die auch einen positiven Einfluss auf die Schüler haben sollte. Diese Art zu bauen endet abrupt mit den Betongebirgen der 70er Jahre.

Umso wichtiger ist es, die Erinnerung daran zu bewahren, wie wichtig Köln in den 50er Jahren seine Schulbauten nahm. Das Problem: Schule verändert sich, muss sich verändern. Also auch die Gebäude. In den 70er Jahren ging es da erst mal schlicht um Kapazitäten, als die geburtenstarken Jahrgänge auf die weiterführenden Schulen drängten und die Politik das Ziel ausgab, möglichst viele Jugendliche zum Abitur zu führen. Heute entsprechen die alten Gebäude nicht mehr den neuen Erfordernissen von Ganztagsbetreuung oder Inklusion. Oft fehlen Küchen, Speisesäle, Sozialräume, behindertengerechte Zugänge und vieles mehr. Hier im Gymnasium Kreuzgasse haben die alten Klassenräume noch nicht mal einen Wasseranschluss. Um den Schwamm für die Tafel nass zu machen, muss einer mit dem Eimerchen den ganzen Flur runter laufen. Die neue Direktorin, Dr. Claudia Fülling, berichtet mir noch von manch anderen Schwierigkeiten: Da macht die Installation eines WLAN-Netzes Probleme, da beschweren sich Lehrer und Schüler über eine unzumutbare Akustik in den hohen Räumen. Wenn da einer nur ein bisschen mit Papier raschelt oder einen Stift fallen lässt, sei das gleich ein gewaltiger Krach.

Ich verstehe solche Klagen. Aber unverständlich ist mir der Versuch, dem Denkmalschutz alles in die Schuhe zu schieben, was an den Schulen im Argen liegt. In Köln wird jetzt sogar darüber diskutiert, den Denkmalschutz für die Schulen generell aufzuheben. Das ist keine Lösung. Dahinter steckt eine Denke, die Denkmalschutz für etwas Störendes und Kostentreibendes hält, worauf man notfalls ganz schnell verzichten sollte. Aber genau das ist eben nicht wahr. Denkmalschutz bewahrt Stadtarchitektur, gute Stadtarchitektur. Man würde das Beste verwerfen, was die 1950er und 1960er Jahre an Architektur hervorgebracht haben, wenn man die Schulen dieser Zeit völlig aus dem Denkmalschutz herausnähme.

Wenn ich an den Schulen nachfrage höre ich, dass die Verantwortlichen dort selber nicht im Detail wissen, wo die Auflagen beginnen und wo sie enden. Oft genug bremst nicht der Denkmalschutz sinnvolle Veränderungen und notwendige Veränderungen aus, sondern die Geldnot der Stadt und die Unbeweglichkeit der Verwaltung.

Natürlich lässt sich der Baubestand denkmalgeschützter Schulen nicht pur erhalten. Das wäre Konservatoren-Fundamentalismus. Zugegeben, manchmal neigen die Denkmalschützer dazu. Aber das liegt auch daran, dass sie so stark unter Beschuss stehen und sich dann zur eigenen Verteidigung in die Schützengräben, hinter die Barrikaden von Rechtsnormen und Vorschriften begeben. Dem neuen Stadtkonservator Dr. Werner ist dieser Vorwurf freilich nicht zu machen.

Sicherheitsbestimmungen sind zu erfüllen. Energetische Aufwertung muss sein, für neue pädagogische Konzepte braucht es den geeigneten Raum. Aber nicht, indem man den Denkmalschutz einfach hinten runter kegelt. Vielmehr müsste die Stadt Stadtkonservator, Gebäudewirtschaft und Schulamt an einen Tisch holen, damit sie gemeinsam passende Lösungen finden. Intelligenten Leute mit gutem Willen gelingt das fast immer.