Archiv für den Monat: Dezember 2013

Ein Schnappschuss vom Engel

Barbara Schock-Werner über ein Motiv aus der romanischen Kirche St. Kunibert

Aufgezeichnet: Aufgezeichnet von Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

 

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Ich bin gefragt worden, ob ich nicht auch mal in den Kölner Kirchen „auf den Punkt“ kommen könnte. Da sage ich doch: mit Vergnügen! Zu Weihnachten besuchen ja viele Menschen die schönen Krippen, die überall aufgebaut sind. Ich möchte heute in St. Kunibert eine Figurengruppe zeigen, die auch mit dem Geburtsfest Jesu zu tun hat, aber das ganze Jahr über zu besichtigen ist: Maria mit dem Verkündigungsengel.

Es kommt mir immer so vor, als bekäme St. Kunibert wegen der Lage am nördlichen Rand der Altstadt von allen romanischen Kirchen den geringsten Ruhm und die wenigsten Besucher ab. Dabei hat sie nicht nur einen fantastischen Raum zu bieten, sondern auch eine exquisite Ausstattung, unter anderem die – nach dem Dom – größte Zahl original erhaltener mittelalterlicher Glasmalereien. Vor allem aber birgt St. Kunibert mit der Verkündigungsgruppe eines der bedeutendsten spätgotischen Kunstwerke überhaupt: am vorderen Vierungspfeiler links der Engel Gabriel, rechts Maria. Die beiden kommunizieren sozusagen über das Mittelschiff hinweg miteinander. Schon diese Trennung ist etwas ganz Besonderes. Der Betrachter wird dadurch in den Dialog zwischen dem Boten Gottes und dem Menschen Maria einbezogen.

Der Engel ist, wenn Sie genau hinschauen, exakt in dem Moment festgehalten, in dem er mit seinen goldenen Flügeln hereingeschwebt, gelandet und im Kniefall begriffen ist. Sein Gewand und seine Locken zeigen diese Bewegung, die wie eingefroren wirkt.  Ich finde es wunderbar, wie sich die goldenen Haare des Engels schwungvoll um seine Flügel legen. Von der Seite aus kann man das sehr gut sehen. In einem spannungsreichen Kontrast dazu steht die eher statuarische Art, wie Maria dargestellt ist. Sie steht vor einem aufwändig geschnitzten Lesepult und ist offenbar gerade aus intensiver Lektüre aufgeschreckt worden. Sie schaut hoch, hat aber eine Hand noch im Buch. Und natürlich gefällt es mir, nebenbei bemerkt, dass Maria als eine junge Frau dargestellt ist, die lesen kann und an – mutmaßlich frommer – Literatur interessiert ist.

Die ganze Szene ist eine Momentaufnahme, ein Schnappschuss Jahrhunderte vor der Erfindung der Fotografie. Dieser „Realismus“ ist ein typisches Merkmal der Spätgotik, während die beiden Figuren vom Ausdruck her noch sehr viel vom „weichen“ oder „schönen gotischen Stil“ der Zeit um 1400 bewahren: in der Zartheit der Gesichter etwa, den sanft fallenden Gewändern.  Kunsthistorisch findet sich hier eine ähnliche Zwischenstellung wie in Stefan Lochners Altargemälde der Kölner Stadtpatrone. Die Gruppe ist auch gewiss nicht ohne Verbindung zur Kölner Dombauhütte entstanden, die damals ganz einfach die Qualitätsmaßstäbe gesetzt hat. Dort versammelten sich die besten Leute. Zum einen, weil die Dombauhütte sehr gut zahlte; zum anderen aber auch wegen des künstlerischen Anspruchs. An diesem Niveau orientierten sich alle anderen Auftraggeber, so eben auch die Kanoniker  des Stifts von St. Kunibert.

Ob die Verkündigungsgruppe von Dombaumeister Konrad Kuyn (1400 bis 1469), einem bedeutenden Bildhauer seiner Zeit, eigenhändig geschaffen wurde, ist unter den Fachleuten umstritten. Aber aus seinem Umkreis stammt sie mit Sicherheit. Auf der Konsole der Marienstatue steht auch die genaue Datierung auf das Jahr 1439, und der Stifter, ein Kanoniker namens Hermann von Arcka, ist auch betend als winzige Figur zu Füßen der Maria dargestellt.

In der Darstellung des Engels und der Maria ist schon die Botschaft angelegt, dass hier gerade etwas ganz Einzigartiges geschieht. Der innige Zauber, so nenne ich es einmal, der Beziehung zwischen dem Engel und Maria soll schon auf jenes Wunder vorausweisen, das Heiligabend zur Vollendung kommt: die Geburt Jesu, die Menschwerdung Gottes. Insofern hat diese Verkündigungsgruppe ganz besonders viel mit Weihnachten zu tun.