Archiv für den Monat: November 2013

Mit Herz, Sinn und Verstand

Barbara Schock-Werner über den Architekten Peter Zumthor und seinen vielgelobten Bau für das Museum Kolumba

Aufgezeichnet: Aufgezeichnet von Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

Wo immer ich hinkomme in diesen Tagen – überall werde ich auf „kirchliche Protzbauten“ angesprochen. Sie können sich vorstellen, dass mich die Diskussionen als ehemalige Dombaumeisterin besonders beschäftigen. Deshalb habe ich gedacht, ich führe Sie heute einmal ins Kunstmuseum Kolumba. Es hat um die 40 Millionen Euro gekostet. 40 Millionen, von denen ich Ihnen aus voller Überzeugung sage: Kein Euro davon ist zu viel ausgegeben. Im Gegenteil, es wäre ganz falsch gewesen, sich ein Spardiktat aufzuerlegen. Nicht jeder teure Bau ist ein überteuerter Bau. Ich hoffe, der Unterschied wird klar, gerade hier in Kolumba.

Denn es ist das Besondere dieses Hauses, bis in die Details perfekt durchdacht, geplant und gebaut zu sein. Dafür ist Peter Zumthor, der Architekt, ebenso bekannt wie gefürchtet. Der macht einfach keine halben Sachen, was sich manche seiner Kollegen ruhig mal zu Herzen nehmen könnten, statt mit irgendwelchen Computersimulationen zu kommen, denen am Ende Herz, Sinn und Verstand fehlen. Hätte man das riskieren sollen? Hätte man für einen Museumsneubau dieser Größe mitten in der Stadt Köln „halbe Sachen“ machen sollen? Spätestens als der Architektenwettbewerb ausgeschrieben wurde und Zumthor ihn für sich entschied, war allen klar: Das wird jetzt teuer, und das wird schwierig. Aber darüber ist von Anfang an geredet worden. Da gab es keine Heimlichkeiten, der damalige Generalvikar Norbert Feldhoff hat sich offen zu den Kosten bekannt, das Projekt durch alle Gremien geführt, und Kardinal Meisner hat es mitgetragen.

Das dürfen Sie sich aber nicht so vorstellen, als ob da der mächtige Stellvertreter des noch mächtigeren Kölner Erzbischofs vor die Laienräte getreten wäre und die nur noch abgenickt hätten, was insgeheim längst beschlossene Sache war. Von wegen! Ich kann mich gut an die kritischen Fragen erinnern, denen sich der Generalvikar , der Diözesanbaumeisterund das Museumsteam stellen mussten. Das ganze Projekt stand sogar mehr als einmal auf der Kippe, und hätte auch nur eines der Aufsichtsgremien „nein“ gesagt, dann wäre  Kolumba in dieser Form gestorben gewesen. Es kam nicht so weit. Aber das ist der Kraft der Argumente zu danken, nicht der Macht von Kirchenfürsten.

Bevor ich Sie in den „Lochner-Raum“ im ersten Stock des Museums mitnehme, muss ich auf eine Besonderheit dieses Museums zu sprechen zu kommen: Es überfängt in Teilen die Ruinen und die Ausgrabungen aus frühchristlich-römischer Zeit unter der bedeutenden alten Stadtpfarrkirche St. Kolumba sowie eine Kapelle Gottfried Böhms. Solches Überbauen bestehender Architektur ist immer das Kostenintensivste, was es überhaupt gibt. Zumthor hat die Sache in Kolumba auf die Spitze getrieben, indem er den Raum über der Ausgrabung, wo ich – nebenbei bemerkt – in den 70er Jahren als Studentinmein Grabungspraktikum absolviert habe – nur auf eine Reihe extrem dünner Säulchen gestellt hat. Ich stelle mir vor, dass er seinen Statiker damit an den Rand des Wahnsinns getrieben haben muss. Aber wieder ist es die Wirkung, die den Aufwand rechtfertigt: Das ist keine „Sicherungsarchitektur“, sondern sie hat etwas von der Spiritualität eines Kirchengebäudes, dessen Reste sie ja auch tatsächlich schützt. Das ist wirklich ganz, ganz große Kunst!

Und es ist genau das, was ich für entscheidend halte:Das viele Geld ist für ein Gebäude ausgegeben worden, das jedem zugänglich ist und von dem alle etwas haben. Und ich füge hinzu: Wenn schon für teures Geld bauen, dann aber auch in bestmöglicher Qualität. Das habe ich ja auch schon zu erläutern versucht, als ich die „Hochwasserpumpstationen“ am Kölner Rheinufer vorgestellt habe. Umgekehrt sage ich das aber auch mit Blick auf die Sparvorschläge zum geplanten Bau des jüdischen Museums auf dem Rathausvorplatz. Mein Credo ist da immer dasselbe: Der öffentliche Raum muss immer so gut gestaltet werden wie irgend möglich. Sonst sollte man es lieber gleich lassen.

Warum? Im „Lochner-Raum“ des Museums, benannt nach der hier ausgestellten „Veilchenmadonna“ Stefan Lochners aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, kann man das sehr gut sehen: Zumthor wollte den Estrich für die gesamte riesige Bodenfläche aus einem Guss haben. Eigentlich geht das nur in Abschnitten, zwischen denen dann jeweils Fugen und Nähte liegen. Das hat Zumthor hier strikt abgelehnt, was ein irrer Aufwand war, aber auch mit einem irren Ergebnis. Wenn Sie den Kopf schieflegen und den Fluss des einfallenden Lichtes über den Fußboden verfolgen, dann erkennen Sie es: Das ist eine einzige zusammengehörige Fläche, durch nichts unterbrochen, durch nichts gestört. Ein unglaublicher Effekt in einer Zeit, in der wir serielles Bauen nach dem Setzkastenprinzip gewohnt sind. Und wenn wir schon dabei sind: Es gibt in diesem Raum keine Fußleisten, sondern der Estrich lässt eine Fuge. Optisch führt das zu einer Trennung von „Fußboden“ und „Wand“ – als zwei Wesensbestandteilen jedes Gebäudes; technisch lässt sich durch diese Fuge die verbrauchte Luft absaugen. Auch das ist typisch Zumthor: die ästhetische Aussage, verbunden mit einem praktischen Effekt.

Oder nehmen Sie die Art, wie Zumthor die Fenster dieses Raums angelegt hat. Der stellvertretende Museumsdirektor Marc Steinmann, ein früheren Mitarbeiter der Dombauhütte, berichtet, dass Zumthor lange Zeit herumgegangen ist und überlegt hat, an welchen Stellen er die Wandflächen öffnen und Durchblicke nach außen schaffen will. Heute sehen Sie, dass er markante Bezüge zur Minoritenkirche und zum Dom, zum Opernhaus und zum Dischhaus herstellt. Diese Sensibilität des Architekten für den Zusammenhang seines Gebäudes und der Besucher mit ihrer Umgebung sucht wirklich ihresgleichen.

Ich mache noch auf ein weiteres Detail aufmerksam: Suchen Sie in Kolumba einmal nach Steckdosen! Sie werden keine finden. Aber nicht, weil es keine gäbe. Ich meine, so blöd müsste einer sein, Museumsräume ohne Stromzugänge zu bauen. Also, die Steckdosen sind natürlich vorhanden. Aber Zumthor hat sie in die Wand eingelassen und hinter herausnehmbaren Stahlblenden versteckt, die er eigens dafür entworfen hat. Was das bringt – außer einer kostspieligen Sonderanfertigung? Überlegen Sie selbst: Sie können den elegantesten Raum verschandeln durch eine Ansammlung von Steckdosen. Gerade in einem Museum sollen an den Wänden allein die Bilder und andere Ausstellungsgegenstände die Blicke auf sich ziehen. Stromleisten und Steckdosenbatterien wirken da wie ein eigenes Objekt – und stören den Gesamteindruck. Mir ist das unlängst aufgefallen, als ich in Bonn im Kunstmuseum war: wunderbare Räume – nur hat am Schluss noch irgendjemand für Feuermelder gesorgt und für Fluchtwegmarkierungen. Die machen alles wieder kaputt. Dass das hier in Kolumba nicht so ist, das sehen Sie als Besucher vielleicht nicht einmal bewusst, aber Sie nehmen es in Ihrem Empfinden des Raumes unterbewusst war.

[Wenn wir uns hier weiter umschauen, stoßen wir auch auf Beispiele für Umbauten, die Zumthor selbst noch während der Errichtung des Museums veranlasste. Es gibt eine Tür, die im Grundriss ursprünglich links vorgesehen war, weil man normalerweise niemals zwei Türen setzt, die einander genau gegenüberliegen. Als dann die Wände hochgezogen wurden, stellte Zumthor fest: Nein, das hat so überhaupt keinen Sinn! Bleibt die Tür, wo sie ist, liegt dahinter bloß ein Durchgang, der als Raum nicht zu nutzen ist. Also, Kommando zurück: Die Tür kommt nach rechts. Damit öffnet sie jetzt den Zugang zu einem in sich geschlossenen, intimen Raum, den das Museum immer wieder für Ausstellungen nutzt. Klar, so eine Entscheidung verteuert den Bau. Aber es ist eine Entscheidung für Qualität.]

Allerdings hat alles seine Grenzen. So auch in Kolumba. Marc Steinmann erzählt, die Museumsleute hätten wahnsinnig gern ein drittes Untergeschoss als zusätzliches Depot für die wachsende Sammlung gehabt. Wegen des Grundwasserspiegels in Köln hätte das aber einer riesigen Wanne bedurft, in die das Gebäudefundament hineingestellt worden wäre. Teuer, teurer, am teuersten! So ist es dann beim Wunsch nach der vergrößerten Depotfläche geblieben. Also, Sie sehen: Es gab immer eine wirksame Kostenkontrolle. Auf hohem Niveau, zugegeben, aber eben doch so, dass die Ideen von Architekt und späteren Nutzern des Gebäudes – bildlich gesprochen – niemals durch die Decke gehen konnten.