Archiv für den Monat: Oktober 2013

Eine Perlenketteprägnanter Pumpwerke

Barbara Schock-Werner lobt die ästhetische Gestaltung der Zweckbauten am Kölner Rheinufer

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

Bayental

Bayental

Auf jeden Beitrag in dieser Serie erhalte ich eine Menge Leser-Reaktionen, was mich natürlich sehr freut. Besonders hoch ist die Resonanz, wenn ich Ärgernisse im Stadtbild „auf den Punkt“ bringe. „Toll, dass Sie das machen, bleiben Sie dran!“, sagen mir dann die Leute. Klar, das werde ich auch. Aber eben nicht nur. Ich will ja nicht als die Meckertante vom Dienst durch Köln laufen, sondern Ihren Blick auf Gebäude, Kunstwerke oder städtebauliche Details lenken, die kaum bekannt sind oder nur den Fachleuten auffallen. Es gibt halt in Köln sehr viel Ungewöhnliches – im Negativen wie im Positiven.

Deshalb möchte die Stadt Köln heute einmal ausdrücklich loben für ein Bauprojekt, das gar nicht besser hätte laufen können. Es gibt am Rheinufer entlang  insgesamt  fünf von geplanten sieben sogenannte – und jetzt muss ich langsam sprechen, damit ich mich nicht verhaspele – „Hochwasserpumpstationen“. Was für ein tolles deutsches Bandwurmwort! Aber es beschreibt exakt, wofür die Dinger da sind: Sie sollen bei dramatisch hohen Pegelständen das Rheinwasser, das dann in die Stadt fließt und auf normalem Weg nicht mehr ablaufen kann, zurück in den Fluss pumpen. So sieht es das Hochwasserkonzept vor, das der Rat der Stadt Köln 1996 verabschiedet hat.

Rodenkirchen                                                           Rodenkirchen

Nun hätte man erwarten können, dass die zuständigen Stadtentwässerungsbetriebe sachlich-hässliche Zweckbauten ans Rheinufer stellen – Betonquader mit ein paar Löchern, um es mal laienhaft zu formulieren. Aber von wegen! Als ich auf einer Radtour in Rodenkirchen zum ersten Mal eine dieser Stationen sah, da habe ich die Augen aufgerissen und gedacht: Was ist das denn hier!? Eine gebogene Bruchsteinmauer in Verbindung mit einem Gebilde, das spielerisch aus rechteckigen braunen Metallstücken aufgeschichtet zu sein scheint. Dahinter hat der Landschaftsarchitekt Dirk Melzer zusammen mit v-architekten geschickt ein schon älteres Pumpwerk für Schmutzwasser versteckt. Die ganze Umhüllung erinnert an geschichtetes Treibholz. So etwas fällt natürlich sofort auf inmitten einer ansonsten banalen Bebauung.

Weiter rheinabwärts, in Bayenthal auf der Höhe Schönhauser Straße und schon etwas bekannter,  weil weithin sichtbar, liegt der von Kaspar Kraemer entworfene und 2005 bis 2008 gebaute Glaskubus.  Klassisch proportioniert, scheint er über der Hochwassermauer zu schweben. Mit seinem Farbspiel zeigt er  – zumindest den Eingeweihten – den Pegelstand des Rheins an: Bei Niedrigwasser leuchtet der Würfel gelb,  bei Normalstand blau. Bei Hochwasser wechselt er von orange nach rot und signalisiert: Alarm, Alarm! Ein wunderbarer Blickfang ist das in jeder Hinsicht.

Niehl     Niehl

Ähnlich ist das in Niehl, wo zwei Pumpwerke stehen, das eine gestaltet vom Kölner Architekturbüro, das andere vom Büro ASTOC. Beide fallen inmitten von Industriebauten sofort auf – fast an Skulpturen erinnernd. Wer erwartet schon solche vorzügliche individuelle Architektur in dieser Umgebung? In Mülheim schließlich haben Schlösser Architekten in Zusammenarbeit mit Professor Kazuhisa Kawamura eine Turnhalle auf das Pumpwerk am Faulbach gesetzt. So konnten sie das Grundstück von weiterer Bebauung freihalten. Turnhalle und Pumpwerk verbindet ein leuchtendes strahlendes Blau.

Die gesamte Bautengruppe hat inzwischen etliche Architekturpreise eingeheimst. Aber wer weiß das schon in Köln! Und wer weiß, wie es überhaupt dazu kam, dass im öffentlichen Raum ausnahmsweise mal nicht nach der Devise „Hauptsache billig“ gebaut wurde? Im Grunde hat die Stadt das ihrem ehemaligen Beigeordnete für Bauen und Verkehr Hubertus Oelmann, zu verdanken. Er leitete von 2001 bis 2005 die Stadtentwässerungsbetriebe und hatte das Gefühl, dass die öffentliche Akzeptanz technischer Bauten auch eine Sache der Ästhetik sei. Immerhin ist das Rheinufer ja doch die Schauseite Kölns. Dass es so was wie diese Pumpwerke braucht, das steht ja außer Frage. Wenn Sie – um ein anderes Beispiel zu nehmen – in die Philharmonie gehen, dann achten Sie mal auf den grauen Kasten links vom Eingang. „Löschwassereinspeisung“ steht darauf. Das ist sicher notwendig. Aber warum muss diese Vorrichtung in scheußlichem grauem Blech daherkommen? Und warum ausgerechnet an dieser exponierten Stelle? Da orientieren sich  irgendwelche Sachbearbeiter bei der Stadt halt allein an Technik und Budgets. Umso wichtiger ist es, dass die richtigen Leute an den entscheidenden Stellen sitzen.

Langel    Langel

So wie Hubertus Oelmann, der eben keine Betonungetüme am Rheinufer wollte, sondern – wie er selbst einmal gesagt hat – eine „Perlenkette prägnanter Pumpwerke“. Das klingt vielleicht fast schon zu poetisch für so etwas Prosaisches wie Pumpen. Aber die Intuition stimmt, die Oelmann damals gehabt und die sein Nachfolger Otto Schaaf zum Glück geteilt hat. Eine erstaunliche planerische und gestalterische Leistung, für die man den beiden Herren und der Verwaltung gar nicht genug danken kann. Andere städtische Institutionen, öffentliche Betrieb, aber auch private Bauherrn sollten sich das ruhig zum Vorbild nehmen: Köln kann etwas! Es muss nur wollen.

Für Ausflüge und detailliertere Informationen empfiehlt Barbara Schock-Werner das Buch: Hubertus Oelmann: Die Rheinflut. Entdecker-Tour. Kölner Hochwasserschutz „erfahren“, fünf Rundtouren per Rad und elf zu Fuß, Bachem-Verlag. Gebundene Ausgabe 160 Seiten, 29,95 Euro. Broschiert 64 Seiten, 6 Euro.

 

Neun Helden mit Kampfesmut und Klugheit

Figurenprogramm im Hansasaal des Rathauses vereint Heiden, Christen und Juden – Vorbilder für Ratsherren im 14. Jahrhundert

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

Es ist schon eine Weile her, dass ich beim Warten auf einen offiziellen Anlass im Hansasaal des Rathauses neben einem Mitglied des Stadtrats saß. Im Smalltalk kamen wir auf die gotischen Statuen an der Stirnseite, und ich merkte: Mein Gesprächspartner hatte keinen blassen Schimmer, was es mit diesen neun Rittern auf sich hat. Jedenfalls fand er ungeheuer spannend, was ich ihm darüber zu erzählen wusste. Es hat offenbar etwas für sich, dass wir Kunsthistoriker in bestimmten Fragen einen Bildungsvorsprung haben. Ich zog den persönlichen Schluss daraus, dass diese sehr qualitätvollen und spannenden Skulpturen, die zwischen 1320 und 1330 entstanden sind, zu wenig bekannt sind und möchte sie deshalb vorstellen.

Bei den besagten Figuren im Hansasaal, handelt es sich um die „neun guten Helden“: Von links nach rechts als erstes drei Christen: Karl der Große, König Artus und Gottfried von Bouillon. Es folgen drei Juden. Zuerst Josua, dann ganz in der Mitte König David, ausnahmsweise nicht als Musiker, rechts von ihm Judas Maccabäus. Und schließlich Alexander der Große, Hektor und Julius Caesar als Vertreter der heidnischen Antike. Jede dieser Gestalten war dem gebildeten Menschen des Mittelalters vertraut. In dieser Zusammenstellung aber traten sie erstmals zu Beginn des 14. Jahrhunderts in einem französischen Versepos aus dem höfisch-ritterlichen Milieu auf. Bald darauf entstand daraus in den Niederlanden eine weit verbreitete populäre Fassung, und diese dürfte auch die Kölner erreicht haben, die damals gerade ihr Rathaus bauten.

Die verantwortlichen Ratsherren entschlossen sich, die neun guten Helden abzubilden. Diese kamen damit zum ersten Mal in den Genuss einer plastischen Darstellung. Spätere Versionen finden sich zum Beispiel am „Schönen Brunnen“ in Nürnberg. Aber mit dieser frühesten Fassung bewies der Kölner Rat damals Fortschrittsgeist – ästhetisch und programmatisch.

Keine der Figuren trägt individuell-porträthafte Züge. Sie sind als Typen aufgefasst, als Gruppe in den gleichen zeitgenössischen Waffenröcken. Vorbildhaft stehen Sie nicht nur – was bei ja Rittern naheliegt und zu erwarten ist – für Mut und Tapferkeit, sondern auch für Besonnenheit. Achten Sie einmal darauf: Keiner dieser neun Kämpfer ist als Haudrauf oder Berserker gezeigt, sondern sie stehen in variantenreichen, zum Teil sehr nachdenklichen Posen da. Das gilt insbesondere für König Artus, den Gründer der berühmten Tafelrunde. Karl der Große wird als Rhetor mit entsprechender Gestik gezeigt. Judas Maccabäus richtet den Blick vergeistigt zum Himmel. Als einziger hat Gottfried von Bouillon, als Kreuzritter und Eroberer Jerusalems zu damaliger Zeit der christliche Held schlechthin, das blanke Schwert in der Hand. David zieht es gerade aus der Scheide, Caesar hat lediglich die Faust am Schwertknauf. Alle anderen haben ihre Waffe fein säuberlich verstaut. Soll heißen: Wir sind zwar bereit, für unsere Ideale zu kämpfen. Aber nicht, ohne vorher nachzudenken.

Dieses doppelte Programm von Kampfesmut und Klugheit wollten die Ratsherren zum Ausdruck bringen. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bildete sich aus den reich gewordenen Kaufmannsgeschlechtern der Stadt Köln eine neue Führungselite heraus. In den neun guten Helden stellten sich diese Patrizier gewissermaßen selbst dar. Diese Figuren verkörperten einerseits den Anspruch des Bürgertums, mit dem Adel gleichzuziehen. Andererseits signalisierten die Ratsherren ihre Bereitschaft, sich und künftige städtische Honoratioren am Ideal der neun guten Helden messen zu lassen.

Ein hoher Anspruch, der das Selbstbewußtsein der Herren spiegelt! Aber auch ganz schön einseitig in ihrer Wahrnehmung. Zumindest aus heutiger Sicht wirkt es schon eigenartig, dass der Magistrat sich im Rathaus auf jüdische Vorbilder beruft und sie gleichberechtigt neben einen König Artus oder einen Julius Caesar stellt, während er draußen zeitgleich das jüdische Ghetto räumen lässt. Ich will jetzt gar nicht von „guten Juden“ und „bösen Juden“ reden, aber augenscheinlich hatten die Vertreter der Kölner Bürgerschaft mit alten Juden aus der Bibel weniger Probleme als mit deren zeitgenössischen Glaubensgeschwistern.

Durch die unterschiedslose Reihe von Heiden, Juden und Christen gab sich der Magistrat der Stadt natürlich ungeheuer weltoffen. Das eingangs erwähnte Ratsmitglied war  auch gleich über die sprichwörtliche Toleranz der Kölner begeistert, die sich hier in diesem Figurenprogramm schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts manifestiert hat. Ich selbst hab’s zwar nicht so mit dieser kölschen Selbstverliebtheit, aber spannend ist dieser Aspekt zweifellos.

Nicht unerwähnt lassen will ich die Architektur-Zitate, von denen die Ritterfiguren umgeben sind: Konsolen, Baldachine, Fialen und so weiter. Fabelhafte Arbeit! Sie stammt – nun ja – von der Dombauhütte, woher sonst? Niemand anderes in der Stadt hätte in dieser Zeit diese Qualität liefern können. Da hat der Rat seinerzeit einfach die Steinmetze vom Dom herüber ans Rathaus geholt.

Auch die Arbeit an den Figuren steht in der Tradition der am Dom tätigen Bildhauer. Sie sehen das zum Beispiel an dem Hund zu Füßen Gottfried von Bouillons. Er ist ein verbreitetes Symbol für Treue. Aber die konkrete Darstellung mit den Schlappohren und dem Knochen, an dem er nagt, findet sich exakt im Chorgestühl des Doms wieder. Ohne Hund und Schwert, dafür mit einem Pilgerstab in der Hand steht ein  „Zwillingsbruder“ Gottfrieds im Xantener Dom. Dort geht stellt er denden Ortsheiligen, Viktor, dar..

Bevor Sie jetzt an Plagiate oder so etwas denken, muss ich Ihnen den mittelalterlichen Kunstbetrieb erklären, den Sie sich als eine gut vernetzte Szene vorstellen können: Als im Kölner Dom die Figuren an den Chorpfeilern und am Hochaltar fertiggestellt waren, gab es  nicht mehr allzu viele Aufträge für Bildhauer. Eine Gruppe von ihnen zog also weiter an den Niederrhein, wo die Xantener mit ihrem Dombau beschäftigt waren. Aber das Geld war knapp, und entsprechend langsam schritten die Arbeiten voran. Da hörten die Bildhauer vom Neubauprojekt „Kölner Rathaus“, witterten ihre Chance, zogen wieder rheinaufwärts und brachten auch ihre Modelle mit zurück nach Köln. Nach dem Motto: Ob Viktor von Xanten oder Gottfried von Bouillon – egal, ein guter Entwurf kann durchaus mehrfach verwendet werden!

Auch die Arbeit an den Figuren steht in der Tradition der am Dom tätigen Bildhauer. Sie sehen das zum Beispiel an dem Hund zu Füßen Gottfried von Bouillons. Er ist ein verbreitetes Symbol für Treue. Aber die konkrete Darstellung mit den Schlappohren und dem Knochen, an dem er nagt, findet sich exakt im Chorgestühl des Doms wieder. Ohne Hund und Schwert, dafür mit einem Pilgerstab in der Hand steht ein  „Zwillingsbruder“ Gottfrieds im Xantener Dom. Dort geht stellt er denden Ortsheiligen, Viktor, dar..

Bevor Sie jetzt an Plagiate oder so etwas denken, muss ich Ihnen den mittelalterlichen Kunstbetrieb erklären, den Sie sich als eine gut vernetzte Szene vorstellen können: Als im Kölner Dom die Figuren an den Chorpfeilern und am Hochaltar fertiggestellt waren, gab es  nicht mehr allzu viele Aufträge für Bildhauer. Eine Gruppe von ihnen zog also weiter an den Niederrhein, wo die Xantener mit ihrem Dombau beschäftigt waren. Aber das Geld war knapp, und entsprechend langsam schritten die Arbeiten voran. Da hörten die Bildhauer vom Neubauprojekt „Kölner Rathaus“, witterten ihre Chance, zogen wieder rheinaufwärts und brachten auch ihre Modelle mit zurück nach Köln. Nach dem Motto: Ob Viktor von Xanten oder Gottfried von Bouillon – egal, ein guter Entwurf kann durchaus mehrfach verwendet werden!

 

Bis zum Zweiten Weltkrieg waren die Figuren übrigens bemalt. Die elegante farbliche Fassung ist aber verloren gegangen, als die Statuen im Rathauskeller zwischengelagert waren und dort durch die – sagen wir – „Verkettung widriger Umstände“ in Brand gerieten. Bis zu ihrer Restaurierung waren sie in einem beklagenswerten Zustand. Jetzt sehen sie wieder gut aus, nur sind sie halt nicht mehr koloriert.

Wer noch mehr über die Geschichte der neun Helden wissen will, dem lege ich den Band „Das gotische Rathaus und seine historische Umgebung“ ans Herz, herausgegeben von Walter Geis und Ulrich Krings, in der vorzüglichen, aber leider nicht mehr fortgesetzten Reihe „Stadtspuren“ des Bachem-Verlags.

Für Besichtigungen empfehle ich, sich vorher anzumelden. Aber bitte jetzt nicht gleich alle auf einmal! Sonst brauche ich mich da unten im Rathaus fürs Erste nicht mehr sehen zu lassen.