Archiv für den Monat: Juni 2013

Muss bald der Betonmischer ran?

Die römische Stadtmauer am Mühlenbach droht abzurutschen und dient als Müllabladeplatz

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

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Wie sagte schon Hugo Borger, der erste Direktor des Römisch-Germanischen Museums nach dem Krieg, so schön: Jeder Kölner fühlt sich als ein Nachfahre der alten Römer. Da ist was Wahres dran. „Ich wor ne stolze Römer, kom met Caesars Legion“, singen wir mit den Bläck Fööss nicht nur im Karneval. Zu den ganz wichtigen Relikten dieser Epoche gehört die Mauer der „Colonia Claudia Ara Agrippinensium“ aus dem späten 1. Jahrhundert nach Christus.

Es wird behauptet – und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln -, in keiner anderen Stadt des Imperiums mit Ausnahme von Rom selbst sei ein so großer Teil der Befestigungsanlagen erhalten wie in Köln. Und so wie man in Rom entlang der Aurelianischen Mauer fantastisch spazieren gehen kann, so ist das auch bei uns in Köln möglich: vom römischen Nordtor am Dom einmal rings herum. Es gibt dafür sogar ein wunderbares Buch von Gerta Wolff mit einem detaillierten Wanderweg und ausführlichen Erklärungen. Ich habe mir diese Tour als Ruheständlerin schon ganz fest vorgenommen.

Heute nun stehen wir an einem besonders markanten Punkt der antiken Mauer. Topografisch lag das antike Köln auf einer relativ ebenen Fläche. Auf der steil zum Rhein abfallenden Ostseite und im Süden in der Nähe des Südtors, der „Hohen Pforte“, gab es einen natürlichen Geländesprung. Hier hatte sich der Duffesbach über die Jahrtausende hinweg mit seinem Lauf eingegraben, was die Römer beim Bau ihrer Befestigungsanlagen ausgenutzt haben. Die geschwungene Straßenführung der heutigen Straße Mühlenbach folgt dem antiken Verlauf von Bach und Stadtmauer. Und hier sehen Sie auch die drei bis vier Meter hohe Stufe im Bodenniveau: Oben hinter den Mauerresten lag das römische Köln, wir befinden uns unten „ante portas“, vor den Toren der Stadt.

Sie erkennen auch, wie die Römer ihre Stadtmauern gebaut haben: außen und innen eine Schale aus Grauwacke-Kleinquadern, 2,40 Meter stark, mit Füllmaterial (opus caementitium) dazwischen. Bis heute erfüllt das antike Mauerstück eine bauliche Funktion. Sie verhindert ein Abbrechen der Geländekante. Deshalb wurde dieser Abschnitt in früheren Jahrhunderten in Stand gehalten oder zumindest geflickt. Nur während der letzten Jahrzehnte hat die Stadt sie verkommen lassen. Durch die Bäume, die sich mit ihrem Wurzelwerk entlang der Mauerkrone eingegraben haben, ist die statische Situation inzwischen bedenklich, sagen die Experten. Deshalb müsste als erstes der gesamte Bewuchs weg. Aber man weiß ja: Bäume fällen? Ganz was Schwieriges! Dazu noch dieser Pröll im Vordergrund: Baumaterial, Flaschen- und Müllcontainer. Kein Mensch kann diesen Ort noch als wichtiges historisches Denkmal wahrnehmen! Und das, obwohl das Ubier-Monument, ein paar Schritte weiter, von Touristen recht häufig besucht wird. Wenn das hier nach was aussähe, würde sich der kurze Abstecher in jedem Fall lohnen. Stattdessen laufen wir Gefahr, dass die 2000 Jahre alten Mauerreste endgültig kaputt gehen. Wenn nicht bald etwas passiert, dann muss der Betonmischer her, damit es keinen Erdrutsch gibt.

Übrigens – und das finde ich besonders spannend – haben die römischen Festungsarchitekten beim Bau der Kölner Stadtmauer offenbar ganz bewusst Bezug auf die Hauptstadt des Imperium Romanum genommen. Das Anlegen von Mauern war bei den Römern ja ein quasi heiliger Akt. Der Hauptstadt ihrer Provinz Germania inferior (Niedergermanien) gestanden sie eine Mauer zu, deren Länge exakt ein Fünftel der Befestigungsanlage von Rom selbst ausmachte. Die Archäologen vermuten, dass damit das Motiv des „Kleinen Rom“ Gestalt gewinnen sollte. Und das hören wir Kölner auch im 21. Jahrhundert noch immer besonders gern, oder?