Archiv für den Monat: April 2013

Provisorium voller Schönheit und Charme

Der Tanzbrunnen als Geburtsstätte einer neuen Architektur – Frei Otto konstruierte 1957 das „Sternwellendach“

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger

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Der Tanzbrunnen im Rheinpark gehört zu den Bauwerken der Stadt, die jeder Kölner vor Augen hat. Die meisten denken dabei an Konzerte und natürlich an Linus mit seinen Talentwettbewerben. Für Architekturliebhaber hingegen ist der Tanzbrunnen die Geburtsstätte einer ganz neuen Architektur. Seine Überdachung, geschaffen von dem 1925 geborenen Architekten Frei Otto ist das erste Flächentragwerk, das je im öffentlichen Raum gebaut wurde.

Den Tanzbrunnen selbst, ursprünglich ohne Dach, gibt es seit 1950 als eine auskragende Betonplatte, die über zwei Brückchen betreten werden konnte. Neulich sprach ich mit zwei älteren Kölnern, die in ihrer Jugend zum Tanzen hingegangen waren. Draußen, so erzählten sie, spielte eine Kapelle, und jedes Pärchen musste zehn Pfennige bezahlen, um auf die innere Plattform als Tanzfläche zu kommen. Rührend, nicht?

Tanzbrunnen_1reduziertAls Köln dann 1957 im Rheingarten zum ersten Mal die Bundesgartenschau ausrichtete, müssen in der Stadt an den richtigen Stellen die richtigen Leute gesessen haben. Denn sie erteilten einem jungen Architekten namens Frei Otto einen hoch innovativen Auftrag: Er sollte als temporäre Architektur drei Zeltkonstruktionen errichten. Otto stammte zwar selbst aus einer Steinmetzfamilie, aber für seinen Geschmack war die in den 1950er Jahren verbreitete Bauweise viel  zu schwer und wuchtig. Er war auf eine Minimalisierung der Architektur aus mit möglichst wenig Masse. Seit der Zeit nach dem Krieg experimentierte Otto daher mit Konstruktionen, die in der Fachsprache „leichte Flächentragwerke“ heißen. Einfacher ausgedrückt: mit Zelten, die nicht nach dem Prinzip „Ein Balken mit etwas darauf“ funktionieren. Zeittypisch waren im Gegensatz dazu die „schweren Flächentragwerke“ – das sind selbsttragende Betonflächen, wie man sie etwa aus Brasilia oder später vom Opernhaus in Sidney kennt.

Leichte Flächentragwerke müssen bestimmte Formbedingungen erfüllen. Wenn Sie klassisch ein Zelt aufbauen, dann flattert es. Sie können die Flächen zwar straff spannen, aber richtig stabil werden die Flächen erst, wenn sie an jeder Stelle in zwei Richtungen gekrümmt sind. Das nennt man im Fachchinesisch einen „hyperbolischen Parabolid“. Natürlich merkt sich das kein Mensch. Fragen Sie mal einen Kölner, ob einen hyperbolischen Parabolid kennt. Der wird Sie nur mit großen Augen angucken, obwohl er im Grunde sehr wohl weiß, was das ist: nämlich eine Art  Sattelfläche. Beim Sattel finden Sie genau die typische Krümmung in zwei Richtungen. Und je stärker die Krümmung, desto weniger flattert das Element.

Bis zu dem Kölner Auftrag hatte Frei Otto nur mit Modellen hantiert. Jetzt konnte er für die Bundesgartenschau etwas davon verwirklichen: Als erstes einen Eingangsbogen, den es heute noch gibt, wenn auch versetzt, rechts vom Theater am Tanzbrunnen. Dieser Eingangsbogen ist ein Buckelflächenzelt, bei dem das Zeltdach über einen Bogen abgespannt wird. Als zweites einen Schattenspender am Rheinufer, der aber nicht erhalten ist. Und als drittes eben jenes wunderbare Wellenzelt über dem Tanzbrunnen.

Dann passierte etwas Tolles: Die Kölner verliebten sich so sehr in diese Zeltdächer, dass sie Jahr für Jahr wieder aufgezogen wurden. So wurden sie vom Provisorium  zur Dauereinrichtung. Bis heute hat sie nichts von ihrer Schönheit und ihrem Charme verloren. Das Dach wirkt ja auch nach mehr als einem halben Jahrhundert keineswegs überholt oder altmodisch. Nichts von Nierentisch-Ästhetik der 50er Jahre oder dergleichen!

Ursprünglich war das Zeltdach aus einem Baumwollgewebe gefertigt. Der Stoff, der in beide Richtungen gleich elastisch sein musste, stammte von einer Spezialfirma am Bodensee, die auch Zirkuszelte herstellte. Weil das Gewebe aber nicht komplett wetterfest war, musste es zur Wintersaison abmontiert werden. Um 1980 wurde das Ganze dann durch eine Polyester-Substanz ersetzt, die das ganze Jahr über an Ort und Stelle bleiben kann.

Natürlich steht das Zeltdach heute unter Denkmalschutz. Aber eigentlich bräuchte es das gar nicht. Denn ich glaube, die Kölner lieben ihren Tanzbrunnen viel zu sehr. Und sie können mit Recht stolz auf ihn sein. Er ist wirklich eine Inkunabel der Architektur.

Was Sie heute an jeder x-beliebigen Tennishalle sehen – das Prinzip der Seifenblase, auf Architektur übertragen – das geht ebenso auf Frei Ottos Experimente in den 1950er Jahren zurück wie die Mini-Zelte, die Sie in jedem Gartencenter erwerben können.  Im Grunde ist auch der Musical-Dom am linken Rheinufer ein vulgärer Nachfolger von Freis Konstruktionen auf der Seite gegenüber. Dagegen gehört die Lanxess-Arena nicht in diese Reihe. Bei ihrem Dach handelt es sich einfach um eine abgehängte Betonkonstruktion.

Für die Bundesgartenschau 1971, die zweite in Köln, hat Otto – dann schon als hoch etablierter Architekt – übrigens die Leuchtschirme auf dem Tanzbrunnengelände entwickelt, die heute auch noch stehen und die Zuschauer bei schlechtem Wetter vor Regen schützen.

Der Gipfelpunkt seines Schaffens freilich sind die Seilnetz-Zeltdächer des Münchner Olympiaparks von 1972.  Den Basis-Entwurf lieferte Günter Behnisch, der für sein Wettbewerbsmodell einfach Nylonstrümpfe über die Haltestangen gespannt hatte. Aber die eigentliche Detailarbeit und die Ausführung übernahm Frei Otto. Das hätte Behnisch gar nicht gekonnt. Ich habe als Studentin noch selbst in Ottos Team mitgearbeitet. Eigentlich hatte ich bloß einen Ferienjob gesucht, aber Frei Otto brauchte gerade Leute für das Olympia-Projekt. Das fand ich so spannend, dass ich ein Semester ausgesetzt habe und dann fast ein Jahr bei Otto, im Institut für leichte Flächentragwerke gearbeitet habe. In dieser Zeit habe ich mehr gelernt als auf der Hochschule.

Als die Münchner Dächer geplant wurden, konnte man sie noch gar nicht schlüssig berechnen. So komplex waren sie. Im Büro Wolfram Andrä und Jörg Schlaich, Mitarbeiter und Nachfolger des  Statiker Rudolf Walter Leonhard wurden Programme entwickelt. Aber die Computer waren damals noch sehr in ihren Anfängen, und die Dimensionen der Seilnetze mussten deshalb noch im Experiment festgelegt werden. Dazu wurden raumgroße Modelle gebaut. An jeden einzelnen Haltedraht, der die späteren Zeltdach-Seile simulierte, wurden Spannungsmesser gesetzt, die auf aufgepumpten Autoreifen lagen. Sobald alles fest gespannt war, wurde die Luft aus den Pneus gelassen, so dass das Eigengewicht der Konstruktion auf den Drähten zu lasten kam. Und wir hatten dann die Aufgabe, diese ganzen Spannungsmesser abzulesen. Ganze Nächte habe ich damit zugebracht. Als die Münchner Zelte schlussendlich fertig waren, war auch die Rechnertechnik weiter. Es zeigte sich, dass einiges an der Konstruktion überdimensioniert gewesen war. Aber besser so als anders herum!

Frei Otto hätte das Dach des Olympiastadions ja am liebsten mit Edelstahl-Schindeln gedeckt. Aber das Fernsehen wollte es durchsichtig haben – wegen des Schattens, der sonst auf die Spielfläche gefallen wäre. Die durchsichtige Lösung war ungleich komplizierter zu realisieren, weil die Halteseile sich immer leicht bewegen. Die großformatigen starren, durchsichtigen Acrylplatten damit zu verbinden, das war ausgesprochen kompliziert. Außerdem trauerten wir ein wenig bei dem Gedanken daran, wie dieses Zelt in Edelstahl im Sonnenlicht geglänzt hätte. Nun ja.

Frei Otto hat in mir auch die Begeisterung für Baugeschichte geweckt. Für ihn entwickelte sich die Architektur ganz linear vom Baumhaus bis zum Flächentragwerk und damit eigentlich zum Kölner Tanzbrunnen. Vor kurzem hat mich ein Freund besucht, der bei Frei Otto mitgearbeitet hatte. Ich bin mit ihm auf den Domturm geklettert und habe nach unten auf die andere Rheinseite gezeigt: „Schau mal! Da drüben ist es, Frei Ottos Dach über dem Tanzbrunnen!“ Da kann man richtig ehrfürchtig werden.

Weniger begeisternd finde ich es, dass die Umgebung am Tanzbrunnen inzwischen so zugemüllt ist. Überall stehen Hüttchen, Container und Nebenzelte herum. Dieses ganze Gerümpel sollte unbedingt verschwinden. Denn eine so plastische Architektur braucht einfach Luft, um in ihrer ganzen Schönheit zu wirken.

Aufgezeichnet von Joachim Frank