Archiv für den Monat: März 2013

Rätselhafte Klebebotschaften

Überall in der Stadt prangen Sticker, deren Sinn sich den meisten Kölnern kaum erschließt.

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner stadtanzeiger 25. 3. 2013, S. 26.

Foto (22)Die ganze Stadt ist voll von Botschaften. Die meisten sind rein kommerzieller Natur: Werbung, die mir etwas verkaufen will. Dann sind da ein paar Kunstbotschaften: Der Appell „Liebe deine Stadt“ über der Nord-Süd-Fahrt oder der Schriftzug „Don’t worry“ am Kirchturm der Kunststation St. Peter. Graffiti gibt es natürlich auch. Zu meiner Zeit waren die ja wenigstens noch politisch. „Amis raus aus Vietnam!“ oder so. Heute hingegen sollen die „Tags“ vor allem zeigen, dass einer da war.

Foto (2)_2Vor einiger Zeit ist mir noch eine vierte Art von Botschaften aufgefallen: Aufkleber. An Laternenpfählen und Schildermasten, an Brückenpfeilern, Bauzäunen, Hauswänden. Sie sind überall. Komisch, dass ich sie nicht früher wahrgenommen habe. Das liegt bestimmt daran, dass ich nicht mehr so schnell durch die Stadt gehe, seit ich im Ruhestand bin. Angefangen hat es mit einem Aufkleber „Nur der VfL“ auf einer Hinweistafel der Domschatzkammer. Hmm, dachte ich, was ist das? Ich bin kein Fan, aber ich hatte die vage Ahnung: Könnte was mit Fußball zu tun haben. Als der VfL-Aufkleber wenig später mit Buttons vom 1. FC Köln überdeckt war, war mir klar: So ist es!

Foto (23)_2Als nächstes stieß ich am Rheinufer auf die Klebebotschaft „Liebe dein Ungeheuer“. Danach fing ich an, mir die Sache genauer anzuschauen, und stieß auf eine doch sehr rätselhafte Welt. Aufkleber, wo man geht und steht! Und lauter Botschaften, die ich nicht begreife;  von denen ich nicht weiß, woher sie kommen und für wen sie gedacht sind. Ein Code nur für Eingeweihte – so ähnlich vielleicht wie früher die „Zinken“, die Geheimsprache der Landstreicher und Vagabunden. Eine Subkultur jedenfalls, die an großen Teilen der Bevölkerung komplett vorbeigeht.

 

Foto (27)_2Manche Aufkleber lassen sich noch halbwegs entschlüsseln: als kleine Werbung für Tattoo-Studios oder für Bands, deren Namen ich nur nicht kenne, weil ich zur falschen Altersgruppe gehöre und den falschen Musikgeschmack habe. Geschenkt! Daneben gibt’s die Sticker politischer Kleinstparteien. Von der DKP zum Beispiel – von der hätte ich nicht mal gewusst, dass sie überhaupt noch existiert. Selbst die Maoisten sind noch da, wie ich jüngst festgestellt habe. Aber auch so noble Gemeinden wie Adelboden in der Schweiz sind sich nicht zu schade, mit „I love …“-Aufklebern in Köln auf sich aufmerksam zu machen. Und auch die Eissportfreunde Reutlingen glaubten, sich auf einer Rheinbrücke klebend zu ihrem Verein bekennen zu müssen. Hin und wieder steht eine Internet-Adresse dabei, so dass man sich auf der entsprechenden Webseite schlau machen kann. Aber ich habe fast den Eindruck: Das gilt in der Underground-Informations-Szene als langweilig. Nein, das eigentlich Spannende sind die scheinbar sinn- und zweckfreien Messages.

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„Colour is love, if you can see” ist eine davon – “Farbe ist Liebe für den, der sehen kann”. Als Kunstsachverständige würde ich sagen: Stimmt hundertprozentig! Aber wer beklebt mit dieser These einen Laternenmast? Auf Facebook gibt’s eine Gruppe, die so heißt. Sogar mit gut 300 Mitgliedern. Aber schlauer bin ich dadurch noch immer nicht. Oder der Satz „Du bist schön.” Da müssen wohl Freunde der Menschheit am Werk sein, denn so etwas liest schließlich jeder gern. Aber wer gibt Geld dafür aus, es auf Plastikfolie zu drucken?

Foto (20)_2Einen Aufkleber habe ich mal fotografiert, der wie die Werbung für eine Baufirma aussah – mit einem gezeichneten Schaufelbagger vor zwei kleinen Sandhügeln. Merkwürdig, dachte ich, die Industrie mischt also auch schon mit. Erst beim genauen Hinsehen habe ich dann entdeckt: Die zwei Sandhaufen waren geformt wie Brüste, und der Slogan „Baggern, Angraben, Rohrverlegen“ ist wohl doch keine Reklame, sondern eine große Ferkelei. Oder wie würden Sie das interpretieren?

Natürlich habe ich jüngere Leute gefragt, was ich von alledem zu halten hätte. Meinen Sohn zum Beispiel, der noch einigermaßen nah dran ist am vermuteten Alter der Klebebotschaften-Szene. Aber auch er hat nur mit den Schultern gezuckt. Das hat dann fast schon wieder etwas Beruhigendes, denke ich: Es liegt also nicht nur daran, dass ich zu alt und zu dumm bin. Sondern du stehst wirklich vor einer verschlossenen Welt.

Foto (17)_2Nur die wenigsten all dieser Aufkleber sind übrigens selbstgemacht, manche richtiggehend rührend: handkopiert, koloriert und mit Klebefolie überzogen. Die meisten hingegen sind professionell hergestellt. Da gibt es augenscheinlich ein eigenes Gewerbe, das darauf spezialisiert ist.

Foto (11)_2Nun könnte man das Ganze ja goutieren und sich amüsieren, wenn es nicht mit dieser Verschmutzung einherginge, die doch ziemlich unerfreulich ist. Inzwischen plakatiert die Kölner Außenwerbung, wie ich unlängst in einem Schaukasten am Bahnhof entdeckt habe: „Klebt euch nicht voll“. Daraus schließe ich, dass ich nicht die erste bin, die sich mit dem Phänomen beschäftigt. Bei der Stadtreinigung muss eine ganze Brigade von Leuten mit nichts anderem beschäftigt sein, als Aufkleber von Laternenmasten und Straßenschildern zu holen. Schauen Sie sich die Pfähle in der Stadt mal an: alle angekratzt. Und da wage ich zum Schluss ja kaum, die Frage zu stellen, ob man mit dem dafür erforderlichen Geld fürs Entfernen nicht doch etwas Sinnvolleres anfangen könnte. Aber ich ahne schon, dass ich damit für meine unbekannten Klebe-Fans nichts weiter bin als eine unverbesserliche Spießbürgerin.