Archiv für den Monat: Dezember 2012

Kinetik auf der Hohe Straße

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 12.12.2012, S. 27

220px-Geschäftshaus_Hohe_Straße_124-126_mit_Plastik_„Licht_und_Bewegung“_-_Otto_Piene-3375Wer sich vor Weihnachten auf der Hohe Straße ins Getümmel wirft, der kommt bestimmt nicht der Architektur wegen. Ich sehe selten Leute, die nach oben gucken, wenn sie hier durchlaufen. Kein Wunder eigentlich, denn aufs Ganze gesehen, ist die Hohe Straße schon ziemlich schrecklich. Klar, hier sollten nach 1945 schnell die Kriegswunden im Stadtbild geschlossen werden. Das war in Köln nicht anders als in anderen Städten. Die Bebauung ist überall eher banal. Aber dafür, dass die Hohe Straße auch damals eine repräsentative Funktion erfüllen sollte, sind die Bauten hier doch erstaunlich qualitätslos. Es fehlt das gestalterische Element. Mit den Traufhöhen geht es wild durcheinander, wie in einem Gebiss mit schlecht gewachsenen Zähnen.

Aber dann gibt es die eine große Ausnahme: das Geschäftshaus Nummer 124 bis 128. Es wurde 1966 für den Unternehmer und Kunstsammler Theo Wormland gebaut. Der Auftrag zur Gestaltung der Fassade ging an den großen Künstler Otto Piene. Was wir heute dort vor uns sehen, ist seine Skulptur „Licht und Bewegung“, eines der bedeutendsten „kinetischen Kunstwerke“ dieser Zeit, für die Piene berühmt ist.

Piene_1In den Kugeln, die auf Stäben in verschiedenem Abstand von der Fassade stecken, sind innen Lampen gewesen, deren Licht gegen die Fassade schien. Das Rad oben hat sich ursprünglich gedreht, auch mit Leuchten, die zum Teil ein Streiflicht auf die Fassade warfen oder sie direkt anstrahlten. Die Eckhaus-Fassade ist an beiden Schauseiten des Eckhauses mit lauter diamantartig geformten, polierten Stahlplatten verkleidet  – typisch 60er Jahre übrigens, wenn Sie an Egon Eiermanns „Eierkartonfassaden“ für die Hertie-Kaufhäuser denken. Und schauen Sie mal, die Plastizität des Diamant-Reliefs auf den Stahlplatten nimmt von unten nach oben ab, das ist schon sehr raffiniert gemacht, das Ganze. Jedenfalls muss die Reflexion des Lichts auf diesen Stahlplatten ein wirklich aufregendes Lichtspiel ergeben haben.

Ich selbst kenne das aber auch nur aus Beschreibungen, bin da also gewissermaßen genauso lichtblind wie alle, die heute hier vorbeikommen. Aber ist das nicht toll, dass jemand mitten in dieser Konsumtristesse so viel Sinn für Kunst hatte – und dafür einen so hoch angesehenen Künstler wie Piene gewinnen konnte? Piene hat 1957 zusammen mit Heinz Mack die Künstler-Gruppe „ZERO“ gegründet  und später den „Sculpture Prize“ gewonnen, eine Art Oscar der bildenden Kunst. Inzwischen ist er fast 85 Jahre alt, lebt hauptsächlich in Amerika, aber auch in Düsseldorf. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch, dass Piene die Eröffnung der Olympischen Spiele 1972 mitgestaltet hat, mit einer Installation aus Licht und Rauchzeichen.

Es ist ein Jammer, dass eines seiner Hauptwerke in der Kölner City so in Vergessenheit geraten ist. Kein Hinweis, keine Infotafel, gar nichts. Die Leute rennen achtlos vorbei oder denken, das sei irgend so ein postmoderner Kram. Ein bisschen ist das mal wieder symptomatisch für Köln und die Kölner: Sie kümmern sich nicht um ihre Schätze, beachten und pflegen sie nicht. Das ist eine Lieblosigkeit, die so gar nicht zur angeblichen Liebe der Kölner zu ihrer Stadt passen will. Ich lebe jetzt so lange hier, dass ich mich in vielem selbst als Kölnerin fühle. Aber diesen Mangel an Sorgfalt im Detail – den sehe ich bis heute aus der verwunderten Außenperspektive. Ich glaube aber, das geht vielen echten Kölnern genauso, besonders im Vergleich zu anderen Städten. Man muss kein Imi sein, damit einem der Unterschied in puncto Stadtpflege auffällt.

Ich meine, gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit schmücken viele Hausbesitzer ihre Fassaden mit allerhand Lichtern. Aber ausgerechnet da, wo es schon ein Lichtkunstwerk gibt, bleibt die Fassade dunkel. Wäre es nicht toll, wenn sich der Eigentümer oder ein Sponsor bereit fände, der „Licht und Bewegung“ wieder zum Laufen und zum Leuchten bringen würde? Denn, wie gesagt, es muss fantastisch ausgesehen haben. Und es könnte wieder ein Höhepunkt in dieser Einkaufsstraße sein.  Stellen Sie sich das mal in der Fernperspektive vor: Schon wenn Sie vom Wallrafplatz in die Hohe Straße einbiegen, hätte dieses Haus ein Alleinstellungsmerkmal sondergleichen. Da würden die Leute auch mal von den Schaufenstern weg nach oben gucken und hätten was zum Staunen.