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Straßenmusik

Als Bewohnerin der Innenstadt genieße ich das urbane Treiben rund ums Haus. Seit die Skater mit ihrem Lärm von der Domplatte verschwunden sind, ist es toll hier – oder, wie der Freund meiner Tochter den Blick aus unserem Fenster auf den Roncalliplatz kommentierte, „besser als 24 Kabelkanäle“. Nur eine Eintrübung stelle ich fest: Mein Verhältnis zu Musik ändert sich zunehmend. Köln ist voller Musiker, die ihre Kunst auf der Straße darbieten. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat ja erst in dieser Woche über das „namenlos glückliche“ Ensemble vier junger Österreicher berichtet. Glücklich sein und glücklich machen ist aber nicht immer dasselbe. Genau das ist mein Problem.

Da ist der Mann mit dem typisch karibischen Instrument. Ich weiß auch, dass es „Steel Pan“ heißt und ursprünglich aus Trinidad stammt. Aber alle, die in der Umgebung wohnen oder arbeiten, reden nur vom Mann mit der Blechschüssel. Er ist ungeheuer fleißig. Ob werktags oder sonntags, ob im Sommer oder Winter, bei Regen oder Hitze, ganz egal – er beginnt sein Tagwerk um 10 Uhr auf dem Bahnhofvorplatz. Nach der höchstens erlaubten halben Stunde wechselt er vor den Dom, danach auf den Roncalliplatz, es folgt der Platz vor dem Kaufhof, auch vor dem Schokomuseum habe ich ihn schon gehört. Danach fängt er dieselbe Runde wieder auf dem Bahnhofsplatz an. An guten Tagen kann ich ihm also viermal lauschen. [Für exotische Klänge ist die Steel Pan sicher gut geeignet. Andere bekannte Melodien klingen darauf schräg und schmerzen die Ohren musikalischer Menschen.] Der Blechschüssel-Mann steht deshalb ganz oben auf der Hassliste aller Anwohner. Zugegeben: Von Hass sollte man in diesen Zeiten, da es viel zu viel davon in der Welt gibt, besser nicht sprechen. Aber alle, die jetzt über mich herfallen wollen, sind herzlich eingeladen, den Mann mit der Steel Pan mal vor ihr Fenster zu holen.

Wenn er verschwunden ist, kommt der Flötenbläser, der sich selbst mit Klangdeckeln begleitet, die er an die Füße geschnallt hat. Rhythmisches Scheppern dringt über den Platz. Gleichzeitig spielt ein virtuoser Klarinettist an einer anderen Ecke. Am Nachmittag, zusammen mit dem unvermeidlichen Karibik-Sound, erklingt vom Durchgang des Römisch-Germanischen Museums her die „Air“ von Bach. Der zugehörige Akkordeon-Spieler ist auch schon lange in der Stadt. Er beherrscht sein Instrument phantastisch. Leider ist sein Repertoire übersichtlich. Manchmal wiederholt er es bis in die Nacht. Genau wie der Xylophon-Spieler, ein alter Bekannter mit einem Hang zur Virtuosität, der alle Stücke viel zu schnell spielt.

Dann gibt es noch eine Sängerin. Bittere Not muss sie zu ihren Darbietungen zwingen. Freude am Gesang kann es jedenfalls nicht sein. Beim Einkaufen in der Breite Straße höre ich eine Dixieband. Offenbar stammen die Mitglieder irgendwo vom Balkan. Sie sind toll, haben Schwung. Ich bleibe stehen, weil sie eines meiner Lieblingsstücke spielen, den „Wild Cat Blues“. Ich bin gleich besserer Laune und werfe ein Geldstück in ihren Kasten. Vielleicht sind sie mir aber auch nur sympathisch, weil sie noch nie unter meinem Fenster gespielt haben. Wieder zu Hause, höre ich ein Marimbaphon, das hatte ich noch nie. Die weichen Töne des südamerikanischen Instrumentes sind angenehm schwebend. Aber gleich drängt sich wieder die Blechschüssel dazwischen. Da hilft es wenig, das Fenster zu schließen.

Der jüngste – nun ja – Schrei ist schottisch. Mögen Sie Dudelsack? Ich an sich schon, aber in Schottland klingt das Instrument irgendwie besser. Oder liegt es doch an den Fähigkeiten des Kölner Spielers, dass sein Dudelsack vor allem quäkt. Vor der Außengastronomie des nahe gelegenen Brauhauses ist eine Dreiergruppe aufgezogen, um die Gäste mit Zigeunermusik – darf man das noch so sagen? – zu unterhalten. [Und ein verzweifelter Pianist schiebt seinen Flügel auf den Domvorplatz und bearbeitet die Tasten.]Denkt eigentlich mal jemand an die Frauen und Männer, die in der Altstadt arbeiten und sich konzentrieren müssen?

Ich glaube, mein Mann und ich gehen so gern in die Philharmonie, damit wir wenigstens ab und zu wirklich gute Musik hören. Da fällt mir ein, dass meine Freundin, die international anerkannte Flötistin Camilla Hoitenga, auch als Musikerin auf Kölns Straßen angefangen hat. Für den Weg von dort auf die Konzertpodien aber wird es bei den meisten nicht reichen.

Abends, beim Nachhausekommen, wird es langsam ruhiger auf dem Roncalli-Platz. Ganz still ist es nie. Gerade als ich mich hinlegen möchte, lässt eine offenbar fromme Jugendgruppe ihr Gotteslob gen Himmel steigen. Nichts dagegen, wenn sie den Herrn nur nicht gerade um 23 Uhr erfreuen wollte und ihre Lieder nicht alle gleich klängen. Auf meine Bitte aus dem Fenster um ein „Amen“ reagieren sie gleich. Welch eine Gnade! Es geht nun auf Mitternacht. Fast keine Musik mehr, nur ein einsamer Sänger, der aus der Altstadt kommt und den Dom in Köln lassen will. Ich auch.

Lehrpfad für Architekturgeschichte

Jeder Kölner, jede Kölnerin, das wage ich einfach mal zu behaupten, war schon mal auf der Breite Straße und der Ehrenstraße unterwegs. Und ich bin auch sicher, ihnen allen fallen sofort auch Geschäfte ein, die dort ihren Sitz haben – die traditionsreich-gediegenen ebenso wie die neuen, exotischen. Ich möchte Sie heute von sämtlichen Angeboten dort ablenken. Achten Sie ausnahmsweise mal nicht auf die Schaufenster, sondern legen Sie den Kopf in den Nacken und schauen Sie sich die Geschäftshäuser als ganzes an. Ich verspreche Ihnen allerhand Aha-Erlebnisse. Breite Straße und Ehrenstraße sind nämlich nichts weniger als ein Lehrpfad für die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Es fängt an der Nord-Süd-Fahrt gleich hoch dramatisch mit den WDR-Arkaden an, die Vater Gottfried und Sohn Peter aus der Böhm-Dynastie gebaut haben. Ihr Entwurf ist typisch für die 1990er Jahre, weil er die Fenster nicht in der ebenen Fläche belässt, sondern in Quadern nach außen gegeneinander verschiebt, besonders schön zu beobachten an der Ecke zur Nord-Süd-Fahrt, die dadurch besonders betont wird. Ein Stilmittel, das abgewandelt – nämlich mit einem in Richtung Neven-DuMont-Straße vorgeschobenen Rund – etwas weiter die Straße hinunter auch an Ulrich Coersmeiers DuMont-Carré begegnet.

Gleich in unmittelbarer Nachbarschaft sieht man Vertreter jener aufs rein Funktionelle reduzierten Formen, die für die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg charakteristisch sind und insofern auch ein Stück Historie repräsentieren. Manche sehen noch heute aus wie Provisorien. Es wäre freilich völlig falsch, sich durch solche Banalitäten abschrecken zu lassen.

P1000007So stoßen Sie schon ein paar Meter weiter links auf die ehemalige „Schweizer Ladenstadt“, die heutige Opernpassage. Fassaden mit  Keramik-Formsteinen waren ursprünglich eine Erfindung des berühmten Architekten Egon Eiermann für das Kaufhaus Horten in Stuttgart, sie wurden später als Selbstläufer vielfach kopiert . So auch hier. Schweigen wir von dem darunter gesetzten Glasvordach und dem moströsen Dachaufbau und würdigen stattdessen eine seinerzeit so originelle wie beliebte Formgebung der 1960-er Jahre!

P1000008Der nächste Höhepunkt ist links das ehemalige Kaufhaus Peter (heute Karstadt) von 1910 bis 1914, eine Mischung aus spätem Jugendstil und frühem Neoklassizismus. Die Fassade dieses einst vierflügeligen Prachtbaus ist aufwändig mit Ornamentbändern gestaltet. Sie wurde nach 1945 nie saniert, so dass Abplatzungen und Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg sichtbar sind wie Schrunden und Narben auf einer verletzten Haut. Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? Mir bislang nicht, woran ich gemerkt habe, wie sehr ich mich doch als Konsumentin in Einkaufsstraßen auf das Erdgeschoss zu konzentrieren pflege.

Wechseln wir auf die andere Straßenseite: Das WDR-Gebäude am Hanns-Hartmann-Platz soll – typisch für die 1950er Jahre – den Eifer derer nach außen darstellen, die hier arbeiten. So oder so ähnlich sehen unzählige Verwaltungsgebäude aus dieser Zeit aus: viele, viele kleine Fenster nebeneinander, und hinter jedem sitzt unverdrossen einer bei der Arbeit. Der gebaute Fleiß!

Eine Weiterentwicklung der Reihenfenster zeigt der nächste Abschnitt hinter der Querstraße Auf dem Berlich: Fassaden mit Bänderfenstern, die nicht mehr durch Mauerabschnitte unterbrochen sind.  Auf die Nierentisch-Ästhetik der 1950er Jahre verweisen kleine vorgeblendete Zier-Balkone mit ihren Zick-Zack-Mustern aus Eisenbändern.

Der letzte Schrei während meines Architekturstudiums in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren waren Fensterlaibungen mit abgerundeten Ecken. Ein Beispiel ist das Haus Nummer 155 links, das die Mode dieser Zeit durch den ornamentalen Versatz der einzelnen Fassadenplatten zusätzlich betont.

Etwas weiter, Hausnummer 161-167, ist der Zeitgeist der 1980er Jahre lebendig: Damals garnierte man wenig Architektur mit viel Bronze, Naturstein und Spiegelglas  – Chi-Chi, bei dem der Betrachter heute zu Recht fragt: Was soll das Ganze eigentlich? Und dann drehen Sie sich einmal kurz um – und stellen mit Erstaunen fest: Da gibt’s ja wieder was richtig Historisches! Haus Nummer 118-120 ist sicher in den 1920er Jahren errichtet worden. Die Ornamentik ist weniger verspielt als beim Karstadt-Gebäude. Alles ist hier härter, fester. Man arbeitet mit pseudo-antikisierenden Formen, denen freilich  nicht aller Charme genommen ist: Blumenkübel, Vater mit Sohn, Mutter mit Tochter als Kunst am Bau… Dass es so etwas hier noch gibt, weiß ich auch erst seit voriger Woche. Alles eine Frage der Wahrnehmung!

P1000017In den 1960er und 1970er Jahren gab es – in England entwickelt – einen Architekturstil mit dem schönen Namen „Brutalismus“, der bewusst schwere Betonformen verwandte. Auch er hat seinen Niederschlag auf der Breite Straße gefunden, nämlich im Wohnhaus links am Willy-Millowitsch-Platz. Allerdings – das muss ich zur Ehrenrettung der Brutalisten sagen  – ein Niederschlag auf einem weit heruntergebrochenen Level.

 

P1000020Genau gegenüber, vor dem Übergang zur Ehrenstraße an der Ecke zur St.-Apern-Straße, wiederum befindet sich eines der charmantesten Gebäude des ganzen Straßenzugs. 1890 bis 1895 errichtet, hat der Architekt die Ecksituation durch späte neugotische Formen aufgelockert, nicht ganz puristisch, nicht sakral, obwohl es auch eine Muttergottes ganz oben am Erker gibt. Die Fenster haben Spitzbögen, über die Fassade ziehen sich Flächenmaßwerk und sehr schöne Laubfriese, die die Geschosse voneinander trennen. Alles in allem eine reiche Gestaltung, mit der ein Stück Lokalkolorit und die Reminiszenz an das mittelalterliche Köln vermittelt werden sollen. Wie dieser Wunsch zum Schmücken, das Bemühen um Dekor verloren gegangen sind, macht der Nachbarbau aus den 1960er Jahren im direkten Vergleich besonders deutlich.

Eine weitere städtebauliche Eigenart zeigt exemplarisch das Haus Ehrenstraße 21, das mich übrigens auf die Idee für dieses ganze Flanieren mit dem Blick nach oben gebracht hat. Weil im Mittelalter die Steuerlast für Hausbesitzer nach der Gebäudeseite zur Straßenseite hin berechnet wurde, sind die Häuser sehr schmal, aber dafür möglichst tief. Viele Gebäude auf der Breite Straße wie auf der Ehrenstraße haben diese Situation bewahrt – bis hin zu Fassaden, die nicht viel breiter sind als ein großes Fenster. Doch selbst diese schmale Fassade hat der Architekt mit Säulen aufgewertet.

P1000024_2Späten Jugendstil mit Blumenranken, Kränzen, Schleifen, den typischen Schlingenformen an dem Tympanon zwischen zwei Mädchenköpfen – einer leider verwittert – zeigt Haus Nummer 40. Original aus dieser Zeit ist auch der einzige Balkon mit seinem Eisengitter aus ineinander geschobenen, nicht konzentrisch ausgerichteten Kreisen. Aus einer früheren Epoche, der Gründerzeit, stammt das Haus Nummer 44 gleich daneben. Da starrt einen ein Mann mit Muschelkopf, Voluten-Ohren und weit aufgerissenem Maul an. Auch hier befindet sich ein Balkon mit Eisengitter – und aus dem Vergleich mit dem Nachbargebäude ließe sich leicht eine Lehrstunde für Architekturstudenten über die Gegensätze zwischen Historismus und Jugendstil entwickeln.

P1000047_2Auch das Eckhaus zur Kleinen Brinkgasse links ist ein Stück Jugendstil, sicher an manchen Stellen bereinigt, aber insgesamt sehr charakteristisch. Hätte man mich vor kurzem nach Jugendstil auf der Ehrenstraße gefragt, hätte ich bestimmt den Kopf geschüttelt: Nein, hier doch nicht! Aber dann das hier: die Bogenformen, der herausgezogene Erker, auch die hervorschwingenden und dann wieder in die Fassadenfläche zurückgenommenen Balkone – das ist nicht der ganz verspielte, sondern der stärker geometrisch orientierte Jugendstil. Sehr charakteristisch, sehr qualitätvoll! Spannend, sich so etwas einmal anzusehen, und die Datierungshilfe auf das Jahr 1902 liefert die Fassade dankenswerterweise auch gleich mit.

Zur Benesisstraße hin zurückspringend, fällt linker Hand ein Werk des Architekten   (Herr Gruhl firmiert immer nur als Gruhl, ein Vorname ist nirgendsgenannt)Gruhl ins Auge: der Versuch, den internationalen Dekonstruktivismus nach Köln zu holen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Erfinder dieses Stils das Ergebnis goutieren würden, das jetzt dort oben – mehr oder weniger sinnvoll – die Dachzone ziert. Aber in dieser kölschen Variante liegt, so könnte man sagen, eben auch etwas Eigenes. Und es ist immerhin bemerkenswert, dass es den Dekonstruktivismus auch in die Ehrenstraße verschlagen hat.

In ihrem letzten Abschnitt vor den Ringen sind die Kriegsschäden vergleichsweise gering. Es haben sich noch viele Gebäude der Gründerzeit erhalten. Ich möchte Sie besonders auf das dreiteilige Ensemble mit den Hausnummern 84 bis 88 aufmerksam machen, an dem man die Architekturprinzipien jener Zeit sehr schön studieren kann. Jedes Haus ist für sich entworfen. Alle weichen in Proportionen und Geschosshöhen leicht voneinander ab. Für die Fassadengestaltung aber gab es regelrecht Kataloge, aus denen sich die Architekten bedienen konnten: dreieckige Giebel, runde Giebel, Keilsteine, Konsolen, Büsten und vieles mehr. Das alles ist damit natürlich standardisiert, aber bis heute sehenswert.

Ein kurzer Blick zurück auf das Haus Nummer 80/82: Hier geht die Gestaltung der späten 1920er, frühen 1930er Jahre weg vom  Jugendstil bereits ins Art Deco über – in einer verhärteten Form, mit diesen quadratischen Geländern, sehr streng. Das hat man auch nicht so häufig.

Ganz am Ende der Ehrenstraße noch einmal etwas sehr Gegensätzliches: Da ist zum einen das Haus Nummer 100 aus den 1990er Jahren mit auf- und zufahrbaren Fassadenelementen. Wenn sie geöffnet sind, stehen sie wie Querwände vor der Fassade. Im geschlossenen Zustand zeigenn sie ein Pflanzendekor, das sich über die ganze Fläche zieht – eine durchaus neue Entwicklung der Fassadengestaltung.

P1000043Ähnlich pompös wie das Entré zur Breite Straße mit den WDR-Arkaden ist dann auch der Abschluss der Ehrenstraße rechts: Diesmal handelt es sich um ein prachtvolles Gründerzeithaus. Zu den Ringen hin weist es einen schönen Ziererker auf. Gott sei Dank ist auch noch die originale Dachlandschaft mit einer fast kuppelförmigen Eckbetonung erhalten. Roter Sandstein und Ziegel wechseln einander sehr geschmackvoll ab. Achten Sie noch auch hier auf Schmuckelemente wie die geviertelten Muscheln: Das sind erneut Beispiele für Bauteile, die der Architekt fertig bestellen konnte und nur noch einmauern lassen musste. Aber hier eben als Bestandteil eines höchst anspruchsvollen Baus, mit dem unser Gang durch eine Kölner Einkaufsmeile, aber eben auch ein Jahrhundert Architekturgeschichte endet.

 

 

Der Kölner Dom in französischer Zeit

Dommodell_1870_klein

 

 

 

Dommodell 1870

„Es gibt keine Epoche der Kölner Stadtgeschichte, in der die Bevölkerung tiefgreifendere Veränderungen hinnehmen musste als in den zwanzig Jahren unter französischer Herrschaft. Hatte das Besatzungsregime ihr drückende und vielfach als ungerecht empfundene Abgaben auferlegt, so sah sie sich von 1798 an einer Umgestaltung fast aller Lebensbereiche ausgesetzt, die zum Teil tief in ihr Alltagsleben eingriff. Die auf ihre Vergangenheit so stolze Reichsstadt verlor nicht nur ihre Unabhängigkeit, die sie im Reichsverband genossen hatte, als Provinzstadt gelang es ihr auch nicht, zentralörtliche Funktionen im staatlichen Bereich zu gewinnen oder im kirchlichen zu behaupten.“

Mit diesen Sätzen beginnt Klaus Müller das Resümee seines verdienstvollen Bandes über die Geschichte der Stadt Köln in der Zeit der französischen Besatzung, nachdem er in dem Buch zuvor diese Epoche in allen Aspekten kenntnisreich untersucht und dargelegt hat.[1] Dort werden alle Geschehnisse ausführlich geschildert, im Folgenden wird nur das Geschehen um den Dom dargestellt.

Als die französische Revolutionsarmee siegreich vorrückte, beschloss das Kölner Metropolitankapitel mit Zustimmung des Erzbischofs Maximilian Franz am 18. Juni 1794, seinen Sitz ins sauerländische Arnsberg zu verlegen. Das Domkapitel fürchtete sowohl um die eigene Sicherheit als auch um seine wertvollen Schätze und Akten. Ab August dieses Jahres wurden die Archive des Domstifts, das Silberwerk und die Ausstattung der Marienkapelle nach Arnsberg geschafft.[2] Die Akten des Domkapitels waren bis dahin im Kapitelhaus am Dom untergebracht gewesen. Das Kapitelhaus war an die damalige Sakristei, die heutige Sakramentskapelle, nördlich am Dom angebaut und musste später dem Weiterbau des Nordquerhauses weichen. Während also die Akten des Domkapitels und des Erzstifts weitgehend nach Arnsberg ins Kloster Wedinghausen abtransportiert wurden, blieben die Akten des Bauarchivs, die ebenfalls im Kapitelgebäude lagen, im Dom zurück. Warum gerade diese Akten nicht mit gerettet wurden, darüber kann man nur spekulieren. Wahrscheinlich schienen Pläne, Baurechnungen und Handwerkerverträge nicht in gleicher Weise wichtig. Nach der Besetzung der Stadt im Oktober 1794 stellten die Franzosen Nachforschungen über den Verbleib der Kirchenschätze und der Archive an. Das in Köln verbliebene Gut und dabei auch die Akten des Dombauarchivs wurden auf 13 Wagen verladen und nach Frankreich abtransportiert.[3] Das Fehlen dieser Akten ist bis heute ein katastrophaler Verlust für die Erforschung des Doms und seiner Baugeschichte. Kein Teil davon ist wieder aufgefunden worden. Da der Verbleib dieses Bauarchivs bis heute unerforscht blieb, ist ungewiss, ob es noch irgendwo existiert. Der Verlust des Archivs ist für die wissenschaftliche Erforschung der Domgeschichte sicherlich der schmerzlichste Einschnitt aus französischer Zeit.

Dem Archiv und wichtigen Kostbarkeiten des Doms folgte im September 1794 der größte Teil der Dombibliothek, wozu 32 zweispännige Fuhren notwendig waren.[4] Noch im selben Monat wurden die noch vorhandenen Kostbarkeiten abtransportiert, darunter die Reliquien und der Schrein der Heiligen Drei Könige.

dommodell 1870

Bei Günter Cronau ist der zeitgenössische Bericht der dramatisch verlaufenden Flucht abgedruckt.[5] Es folgten noch Bibliothek, Paramente, Archiv und Kostbarkeiten des Priesterseminars, bevor auch Erzbischof Maximilian Franz Anfang Oktober aus seiner Residenz über Münster nach Mergentheim floh. Rechtzeitig, bevor die französischen Truppen Köln erreichten, setzte sich schließlich auch das Domkapitel nach Arnsberg ins Prämonstratenserkloster Wedinghausen ab. Dessen Abt, Franz Josef Fischer, musste auf Befehl des Erzbischofs sein Haus dem Domkapitel zur Verfügung stellen.[6] Nicht alle Domherren waren jedoch nach Arnsberg geflohen, einige verharrten in der Stadt. Das Domkapitel hatte zuvor beschlossen, dass die in Köln zurückbleibenden Mitglieder keinerlei Verfügungsgewalt über den Schatz und die Akten haben sollten. Das war natürlich als Schutz der in Köln verbliebenen Domherren vor Repressionen gedacht, führte jedoch in den nächsten Jahren zu erheblichen Problemen zwischen den beiden Gruppen.[7] Die weitaus meisten Mitglieder des Domkapitels waren im Sauerland und versuchten von dort, die Geschäfte soweit wie möglich fortzuführen und diejenigen Einnahmen zu generieren, die überhaupt noch einzutreiben waren. Aus Angst vor der französischen Armee wurden Akten und Kostbarkeiten immer weiter geschickt, über Bamberg und Prag nach Darmstadt.[8] Die Sorge um diese und die Einkünfte durchzieht die Domkapitelprotokolle, die vom 15. Jahrhundert bis zum Jahrgang 1802 noch vorhanden waren, bis sie beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs verschollen sind..[9] Die Sorge um das Domgebäude spielt in diesen Akten fast keine Rolle. Allerdings ist ihnen zu entnehmen, dass noch bis 1802 im Dom, vor allem in der Marienkapelle, Gottesdienste stattfanden, Domvikare wurden bezahlt, um an Stelle der Domherren Messen, vor allem Jahrgedächtnisse, zu lesen.[10] Der Domchor erhielt ebenfalls, wenn auch unter Schwierigkeiten, eine Entlohnung. Erst 1802 bekam er Anweisung, sich wegen der Bezahlung an die französischen Behörden zu wenden.[11] Bis 1799 müssen vor dem Hochaltar noch stets vier große Fackeln gebrannt haben, denn erst im September dieses Jahres wurde der Entschluss niedergeschrieben, sie aus Kostengründen nicht mehr brennen zu lassen.

Einige Angaben zur Geschichte des Gebäudes kann man diesen wichtigen Quellen doch entnehmen. Noch im Frühjahr 1794 ließ man in der Registratur neue Fenster einsetzen und den Platz vor dem Dom neu pflastern.[12] Im Herbst 1796 berichtet der „Registrator Walraf“, dass die Franzosen die Domkirche geschlossen hätten und die Gottesdienste jetzt in St. Maria in Pesch gehalten werden müssten. Er selbst werde mit Vikar Nettekoven Sakristei und Kapitelsaal ausräumen.[13] Beichtstühle aus dem Dom schaffte man in die Kirche Maria in Pesch. Ferdinand Franz Wallraf berichtet, dass der Dom in Gefahr stand, seiner Glasfenster beraubt zu werden, was dann aber doch unterblieb. Es wurden die hölzernen Wappenschilder der im Dom bestatteten Kanoniker entfernt und beim Öffnen der Gräber bronzene Teile und Skulpturen entwendet.[14] Für Dezember ist notiert, dass die Domkirche als Mehlmagazin diene. Im Frühjahr 1797 war die Kirche dann Haftstätte für die von den Franzosen festgesetzten kaiserlichen Soldaten. Ob diese Einquartierung, die offenbar keine langfristige war, tatsächlich so verheerend wirkte, wie Leonard Ennen schildert, ist zu bezweifeln. Laut Wallraf hatten die Gefangenen in der Kirche Feuer angezündet, um ihre Mahlzeiten zu bereiten, und dabei das gesamte hölzerne Mobiliar verbrannt. Der in Köln verbliebene Domherr Klemens August von Merle erhielt aber vom Kapitel in Arnsberg ausdrücklichen Dank dafür, dass er sich bei der Einquartierung so umsichtig verhalten habe. Ein Pferdestall, wie in Köln so gerne erzählt wird, ist der Dom offenbar nicht gewesen. Auch können die einquartierten Gefangenen nicht alles Holzwerk verbrannt haben.[15] Die hölzerne Kanzel, die im Langhaus stand, das Chorgestühl, das Gero-Kreuz und etliche andere Ausstattungsgegenstände, die in dieser Zeit im Dom waren, existieren ja bis heute. Die Umnutzung als Lager für Korn und als Gefängnis für Kriegsgefangene beschränkte sich offenbar auf das Langhaus und war auch für diesen Ort nicht ganz neu. Schon aus den Akten, die aus der Zeit vor der französischen Besetzung stammen, geht hervor, dass der Dom – das können nur Teile des Langhauses gewesen sein – Kölner Kaufleuten als Lager und den kaiserlichen Truppen als Depot gedient hat.[16] Was tatsächlich im Dom geschah, scheint durch keine Quellen genau überliefert zu sein, was natürlich nicht verwundert. Die Soldaten der einrückenden französischen Armee werden als armselig und abgerissen geschildert, es scheint aber zumindest zu Beginn keine Übergriffe oder Eingriffe in die Kirchen gegeben zu haben. Vor allem die Jesuitenkirche wurde dem kirchlichen Dienst völlig entzogen.[17] Für den Dom sind vor allem das Öffnen und Durchwühlen der Gräber überliefert. Auch die Schäden in der Gruft der Wittelsbacher Erzbischöfe und am Grabmal Erzbischofs Konrad von Hochstaden werden den französischen Soldaten zugeschrieben. Das ist gut denkbar, aber nicht belegt. Tatsächlich wurden bis 1802 – für die spätere Zeit gibt es keine Überlieferung – zumindest in der Marienkapelle weiter Messen gelesen. In diesem Jahr erfuhr der Dom durch die Errichtung des Bistums in Aachen eine weitere Einschränkung.[18] Der Dom war schon seit 1801 Pfarrkirche.[19] Im Dezember 1803 wurden die Reliquien der Heiligen Drei Könige, die bis dahin im Kloster Wedinghausen in Arnsberg geblieben waren, zuerst nach Deutz und von dort am 4. Januar 1804 unter Jubel und Ehrerbietung der Gläubigen und dem Geläut aller Glocken wieder in den Dom gebracht.[20] Auch der kostbare Schrein der Heiligen Drei Könige, der zuerst in Kisten verpackt ins Sauerland verbracht und von dort nach Frankfurt transportiert worden war, konnte, zwar beschädigt und etlicher Teile beraubt, 1803 von Frankfurt nach Köln zurückkehren.[21] 16 Kisten mit dem größten Teil des Domschatzes waren in Frankfurt im Haus des mit dem Kapitel befreundeten Geistlichen Stefan Franz Molinari untergebracht gewesen. Aus Geldnot hatte das Kapitel ihn mit dem Verkauf einzelner Teile beauftragt. Auf Veranlassung des in Arnsberg verbliebenen Domkapitels sollten die elf noch im Haus vorhandenen Kisten an die Regierung von Hessen-Darmstadt ausgeliefert werden. Molinari wagte die Flucht nach vorn und bat die französische Regierung um Hilfe. Diese beschlagnahmte die Kisten und ließ den Domschatz samt Dreikönigenschrein trotz des Protestes der Kapitulare aus Arnsberg im Juni 1803 wieder nach Köln bringen.[22] Am 6. Januar 1804 legte man offenbar die Reliquien wieder in den Schrein und stellte diesen an seine alte Stelle. Die große Zeit der Wallfahrten zu den verehrten Heiligen war aber dennoch für lange Zeit vorbei.

Von da an wird nicht mehr über Eingriffe in den Bau oder Übergriffe auf dessen Besitz berichtet. Allerdings war man nicht in der Lage, das Gebäude wirklich instand zu halten. Als die französische Kaiserin Josephine 1804 den Dom besuchte, schenkte sie eine größere Geldsumme, um das Gebäude ausbessern zu lassen. Das war aber nicht genug, um den Verfall aufzuhalten. Auch Kirchen- und Stadtgemeinde waren nicht in der Lage, dafür genügend Geld aufzubringen. Man kann also nicht davon ausgehen, dass irgendetwas Bedeutendes zur Erhaltung des Gebäudes unternommen wurde. Die finanzielle und rechtliche Situation hat das wohl unmöglich gemacht. 1807 wurde immerhin Geld bewilligt und ausgegeben, um die größten Schäden an den Dächern und in den Seitenkapellen zu beheben.[23] 1811 wurde der barocke Dachreiter auf Empfehlung des Baurats Georg Moller aus Darmstadt demontiert. Sein Gewicht hatte nach des Sachverständigen Meinung das altersschwache Chordach zu sehr belastet.[24] Die Bitte an Kaiser Napoleon anlässlich seines Besuchs 1811 in Köln, für den Dom Mittel bereitzustellen, blieb ohne Resonanz. In den Jahren 1809 bis 1811 fanden im Dom große Festlichkeiten statt, etwa Dankesmessen anlässlich napoleonischer Siege, Friedensschlüsse und der Kaiserkrönung.[25] Auch nach dem Einzug der Alliierten in Paris am 17. April 1814 wurde ein Tedeum im Dom gefeiert.

Einen Zustandsbericht über das Gebäude haben wir erst wieder aus preußischer Zeit. Mehrere Anträge an das preußische Ministerium beschreiben die dramatisch schlechte Situation des Gebäudes und beinhalten die Bitte um Geldmittel. Die systematische Reparatur begann aber erst 1824 unter dem preußischen Bauinspector Friedrich Adolf Ahlert.[26].

Doch eine wichtige, für das weitere Schicksal des Doms entscheidende Entwicklung begann schon während der Zeit der französischen Besatzung der Stadt. Der Kölner Kaufmann Sulpiz Boisserée kam 1799 nach einer Ausbildung in Hamburg nach Köln zurück, wo seine Familie ein Handelshaus besaß. Er musste erleben, wie Kölner Kirchen ausgeräumt und abgerissen wurden. Das hat den jungen, leidenschaftlichen Mann ebenso schockiert, wie es ihn angespornt hat, dem entgegenzuwirken. Gemeinsam mit seinem Bruder Melchior und dem von romantischen Ideen begeisterten Freund Johann Baptist Bertram kaufte er Kunstwerke, um sie vor Zerstörung oder Verschleuderung zu schützen. Auf der anderen Seite widmete er sich dem Kölner Dom. Boisserée ließ mit großen finanziellen Mitteln die noch vorhandene Bausubstanz aufmessen sowie Grund- und Aufrisszeichnungen anfertigen und gab dann ein großes Stichwerk in Auftrag, das den Dom „in antizipierter Vollendung“ zeigt.[27] Dieses erschien zwar erst 1821, doch die Arbeiten begannen viel früher. Schon 1808 beschäftigte der Kaufmann drei Zeichner. Er suchte Mitstreiter und begeisterte schließlich auch Johann Wolfgang von Goethe, den er 1811 in Weimar besuchte, für seine Idee der Domvollendung. Noch 1813 traf sich Boisserée mit dem jungen preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, den er ebenfalls für diese Idee gewinnen konnte. Wenn auch die breite Bewegung für die Domvollendung erst ab 1814, nach der Übernahme durch die preußische Verwaltung, einsetzte und die Bauarbeiten erst 1842 begonnen werden konnten: Die Grundlagen dazu hatten Sulpiz Boisserée und seine Mitstreiter schon in der Zeit vorher gelegt.[28] Vielleicht ist sogar die Frage erlaubt, ob ohne die französische Besatzung die Begeisterung für das Projekt Domvollendung so groß gewesen wäre.

Anders als in anderen besetzten Gebieten wurden in Köln kaum Kunstwerke konfisziert, die „Kreuzigung Petri“ von Peter Paul Rubens war die eine, wenn auch bedeutende Ausnahme. Lediglich das Jesuitenkolleg musste schwere Verluste erleiden.[29] Einschneidende Folgen hatte aber die Säkularisation. Müller schildert anschaulich die dramatischen Szenen, die sich nach dem Dekret vom 9. Juni 1802, das die Aufhebung der geistlichen Institutionen anordnete, abspielten.[30] Doch etliche Kölner, vor allem Ferdinand Franz Wallraf und die Gebrüder Boisserée, versuchten wenigstens die bedeutendsten Stücke zu retten. Sie sind heute im Wallraf-Richartz-Museum in Köln und in der Münchner Alten Pinakothek zu finden. So furchtbar die Vernichtung und Zerstreuung der Altarwerke aus Kölner Kirchen war, der Dom hat letztendlich davon profitiert. Der hochgeschätzte Altar der Stadtpatrone von Stephan Lochner wurde nach einem von Boisserée und Wallraf angestifteten Antrag des Dompfarrers 1809 vom Rathaus, wo er offenbar versteckt worden war, in den Dom gerettet und konnte 1810 dort in der Agneskapelle aufgestellt werden.[31] Der aus dem 14. Jahrhundert stammende Clarenaltar aus dem Kloster St. Clara wurde wiederum auf Initiative Wallrafs und Boisserées am 13. Februar 1811 in den Dom gebracht und zuerst in der Johannes-Kapelle und tatsächlich mehrere Jahre hinter dem Hochaltar aufgestellt. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Flügelaltäre der Rheinlande.[32] Der große Antwerpener Schnitzaltar, der dem heiligen Bischof Agilolphus geweiht war und aus der Kirche Maria ad Gradus stammte, folgte. Auch die eindrucksvollen typologischen Glasfenster aus der Dominikanerkirche fanden im Dom eine neue Heimat.

Für den Dom waren die Jahre zwischen 1794 und 1814 eine Zeit tiefgreifender Veränderungen und Verluste, doch konnte der Dom, wie gezeigt wurde, auch von den Ereignissen der Zeit profitieren.

 

[1] Klaus Müller: Köln von der französischen zur preußischen Herrschaft 1794–1815. Geschichte der Stadt Köln, im Auftrag der historischen Gesellschaft hrsg. v. Hugo Stehkämper, Bd. 8, Köln 2005, S. 407.
[2] Joachim Oepen hat über das Schicksal der Archive ausführlich berichtet: Das Schicksal der Archive des Kölner Domkapitels, des Erzstiftes sowie des Generalvikariats, in: Zuflucht zwischen den Zeiten. 1794–1803. Kölner Domschätze in Arnsberg, Ausst.-Kat., hrsg. von Michael Gosmann, Arnsberg 1994, S.159–171.
[3] Ebd.,S. 162.
[4] Günter Cronau: Das Kölner Domkapitel und die Hl. Drei Könige im Sauerland, in: Zuflucht zwischen den Zeiten, 1994, S. 19–24, hier S. 19.[5] Ebd., S.19f.
[6] Ebd., S. 20.
[7] Domkapitelprotokolle 1795, 13. Juli, fol.121v-125r.
[8] Oepen: Das Schicksal, 1994, S. 168.
9 Die Domkapitelprotokolle 1794-1802 wurden von Klaus Millitzer bearbeitet bevor sie 2009 ein Opfer des Archiveinsturzes wurde. Millitzers Aufzeichnungen liegen dem Dombauarchiv in digitaler Form vor.[10] Domkapitelprotokolle 1802, 6. Februar, fol.6v.
[11] Domkapitelprotokolle 1802, 9. Juni, fol. 32.
[12] Domkapitelprotokolle 1794, 4. Juni, fol. 257.
[13] Domkapitelprotokolle 1796, 30. November, fol. 202r-203v.
[14] Leonard Ennen: Der Dom zu Köln von seinem Beginne bis zu seiner Vollendung. Festschrift gewidmet den Freunden und Gönnern aus Anlaß seiner Vollendung vom Zentral-Dombauverein, Köln 1880, S. 99 f.
[15] Ebd., S. 100.
[16] Domkapitelprotokolle 1794, 16. Juli, fol. 318.
[17] Müller: Köln, 2005, S. 284.
[18] Ebd., S.. 288.
[19] Ebd., S. 296 f.
[20] Ebd., S. 300; Michael Gosmann: Fluchtwege und Fuhrleute – Wege der Kölner Domschätze im Sauerland, in: Zuflucht zwischen den Zeiten, 1994, S. 173–176.
[21] Ein ausführlicher Bericht über die Beschädigungen und die dann erfolgte Wiederherstellung wird 2014 erscheinen: Dorothee Kemper: Die Goldschmiedearbeiten am Dreikönigenschrein (= Studien zum Kölner Dom 11).
[22] Markus Wild: Das Schicksal des Domschatzes nach der Flucht in das Kloster Wedinghausen bei Arnsberg (1794–1804), in: Zuflucht zwischen den Zeiten, 1994, S.145–151.
[23] Ennen: Der Dom, 1880, S. 101.
[24] Ebd., S. 107–110.
[25] Ebd., S.101.
[26] Ebd., S. 105–119; Thomas Schumacher: Großbaustelle Kölner Dom. Technik des 19. Jahrhunderts bei der Vollendung einer gotischen Kathedrale (= Studien zum Kölner Dom 4), Köln 1993, S. 15–36.
[27] Sulpiz Boisserée: Ansichten, Risse und einzelne Teile des Doms von Köln, Köln 1821.
[28] Renate Eichholz: Sulpiz Boisserée und der Dom zu Köln. Versuch einer Biographie, in: Der Kölner Dom im Jahrhundert seiner Vollendung. Ausst.-Kat., hrsg. v. Hugo Borger, Köln 1980, Bd. 2, S. 17–23.
[29] Müller: Köln, 2005, S. 376.
[30] Ebd., S. 379–390.
[31] Ebd., S. 397 f. 
[32] Christa Schulze-Senger/Wilfried Hausmann: Der Clarenaltar im Kölner Dom (= Arbeitshefte der Rheinischen Denkmalpflege 64), Worms 2005, S. 12.

Entstellte, alte Schönheit

Hahnenstrasse_9

 

Als ich Vorlesungen für Architektur- und Stadtbaugeschichte in Erlangen hielt, kam darin immer die Hahnenstraße vor. Kurz nach dem Krieg war sie ein städtebauliches Novum. Denn anders als bis dahin üblich, hatte der Architekt Wilhelm Riphahn (1889 bis 1963) die Idee, bei der Neugestaltung der Ost-West-Achse zwischen Rudolfplatz und Neumarkt Arbeit und Privatsphäre der Menschen voneinander zu trennen. Wir kennen das bei großen Häusern in Innenstadtlage  ja normalerweise so: unten ein Ladenlokal, in den Etagen darüber Büro und Wohnungen. Riphahn dagegen stellte von 1946 bis 1949 in direkter Nähe zur Straße niedrige, einstöckige Pavillons hin, verlegte die Wohntrakte dafür nach hinten und sah dazwischen kleine Gärten vor. Das Ergebnis: Vorn liegt die Ladenzeile, von deren Betrieb die Bewohner nach hinten hin ein bisschen abgeschirmt sind. Das ergibt einen lockeren, luftigen Gesamteindruck mitten in der City.

Die Hahnenstraße ist aber noch aus einem anderen Grund etwas Besonderes: Man wollte hier bewusst Kommerz und Kultur miteinander mischen. Deshalb der Neubau der „Brücke“ und eines der größten und  berühmtesten Uraufführungs-Kinos dieser Zeit in ganz Deutschland, der „Naturlichtspiele“. Der Bau ist allerdings nicht mehr vorhanden, er wurde 1986 abgerissen.

Dieses Ensemble war ursprünglich sehr elegant. Riphahn setzte auf äußerste Zurückhaltung als Gestaltungsprinzip. Deswegen zum Beispiel die ganz schmalen, dünnen Vordächer an den Geschäftspavillons. Der Laden des Pelzgeschäfts „Adriani“, eines Kölner Traditionsunternehmens, lässt noch am ehesten erahnen, wie es einmal hier aussah. Insgesamt aber ist davon leider wenig übrig geblieben. Der Wirt im Restaurant „Riphahn“ auf der anderen Straßenseite hat mir vorhin ganz stolz Bildbände mit alten Fotografien gezeigt, auf denen man den Originalzustand sehr schön erkennen kann, bevor dann die Verwilderung durch Reklame einsetzte, wie man sie zum Beispiel auch am „Haus Appelrath“ sieht. Für das Lokal im Eckhaus zu den Ringen hin wurden in der ersten Etage große Flächen für Panoramascheiben in die Außenmauer gebrochen, wo Riphahn im Original nur relativ kleine Fenster vorgesehen hatte. Na ja, das sind vielleicht die Anforderungen moderner Gastronomie. Damit kann man sich arrangieren.

Geschäfte und Gastronomie in der Hahnenstraße

Am allerschlimmsten freilich wirkt die Entstellung von Riphahns Planung durch das Eckhaus Hahnenstraße 15 aus den 1980er Jahren. Ausgerechnet anstelle des Querblocks, den der Architekt einmal als formalen Abschluss der Anlage konzipiert hatte. Ich verstehe überhaupt nicht, wie sich da ein Kollege Riphahns mit Tunnelblick und einer seltsamen Leidenschaft für Klinker und eloxiertes Aluminium austoben durfte – und wie er das dann von der Stadt auch noch genehmigt bekam, ohne jede Rücksicht auf die Umgebung und den vorhandenen Baubestand. Schlimm, dieses Scheusal, ganz schlimm! Aber an einen Rückbau ist heute natürlich nicht mehr zu denken, man wird dieses Ding da nicht mehr wegbekommen.

Wohl aber habe ich die Hoffnung, dass die Hahnenstraße in das Sanierungskonzept für  Neumarkt und Rudolfplatz einbezogen und zumindest von dem überflüssigen, störenden Schilderwald befreit wird. Außerdem könnte die Stadt ja mal mit den Ladeninhabern reden, dass sie mit ihrer Werbung die Vordächer nicht gar so verschandeln, wie das zurzeit der Fall ist. So ließe sich diese Einfallschneise von den Ringen zum Neumarkt, wahrlich eine urbane Filet-Lage, mit einfachen Mitteln aufwerten. Und vieles von der alten Schönheit käme wieder zum Vorschein, für die die Hahnenstraße einst weit über Köln hinaus berühmt war.

Weiterführende Informationen bietet der von Wolfram Hagspiel, Hiltrud Kier und Ulrich Krings herausgegebene Band „Köln. Architektur der 50er Jahre“. Das 1986 im Verlag Bachem erschienene Buch ist vergriffen, aber im modernen Antiquariat erhältlich.

Die ISBN lautet 3-7616-0858-6.

Qualität außen wie innen

In den 1950er und 1960er Jahren gehörten Schulen zu den edelsten Bauaufgaben überhaupt. Zwar schwammen die Kommunen damals auch nicht gerade im Geld. Trotzdem gab es ein allgemeines Einverständnis darüber, dass Schulbauten anspruchsvoll zu sein hätten. Nach der Zivilisationskatastrophe des „Dritten Reichs“ sollten Bildung und Erziehung verhindern helfen, dass es je wieder zu solchen Verirrungen kommen würde wie in der Nazi-Zeit. Sie finden kein Architekturheft aus jener Zeit, in der nicht eine vorbildliche Schule vorgestellt worden wäre. Berühmte Architekten bemühten sich um Bauaufträge für Schulen. Viele Architekturpreise gingen an Schulbauten.

Während sie in der Vorkriegszeit oft eintönig waren mit langen Fluren und einem Klassenraum am anderen, bevorzugte man nach dem Krieg das skandinavische Prinzip: das Ganze eher aufgelockert, mit Grün versehen. Das Gymnasium Kreuzgasse mit seiner Lage mitten im Grüngürtel ist deshalb so charakteristisch wie zeittypisch.

Der Entwurf für das Kerngebäude aus den Jahren 1952/53 stammt von Karl Hell (1908 bis 1999), der in dieser Zeit viele Schulen für die Stadt gebaut hat. Die von ihm bereits vorgesehenen Erweiterungsbauten wie zum Beispiel eine Turnhalle wurden später errichtet, allerdings nicht mehr nach den originalen Plänen.

Natürlich, Sie finden auch hier einen dreistöckigen Block mit Klassenräumen vor. Aber Hell bemühte sich außen wie innen um Qualität, um Sorgfalt in Proportion und Ausstattung. Schauen Sie sich nur das Treppenhaus oder den oberen Abschluss der Geschosse mit ihrem Betonmaßwerk an. Man erkennt den Wunsch nach Gestaltung, die auch einen positiven Einfluss auf die Schüler haben sollte. Diese Art zu bauen endet abrupt mit den Betongebirgen der 70er Jahre.

Umso wichtiger ist es, die Erinnerung daran zu bewahren, wie wichtig Köln in den 50er Jahren seine Schulbauten nahm. Das Problem: Schule verändert sich, muss sich verändern. Also auch die Gebäude. In den 70er Jahren ging es da erst mal schlicht um Kapazitäten, als die geburtenstarken Jahrgänge auf die weiterführenden Schulen drängten und die Politik das Ziel ausgab, möglichst viele Jugendliche zum Abitur zu führen. Heute entsprechen die alten Gebäude nicht mehr den neuen Erfordernissen von Ganztagsbetreuung oder Inklusion. Oft fehlen Küchen, Speisesäle, Sozialräume, behindertengerechte Zugänge und vieles mehr. Hier im Gymnasium Kreuzgasse haben die alten Klassenräume noch nicht mal einen Wasseranschluss. Um den Schwamm für die Tafel nass zu machen, muss einer mit dem Eimerchen den ganzen Flur runter laufen. Die neue Direktorin, Dr. Claudia Fülling, berichtet mir noch von manch anderen Schwierigkeiten: Da macht die Installation eines WLAN-Netzes Probleme, da beschweren sich Lehrer und Schüler über eine unzumutbare Akustik in den hohen Räumen. Wenn da einer nur ein bisschen mit Papier raschelt oder einen Stift fallen lässt, sei das gleich ein gewaltiger Krach.

Ich verstehe solche Klagen. Aber unverständlich ist mir der Versuch, dem Denkmalschutz alles in die Schuhe zu schieben, was an den Schulen im Argen liegt. In Köln wird jetzt sogar darüber diskutiert, den Denkmalschutz für die Schulen generell aufzuheben. Das ist keine Lösung. Dahinter steckt eine Denke, die Denkmalschutz für etwas Störendes und Kostentreibendes hält, worauf man notfalls ganz schnell verzichten sollte. Aber genau das ist eben nicht wahr. Denkmalschutz bewahrt Stadtarchitektur, gute Stadtarchitektur. Man würde das Beste verwerfen, was die 1950er und 1960er Jahre an Architektur hervorgebracht haben, wenn man die Schulen dieser Zeit völlig aus dem Denkmalschutz herausnähme.

Wenn ich an den Schulen nachfrage höre ich, dass die Verantwortlichen dort selber nicht im Detail wissen, wo die Auflagen beginnen und wo sie enden. Oft genug bremst nicht der Denkmalschutz sinnvolle Veränderungen und notwendige Veränderungen aus, sondern die Geldnot der Stadt und die Unbeweglichkeit der Verwaltung.

Natürlich lässt sich der Baubestand denkmalgeschützter Schulen nicht pur erhalten. Das wäre Konservatoren-Fundamentalismus. Zugegeben, manchmal neigen die Denkmalschützer dazu. Aber das liegt auch daran, dass sie so stark unter Beschuss stehen und sich dann zur eigenen Verteidigung in die Schützengräben, hinter die Barrikaden von Rechtsnormen und Vorschriften begeben. Dem neuen Stadtkonservator Dr. Werner ist dieser Vorwurf freilich nicht zu machen.

Sicherheitsbestimmungen sind zu erfüllen. Energetische Aufwertung muss sein, für neue pädagogische Konzepte braucht es den geeigneten Raum. Aber nicht, indem man den Denkmalschutz einfach hinten runter kegelt. Vielmehr müsste die Stadt Stadtkonservator, Gebäudewirtschaft und Schulamt an einen Tisch holen, damit sie gemeinsam passende Lösungen finden. Intelligenten Leute mit gutem Willen gelingt das fast immer.

Untergang eines Baudenkmals – Sidol-Werke

sidol_1_kAm Beginn des 20. Jahrhunderts gründeten die Kaufleute Otto Siegel und Eugen Wolff in Köln 1903 die Chemische Fabrik Siegel & Co., die sie 1911 in die Eupener Straße verlegten. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Firma ungeheuren Erfolg mit ihrem Metallputzmittel Sidol, das später sogar dem ganzen Betrieb seinen Namen gab.

Eugen Wolff war aber nicht nur ein cleverer Unternehmer. Er hatte auch Sinn für Architektur. Für den Neubau seines Werks in Braunsfeld gab er einen Entwurf in Auftrag, den Otto Müller-Jena im modernsten internationalen Stil erstellte. Die Anlage ist das erste Stück Bauhaus-Architektur seiner Art in Köln und eines von ganz wenigen im Rheinland.

Die Produktion auf dem Gelände der Sidol-Werke ist seit 30 Jahren eingestellt, das Unternehmen verkauft. Nach jahrelanger Zwischennutzung ist die ganze Immobilie an einen Investor gegangen, der dort sehr schicke Wohnungen errichtet. Zwar stand das Werk schon beim Verkauf unter Denkmalschutz, und der neue Eigentümer wusste das auch. Trotzdem beantragte er 2009 den Abriss und kam damit bei der damaligen, nicht immer glücklich agierenden Stadtkonservatorin Renate Kaymer auch durch. In Braunsfeld und Müngersdorf kämpfen Bürgervereine seither für den Erhalt. Aber nach erteilter Abbruchgenehmigung ist erfahrungsgemäß nichts mehr drin. Überlegen Sie nur einmal, was für Regressforderungen auf die Stadt Köln zukämen, wenn sie jetzt einen Rückzieher machte! Mit gutem Willen des Investors ließe sich vielleicht wenigstens ein Teil der Anlage erhalten. Allerdings ist meine Hoffnung gering. Die Neubaupläne dürften längst fertig sein, und in meinen Gesprächen haben bei der Stadt alle mit dem Kopf geschüttelt und abgewinkt: Keine Chance, Frau Schock-Werner!

So ist diese Kolumne zum einen ein wehmütiger Nachruf auf ein einmaliges Baudenkmal der klassischen Moderne und der Kölner Industriegeschichte, verbunden mit der Einladung zu einem Abschiedsbesuch vor seinem endgültigen Verschwinden. Zum anderen soll der Untergang der Sidol-Werke ein mahnendes Negativ-Exempel dafür sein, wie es im Umgang mit unserem Architektur-Erbe nicht laufen sollte. Ich bin mir sicher, der heutige Stadtkonservator Thomas Werner würde den Abbruch ebensowenig genehmigt haben wie Kaymers Vorgänger Ulrich Krings.

Der Ruf nach Wohnraum in einer Stadt Köln ist gewiss verständlich, und sicher hätte man die Braunsfelder Industriebrache nicht 1:1 dafür hernehmen können. Aber mit etwas Sensibilität hätte man sowohl die Wohnungsnot mildern als auch den Denkmalschutz wahren und damit zwei Bedürfnisse der Kölner Bürger berücksichtigen können. Kompromisse gibt es immer, sage ich gern, und die müssen nicht einmal faul sein. So hätte eine Ansammlung von Ateliers, Studios, Werkstätten und Industrielofts im historischen Baubestand mitten auf dem Gelände einer künftigen Wohnanlage der sozialen Mischung sicher gut getan. Auch rein ästhetisch wären bauliche Details wie der alte Wasserturm oder der Schornstein der Sidol-Werke – beide stehen noch – für das Erscheinungsbild der so schicken wie stereotypen und sterilen Wohnarchitektur von ausgesprochen großem Reiz. Offenbar ist der neue Eigentümer für derlei Ideen ja auch nicht komplett unempfänglich. Im vorderen Teil des Geländes etwa bleibt der nach dem Zweiten Weltkrieg ergänzte, aber dem Bestand stilistisch sehr gut angepasste Werkseingang mit zwei halbrunden Pavillons als altes und neues Entrée erhalten. Ähnlich hätte man auch mit der eigentlichen Fabrikanlage im Westen des Geländes umgehen können.

Leider ist es anders gekommen. Passiert ist passiert. Aber ich will mit Ihnen heute zumindest mein Bedauern darüber teilen.

Himmelsauge im Festungsbau – Der Bayenturm

Bayenturm_14Mein Ziel ist heute der Bayenturm im Rheinauhafen, der FrauenMediaTurm, wie er auch heißt. Moment, werden Sie jetzt vielleicht sagen, hat die Schock-Werner nicht damit zu tun?

Stimmt! Ich bin mit dem FrauenMediaTurm seit langem verbunden – zum einen als „Emma“-Leserin der ersten Stunde und bekennende Feministin, zum anderen institutionell in den Gremien der Stiftung, die Trägerin des FrauenMediaTurms und seiner Arbeit ist. Nachdem Alice Schwarzer und ich „Botschafterinnen“ für die Bewerbung Kölns als Kulturhauptstadt Europas 2003/2004 gewesen waren, hat sie mich zunächst in den Stiftungsbeirat geholt, dem Professorinnen verschiedener Fachrichtungen angehören. Solche Kreise fand ich immer spannend, weil sie den Blick über die eigene Disziplin hinaus weiten und man immer allerhand erfährt. Inzwischen habe ich im Vorstand der Stiftung den Platz von Ursula Scheu übernommen, die sich aus Altersgründen zurückgezogen hat. Der Vorstand muss unter anderem die Finanzen prüfen, wobei ich gleich dazu sage, dass die eigentliche Arbeit von Wirtschaftsprüfern, von echten Profis, erledigt wird. Und ich kann sagen: Die Stiftung ist – in ihrem bescheidenen Rahmen – absolut solide und seriös aufgestellt. Seltsam, dass man das offenbar eigens betonen muss, aber so ist das wohl.

Bayenturm_4Und ich auch gar nicht oft genug sagen kann: Der Bayenturm mit Bibliothek und Archiv ist kein „closed shop“ oder so etwas. „Da kommt man doch gar nicht rein“, höre ich in der Stadt immer wieder. Absoluter Quatsch! Der Turm ist für Besucher offen, man kann ihn besichtigen, es gibt sogar regelmäßige Führungen. Ich kann Ihnen den Besuch nur empfehlen, denn nicht nur für Kölner ist der Bayenturm ein bemerkenswerter Ort.

Bayenturm_3_bearbeitet-1Er gehörte zur mittelalterlichen Stadtbefestigung, die in ganz Europa berühmt war, und bildete darin das Herz ihrer Südost-Ecke. In Richtung Norden nahm hier die rheinseitige Mauer ihren Ausgang, in Richtung Westen schloss sich die Landmauer in ziemlich gerader Linie bis zum Severinstor an. Der halbkreisförmige Ring vom Ende des 12. Jahrhunderts war ausnahmsweise ein Gemeinschaftswerk der Kölner Bürgerschaft und des ihres Erzbischofs. Der damalige Amtsinhaber, Philipp von Heinsberg (1130 bis 1191), hatte gerade Krach mit dem Kaiser und fürchtete sich vor einem Angriff. Deshalb half er den Kölnern bei der Errichtung ihres Festungswerks. Das hielt seine Nachfolger im 13. Jahrhundert allerdings nicht davon ab, just den Bayenturm zu einer gegen die Stadt gerichteten Burg auszubauen. 1261 nahmen die Bürger sie ein, schleiften sie und ließen nur den Turm selbst stehen. Fortan wurde er so auch zum Symbol für den Freiheits- und Selbstbehauptungswillen der Kölner Bürger. Deshalb verschonte man ihn auch bei der Schleifung der Stadtmauer im 19. Jahrhundert. Bis zum Zweiten Weltkrieg beherbergte der Turm verschiedene Museen. Für die Besucher wurde im 19. Jahrhundert längsseitig eigens eine Treppenanlage gebaut. Hierüber war der Zugang auch an Sonn- und Feiertagen möglich. Denn eigentlich stand der Turm auf dem damaligen Hafengelände, das nur werktags geöffnet war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war vom Bayenturm nur mehr ein Stumpf übrig, und erst in den 1980er Jahren entschloss sich die Stadt, unterstützt von der berühmten Stadtkonservatorin Hiltrud Kier, zum Wiederaufbau. Damit begann aber auch ein Streit über die künftige Nutzung. Das muss ein wahrer Krimi gewesen sein. Darin mischten verschiedene Karnevalsgesellschaften mit, die in den Turm einziehen wollten. Andere wollten darin ein „Haus des Jazz“ etablieren. Und dann gab es da noch – die Frauenbewegung.

Ich habe in den 70er Jahren selbst mitbekommen, wie sich Frauen im Kampf um Gleichberechtigung zusammenfanden, eine Gruppen-Identität ausbildeten und dabei auch nach den historischen Wurzeln des Frauenprotests fragten. Es stellte sich heraus, dass es ganz schwer war, dafür an Unterlagen und Dokumente zu kommen. Deshalb gründete Alice Schwarzer in den 80er Jahren das „Frauenarchiv“. Dahinter steht eine gemeinnützige Stiftung, für die Jan Philipp Reemtsma seinerzeit ein Startkapital von umgerechnet 5,1 Millionen Euro bereitgestellt hat.

Es kam dann die Idee auf, das Archiv im Bayenturm unterzubringen. Das löste wiederum heftigste Diskussionen aus, setzte sich aber letztendlich durch – übrigens auch mit Hilfe vieler Männer. Ich nenne stellvertretend den ehemaligen Oberstadtdirektor Kurt Rossa. Die Architektin Dörte Gatermann sollte im bereits laufenden Wiederaufbau des Turms eine Innenausstattung als Bibliothek und Archiv vornehmen. Gatermanns Entwurf gehört sicher zum Besten, was damals in Köln und darüber hinaus in puncto Innenarchitektur verwirklicht wurde: realisiert mit sparsamsten Mitteln, sehr schick, sehr elegant, sehr modern – und zugleich mit Respekt für die historistische Rekonstruktion des Äußeren.

Ringsum an den Wänden hat sie über mehrere Stockwerke hinweg einfache, zweckmäßige Regale für die Archivalien vorgesehen und an einer Eisenkonstruktion von der Decke eine Galerie abgehängt. In der Mitte des Raums wurde ein Lift eingezogen, dessen Wellblechverkleidung gleich wieder ein Statement ist: Schaut her, es braucht keine edlen, sündhaft teuren Materialien, um einen hochwertigen Eindruck zu erzeugen! Besonders gut gefällt mir auch, wie die Architektin das Beleuchtungsproblem gelöst hat. So ein mittelalterlicher Wehrturm hat bestimmungsgemäß nur wenige, kleine Fenster. Um das auszugleichen, hat Gatermann ein Glasdach eingebaut. „Himmelsauge“ nennt sie dieses Oberlicht, durch das die ganze Bibliothek Tageslicht bekommt. Das tut der Atmosphäre im Raum ausgesprochen gut und ist auch für die Bibliotheksbenutzer angenehm. Insgesamt ist hier wirklich etwas Einmaliges entstanden: die Verbindung von Stadtgeschichte mit einer ungewöhnlichen zeitgenössischen Nutzung.

Durch die jüngste städtebauliche Entwicklung ist der Turm, der lange Zeit mehr oder weniger isoliert stand, mittlerweile zum Bestandteil des schicksten Quartiers von ganz Köln geworden, dem Rheinauhafen. Der gefällt mir ja ausnehmend gut. Mit einer Ausnahme, wie ich gestehe: Die Kranhäuser finde ich einfach problematisch. Hintereinander gestellt, wirken sie sehr wuchtig, wie eine Art Wall. Zudem ist wider alle architektonische und wirtschaftliche Vernunft eine Bauform umgesetzt worden, bei der Aufwand und Ertrag, im Grunde nicht mehr als ein Gag, in keinem Verhältnis stehen. Aber ich komme vom Thema ab…

Zwischen dem FrauenMediaTurm, wie das Archiv inzwischen heißt, und der Stadt Köln gibt es bis 2061 einen Erbbauvertrag. Er sieht unter anderem vor, dass sämtliche Unterhaltskosten von der Trägerin aufgebracht werden müssen, der auf Reemtsma zurückgehenden Stiftung. Wie man sich leicht denken kann, hat sie in Zeiten schlechter Kapitalverzinsung und niedriger Erträge ihre liebe Not, das erforderliche Geld aufzubringen. Andere städtische Institutionen, gerade auch die Museen, werden inzwischen geradezu angehalten, durch Vermietung ihrer Räume etwas zur Finanzierung beizutragen. Nur dem FrauenMediaTurm hat die Stadt das übelgenommen, bloß weil im Pachtvertrag steht, dass alle Fremdbelegungen genehmigt werden müssen. Diese Strenge fand ich schon bizarr. Aber denken wir positiv – und halten wir fest: Die Stadt Köln und Kölner haben allen Grund zum Stolz auf ihren Bayenturm mit allem, was dazugehört.

FrauenMediaTurm

Führungen finden am letzten Donnerstag im Monat – oder nach persönlicher Vereinbarung – statt. Voranmeldung erbeten.

Nutzung 2013:

  •    ca. 1000 Besucher (Benutzung der Bibliothek und Turmbesichtigungen)
  •    ca. 500 Fernleihen von Büchern und Aufsätzen
  •   ca. 110.000 Datenbankrecherchen

(alle Angaben: FrauenMediaTurm)

Qualität außen wie innen

In den 1950er und 1960er Jahren gehörten Schulen zu den edelsten Bauaufgaben überhaupt. Zwar schwammen die Kommunen damals auch nicht gerade im Geld. Trotzdem gab es ein allgemeines Einverständnis darüber, dass Schulbauten anspruchsvoll zu sein hätten. Nach der Zivilisationskatastrophe des „Dritten Reichs“ sollten Bildung und Erziehung verhindern helfen, dass es je wieder zu solchen Verirrungen kommen würde wie in der Nazi-Zeit. Sie finden kein Architekturheft aus jener Zeit, in der nicht eine vorbildliche Schule vorgestellt worden wäre. Berühmte Architekten bemühten sich um Bauaufträge für Schulen. Viele Architekturpreise gingen an Schulbauten.

Während sie in der Vorkriegszeit oft eintönig waren mit langen Fluren und einem Klassenraum am anderen, bevorzugte man nach dem Krieg das skandinavische Prinzip: das Ganze eher aufgelockert, mit Grün versehen. Das Gymnasium Kreuzgasse mit seiner Lage mitten im Grüngürtel ist deshalb so charakteristisch wie zeittypisch.

Der Entwurf für das Kerngebäude aus den Jahren 1952/53 stammt von Karl Hell (1908 bis 1999), der in dieser Zeit viele Schulen für die Stadt gebaut hat. Die von ihm bereits vorgesehenen Erweiterungsbauten wie zum Beispiel eine Turnhalle wurden später errichtet, allerdings nicht mehr nach den originalen Plänen.

Natürlich, Sie finden auch hier einen dreistöckigen Block mit Klassenräumen vor. Aber Hell bemühte sich außen wie innen um Qualität, um Sorgfalt in Proportion und Ausstattung. Schauen Sie sich nur das Treppenhaus oder den oberen Abschluss der Geschosse mit ihrem Betonmaßwerk an. Man erkennt den Wunsch nach Gestaltung, die auch einen positiven Einfluss auf die Schüler haben sollte. Diese Art zu bauen endet abrupt mit den Betongebirgen der 70er Jahre.

Umso wichtiger ist es, die Erinnerung daran zu bewahren, wie wichtig Köln in den 50er Jahren seine Schulbauten nahm. Das Problem: Schule verändert sich, muss sich verändern. Also auch die Gebäude. In den 70er Jahren ging es da erst mal schlicht um Kapazitäten, als die geburtenstarken Jahrgänge auf die weiterführenden Schulen drängten und die Politik das Ziel ausgab, möglichst viele Jugendliche zum Abitur zu führen. Heute entsprechen die alten Gebäude nicht mehr den neuen Erfordernissen von Ganztagsbetreuung oder Inklusion. Oft fehlen Küchen, Speisesäle, Sozialräume, behindertengerechte Zugänge und vieles mehr. Hier im Gymnasium Kreuzgasse haben die alten Klassenräume noch nicht mal einen Wasseranschluss. Um den Schwamm für die Tafel nass zu machen, muss einer mit dem Eimerchen den ganzen Flur runter laufen. Die neue Direktorin, Dr. Claudia Fülling, berichtet mir noch von manch anderen Schwierigkeiten: Da macht die Installation eines WLAN-Netzes Probleme, da beschweren sich Lehrer und Schüler über eine unzumutbare Akustik in den hohen Räumen. Wenn da einer nur ein bisschen mit Papier raschelt oder einen Stift fallen lässt, sei das gleich ein gewaltiger Krach.

Ich verstehe solche Klagen. Aber unverständlich ist mir der Versuch, dem Denkmalschutz alles in die Schuhe zu schieben, was an den Schulen im Argen liegt. In Köln wird jetzt sogar darüber diskutiert, den Denkmalschutz für die Schulen generell aufzuheben. Das ist keine Lösung. Dahinter steckt eine Denke, die Denkmalschutz für etwas Störendes und Kostentreibendes hält, worauf man notfalls ganz schnell verzichten sollte. Aber genau das ist eben nicht wahr. Denkmalschutz bewahrt Stadtarchitektur, gute Stadtarchitektur. Man würde das Beste verwerfen, was die 1950er und 1960er Jahre an Architektur hervorgebracht haben, wenn man die Schulen dieser Zeit völlig aus dem Denkmalschutz herausnähme.

Wenn ich an den Schulen nachfrage höre ich, dass die Verantwortlichen dort selber nicht im Detail wissen, wo die Auflagen beginnen und wo sie enden. Oft genug bremst nicht der Denkmalschutz sinnvolle Veränderungen und notwendige Veränderungen aus, sondern die Geldnot der Stadt und die Unbeweglichkeit der Verwaltung.

Natürlich lässt sich der Baubestand denkmalgeschützter Schulen nicht pur erhalten. Das wäre Konservatoren-Fundamentalismus. Zugegeben, manchmal neigen die Denkmalschützer dazu. Aber das liegt auch daran, dass sie so stark unter Beschuss stehen und sich dann zur eigenen Verteidigung in die Schützengräben, hinter die Barrikaden von Rechtsnormen und Vorschriften begeben. Dem neuen Stadtkonservator Dr. Werner ist dieser Vorwurf freilich nicht zu machen.

Sicherheitsbestimmungen sind zu erfüllen. Energetische Aufwertung muss sein, für neue pädagogische Konzepte braucht es den geeigneten Raum. Aber nicht, indem man den Denkmalschutz einfach hinten runter kegelt. Vielmehr müsste die Stadt Stadtkonservator, Gebäudewirtschaft und Schulamt an einen Tisch holen, damit sie gemeinsam passende Lösungen finden. Intelligenten Leute mit gutem Willen gelingt das fast immer.

Schaltkästen sind ein Ärgernis

Ehrenstrasse

 

Unsere modernen Kommunikationstechniken machen es offenbar nötig, für die Datenkabel überall Schaltkästen aufzustellen. Die meisten, habe ich bei genauerem Hinsehen festgestellt, gehören der Telekom und der Post, die kleineren auch der Rheinenergie. Schöner machen diese Dinger das Stadtbild nicht. Das ist schon mal von vornherein klar. Aber die Firmen haben zusätzlich ein Talent, diese Schmuckstücke an den merkwürdigsten Orten zu platzieren. Der Architekt Peter Zumthor, ein Ästhet vor dem Herrn, hat sich schon vor Jahren darüber beschwert, dass sie einen dieser Kästen direkt an die Fassade von Kolumba geklebt haben. Den schlimmsten Fauxpas hat sich die vermutlich die Telekom – der Kasten ist nicht bezeichnet- aber jetzt vor dem Hauptbahnhof geleistet.

Bahnhofsvorplatz2004 hatte eine eigens eingesetzte Kommission, in der ich selbst saß, beschlossen, den wenig attraktiven Platz optisch durch elegante Lichtstelen aufzuwerten und ihm so ein großstädtisches Aussehen zu geben. Umso erschreckter war ich, als ich kürzlich feststellen musste: Direkt an den Fuß einer Stele hat irgendjemand eines von diesen grauen Blechscheusalen montiert. Dafür braucht es schon ein gehöriges Maß an Instinktlosigkeit. Und wie so oft frage ich mich: Wo bleibt eigentlich das Management für den öffentlichen Raum, das wir in dieser Stadt haben sollten? Ob die zuständigen Leute solche Sachen komplett verschlafen?

Und wenn ich schon beim Thema bin: Die Standorte der Schaltkästen sind das eine. Das andere, noch viel Schlimmere aber ist ihr Zustand, und zwar der Zustand nahezu aller Kästen. Unter freiem  Himmel aufgestellt, werden sie auf die Dauer schmutzig. Logisch. Also gehören sie von Zeit zu Zeit  sauber gemacht. Aber denkste! Das passiert nicht. Zumindest nicht von außen. Für das Innere dagegen, das beobachte ich häufig, rücken Firmentechniker mit Handstaubsaugern an, damit die kostbare Elektronik auch ja nicht leidet. Aber auf die Metallgehäuse verschwenden sie nicht eine Sekunde. Und dementsprechend scheußlich sehen die Kästen aus. Ich rede gar nicht so sehr von den allfälligen Graffiti. Die gibt es auch. Aber das meiste ist Dreck, ganz gemeiner Dreck.

Im Übrigen folgen die Graffiti doch auch einer bestimmten Logik: Sprayer wollen, dass ihre Tags bleiben. Deswegen gibt es zum Beispiel am Dom kaum Probleme, weil die Sprayer ganz genau wissen: Da geht jeden Morgen einer herum und wäscht ihre Graffiti ab, bevor sie von den Leuten gesehen werden. Damit ist der ganze Spaß weg, und den Sprayern vergeht die Lust. Ich glaube, gerade deswegen sind die Schaltkästen ein umso lohnenderes Ziel für Sprayer, weil sie wissen: Da kümmert sich ohnehin keiner drum.

Mediapark_2Gehen Sie mal zum Mediapark, einen ja nun wirklich sorgfältig gestalteten, aufwändig sauber gehaltenen Platz. Das einzig Schmutzige ist der Schaltkasten, den sie – wie ich finde, geradezu provokativ – an den Rand der Wasserfläche gesetzt haben. Als ob man das Ding nicht auch ein paar Meter weiter im Abgang zur Tiefgarage hätte verstecken können.

Ich vermute ja, dass Hausmeister und Platzmanager, die sich sonst um die Sauberkeit ihrer Anlagen bemühen, einen Bogen um die Kästen machen müssen, die ihnen ja nicht gehören. Wenn sie da mit ihren Hochdruck-Reinigern drangingen und durch eindringende Feuchtigkeit im Inneren irgendwas beschädigen würden, gäbe es großes Geschrei. Das Risiko werden sie nicht eingehen wollen. Ich kenne überhaupt nur eine Stelle, wo jemandem das egal zu sein scheint, das Generalvikariat des Erzbistums in der Marzellenstraße. Ich wüsste mal gern, wie der Hausmeister das macht. Heimlich, still und leise wahrscheinlich. Im Ergebnis sind dort die gar nicht mal so neuen Kästen neben dem Eingang zum Generalvikariat immer sauber.

Aber sonst? Ich meine, das ist doch sehr verwunderlich: Da geben Telekom und Post Millionen für Imagewerbung aus, aber verschandeln mit ihrem Eigentum den öffentlichen Raum. Ich will ja nicht hoffen, dass für die Firmen die Devise gilt: Merkt ja keiner, dass die Dinger uns gehören…

Nun gibt es in einigen Vierteln Schaltkästen der Rheinenergie, die nach Entwürfen aus einem Schülerwettbewerb farbenfroh bemalt worden sind. Für Wohnviertel ist das eine originelle Idee, aber in der Innenstadt nähmen sich die bunten Tupfer an jeder Ecke doch eher merkwürdig aus, denke ich. Aber selbst wenn man alle Kästen anpinseln würde: Regelmäßig säubern müsste man sie trotzdem.

Zurzeit führen wir in Köln ja intensiv die Debatte über das Bild der Stadt und ihr Schmuddelimage. Alles richtig, alles wichtig. Was mir dabei ein wenig zu kurz kommt, ist der Beitrag, den wir alle leisten können, damit sich daran etwas ändert. Es ist schließlich nicht der Oberbürgermeister, der den Dreck auf die Straße schmeißt. Es sind die Leute selber. Ich bin nun bestimmt keine Putzhexe, die meint, in einer Großstadt müsse alles blitzblank und chemisch rein sein wie auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Aber ich finde schon auch: Die Sauberkeit des öffentlichen Raums hängt mit davon ab, wie wir uns als Bürger darin benehmen. Immer nur Nölen und Nörgeln, das reicht mir nicht. Ein bisschen mehr bürgerschaftliches Engagement wäre schon auch gut. Genauso sehe ich Institutionen und Unternehmen in der Pflicht. Wie die Schmutzkästen zum Schmuddelbild der Kölner City beitragen, das jedenfalls ist eine echte Schande für Telekom und Post.

 

 

Ein Schnappschuss vom Engel

 

Kunibert_2_kleinKunibert_1_klein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bin gefragt worden, ob ich nicht auch mal in den Kölner Kirchen „auf den Punkt“ kommen könnte. Da sage ich doch: mit Vergnügen! Zu Weihnachten besuchen ja viele Menschen die schönen Krippen, die überall aufgebaut sind. Ich möchte heute in St. Kunibert eine Figurengruppe zeigen, die auch mit dem Geburtsfest Jesu zu tun hat, aber das ganze Jahr über zu besichtigen ist: Maria mit dem Verkündigungsengel.

Es kommt mir immer so vor, als bekäme St. Kunibert wegen der Lage am nördlichen Rand der Altstadt von allen romanischen Kirchen den geringsten Ruhm und die wenigsten Besucher ab. Dabei hat sie nicht nur einen fantastischen Raum zu bieten, sondern auch eine exquisite Ausstattung, unter anderem die – nach dem Dom – größte Zahl original erhaltener mittelalterlicher Glasmalereien. Vor allem aber birgt St. Kunibert mit der Verkündigungsgruppe eines der bedeutendsten spätgotischen Kunstwerke überhaupt: am vorderen Vierungspfeiler links der Engel Gabriel, rechts Maria. Die beiden kommunizieren sozusagen über das Mittelschiff hinweg miteinander. Schon diese Trennung ist etwas ganz Besonderes. Der Betrachter wird dadurch in den Dialog zwischen dem Boten Gottes und dem Menschen Maria einbezogen.

Der Engel ist, wenn Sie genau hinschauen, exakt in dem Moment festgehalten, in dem er mit seinen goldenen Flügeln hereingeschwebt, gelandet und im Kniefall begriffen ist. Sein Gewand und seine Locken zeigen diese Bewegung, die wie eingefroren wirkt.  Ich finde es wunderbar, wie sich die goldenen Haare des Engels schwungvoll um seine Flügel legen. Von der Seite aus kann man das sehr gut sehen. In einem spannungsreichen Kontrast dazu steht die eher statuarische Art, wie Maria dargestellt ist. Sie steht vor einem aufwändig geschnitzten Lesepult und ist offenbar gerade aus intensiver Lektüre aufgeschreckt worden. Sie schaut hoch, hat aber eine Hand noch im Buch. Und natürlich gefällt es mir, nebenbei bemerkt, dass Maria als eine junge Frau dargestellt ist, die lesen kann und an – mutmaßlich frommer – Literatur interessiert ist.

Die ganze Szene ist eine Momentaufnahme, ein Schnappschuss Jahrhunderte vor der Erfindung der Fotografie. Dieser „Realismus“ ist ein typisches Merkmal der Spätgotik, während die beiden Figuren vom Ausdruck her noch sehr viel vom „weichen“ oder „schönen gotischen Stil“ der Zeit um 1400 bewahren: in der Zartheit der Gesichter etwa, den sanft fallenden Gewändern.  Kunsthistorisch findet sich hier eine ähnliche Zwischenstellung wie in Stefan Lochners Altargemälde der Kölner Stadtpatrone. Die Gruppe ist auch gewiss nicht ohne Verbindung zur Kölner Dombauhütte entstanden, die damals ganz einfach die Qualitätsmaßstäbe gesetzt hat. Dort versammelten sich die besten Leute. Zum einen, weil die Dombauhütte sehr gut zahlte; zum anderen aber auch wegen des künstlerischen Anspruchs. An diesem Niveau orientierten sich alle anderen Auftraggeber, so eben auch die Kanoniker  des Stifts von St. Kunibert.

Ob die Verkündigungsgruppe von Dombaumeister Konrad Kuyn (1400 bis 1469), einem bedeutenden Bildhauer seiner Zeit, eigenhändig geschaffen wurde, ist unter den Fachleuten umstritten. Aber aus seinem Umkreis stammt sie mit Sicherheit. Auf der Konsole der Marienstatue steht auch die genaue Datierung auf das Jahr 1439, und der Stifter, ein Kanoniker namens Hermann von Arcka, ist auch betend als winzige Figur zu Füßen der Maria dargestellt.

In der Darstellung des Engels und der Maria ist schon die Botschaft angelegt, dass hier gerade etwas ganz Einzigartiges geschieht. Der innige Zauber, so nenne ich es einmal, der Beziehung zwischen dem Engel und Maria soll schon auf jenes Wunder vorausweisen, das Heiligabend zur Vollendung kommt: die Geburt Jesu, die Menschwerdung Gottes. Insofern hat diese Verkündigungsgruppe ganz besonders viel mit Weihnachten zu tun.