Alle Beiträge von Prof. Dr. Barbara Schock-Werner

Die Geheimnisse der Südseite

Von Barbara Schock-Werner

Jetzt ist wieder die Zeit, in der besonders viele Menschen den Dom mit der Weihnachtskrippe besuchen. Normalerweise. Aber was ist 2020 schon normal? Deshalb komme ich Ihnen in dieser und den nächsten Domgeschichten mit etwas, was man normalerweise nicht tut: Ich schicke sie hinters Haus. Genauer: Auf die Rückseite des Doms. Dort gibt es nämlich viel Wunderbares und Interessantes zu entdecken, was einem bei einem normalen Besuch im Dom entgeht.

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Beginnen möchte ich aber auf dem Roncalliplatz auf der Südseite. Hier steht nämlich zurzeit hinter dem Gitter vor der Querhausfassade die Bronzekrippe, die sonst immer in den Weihnachtsmarkt am Dom integriert ist. Die Domkrippe selbst wiederum, die Jahr für Jahr ungezählte Besucher anzieht, ist diesmal hinter den Fenstern des Römisch-Germanischen Museums zu sehen.

Auf diese Weise weihnachtlich eingestimmt, sollten Sie sich dann einmal die Südfassade ansehen. Sie gehört zu den großen Leistungen von Dombaumeister Ernst August Zwirner (1802 bis 1861). Man darf ruhig von einer Neuerfindung Zwirners sprechen. Denn anders als für den Grundriss des Doms und die Westfassade mit den beiden Türmen, stand ihm beim Weiterbau des Doms im 19. Jahrhundert für die Südseite keine Gestaltungsvorlage aus dem Mittelalter zur Verfügung. Er hat sich deshalb der vorhandenen Formen bedient und sie zu einem so wunderbar stimmigen Ganzen gefügt, dass keiner sie als Fremdkörper empfinden oder die sechs Jahrhunderte Abstand bemerken würde, die zwischen dem gotischen Hochchor und dem neugotischen Querhaus liegen.

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Na ja, „keiner“ stimmt vielleicht nicht ganz. Auf eine Inschriftentafel über dem Portal wäre das Mittelalter zum Beispiel nicht gekommen. An solchen kleinen Details erkennen Profis dann doch: Aha, das ist 19. Jahrhundert! Aber störend wirkt auch das nicht.

Über der Inschrift sehen Sie – reihenweise von unten nach oben erzählt – die Passionsgeschichte. Die Christusfigur auf dem Esel beim Einzug in Jerusalem hat leider noch immer keinen Kopf. Ganz oben in der Mitte dann zum krönenden Abschluss die Auferstehung.

Auf dem Mittelgiebel ist eine strahlendweiße Kreuzblume angebracht – eine Stiftung aus der Zeit der Domvollendung im 19. Jahrhundert. Das Werkstück ist aus Kalkstein, und weil es sich an dieser Stelle so gut erhalten hatte, wurde nach 1918 entschieden, die Reparatur der Schäden, etwa am Chorstrebewerk, ebenfalls mit Kalkstein vorzunehmen. Das war leider keine ganz so gute Idee, denn der dann verwendete Krensheimer Muschelkalk war weniger widerstandsfähig, als erhofft.

Ein anderes missliches Kapitel Baugeschichte können Sie an den Gesimsen erkennen, von denen manche viel verwitterter sind als das Mauerwerk in der Umgebung: Da hat man schon im 19. Jahrhundert bei den Bauarbeiten den falschen Stein verwendet. Das Mauerwerk des Querhauses ist hauptsächlich aus Schlaitdorfer Sandstein. Weil die Gesimse nun aber bekanntermaßen die Stellen der Fassade sind, die von Wind und Wetter am meisten beansprucht werden, sollten sie aus sehr hartem und damit vermeintlich haltbarerem Stezelberger Latit geschlagen werden.  Das war – wie man sieht – ein Trugschluss. Mein Nachfolger Peter Füssenich ist jetzt dabei, die schadhaften Partien zu ersetzen, wie linker Hand schon geschehen. Der dafür verwendete helle Sandstein aus Božanov (Tschechien) ist ein sehr haltbares aber sprödes Material. Daraus eine solch filigrane Ornamentik zu schlagen, ist eine absolute Meisterleistung.

An einigen alten Figuren, an der Profilierung des Portals oder auch in der Inschrift über dem Portal können Sie übrigens bei genauem Hinsehen noch vereinzelte Kriegsspuren erkennen. Ganz bestimmt aber fallen Ihnen die vielen hellen Architekturelemente und Figuren ins Auge. Damit es hat folgende Bewandtnis: Meinem Vorvorgänger Willy Weyres (1903 bis 1989) und dem Bildhauer Ewald Mataré (1887 bis 1965), die nach dem Zweiten Weltkrieg an die Reparatur der Südseite gingen, war die Fassade insgesamt viel zu plastisch. Mataré hätte ihr am liebsten eine Mauer vorgeblendet, um das Ganze abzuflachen. Mit dieser Idee kam er aber Gott sei Dank nicht durch. Immerhin ließ Weyres alle Außenskulpturen abnehmen – mit dem Argument, sie seien beschädigt. Für einige stimmte das, aber längst nicht für alle. Es war, ehrlich gesagt, ein Vorwand von Weyres, um seinem eigentlichen Ziel näher zu kommen, einer weniger plastischen Fassade.

In den 1990er Jahren dann ließ mein 2019 verstorbener Vorgänger Arnold Wolff, ein entschiedener Fürsprecher der lange Zeit verpönten Neugotik, die von Weyres verbannten Figuren sorgfältig kopieren. Vielleicht erinnern Sie sich von früheren Dombesuchen, dass diese Nachbildungen über einen längeren Zeitraum hinweg im Innenraum standen, weil die zugehörigen Podeste und Baldachine noch nicht fertig waren. Gerade so ein Baldachin ist eine unglaublich schwierige Steinmetzarbeit, deutlich komplizierter als jede Figur. Ein Könner seines Fachs ist mit so einem Baldachin gut und gern ein Jahr beschäftigt, sagt auch Peter Füssenich. So eine Mammutaufgabe überstieg die Kapazitäten selbst unserer Dombauhütte, so dass der Auftrag für einige Baldachine an französische Fremdfirmen ging. Die fertigen Skulpturen ließ Wolff mit einer konservierenden Lösung tränken. Das war ein Faible von ihm, was dazu geführt hat, dass der Stein nur sehr langsam nachdunkelt.

Als dann alles wieder an Ort und Stelle war, war die Wirkung frappierend: Mit einem Mal gewann die Fassade in einem Maße an Lebendigkeit und Tiefe, wie selbst wir Profis es nicht für möglich gehalten hätten. Wir standen davor und sagten zueinander: „Das hat sich nun wirklich gelohnt, und Arnold Wolff hat das gesehen.“

An sonnigen Tagen sehen Sie jetzt im Winter um die Mittagszeit mit der tiefstehenden Sonne sogar von außen die Farbquadrate von Gerhard Richters Querhausfenster – ein ganz besonderer Effekt. Auch deshalb haben wir uns 2005 für Richters Entwurf entschieden: Das Fenster sollte auf dem Roncalliplatz nicht bloß als spiegelnde Glasfläche erscheinen, sondern in seiner Struktur wahrnehmbar sein.

Ganz zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass unter den zurückgekehrten Figuren auch ein Bildnis der heiligen Barbara ist. Suchen Sie mal die Heilige mit dem Turm! Und der heilige Petrus, Namenspatron des Doms und meines Nachfolgers, ist natürlich auch zugegen. Das muss Fügung sein.

 

Kölsche Lösung hinter dem Dom

In den Tagen vor und nach Weihnachten möchte ich Sie in diesem Jahr zu einem Dom-Besuch animieren, bei dem Sie garantiert nicht an Corona-Schutzbestimmungen scheitern. Wir bewegen uns nämlich ausschließlich im Freien und sehen uns auf der Rückseite des Doms um. Wenn Sie auf dem Roncalliplatz stehen und Richtung Osten (Hohenzollernbrücke) gehen, sehen Sie an der Südfassade zurzeit eines der Gerüste, die jedem Domliebhaber das gute Gefühl geben: Es wird noch gebaut am Dom, die Welt geht nicht unter. Die linke Ecke, das erkennen Sie an den hellen Steinen, ist schon restauriert. An zwei Kapitellen sind dort der ehemalige Dompropst Norbert Feldhoff und ihm gegenüber eine Ihnen vielleicht bekannte Dombaumeisterin porträtiert. Welche Köpfe später einmal an der rechten Ecke zu sehen sein werden, gehört zu den Dom-Geheimnissen, die selbst mir verborgen sind.

Nur wenige Schritte weiter betreten Sie links vom Römisch-Germanischen Museum (RGM) einen seltsamen Bodenbelag aus Noppengummi. Der ist zwar nicht denkmalgeschützt, aber dennoch ein Monument für Praktiken, die man gemeinhin „kölsche Lösungen“ nennt. Beim Bau der Domplatte und des neuen RGM vor 50 Jahren musste die alte Bauhütte des Doms auf der Nordseite weichen. Es wurde beschlossen, sie auf die Ostseite zu verlegen. Die Werkstätten wurden 1969/70 zunächst unter der Domplatte an der Südostseite, zwischen dem Römisch-Germanischen  Museum und dem Domgrund, untergebracht.

Mit der Zeit wurde die technisch experimentelle Decke der Werkstätten aus Pappröhren, die in Beton gegossen wurden, undicht, und das Regenwasser begann hindurchzutropfen.  Mein Nachfolger Peter Füssenich hat mir auf Nachfrage bestätigt hat, dass es das übrigens bis heute tut, „oft sturzbachartig“, wie er mir sagte. Beschwerden darüber führten zunächst nur zu der Erkenntnis, zu der man als Kölnerin oder Kölner in solchen Fällen fast immer gelangt: Es war keiner zuständig. Um dem Missstand und den Beschwerden darüber irgendwie zu begegnen.

Problemverschärfend kam hinzu, dass ständig tonnenschwere Lkw mit Getränkelieferungen für das Restaurant des Museums Ludwig über die Freifläche fuhren, die für solche Lasten überhaupt nicht ausgelegt ist.

Als auf unsere ständigen Einreden weder das Tropfen noch das Liefern aufhörte, haben der damalige Dompropst Norbert Feldhoff und ich uns gesagt: „Jetzt reicht’s! Dann nehmen wir die Sache halt selbst in die Hand!“

Wir haben also ein paar abgebaute Steinblöcke vom Dom, die bei Instandsetzungsarbeiten ausgetauscht worden waren, als Durchfahrtssperren platziert. Im Anti-Terror-Kampf gibt es dafür heute wesentlich professionellere Modelle aus Beton. Aber für unseren Bedarf waren die Dom-Spolien völlig ausreichend. Der Ärger der Lieferanten war erwartungsgemäß groß, der Erfolg unserer Aktion aber auch durchschlagend: Die vorschriftswidrige Nutzung dieses Teils der Domplatte hatte ein sofortiges Ende.

Nicht gelöst war das Problem mit der undichten Decke. Regenwasser, das in den Raum tropft, ist ja nicht nur lästig, sondern auch gefährlich. Denken Sie an die Elektrik. Abhilfe schuf hier eine echt Kölsche Lösung: Der letzte Pächter des Weihnachtsmarktes hatte im Backstagebereich um den Dom immer einen Noppengummiboden ausgelegt. Es wurde dann beschlossen, ihn nach Weihnachten einfach liegen zu lassen. Das sollte dem Durchsickern des Regenwassers notdürftig etwas entgegensetzen – für die „paar Jahre“ bis zu einer ordentlichen Sanierung des Areals. Aber wie wir das in Köln kennen, liegt der Gummiboden bald zehn Jahre da.

Weltkulturerbe, Museumsbau, Domfragmente und schäbiger Gummi ergeben eine Mischung, die man mit Fug und Recht auch als Kölner Kombination bezeichnen darf. Mit der Sanierung des RGM gibt es nun berechtigte Hoffnung, dass auch das Areal um das Museum instand gesetzt wird. Peter Füssenich ist jedenfalls guten Mutes, dass seine Mitarbeitenden künftig nicht mehr im Regen stehen gelassen werden.

Wenn Sie dann einmal linker Hand über die halbhohe Brüstung schauen, fällt Ihr Blick zunächst gegenüber in die Glasrestaurierungswerkstatt. Dieser obere Teil der Dombauhütte entstand 1984. Ein Stockwerk tiefer arbeiten die Steinmetze, Schreiner und Schmiede. Sie können dort auch fertige Werkstücke für den Dom liegen sehen.

In der Bildhauerwerkstatt und davor sehen Sie Mauerstücke aus großen, unregelmäßig behauenen Bruchsteinen. Sie gehören zur früheren Privatkapelle des Erzbischofs und wurden erst beim Neubau der Dombauhütte entdeckt. Solche Kapellen für den Erzbischof, der in der Kathedralkirche selbst ja immer nur Gast des Domkapitels ist, waren in deutschen Bistumsstädten üblich. Am Dom zu Speyer ist eine von ihnen erhalten. Die Kölner Kapelle, in alten Grundrissen eingezeichnet, war Teil des karolingischen Vorgängerdoms aus dem 9. Jahrhundert. Hier haben sie also Mauerwerk vor sich, das annährend 1200 Jahre alt ist.

Noch ein Stück weiter Richtung Osten treffen Sie auf den Basaltkubus, in dem die oberen Werkstätten der Bauhütte untergebracht sind. Mein damaliger Stellvertreter, Domarchitekt Bernd Billecke (1952 bis 2012), hat diesen Bau entworfen. Die Dachbekrönungen mit Handwerkerfiguren, die sich im Wind drehen, stammen von dem Bildhauer Friedel Denecke. Die Figürchen, die jetzt wieder in langer Reihe an der Innenseite des Eingangs stehen und die verschiedenen Gewerke der Bauhütte symbolisieren, waren lange Zeit eingelagert, nachdem einige von ihnen gestohlen worden waren. Die Meisterschaft der Domdachdecker wird in der aufwendigen Bleiabdeckung der Bauhütte sichtbar. Ein Highlight für Liebhaber von Steinmetzarbeiten ist die Inschrift „Dombauhütte“. Die Buchstaben sind sozusagen als Kipp-Relief schräg in den Stein gemeißelt – extrem kompliziert, aber auch sehr dekorativ.

Juwel der Katedrale

Wenn die drei Weisen aus dem Morgenland heute mit der Bahn nach Köln kämen, fiele ihr Blick von der Hohenzollernbrücke hin zum Dom als erstes auf den Ostchor. Dort steht der berühmte goldene Schrein mit den Reliquien der Heiligen Drei Könige. Aber eine Art Schrein für den größten Schatz des Doms ist auch der Chor selbst. Er ist „das“ architektonische Juwel der Kathedrale, gebaut in den Jahren von 1248 bis 1260/65.

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Haben Sie sich den Ostchor wirklich schon einmal ganz bewusst und aus der Nähe angesehen? Die Strebepfeiler unten um den Kranz der Chorkapellen, mit denen der Dombau im 13. Jahrhundert begann, sind noch relativ schlicht gehalten, ohne Verzierungen. Nur über den Fenstern sind Laubfriese eingearbeitet, und man sieht das schöne Maßwerk. Über dem Untergeschoss des Chors setzt dann ein deutlich aufwendiger gestaltetes Strebewerk an.

Man muss sich vielleicht noch einmal klarmachen, dass der gotische Innenraum mit seinen fast komplett in Fensterflächen aufgelösten Wänden statisch nur möglich war, indem man die gewaltige Last des Dachs und der Gewölbe nach außen auf die sogenannten Strebepfeiler ableitete, die mit der Kirchenwand durch Strebebögen verbunden sind. Das ist die geniale Lösung der gotischen Baumeister zur Bewältigung der Schwerkraft. Am Kölner Dom können Sie nun ganz wunderbar sehen, wie man aus einer statischen Hilfskonstruktion ein Kunstwerk gemacht hat. Das Strebewerk bestimmt ja nun völlig unzweifelhaft das äußere Erscheinungsbild des Chors. Und weil der Chor, zum Rhein hin gelegen, immer schon die Renommierseite des Doms war, wurde hierauf ganz besondere Sorgfalt und Raffinesse verwendet.

Schon im Mittelalter war es dann so, dass die „Stadtseite“ des Doms nach Süden hin weitaus reicher geschmückt war als die „Feldseite“ im Norden, an der die Stadtmauer entlang lief. Sie können auch am Strebewerk des Chors verfolgen, wie der Zierrat von Süden nach Norden – vereinfacht gesagt: von links nach rechts – hin abnimmt. An dieses Prinzip hat man sich dann auch bei der Gestaltung der Querhausfassaden im 19. Jahrhundert gehalten.

Ein Teil der Steine ist der originale Trachyt vom Drachenfels. Aber an der teils mitgenommenen Oberfläche erahnen Sie, dass es zu allen Epochen notwendig war, Teile des Mauerwerks auszutauschen. Das galt insbesondere seit der Zeit, als die Dampflokomotiven des 19. Jahrhunderts über die Hohenzollernbrücke in den neuen Hauptbahnhof schnauften und mit ihrem schwefelhaltigen Rauch die Luft verpesteten. Wir haben es dort also mit einem Stein-Mix zu tun.

Ganz am Ende des Chors zur Bahnhofseite hin ist zurzeit eine Achse eingerüstet – da startet mein Nachfolger Peter Füssenich einen Testlauf für eine gründliche Steinsanierung des Chors. Es kann übrigens sein, dass dann ausgerechnet die Steine wieder herausgeholt werden müssen, mit denen mit Schäden im mittelalterlichen Mauerwerk zu flicken versucht hat. Mit Steinen ist es wie mit Menschen: Nicht alle vertragen sich gut miteinander.

Über  den Strebepfeilern sehen Sie Baldachine, offene Häuschen, in denen Engelsfiguren stehen. Dieses Gestaltungselement hatten die Kölner Baumeister des Mittelalters von der Kathedrale im französischen Reims übernommen. Ursprünglich waren es Posaunenengel, die zum Weltgericht bliesen. Im 19. Jahrhundert wurden sie durch zwischen 1834 und 1838 durch musizierende Engel mit verschiedenen Instrumenten ersetzt. Die Entwürfe stammten vom Großmeister des Klassizismus, Karl Friedrich Schinkel. Die Ausführung besorgte der Bildhauer Wilhelm Josef Imhoff. Auch an diesen Figuren nagte der Zahn der Zeit. Ganz rechts musste einer 1968 komplett erneuert werden. Der Ersatz-Engel, den sie dort sehen, stammt von Erlefried Hoppe, der auch für die Engel am Vierungsturm des Doms verantwortlich zeichnet.

Wenn Sie Glück haben oder Ihren Rundgang zeitlich gut abpassen, fällt das Sonnenlicht auf das goldene Kreuz, das den Chor schon seit mehr als 700 Jahren bekrönt. Als es nach dem Krieg restauriert werden sollte, ging man in der Dombauhütte davon aus, dass es sich um ein Werk des 19. Jahrhunderts handelte. Doch dann stellte man fest, nein, es ist tatsächlich die originale Kupferschmiede-Arbeit aus dem Mittelalter. Eine kleine Sensation! Ein bisschen ausgebeult und frisch vergoldet, kehrte das Kreuz an seinen angestammten Platz zurück. Im Knauf solcher Kreuze befinden sich traditionell Erinnerungsstücke – Münzen, literarische Quellen und andere Zeugnisse – aus der Entstehungszeit. Diese Beigaben zu sichten, ist für Historiker eine gleichermaßen spannende wie dankbare Aufgabe.

Auf der Nordseite des Doms wurden zu verschiedenen Zeiten etliche Anbauten errichtet. Weil ich den (vor-)weihnachtlichen Frieden nicht stören will, schweige ich von den Betonbuden, auf die Sie unweigerlich stoßen, wenn Sie die Freitreppe vom Hauptbahnhof hochkommen. Reden wir lieber von der Domsakristei. Ihr erster, neugotischer Bauteil stammt aus dem 19. Jahrhundert, entworfen von Dombaumeister Richard Voigtel (1829 bis 1902). In die Fenster wurden zwei der schönsten mittelalterlichen Glasmalereien des Doms eingeglast. An diesen Sakristeibau hat Dombaumeister Willy Weyres (1903 bis 1989) für die Erschließung weiterer Nebenräume ein Treppenhaus angefügt, dazu auch den neuen Kapitelsaal samt einer kleinen Kapelle. Weyres verwendete dafür die von ihm geliebte Basaltlava, die er in einer zeittypischen Formensprache verarbeitete. Sehr schön finde ich die halbrund vortretende kleine Altarnische mit ihrem durchbrochenen und gewölbten 60er-Jahre-Relief[1], dessen Öffnungen mit Buntglasstreifen verschlossen sind.

Erst kürzlich hat mein Nachfolger Peter Füssenich die Bleiabdeckung erneuern lassen. Die alten Bleche hatten sich gesenkt und dabei die Regenrinne nach unten gedrückt. Hinter den schartenartigen Fenstern im Stockwerk darüber befindet sich die Nähstube des Doms, wo die liturgischen Gewänder der Domgeistlichen in Schuss gehalten und zum Teil auch gelagert werden. Auch einen Aufenthaltsraum für die Domschweizerinnen und Domschweizer gibt es da oben und Übungsräume für die Dommusik.

 

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Ausflugtipp für Köln-Verächter

Auf der Rheinuferstraße Richtung Süden weist ein Schild in der Höhe des Rheinauhafens auf das Bürgerhaus Stollwerck, einen echten Aktivposten in der Südstadt. Ein paar Schritte weiter kommt man in ein sehr schönes neues, gut durchgrüntes Wohnviertel – glücklich, wer hier so stadtnah und doch ruhig leben kann! In dem mittig gelegenen Platz stößt man dann unvermittelt auf ein eigenwilliges Ensemble: Aus einem gekachelten Betonsockel ragen riesige Maschinenräder aus Stahl heraus, die durch Achsen miteinander verbunden sind. Unweit davon steht ein rundes, durch farbige Klinker gestaltetes Architekturgebilde.

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Auf einer Tafel ist zu lesen, dass es sich um Reste der ehemaligen Stollwerck-Schokoladenfabrik handelt. Um deren geplanten Abriss gab es 1980 einen regelrechten Kulturkampf, von dem seinerzeit auch ich als Noch-nicht-Kölnerin Notiz nahm. Nach langem Ringen wurde die Anlage zur „Kulturfabrik Stollwerck“ umgewidmet. Der Kunstvermittler und Galerist Ingo Kümmel, der sich sehr für das Projekt engagierte, kam als Namensgeber für einen Teil des Geländes zu Ehren.

Mit der Zeit verschwanden die Fabrikgebäude, lediglich der sogenannte Annosaal blieb erhalten und wurde zu einem Wohnblock umgebaut. Das Bürgerhaus Stollwerck wiederum trägt zwar den geschichtsträchtigen Namen der Fabrik, ist aber im ehemaligen preußischen Heeresproviantamt untergebracht.

Einzige Relikte der für Köln so wichtigen Fabrik – und zugleich Erinnerung an die Geschichte ihres Endes – sind die erwähnten eingelassenen, rot angestrichenen Teile des Räderwerks, die als Kunstobjekt den Titel „Rädersaal“ tragen, und der Sockel eines Schornsteins. Sie werden unter anderem in dem Buch „111 Orte in Köln, die man gesehen haben muss“ erwähnt und müssen – alten Fotos zufolge – einmal sehr dekorativ gewirkt haben. Heute sieht die Anlage erbärmlich aus. Offenbar hat sich in den letzten 30 Jahren niemand um sie gekümmert. Der Sockel des „Rädersaals“ ist verwittert, Teile der Verkachelung fehlen, die Farbe ist verblasst, die Räder sind beschmiert.  Aus dem Schornsteinsockel wächst an vielen Stellen Unkraut. Ein provisorischer Bauzaun weist auf ein völlig marodes Gemäuer hin. Wenn das ein Ort sein soll, den man in Köln gesehen haben muss, dann richtet sich das vielleicht an Köln-Verächter.

Auf einen Hinweis kritischer Bürger hin wollte ich herausfinden, wer für den Unterhalt verantwortlich ist. Als regelmäßige Leser dieser Kolumnen ahnen Sie schon, was nun kommt: die organisierte Desorganisation.

Vom Stadtkonservator erhielt ich die Auskunft: kein eingetragenes Denkmal. Rolf Schramm von der Leitung des Bürgerhauses Stollwerck sagte mir: nicht unsere Sache. Das Liegenschaftsamt wusste zu berichten: Der Ingo-Kümmel-Platz, Flurstück 425, gehöre einer – aus Datengründen nicht zu nennenden – großen Wohnungsbaugenossenschaft. Möglicherweise gebe es auch ein Sondernutzungsrecht. Der Schornsteinsockel wiederum stehe auf Flurstück 376, das einer Wohnungseigentümergemeinschaft gehöre. Die „große Kölner Wohnungsbaugenossenschaft“ teilte mit: Flurstück 425 mit dem „Rädersaal“  sei als Parkgelände ausgewiesen und befinde sich – in städtischem Besitz.

Nach vielen Wochen Recherchen bin ich nun so klug als wie vorher. Und offenbar ist keiner in Köln für das Stollwerck-Monument zuständig. Genau so sieht es eben auch aus. Aber warum ist das keinem aufgefallen? Warum hat keiner etwas unternommen? Nicht das Bürgerhaus, vor dessen Haustür die Erinnerungsstücke an seinen Namensgeber stehen. Nicht das Grünflächenamt, das ja den umgebenden Park pflegt. Weder die Anwohner mit ihrer beneidenswerten Immobilie noch die Eigentümer der Hausgruppe, auf deren Gelände der Schornstein steht. Und auch nicht die Bezirksverwaltung Innenstadt, in deren Zuständigkeit das Areal fällt.

Viele Bürger engagieren sich auf lobenswerte Weise zu unser allen Gewinn für das Grün vor der Haustür. Aber niemanden interessieren die Denkmäler nebenan? Noch mag das nicht glauben. Mit dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege werden wir die Stollwerck-Erinnerungsstücke demnächst in der Reihe „Denkmal des Monats“ vorstellen. Wie wäre es, wenn sich bis dahin die Verantwortlichen für den Erhalt von Rädersaal und Schornsteinsockel bei mir melden und wir gemeinsam über eine Verbesserung des Zustands beraten? Die Erinnerung an die Schokoladenfabrik und den Kampf um ihren Erhalt sollte – anders als die Gebäude – nicht untergehen.


Willkommen im Niemandsland

In Köln gibt es ja eine ganze Reihe chaotisch strukturierter Plätze. Zu den Spitzenreitern gehört ganz sicher die südliche Hälfte des Heumarkts. Wer aus der Altstadt kommt und zum Beispiel ins Hotel Maritim, zur Handwerkskammer,  in die Brauerei Malzmühle oder – was bei mir dann doch häufiger vorkommt – ins Ausweichquartier des Stadtarchivs gehen möchte, ist zu einem kaum zu durchschauenden Parcours über Straßen und Gassen, Busvorfahrten und Gleisanlagen  gezwungen. Die KVB-Linien fahren hier in besonders dichtem Takt, so dass der Querverkehr für Fußgänger und Radler alle paar Minuten unterbrochen ist. Wenn sich denn alle daran hielten, statt wild entschlossen und manchmal  auch verwegen über Rot zu laufen oder zu fahren.Heumarkt

 

 

 

 

 

 

Wer die Gleise dann erst einmal hinter sich hat, gelangt in eine Art Niemandsland. Der Ortsunkundige sieht linker Hand schon das Hotel Maritim liegen, dahinter den Schriftzug am Haus des Handwerks und wendet sich automatisch in diese Richtung. Ich habe mir eigens noch einmal angesehen und ungezählte Male beobachtet, wie Hotelgäste mit ihren Rollkoffern nach links gerattert sind, um schnurstracks die Auffahrt Deutzer Brücke zu überqueren. Das wäre ja auch der direkte und logische Weg. Aber was heißt das schon in Köln? Warum denn Gehwege da anlegen, wo die Leute gehen?  An der betreffenden Stelle jedenfalls gibt es keine offizielle Querung, keinen Zebrastreifen, erst recht keine Fußgängerampel. Also packen die Leute ihre Koffer, hechten über die Fahrbahn und wuchten auf der anderen Straßenseite ihr Gepäck und sich selbst über die Absperrkette. Ein kleines Wunder, dass hier laut Polizei im vorigen Jahr keine Fußgänger zu Schaden gekommen sind.

Natürlich werden wir hören, dass es keine andere Lösung gibt und für einen direkten Überweg kein Platz da ist und es sonst zu lange Staus gäbe usw. Aber will man wirklich noch viele Jahre die Fußgänger einer so unwürdigen und gefährlichen Situation aussetzen? Eine intelligente Planung müsste doch eine bessere Lösung finden, auch für die nächsten Jahre, ehe der totale Umbau beginnt.

Es hat ihnen vorher einfach niemand gesagt und kein Hinweisschild hat ihnen gezeigt, dass sie nicht links, sondern rechts herum hätten gehen müssen, um dann zu einem zweiten Ampel-Hopping anzusetzen. Ich habe es spaßeshalber einmal gezählt:  Es sind insgesamt sieben Übergänge mit und ohne Ampeln, die vom Hauptplatz bis ans Südende zu überwinden sind. Sieben! Und die Ampeln sind natürlich nicht parallel geschaltet.

Das Ganze ist also in höchstem Maße verwirrend. Selbst Autofahrer – so habe ich mir sagen lassen – tun sich mit der Orientierung schwer und landen nach falschem Abbiegen schneller in Deutz, als es ihnen lieb ist.

Zum verkehrstechnischen kommt das optische Durcheinander. Aus der berühmten Vogelperspektive müsste besagtem Vogel schwindelig werden. Es fehlt an jeglicher Führung, jeglicher Gestaltung. Und der Tiefpunkt sind die räudigen Grünflächen, die wie grün-braune Kleckse auf dem Asphalt beziehungsweise dem Pflaster wirken und aus denen – wie zufällig – mal ein Baum, mal ein Busch wuchert. Meine „Lieblingsstelle“ ist ein kleines, völlig verwahrlostes Rasendreieck an der Busvorfahrt. Es wächst kaum ein Grashalm da, aber umgeben ist das Areal von einem aufwändig gestalteten Zäunchen aus Eisen. Mir kommt das vor wie ein Mahnmal für die öffentlichen Anlagen der Stadt: Viel Tamtam und dahinter das große Nichts. Was soll so etwas? Ich bin sonst immer für städtisches Grün, aber in dieser lieblosen, ungepflegten Form ist es wie ein städteplanerischer Hilfeschrei: „Bitte versiegeln!“

Das dritte Problem des Platzes ist der öffentliche Nahverkehr. Der Heumarkt ist ein Knotenpunkt von Straßenbahn- und Buslinien. Der Halt der U-Bahn-Linien 1, 7 und 9 befindet sich an einer besonders engen Stelle. Warum ausgerechnet hier die Überdachung keine leichte, filigrane Glaskonstruktion ist wie andernorts, sondern ein dunkles Stahlungetüm – das ist ein Geheimnis, das wohl selbst die KVB-Gewaltigen nicht auflösen können. Vollends verloren ist man aber, wenn man auf den irrwitzigen Gedanken kommt, hier einen Bus zu nehmen. Den 106er zum Beispiel oder den 250er. Ein Blick auf den Linienplan zeigt: Beide Linien fahren zwar ab Heumarkt, halten aber nicht hier am Bussteig A. Der Heumarkt ist ja auch groß. Aber wo dann? Es hängt zwar eine bunte Zeichnung mit einem Schnitt durch die U-Bahn-Haltestelle Heumarkt. Aber wer sich nicht auskennt, versteht sie nicht. Und wer wie versteht, der braucht sie nicht. Der Umgebungsausschnitt aus dem Stadtplan ist genordet und damit konträr zum tatsächlichen Straßenverlauf. Nur eine schlichte Hinweistafel mit einem Pfeil gibt scheinbar die gewünschte Auskunft, wo der Bussteig zu finden sei: irgendwo links. Ein nächstes Schild an einem Ampelmast hängt in etwa vier Metern Höhe, außerhalb des Blickfelds. Als ich einmal abends verzweifelt den 106er Bus gesucht habe, habe ich den Hinweis da oben auch prompt übersehen. Dafür hängt darunter ein weißes Schild mit bedeutungsschwangerem schwarzem Rand, auf dem rein gar nichts steht – abgesehen von ein paar sinnlosen Aufklebern.

Ich habe mich bei der KVB über dieses Wirrwarr beklagt. Das Unternehmen, so die Auskunft von Sprecher Matthias Pesch, hält die Beschilderung zu den Bushaltestellen grundsätzlich für ausreichend. Außer mir habe sich auch noch niemand beschwert. Aber nachdem er sich das Ganze mit mir gemeinsam angesehen hatte, konnte Herr Pesch mich zumindest verstehen und hat mir versprochen, dass „wir uns die Situation noch einmal ansehen und prüfen werden, ob und wie wir die Hinweisbeschilderung noch verbessern können“. Na bitte, ich bin gespannt!

 

Zugegeben: Die Platzanlage ist hinreichend kompliziert. Aber ein begabter, kreativer Info-Grafiker der KVB sollte eine Beschilderung entwerfen können, zu deren Verständnis man kein Diplom in Kartografie benötigt.

Und die neue Verkehrsdezernentin Andrea Berg könnte doch auch gleich mal ihre stadtplanerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen, indem sie die Wegeführung verbessert, ohne dass sie gleich ganze Straßen verlegen müsste.  Was im Ernst ja auch keiner von ihr erwartet. Es sei „nicht damit getan, dass wir irgendwo eine Signalanlage aufstellen oder verändern“, sagt Klaus Harzendorf vom Städtischen Amt für Straßen und Verkehrstechnik. Vielmehr müsse man sich dann „insgesamt über die Situation Gedanken zu machen“.

Nachdenken schadet nie, würde ich sagen, schon gar nicht über das große Ganze. Aber bis zum Einschlag des Geistesblitzes könnte man ja doch manchmal schon im Kleinen handeln. Eine zusätzliche Fußgängerampel zur Überquerung der Auffahrt Deutzer Brücke aufzustellen – das wäre ein Leichtes. Der Straßenverkehr würde nicht zusätzlich gehemmt, weil die Autos ein Stück weiter rechts, vom Neumarkt über die Pipinstraße kommend, sowieso halten müssen. Und dieses ganze unsinnige und gefährliche Gehoppel über Straßen und Verkehrsinseln würde schlagartig mehr als halbiert.

In der ganz großen Dimension gedacht, ist die Situation hier natürlich das beste Plädoyer für den Bau der Ost-West-U-Bahn. Aber wir wissen alle, dass das noch Jahre dauern wird. Deshalb wäre den Besuchern und dem Areal mit einer Zwischenlösung schon einmal gedient. Die Stadt will ja die „Freundin“ ihrer Bürger sein, sagt Oberbürgermeisterin Henriette. Mit einem kleinen Freundschaftsdienst hier am Heumarkt kann sie es beweisen.

Kölns erste Denkmalpfleger

 

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In der schier endlosen Reihe der Partnerstädte Kölns hat Bethlehem den engsten Bezug zur Stadt – und zum Kölner Dom. Hier endete 1164 die lange Reise der Heiligen Drei Könige, die mehr als 1000 Jahre zuvor auf die Suche nach dem neugeborenen König der Juden gegangen und im Stall von Bethlehem fündig geworden waren. Und so wie der Dom der Inbegriff Kölns ist, verbindet sich der Name Bethlehem fast automatisch mit der Geburtskirche. Sie wurde auf Geheiß der heiligen Helena, der Mutter Kaiser Konstantins und großer Reliquiensammlerin vor dem Herrn, im 4. Jahrhundert an dem Ort errichtet, wo Maria laut uralter Überlieferung das Jesuskind zur Welt gebracht hatte. Die Bibel weiß zwar nur etwas von einer „Krippe“ zu berichten. Aber die stand damals gewiss nicht in einem Stall, sondern – wenn überhaupt – in einer Höhle. Dort nämlich hausten im Nahen Osten die Hirten.  Und über solch einer Höhle erhebt sich Geburtskirche, das älteste kontinuierlich genutzte christliche Gotteshaus im Heiligen Land.

Sie weist seit ihrer Erneuerung im 5. Jahrhundert eine Besonderheit auf: die erste bekannte Choranlage mit drei halbrunden Konchen. Diesen Architekturtyp, besser bekannt als „Kleeblatt-Chor“, übernahmen Kölner Baumeister im 11. Jahrhundert bei der Errichtung von St. Maria im Kapitol. Sie folgten dabei nicht nur einem vagen mittelalterlichen Begriff von Ähnlichkeit, sondern fertigten eine maßstabgerechte Kopie an: Wenn man die Grundrisse übereinander legt, dann erweisen sie sich auf frappierende Weise als deckungsgleich. Das ist spannend, weil die Kölner mit dem Bau auch einen inhaltlichen Anspruch formulierten: Ihre Marienkirche sollte es dem „Mutterheiligtum“ im Heiligen Land gleichtun. Die Kölner Erzbischöfe übrigens feierten fortan jedes Jahr an Weihnachten die erste Messe zum Fest in Maria im Kapitol.

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Dem rheinischen Sinn für plastische Architektur kam der Kleeblatt-Chor der Kirche offenbar sehr entgegen. Er findet sich zum Beispiel auch in Groß St. Martin, St. Aposteln und St. Andreas wieder. So hat Köln der Geburtskirche in Bethlehem viel zu verdanken. Das gilt aber auch umgekehrt. Wie die Legende erzählt, blieb die Geburtskirche bei der Besetzung Palästinas durch die Perser im Jahr 614 verschont, weil sich die Eroberer in einem Mosaik der drei Weisen aus dem Morgenland über dem Eingang der Kirche wiedererkannten. Die drei Kölner Stadtpatrone waren somit auch die ersten Kölner Denkmalpfleger.

Deren Hilfe hätte die Geburtskirche auch heute bitter nötig. Besonders die wertvollen Mosaiken aus der Kreuzfahrer-Epoche sind in einem erbärmlichen Zustand. Schuld daran tragen ausgerechnet die Hüter der Kirche. Das ganze Areal ist seit 1757 exakt zwischen den rivalisierenden christlichen Konfessionen aufgeteilt. Das hält  Griechisch-Orthodoxe, Armenier und Katholiken aber bis heute nicht von Eifersüchteleien und Kompetenzstreitigkeiten ab, die so beschämend wie widersinnig sind: Im Nahen Osten geht die Welt unter, aber die Christen zanken darüber, wem welcher Altar gehört. Absurd! 2007 und 2011 kam es vor Weihnachten sogar zu Handgreiflichkeiten, so dass die Polizei einschreiten musste. Und die Armenier verhinderten über Jahre eine Renovierung des maroden Kirchendachs, weil es „Lateiner“ – gemeint sind Katholiken – gewesen wären, die das Geld dafür gegeben hätten. Lieber sahen diese Herrschaften tatenlos zu, wie das Regenwasser die Wände herunterlief. Ergebnis: Die Mosaiken des 12. Jahrhunderts waren mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit versintert, also mit einer Kruste aus Kalk und Schmutz überzogen! Noch so eine unbegreifliche Absurdität!

Dass 2013 endlich eine Sanierung in Gang kam, ist ausgerechnet der palästinensischen Autonomiebehörde zu verdanken. Sie erreichte die Aufnahme der Geburtskirche ins UNESCO-Weltkulturerbe und zugleich den Eintrag in die Rote Liste gefährdeter Denkmäler. Inzwischen arbeitet ein italienisches Konsortium an der Restaurierung der Kirche. Ob diese je bis in die Geburtsgrotte vordringt, deren Wände die Armenier notdürftig mit silbrig glänzenden Tüchern verhängt haben, ist allerdings höchst ungewiss. Wahrscheinlich sind an diesem hochheiligen Ort selbst die Pilzkulturen sakrosankt. Also, ich kann mir nicht helfen: Ich finde Schimmel nicht heilig, sondern eklig.

Im 20. Jahr seines Bestehens wollte sich der bewundernswert rege Städtepartnerschaftsverein Köln-Bethlehem mit seinem scheidenden Vorsitzenden, Alt-Präses Manfred Kock, gemeinsam mit der Stadt Köln eigentlich um die Geburtskirche verdient machen und die Restaurierung des Drei-Königen-Mosaiks finanzieren. Doch ausgerechnet dieses Kunstwerk, das vor 1400 Jahren die Kirche rettete, ist unrettbar verloren. Das macht die Dringlichkeit der Aufgabe umso deutlicher. Und es bleibt noch viel zu tun.

Verwilderter Park in Köln-Mülheim sucht Paten

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Ich habe es mir schon lange vorgenommen, Ihnen in meiner Kolumne einmal einen vergessenen Kölner Park vorzustellen. „Da müssen Sie nach Mülheim gehen“, riet mir Henriette Meynen, eine Spezialistin für den Kölner Festungsbau, aus dem vor knapp 100 Jahren der Äußere Grüngürtel hervorging. Im Rechtsrheinischen ist das Zwischenwerk XIb in Teilen bis heute erhalten. Ich hoffe mal, Sie kennen es noch nicht, damit mein Plan aufgeht und ich Ihnen tatsächlich etwas Altes neu nahebringen kann.

Zwischenwerke lagen im preußischen Befestigungsring aus dem 19. Jahrhundert jeweils rechts und links von den größeren Forts. Insgesamt gab es 23 solcher Anlagen. Hier waren die Besatzungen kaserniert. Das Zwischenwerk XIb an der Cottbuser Straße, 1877 bis 1879 erbaut, war für Artillerie und Infanterie ausgelegt.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Befestigungsring 1922 geschleift. Die Fläche sollte eigentlich komplett zur Brache werden, aber der damalige OB Konrad Adenauer erwirkte die Genehmigung, sie als Grünanlage und Naherholungsgebiet für die Kölner Bürger umzugestalten – teils öffentlich zugänglich, teils privat genutzt in Kleingartenanlagen.

Adenauer beauftragte den Gartenbaudirektor Fritz Encke, Entwürfe für Parks zu liefern. Einer davon entstand auf dem Gelände von Zwischenwerk XIb. Die Grundidee beschreibt Henriette Meynen in einem Aufsatz so: „Im Rechtsrheinischen entwarf Encke für die Gräben des Mülheimer Zwischenwerks XIb eine besondere Ausgestaltung, indem von den Kehlpunkten aus die Flankengräben als gemächliche, gelegentlich von Treppenanlagen unterbrochene Aufstiege zum weitgehend aufgefüllten, aber dennoch ein klein wenig tiefer liegenden Frontgraben führten. Von dieser architektonisch gegliederten Gartenpartie leitete Encke über einige Stufen zum Hauptschmuckgarten auf dem Festungswerk über.“ Ich sag’s mal mit meinen Worten: Das Areal mit den ehemaligen Gräben und Wällen wurde nicht planiert, sondern hügelig belassen. Fotos aus dem Rheinischen Bildarchiv zeigen den Zustand nach der Errichtung 1927 – ein richtig schöner Schmuckgarten mit Blumenbeeten und Spazierwegen, gliedernden Sockelmäuerchen, Hecken und ansehnlichem Baumbestand. Ich finde das schon erstaunlich, weil die 1920er Jahre ja keine Zeit waren, in der besonders viel Geld dagewesen wäre.

Umso schlimmer ist dann der Vergleich der alten Parkansichten mit dem verheerenden Zustand heute. Die Blumenbeete sind verschwunden, überall wuchern Brombeersträucher und Brennnesseln, die Begrenzungsmäuerchen verfallen. Alles wirkt ungepflegt, vergammelt, lieblos. „Die Stadt Köln sorgt aber dafür, dass die Anlage nicht verwildert“, habe ich irgendwo gelesen. Das ist wirklich geschmeichelt. Dass das Grünflächenamt sich hier gelegentlich zu schaffen macht, ist nämlich vor allem daran erkennbar, dass der Grünschnitt einfach in die Landschaft gekippt worden ist, um da zu verrotten. Pflege – um von Verschönerung gar nicht erst zu reden – sieht anders aus.

Nun weiß ich auch, dass das Grünflächenamt keine unendlichen Kapazitäten hat. Deshalb kam mir eine Idee: Wie wäre es, wenn die benachbarten Kleingärtner, die ihre immerhin 70 Parzellen ja auch auf dem ehemaligen Befestigungsring verdanken, sich der Sache annähmen? Wenn sie der Stadt ehrenamtlich helfen würden, dem Park wieder annähernd seine ursprüngliche Gestalt zu geben? Als eine Art Park-Paten. Die Kleingärtner haben die Kenntnisse, sie haben das Gerät, und selbst wenn sie nur viermal zu einem gemeinsamen Arbeitseinsatz herkämen, bekäme das dem Gelände mit Sicherheit sehr gut. So ein Kleingarten in der Stadt ist ein Privileg. Wer ihn sein Eigen nennen darf, könnte der Gemeinschaft dadurch Dank erweisen, dass er ein Auge auch auf die nähere Umgebung hat.

Das alles ging mir so durch den Kopf, bis ich mich hinsetzte und daraus einen Brief an die Kleingarten-Gemeinschaft „Am Springborn“ formulierte, einen eingetragenen Verein  mit Vorstand, Vereinsadresse und allem Pipapo. Leider wurde ich noch nicht einmal einer Antwort für würdig befunden. Vielleicht kann ich die Vereinsmitglieder auf diesem Weg motivieren, über meinen Vorschlag zumindest einmal nachzudenken. Mit dem einen oder anderen neu bepflanzten Beet, ohne das ganze Unkraut, könnte hier ein wunderbares, charmantes kleines Naherholungsgebiet entstehen – oder besser: wiederentstehen.

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Tohuwabohu in Alu und Blech

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Radfahren ist ein Thema in dieser Stadt. Die Oberbürgermeisterin will „den Menschen die Stadt zurückgeben, in dem wir sie ein Stück weit vom Autokollaps befreien“. Neue Radwege sollen her, bessere Ampelschaltungen, weniger Autoparkplätze. Der Verkehrsminister unseres Landes, Michael Groschek, fährt eigens nach Chicago und schaut sich innovative Konzepte für „stressreduzierte Radwege“ an. Solche „Protected Bicycle Lanes“ empfiehlt er auch dem „lebenslustigen, modernen“ Köln, selbst wenn der Verkehrsdezernent sie offenbar hässlich findet. Im Stadthaus liegen jede Menge Prospekte aus, die aufs Radfahren Lust machen sollen, und überall mischt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) mit.

F_7Nichts dagegen, dass Sie mich da ja nicht falsch verstehen! Ich bin selber auch mit dem Rad unterwegs und finde es völlig Okay. Jedes Auto weniger im Zentrum ist ein Mehrwert für die Stadt und ihre Bewohner. Ein Problem allerdings wurde bisher offenbar nicht gesehen oder zumindest nicht gelöst: Steigt der Radfahrer ab, löst sich sein Gefährt ja nicht in Wohlgefallen auf. Er muss es also irgendwo abstellen. Und beim Wort „irgendwo“ beginnt mein Unbehagen. Als ich mir neulich mal wieder bewusst die neue, schicke U-Bahn-Haltestelle Breslauer Platz angesehen habe, sprang mir diese Unmenge geparkter Fahrräder ins Auge, die sich wie eine Endmoräne um die Haltestelle herum ergießt und auf die Platzfläche schiebt. Ein einziges Tohuwabohu in Alu und Blech.

Nachdem mir das erst mal aufgefallen war, das kennen Sie bestimmt auch von sich selbst, habe ich angefangen, überall das Gewusel zu entdecken. Die ganze Stadt ist voll von Rädern: an Laternenmasten, an Verkehrsschildern, an Zäunen, Geländern, Schaukästen, sogar an der Hinweistafel mit den Gottesdienstzeiten am Dom.

Sicher, es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Fahrradständern, die mehr oder weniger gut genutzt werden. Ich habe auch schon Räder gesehen, die zwei Meter neben einem solchen Ständer an einen Laternenmast gekettet waren. Manchmal so geschickt, dass weder mit Kinderwagen noch mit Rollator ein Durchkommen ist.

Ich sehe gerade, wie der Herr Frank vom Stadt-Anzeiger, dem ich immer meine Kolumnen diktiert, mich missbilligend anguckt und den Kopf schüttelt. Kein Wunder, als er vorhin mit seinem Rad angefahren kam, hat er es am Breslauer Platz auch direkt an einem Geländer festgemacht. Und jetzt muss er sich anhören, dass ich ihn für die Stadtbildverschandelung mitverantwortlich machte.

Aber ich meine gar nicht ihn persönlich oder irgendeinen einzelnen Radler. Mir geht es ums Grundsätzliche: Wenn man das Radfahren so propagiert, wie das zurzeit in dieser Stadt geschieht, sollte man auch darüber nachdenken, was mit den Rädern im „ruhenden Verkehr“ passiert. An jeder freien Stelle einen Fahrradständer aufzubauen, macht die Stadt ja auch nicht schöner.

Ein erster Schritt könnte es sein, in jedem städtischen Parkhaus ebenerdig ein Extra-Areal für Fahrräder einzurichten, das leicht erreichbar ist und möglichst nahe am Ausgang liegt. Und bei jedem neuen Gebäude, das in der Stadt genehmigt wird,  müsste selbstverständlich eine Abstellfläche für Räder eingeplant werden, so wie ja auch Parkplätze für Autos vorgesehen sein müssen.

In anderen Städten, Freiburg oder Münster zum Beispiel, gibt es direkt vor dem Hauptbahnhof ein großes, helles verglastes Fahrrad-Parkhaus. Effekt: Die Räder landen dort und nicht im öffentlichen Raum. In Köln hat man das auch probiert, die Radstation aber an die schmuddeligste Stelle im ganzen Bahnhofsbereich verfrachtet. Ob mein Eindruck stimmt, dass sie deshalb eher ein Schattendasein fristet? Herr Frank wendet ein, dass man für die Stellplätze bezahlen müsse. Das mache sie nicht sonderlich attraktiv. Stimmt! Aber auch auf die Gefahr, dass ich mich bei meinem Chronisten und den radelnden Lesern unbeliebt mache: Vielleicht wird man langfristig und generell nicht um eine geringe Gebühr  herumkommen. Für einen sicheren Parkplatz ein paar Cent zu zahlen, das sollte es einem schon wert sein. Zumal bei dem Geld, das viele Leute für ein gutes Rad oder gar ein E-Bike hinlegen.

Ich will also  um Gottes willen nicht das Radfahren abschaffen oder eindämmen. Nur: Wenn  ich mich um den Hauptbahnhof herum und an vielen anderen Stellen der Stadt umgucke, komme ich zu dem Schluss: So kann es nicht weitergehen. Und auch wenn Herr Frank mir jetzt entgegenhält, dass eine Stadt voller Räder doch sympathisch sei; dass sie für die moderne, mobile Gesellschaft im Zeitalter nach Benzin und Diesel  stehe; und dass das bisschen Zweirad-Chaos im Vergleich zur Schadstoffbelastung durch den Autoverkehr doch eine Lappalie sei – ich finde trotzdem, dass ein geordneter Stadtraum auch in der „Post-Kfz-Ära“ seine Bedeutung hat. Sorry, Herr Frank! Vielleicht können wir uns ja zumindest darauf verständigen, dass man zwei  Fehler tunlichst vermeiden sollte. Erstens: ein Problem gegen das andere auszuspielen. Und zweitens: die Dinge laufen zu lassen und sich mit dem Wildparken abzufinden, statt nach besseren, stadtbild-verträglicheren Lösungen zu suchen. Ich glaube, da hat man sich einfach noch nicht genügend Gedanken gemacht.


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Domumgebung

Nirgends ist diese Stadt so bei sich selbst wie rund um den Dom. Köln kann groß – und schafft dann nicht mal artig. Köln will schön sein – und kriegt oft nur schaurig hin. An einem sonnigen Wochenende lässt das pulsierende Treiben auf der Domplatte erkennen, wie attraktiv Köln ist. Ich mag ja das Gewusel und Gewimmel. Ich finde, es passt zum Kölner Lebensgefühl. Ein echtes Plus für die Besucher, Sie gestatten mir dieses Eigenlob, ist die neu gestaltete Südseite mit dem Zugang zu den Domtürmen. Wenn ich da noch an die völlig versiffte Terrasse hinter dem Betonkiosk denke – das beliebteste Freiluft-Urinal der ganzen Innenstadt! Ich sage jetzt nicht, auf wie viele Liter pro Tag wir in unseren Hochrechnungen kamen. Es war das reine Grausen. Nun wünschte ich mir noch, dass man irgendwann wieder die Freitreppe zum Dom an der Südseite öffnen könnte, auf der die Leute dann Gelegenheit zum Sitzen und Sonnen hätten. Aber bislang ist wohl die Sorge vor den Schmierfinken und urbanen Vandalen zu groß. Schade drum!

Der noch größere Gewinn ist die neue Anlage an der rückwärtigen Seite des Doms zum Hauptbahnhof mit Baptisterium und Domherrenfriedhof. Und auch die Ecke zwischen Museum Ludwig und Römisch-Germanischem Museum (RGM) ist inzwischen deutlich aufgewertet, um nicht zu sagen, richtig schön geworden. Aber gleichzeitig schafft es diese Stadt, den Durchgang zum Roncalliplatz zwischen Dombauhütte und RGM seit Jahr und Tag zu behandeln wie ein Gässchen irgendwo in einer Industriebrache. Der Noppenbelag aus Gummi ist das, was Köln gern „Tradition“ nennt: eine Kombination aus Provisorium und Schlendrian. Gefühlt 20 Jahre lang ist der Boden undicht, so dass die darunter liegenden Werkstätten der Dombauhütte eine einzige Tropfsteinhöhle sind. Und ebenso lang lässt die Stadt die Sache laufen – passender Weise dort, wo alle Besucher gelaufen kommen, die von der Messe in Deutz über die Hohenzollernbrücke in die Stadt möchten.

Gehen wir über den Heinrich-Böll-Platz einmal diesem tagsüber unentwegt fließenden Besucherstrom entgegen! Der Riemchen-Boden aus roten Ziegeln, Teil des Kunstwerks „Ma’alot“ von Dani Karavan, ist auch so ein Fall von „gut gemeint, schlecht gemacht“. Die in den 1980er Jahre lose verlegten Ziegel sollten durch abgelagerten Staub und Sand auf Dauer Halt bekommen. Die Architekten sagen immer, das scheitere an den Kehrmaschinen der Stadt. Aber es ist schon eine rührende Annahme, dass ein Platz dieser Dimension von Hand mit dem Besen gefegt werden würde.

Mit dem Weg hinunter zur Rheinpromenade beginnt dann die Expedition ins Ärgernis.Scheinbar vergessene, durch Bauzäune abgetrennte Wiesenstücke vor dem Sockel der Hohenzollernbrücke signalisieren Desinteresse am Erscheinungsbild dieser Filetflächen. Die Brückenunterquerung – notorisch verschmiert, der Deutschen Bahn ist bekanntlich alles egal –  führt auf der Südseite zu einem Höhepunkt städtebaulichen Desasters oder auch an den Tiefpunkt stadtplanerischer Versäumnisse, ganz wie Sie wollen: ein unasphaltierter Parkplatz, in dem sich bei Regen riesige Pfützen bilden; ein Durcheinander verschiedener Bodenniveaus; das Chaos am Busbahnhof; dazu noch der ungeschlachte Klotz des Kommerz-Hotels aus den 1960er Jahren, von dem seit langem die Rede geht, er solle verschwinden. Natürlich wissen die Eingeweihten, dass diese Misere mit der ungeklärten Zukunft des Musical-Domes zu tun hat: ein Provisorium, das in Köln längst zum Dauerzustand…  – aber ich wiederhole mich.

Ganz schlimm sind auch die beiden Autotunnel stadtein- und -auswärts hinter dem Hauptbahnhof mit ihren vergammelten Kacheln und einem Mauerwerk, an dem seit dem Krieg keiner mehr Hand angelegt zu haben scheint. Getoppt aber werden sie noch von der Johannisstraße, die unter der Gleisanlage die Bahnhofsnordseite mit der Domzufahrt verbindet. Was ließe sich mit ein bisschen Gestaltungswille aus diesen paar Metern machen! Sie könnten die Fußgängertrasse in die Altstadt schlechthin werden – angenehm breit, hinreichend hell und offen. Aber so schmuddelig, verwahrlost und unwirtlich, wie die Passage derzeit ist, schieben sich die Leute lieber durch die Bahnhofshalle. Bloß weg aus dieser grauenhaften Zone – für mich ganz klar die Minus-Ecke der gesamten Domumgebung!

Der Breslauer Platz versucht, dagegenzuhalten und etwas Eleganz zu zaubern. Aber irgendwie fremdelt die schöne, moderne Anlage noch mit ihrer Umgebung, wirkt nicht wirklich integriert, eher ein bisschen wie vom Himmel gefallen. Vielleicht ändert sich das, wenn erst einmal die Neubauten am östlichen Platzrand fertig sind.

Durch den Hauptbahnhof und über den Bahnhofsvorplatz, wo nur mehr die größere Zahl von Polizisten und ihre VW-Transporter indirekt an die Silvesternacht gemahnen, geht es über die Trankgasse wieder in Richtung Domplatte. Bevor Sie aber dort ankommen, werden Sie noch einmal unweigerlich in ein Kölner Kuddelmuddel erster Güte geraten. Es sei denn, sie bummeln nachts. Zu den üblichen Tagzeiten aber kommt es an der Zufahrt zum „Excelsior“, die keineswegs bloß von Hotelgästen genutzt wird, und eine Ecke weiter an den beiden Ampelübergängen zum Dom ständig zu Verstopfungen, ja fast zum Zusammenbruchs des Verkehrs. Ich finde, das ist eine Zumutung für Einheimische und Gäste. Mit einer klareren Gestaltung der Fußgängerwege und einer besseren optischen Führung, etwa durch einheitliche Pflasterung des Zuwegs zum Domforum und zum Café Reichard, ließe sich da schon etwas machen.

Und noch einen kleinen, aber wirkungsvollen Kniff hätte ich im Angebot. Als Kölner kennen Sie bestimmt die rot-weißen Plastikgatter, die an ständig wechselnden Stellen vor dem Dom stehen. Das kommt daher, dass die hier verlegten Bodenplatten zu dünn geschnitten sind. Deshalb brechen ständig welche oder schieben sich bei starken Temperaturschwankungen übereinander. Die zuständige Firma stellt dann die besagten Gatter auf, zum Schutz der Passanten, aber auch – etwaige Schadensersatzansprüche vor Augen – zur Eigensicherung. Da ein neues Pflaster für die Domplatte bis auf Weiteres allenfalls ein frommer Wunsch bleiben dürfte, müssten die – Sie wissen, was jetzt kommt – provisorischen Reparaturarbeiten zumindest so getaktet werden, dass die Absperrungen an den Wochenenden verschwinden. „Rut un wiess, wie lieb ich dich…“ – aber doch bestimmt nicht so.