Kölns erste Denkmalpfleger

Wie die Heiligen Drei Könige die Geburtskirche in Bethlehem retteten - Das Gebäude muss dringend saniert werden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 27. August 2016 Seite 26

 

mosaik-nordseite

 

 

 

 

 

In der schier endlosen Reihe der Partnerstädte Kölns hat Bethlehem den engsten Bezug zur Stadt – und zum Kölner Dom. Hier endete 1164 die lange Reise der Heiligen Drei Könige, die mehr als 1000 Jahre zuvor auf die Suche nach dem neugeborenen König der Juden gegangen und im Stall von Bethlehem fündig geworden waren. Und so wie der Dom der Inbegriff Kölns ist, verbindet sich der Name Bethlehem fast automatisch mit der Geburtskirche. Sie wurde auf Geheiß der heiligen Helena, der Mutter Kaiser Konstantins und großer Reliquiensammlerin vor dem Herrn, im 4. Jahrhundert an dem Ort errichtet, wo Maria laut uralter Überlieferung das Jesuskind zur Welt gebracht hatte. Die Bibel weiß zwar nur etwas von einer „Krippe“ zu berichten. Aber die stand damals gewiss nicht in einem Stall, sondern – wenn überhaupt – in einer Höhle. Dort nämlich hausten im Nahen Osten die Hirten.  Und über solch einer Höhle erhebt sich Geburtskirche, das älteste kontinuierlich genutzte christliche Gotteshaus im Heiligen Land.

Sie weist seit ihrer Erneuerung im 5. Jahrhundert eine Besonderheit auf: die erste bekannte Choranlage mit drei halbrunden Konchen. Diesen Architekturtyp, besser bekannt als „Kleeblatt-Chor“, übernahmen Kölner Baumeister im 11. Jahrhundert bei der Errichtung von St. Maria im Kapitol. Sie folgten dabei nicht nur einem vagen mittelalterlichen Begriff von Ähnlichkeit, sondern fertigten eine maßstabgerechte Kopie an: Wenn man die Grundrisse übereinander legt, dann erweisen sie sich auf frappierende Weise als deckungsgleich. Das ist spannend, weil die Kölner mit dem Bau auch einen inhaltlichen Anspruch formulierten: Ihre Marienkirche sollte es dem „Mutterheiligtum“ im Heiligen Land gleichtun. Die Kölner Erzbischöfe übrigens feierten fortan jedes Jahr an Weihnachten die erste Messe zum Fest in Maria im Kapitol.

grundriss

 

Dem rheinischen Sinn für plastische Architektur kam der Kleeblatt-Chor der Kirche offenbar sehr entgegen. Er findet sich zum Beispiel auch in Groß St. Martin, St. Aposteln und St. Andreas wieder. So hat Köln der Geburtskirche in Bethlehem viel zu verdanken. Das gilt aber auch umgekehrt. Wie die Legende erzählt, blieb die Geburtskirche bei der Besetzung Palästinas durch die Perser im Jahr 614 verschont, weil sich die Eroberer in einem Mosaik der drei Weisen aus dem Morgenland über dem Eingang der Kirche wiedererkannten. Die drei Kölner Stadtpatrone waren somit auch die ersten Kölner Denkmalpfleger.

Deren Hilfe hätte die Geburtskirche auch heute bitter nötig. Besonders die wertvollen Mosaiken aus der Kreuzfahrer-Epoche sind in einem erbärmlichen Zustand. Schuld daran tragen ausgerechnet die Hüter der Kirche. Das ganze Areal ist seit 1757 exakt zwischen den rivalisierenden christlichen Konfessionen aufgeteilt. Das hält  Griechisch-Orthodoxe, Armenier und Katholiken aber bis heute nicht von Eifersüchteleien und Kompetenzstreitigkeiten ab, die so beschämend wie widersinnig sind: Im Nahen Osten geht die Welt unter, aber die Christen zanken darüber, wem welcher Altar gehört. Absurd! 2007 und 2011 kam es vor Weihnachten sogar zu Handgreiflichkeiten, so dass die Polizei einschreiten musste. Und die Armenier verhinderten über Jahre eine Renovierung des maroden Kirchendachs, weil es „Lateiner“ – gemeint sind Katholiken – gewesen wären, die das Geld dafür gegeben hätten. Lieber sahen diese Herrschaften tatenlos zu, wie das Regenwasser die Wände herunterlief. Ergebnis: Die Mosaiken des 12. Jahrhunderts waren mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit versintert, also mit einer Kruste aus Kalk und Schmutz überzogen! Noch so eine unbegreifliche Absurdität!

Dass 2013 endlich eine Sanierung in Gang kam, ist ausgerechnet der palästinensischen Autonomiebehörde zu verdanken. Sie erreichte die Aufnahme der Geburtskirche ins UNESCO-Weltkulturerbe und zugleich den Eintrag in die Rote Liste gefährdeter Denkmäler. Inzwischen arbeitet ein italienisches Konsortium an der Restaurierung der Kirche. Ob diese je bis in die Geburtsgrotte vordringt, deren Wände die Armenier notdürftig mit silbrig glänzenden Tüchern verhängt haben, ist allerdings höchst ungewiss. Wahrscheinlich sind an diesem hochheiligen Ort selbst die Pilzkulturen sakrosankt. Also, ich kann mir nicht helfen: Ich finde Schimmel nicht heilig, sondern eklig.

Im 20. Jahr seines Bestehens wollte sich der bewundernswert rege Städtepartnerschaftsverein Köln-Bethlehem mit seinem scheidenden Vorsitzenden, Alt-Präses Manfred Kock, gemeinsam mit der Stadt Köln eigentlich um die Geburtskirche verdient machen und die Restaurierung des Drei-Königen-Mosaiks finanzieren. Doch ausgerechnet dieses Kunstwerk, das vor 1400 Jahren die Kirche rettete, ist unrettbar verloren. Das macht die Dringlichkeit der Aufgabe umso deutlicher. Und es bleibt noch viel zu tun.

Verwilderter Park in Köln-Mülheim sucht Paten

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 8.8.2016

zwischenwerkxi_1

 

Ich habe es mir schon lange vorgenommen, Ihnen in meiner Kolumne einmal einen vergessenen Kölner Park vorzustellen. „Da müssen Sie nach Mülheim gehen“, riet mir Henriette Meynen, eine Spezialistin für den Kölner Festungsbau, aus dem vor knapp 100 Jahren der Äußere Grüngürtel hervorging. Im Rechtsrheinischen ist das Zwischenwerk XIb in Teilen bis heute erhalten. Ich hoffe mal, Sie kennen es noch nicht, damit mein Plan aufgeht und ich Ihnen tatsächlich etwas Altes neu nahebringen kann.

Zwischenwerke lagen im preußischen Befestigungsring aus dem 19. Jahrhundert jeweils rechts und links von den größeren Forts. Insgesamt gab es 23 solcher Anlagen. Hier waren die Besatzungen kaserniert. Das Zwischenwerk XIb an der Cottbuser Straße, 1877 bis 1879 erbaut, war für Artillerie und Infanterie ausgelegt.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Befestigungsring 1922 geschleift. Die Fläche sollte eigentlich komplett zur Brache werden, aber der damalige OB Konrad Adenauer erwirkte die Genehmigung, sie als Grünanlage und Naherholungsgebiet für die Kölner Bürger umzugestalten – teils öffentlich zugänglich, teils privat genutzt in Kleingartenanlagen.

Adenauer beauftragte den Gartenbaudirektor Fritz Encke, Entwürfe für Parks zu liefern. Einer davon entstand auf dem Gelände von Zwischenwerk XIb. Die Grundidee beschreibt Henriette Meynen in einem Aufsatz so: „Im Rechtsrheinischen entwarf Encke für die Gräben des Mülheimer Zwischenwerks XIb eine besondere Ausgestaltung, indem von den Kehlpunkten aus die Flankengräben als gemächliche, gelegentlich von Treppenanlagen unterbrochene Aufstiege zum weitgehend aufgefüllten, aber dennoch ein klein wenig tiefer liegenden Frontgraben führten. Von dieser architektonisch gegliederten Gartenpartie leitete Encke über einige Stufen zum Hauptschmuckgarten auf dem Festungswerk über.“ Ich sag’s mal mit meinen Worten: Das Areal mit den ehemaligen Gräben und Wällen wurde nicht planiert, sondern hügelig belassen. Fotos aus dem Rheinischen Bildarchiv zeigen den Zustand nach der Errichtung 1927 – ein richtig schöner Schmuckgarten mit Blumenbeeten und Spazierwegen, gliedernden Sockelmäuerchen, Hecken und ansehnlichem Baumbestand. Ich finde das schon erstaunlich, weil die 1920er Jahre ja keine Zeit waren, in der besonders viel Geld dagewesen wäre.

Umso schlimmer ist dann der Vergleich der alten Parkansichten mit dem verheerenden Zustand heute. Die Blumenbeete sind verschwunden, überall wuchern Brombeersträucher und Brennnesseln, die Begrenzungsmäuerchen verfallen. Alles wirkt ungepflegt, vergammelt, lieblos. „Die Stadt Köln sorgt aber dafür, dass die Anlage nicht verwildert“, habe ich irgendwo gelesen. Das ist wirklich geschmeichelt. Dass das Grünflächenamt sich hier gelegentlich zu schaffen macht, ist nämlich vor allem daran erkennbar, dass der Grünschnitt einfach in die Landschaft gekippt worden ist, um da zu verrotten. Pflege – um von Verschönerung gar nicht erst zu reden – sieht anders aus.

Nun weiß ich auch, dass das Grünflächenamt keine unendlichen Kapazitäten hat. Deshalb kam mir eine Idee: Wie wäre es, wenn die benachbarten Kleingärtner, die ihre immerhin 70 Parzellen ja auch auf dem ehemaligen Befestigungsring verdanken, sich der Sache annähmen? Wenn sie der Stadt ehrenamtlich helfen würden, dem Park wieder annähernd seine ursprüngliche Gestalt zu geben? Als eine Art Park-Paten. Die Kleingärtner haben die Kenntnisse, sie haben das Gerät, und selbst wenn sie nur viermal zu einem gemeinsamen Arbeitseinsatz herkämen, bekäme das dem Gelände mit Sicherheit sehr gut. So ein Kleingarten in der Stadt ist ein Privileg. Wer ihn sein Eigen nennen darf, könnte der Gemeinschaft dadurch Dank erweisen, dass er ein Auge auch auf die nähere Umgebung hat.

Das alles ging mir so durch den Kopf, bis ich mich hinsetzte und daraus einen Brief an die Kleingarten-Gemeinschaft „Am Springborn“ formulierte, einen eingetragenen Verein  mit Vorstand, Vereinsadresse und allem Pipapo. Leider wurde ich noch nicht einmal einer Antwort für würdig befunden. Vielleicht kann ich die Vereinsmitglieder auf diesem Weg motivieren, über meinen Vorschlag zumindest einmal nachzudenken. Mit dem einen oder anderen neu bepflanzten Beet, ohne das ganze Unkraut, könnte hier ein wunderbares, charmantes kleines Naherholungsgebiet entstehen – oder besser: wiederentstehen.

zwischenwerk-kopie

Tohuwabohu in Alu und Blech

Die Stadt propagiert das Radfahren, hat aber keine Lösung für das zunehmende Problem des Wildparkens gefunden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 11. Juli 2016

F_3

 

Radfahren ist ein Thema in dieser Stadt. Die Oberbürgermeisterin will „den Menschen die Stadt zurückgeben, in dem wir sie ein Stück weit vom Autokollaps befreien“. Neue Radwege sollen her, bessere Ampelschaltungen, weniger Autoparkplätze. Der Verkehrsminister unseres Landes, Michael Groschek, fährt eigens nach Chicago und schaut sich innovative Konzepte für „stressreduzierte Radwege“ an. Solche „Protected Bicycle Lanes“ empfiehlt er auch dem „lebenslustigen, modernen“ Köln, selbst wenn der Verkehrsdezernent sie offenbar hässlich findet. Im Stadthaus liegen jede Menge Prospekte aus, die aufs Radfahren Lust machen sollen, und überall mischt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) mit.

F_7Nichts dagegen, dass Sie mich da ja nicht falsch verstehen! Ich bin selber auch mit dem Rad unterwegs und finde es völlig Okay. Jedes Auto weniger im Zentrum ist ein Mehrwert für die Stadt und ihre Bewohner. Ein Problem allerdings wurde bisher offenbar nicht gesehen oder zumindest nicht gelöst: Steigt der Radfahrer ab, löst sich sein Gefährt ja nicht in Wohlgefallen auf. Er muss es also irgendwo abstellen. Und beim Wort „irgendwo“ beginnt mein Unbehagen. Als ich mir neulich mal wieder bewusst die neue, schicke U-Bahn-Haltestelle Breslauer Platz angesehen habe, sprang mir diese Unmenge geparkter Fahrräder ins Auge, die sich wie eine Endmoräne um die Haltestelle herum ergießt und auf die Platzfläche schiebt. Ein einziges Tohuwabohu in Alu und Blech.

Nachdem mir das erst mal aufgefallen war, das kennen Sie bestimmt auch von sich selbst, habe ich angefangen, überall das Gewusel zu entdecken. Die ganze Stadt ist voll von Rädern: an Laternenmasten, an Verkehrsschildern, an Zäunen, Geländern, Schaukästen, sogar an der Hinweistafel mit den Gottesdienstzeiten am Dom.

Sicher, es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Fahrradständern, die mehr oder weniger gut genutzt werden. Ich habe auch schon Räder gesehen, die zwei Meter neben einem solchen Ständer an einen Laternenmast gekettet waren. Manchmal so geschickt, dass weder mit Kinderwagen noch mit Rollator ein Durchkommen ist.

Ich sehe gerade, wie der Herr Frank vom Stadt-Anzeiger, dem ich immer meine Kolumnen diktiert, mich missbilligend anguckt und den Kopf schüttelt. Kein Wunder, als er vorhin mit seinem Rad angefahren kam, hat er es am Breslauer Platz auch direkt an einem Geländer festgemacht. Und jetzt muss er sich anhören, dass ich ihn für die Stadtbildverschandelung mitverantwortlich machte.

Aber ich meine gar nicht ihn persönlich oder irgendeinen einzelnen Radler. Mir geht es ums Grundsätzliche: Wenn man das Radfahren so propagiert, wie das zurzeit in dieser Stadt geschieht, sollte man auch darüber nachdenken, was mit den Rädern im „ruhenden Verkehr“ passiert. An jeder freien Stelle einen Fahrradständer aufzubauen, macht die Stadt ja auch nicht schöner.

Ein erster Schritt könnte es sein, in jedem städtischen Parkhaus ebenerdig ein Extra-Areal für Fahrräder einzurichten, das leicht erreichbar ist und möglichst nahe am Ausgang liegt. Und bei jedem neuen Gebäude, das in der Stadt genehmigt wird,  müsste selbstverständlich eine Abstellfläche für Räder eingeplant werden, so wie ja auch Parkplätze für Autos vorgesehen sein müssen.

In anderen Städten, Freiburg oder Münster zum Beispiel, gibt es direkt vor dem Hauptbahnhof ein großes, helles verglastes Fahrrad-Parkhaus. Effekt: Die Räder landen dort und nicht im öffentlichen Raum. In Köln hat man das auch probiert, die Radstation aber an die schmuddeligste Stelle im ganzen Bahnhofsbereich verfrachtet. Ob mein Eindruck stimmt, dass sie deshalb eher ein Schattendasein fristet? Herr Frank wendet ein, dass man für die Stellplätze bezahlen müsse. Das mache sie nicht sonderlich attraktiv. Stimmt! Aber auch auf die Gefahr, dass ich mich bei meinem Chronisten und den radelnden Lesern unbeliebt mache: Vielleicht wird man langfristig und generell nicht um eine geringe Gebühr  herumkommen. Für einen sicheren Parkplatz ein paar Cent zu zahlen, das sollte es einem schon wert sein. Zumal bei dem Geld, das viele Leute für ein gutes Rad oder gar ein E-Bike hinlegen.

Ich will also  um Gottes willen nicht das Radfahren abschaffen oder eindämmen. Nur: Wenn  ich mich um den Hauptbahnhof herum und an vielen anderen Stellen der Stadt umgucke, komme ich zu dem Schluss: So kann es nicht weitergehen. Und auch wenn Herr Frank mir jetzt entgegenhält, dass eine Stadt voller Räder doch sympathisch sei; dass sie für die moderne, mobile Gesellschaft im Zeitalter nach Benzin und Diesel  stehe; und dass das bisschen Zweirad-Chaos im Vergleich zur Schadstoffbelastung durch den Autoverkehr doch eine Lappalie sei – ich finde trotzdem, dass ein geordneter Stadtraum auch in der „Post-Kfz-Ära“ seine Bedeutung hat. Sorry, Herr Frank! Vielleicht können wir uns ja zumindest darauf verständigen, dass man zwei  Fehler tunlichst vermeiden sollte. Erstens: ein Problem gegen das andere auszuspielen. Und zweitens: die Dinge laufen zu lassen und sich mit dem Wildparken abzufinden, statt nach besseren, stadtbild-verträglicheren Lösungen zu suchen. Ich glaube, da hat man sich einfach noch nicht genügend Gedanken gemacht.


F_6

Domumgebung

Aufgezeichnet:  Joachim Frank  Joachim Frank Joachim Frank
Veröffentlicht:

Nirgends ist diese Stadt so bei sich selbst wie rund um den Dom. Köln kann groß – und schafft dann nicht mal artig. Köln will schön sein – und kriegt oft nur schaurig hin. An einem sonnigen Wochenende lässt das pulsierende Treiben auf der Domplatte erkennen, wie attraktiv Köln ist. Ich mag ja das Gewusel und Gewimmel. Ich finde, es passt zum Kölner Lebensgefühl. Ein echtes Plus für die Besucher, Sie gestatten mir dieses Eigenlob, ist die neu gestaltete Südseite mit dem Zugang zu den Domtürmen. Wenn ich da noch an die völlig versiffte Terrasse hinter dem Betonkiosk denke – das beliebteste Freiluft-Urinal der ganzen Innenstadt! Ich sage jetzt nicht, auf wie viele Liter pro Tag wir in unseren Hochrechnungen kamen. Es war das reine Grausen. Nun wünschte ich mir noch, dass man irgendwann wieder die Freitreppe zum Dom an der Südseite öffnen könnte, auf der die Leute dann Gelegenheit zum Sitzen und Sonnen hätten. Aber bislang ist wohl die Sorge vor den Schmierfinken und urbanen Vandalen zu groß. Schade drum!

Der noch größere Gewinn ist die neue Anlage an der rückwärtigen Seite des Doms zum Hauptbahnhof mit Baptisterium und Domherrenfriedhof. Und auch die Ecke zwischen Museum Ludwig und Römisch-Germanischem Museum (RGM) ist inzwischen deutlich aufgewertet, um nicht zu sagen, richtig schön geworden. Aber gleichzeitig schafft es diese Stadt, den Durchgang zum Roncalliplatz zwischen Dombauhütte und RGM seit Jahr und Tag zu behandeln wie ein Gässchen irgendwo in einer Industriebrache. Der Noppenbelag aus Gummi ist das, was Köln gern „Tradition“ nennt: eine Kombination aus Provisorium und Schlendrian. Gefühlt 20 Jahre lang ist der Boden undicht, so dass die darunter liegenden Werkstätten der Dombauhütte eine einzige Tropfsteinhöhle sind. Und ebenso lang lässt die Stadt die Sache laufen – passender Weise dort, wo alle Besucher gelaufen kommen, die von der Messe in Deutz über die Hohenzollernbrücke in die Stadt möchten.

Gehen wir über den Heinrich-Böll-Platz einmal diesem tagsüber unentwegt fließenden Besucherstrom entgegen! Der Riemchen-Boden aus roten Ziegeln, Teil des Kunstwerks „Ma’alot“ von Dani Karavan, ist auch so ein Fall von „gut gemeint, schlecht gemacht“. Die in den 1980er Jahre lose verlegten Ziegel sollten durch abgelagerten Staub und Sand auf Dauer Halt bekommen. Die Architekten sagen immer, das scheitere an den Kehrmaschinen der Stadt. Aber es ist schon eine rührende Annahme, dass ein Platz dieser Dimension von Hand mit dem Besen gefegt werden würde.

Mit dem Weg hinunter zur Rheinpromenade beginnt dann die Expedition ins Ärgernis.Scheinbar vergessene, durch Bauzäune abgetrennte Wiesenstücke vor dem Sockel der Hohenzollernbrücke signalisieren Desinteresse am Erscheinungsbild dieser Filetflächen. Die Brückenunterquerung – notorisch verschmiert, der Deutschen Bahn ist bekanntlich alles egal –  führt auf der Südseite zu einem Höhepunkt städtebaulichen Desasters oder auch an den Tiefpunkt stadtplanerischer Versäumnisse, ganz wie Sie wollen: ein unasphaltierter Parkplatz, in dem sich bei Regen riesige Pfützen bilden; ein Durcheinander verschiedener Bodenniveaus; das Chaos am Busbahnhof; dazu noch der ungeschlachte Klotz des Kommerz-Hotels aus den 1960er Jahren, von dem seit langem die Rede geht, er solle verschwinden. Natürlich wissen die Eingeweihten, dass diese Misere mit der ungeklärten Zukunft des Musical-Domes zu tun hat: ein Provisorium, das in Köln längst zum Dauerzustand…  – aber ich wiederhole mich.

Ganz schlimm sind auch die beiden Autotunnel stadtein- und -auswärts hinter dem Hauptbahnhof mit ihren vergammelten Kacheln und einem Mauerwerk, an dem seit dem Krieg keiner mehr Hand angelegt zu haben scheint. Getoppt aber werden sie noch von der Johannisstraße, die unter der Gleisanlage die Bahnhofsnordseite mit der Domzufahrt verbindet. Was ließe sich mit ein bisschen Gestaltungswille aus diesen paar Metern machen! Sie könnten die Fußgängertrasse in die Altstadt schlechthin werden – angenehm breit, hinreichend hell und offen. Aber so schmuddelig, verwahrlost und unwirtlich, wie die Passage derzeit ist, schieben sich die Leute lieber durch die Bahnhofshalle. Bloß weg aus dieser grauenhaften Zone – für mich ganz klar die Minus-Ecke der gesamten Domumgebung!

Der Breslauer Platz versucht, dagegenzuhalten und etwas Eleganz zu zaubern. Aber irgendwie fremdelt die schöne, moderne Anlage noch mit ihrer Umgebung, wirkt nicht wirklich integriert, eher ein bisschen wie vom Himmel gefallen. Vielleicht ändert sich das, wenn erst einmal die Neubauten am östlichen Platzrand fertig sind.

Durch den Hauptbahnhof und über den Bahnhofsvorplatz, wo nur mehr die größere Zahl von Polizisten und ihre VW-Transporter indirekt an die Silvesternacht gemahnen, geht es über die Trankgasse wieder in Richtung Domplatte. Bevor Sie aber dort ankommen, werden Sie noch einmal unweigerlich in ein Kölner Kuddelmuddel erster Güte geraten. Es sei denn, sie bummeln nachts. Zu den üblichen Tagzeiten aber kommt es an der Zufahrt zum „Excelsior“, die keineswegs bloß von Hotelgästen genutzt wird, und eine Ecke weiter an den beiden Ampelübergängen zum Dom ständig zu Verstopfungen, ja fast zum Zusammenbruchs des Verkehrs. Ich finde, das ist eine Zumutung für Einheimische und Gäste. Mit einer klareren Gestaltung der Fußgängerwege und einer besseren optischen Führung, etwa durch einheitliche Pflasterung des Zuwegs zum Domforum und zum Café Reichard, ließe sich da schon etwas machen.

Und noch einen kleinen, aber wirkungsvollen Kniff hätte ich im Angebot. Als Kölner kennen Sie bestimmt die rot-weißen Plastikgatter, die an ständig wechselnden Stellen vor dem Dom stehen. Das kommt daher, dass die hier verlegten Bodenplatten zu dünn geschnitten sind. Deshalb brechen ständig welche oder schieben sich bei starken Temperaturschwankungen übereinander. Die zuständige Firma stellt dann die besagten Gatter auf, zum Schutz der Passanten, aber auch – etwaige Schadensersatzansprüche vor Augen – zur Eigensicherung. Da ein neues Pflaster für die Domplatte bis auf Weiteres allenfalls ein frommer Wunsch bleiben dürfte, müssten die – Sie wissen, was jetzt kommt – provisorischen Reparaturarbeiten zumindest so getaktet werden, dass die Absperrungen an den Wochenenden verschwinden. „Rut un wiess, wie lieb ich dich…“ – aber doch bestimmt nicht so.

 

 

Wo ist hier die Folterkammer?

Mit Ritterburgen ist es wie mit Eisenbahnen: sie sind meist Jungssache. Trotzdem ist unsere Autorin seit drei Jahren leibhaftige Herrin der einzigen Rheinburg, die nie zerstört wurde.

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 29. Juni 2016

Marksburg

 

 

Wenn ich vor Freunden und Bekannten angeben will, dann sage ich: „Besucht mich doch mal auf meiner Burg!“ – Ja, kennen wir, werden manche denken: „My home is my castle“ und so weiter. Aber tatsächlich bin ich seit 2013 Herrin einer originalen mittelalterlichen Burg mit Bergfried, Rittersaal, Waffenkammer, Verlies und Folterkeller. Also gut, letzteres ist ein bisschen geschummelt. Doch davon später mehr.

Die Marksburg liegt hoch über der Ortschaft Braubach am Mittelrhein, etwas üsdlich von Koblenz.. Sie wurde im 13. Jahrhundert errichtet und als einzige der zahlreichen Rheinburgen nie zerstört. Das gehört zu ihrem besonderen Reiz: Sie sieht aus, wie so eine richtige Ritterburg nun mal auszusehen hat. Trotzdem ist die Marksburg in der Region gar nicht so bekannt. Ich behaupte mal, es kommen mehr Amerikaner her als Kölner. In den USA boomt der Tourismus mit Flusskreuzfahrten auf dem Rhein. Ein einziger großer Anbieter steuert die Marksburg mit 500 bis 600 Schiffen an, die allein ein Drittel der jährlich 185.000 Besucher bringen. Sie tragen mit ihren Eintrittsgeldern wesentlich zum Erhalt und Betrieb der Burg bei, die der 1899 gegründeten Deutschen Burgenvereinigung gehört. Im 19. Jahrhundert waren viele Burgen ihren damalig Besitzern lästig geworden. Sie waren unwirtlich und teuer, ständig fielen irgendwo Steine herunter und wirklich nutzbar waren sie in seltenen Fällen. Deshalb wurden viele Burgen zum Abbruch verkauft. Dagegen wandten sich denkmalbewusste Zeitgenossen wie der in Bremen geborene Architekt Bodo Ebhardt. Am preußischen Hof hielt er Vorträge im allererlauchtesten Kreise. Damit lenkte er die Aufmerksamkeit Kaiser Wilhelms II. auf die mittelalterlichen Burgen. 1900 konnte Ebhardt die Marksburg vom preußischen Staat übernehmen.

Die Burgenvereinigung war ursprünglich ein ganz elitärer Zirkel von Blaublütigen, die sich Erforschung und Erhalt der deutschen Burgen zum Ziel setzten. Vielen von ihnen hatten selber eine im Familienbesitz, später kamen Neueigentümer dazu, dann auch Wissenschaftler und ganz normale Leute – wie ich. Heute sind sie mit 52 Euro Mitgliedsbeitrag dabei. Bei den Ritterburgen ist es ja so ähnlich bei den Eisenbahnen: Sie sind meistens Jungssache. So wurde ich 1989 tatsächlich erstes weibliches Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Burgenvereinigung, nachdem ich  vor diesem forscherkreis einen Vortrag über Burgenmodelle im Kunstgewerbe gehalten hatte. Den Dreh fanden die Herren irgendwie gut: „So was hatten wir ja noch nie“, sagten sie und holten mich in ihren Club.

 

Burgenforscher sind ein streitbares Völkchen. Irgendwie scheint die Beschäftigung mit solchen martialischen Objekten sich auf den Charakter auszuwirken. Jedenfalls verkrachte sich der Beirat heillos darüber, ob die Marksburg verputzt werden sollte oder nicht. Es kam zur Spaltung und zum Austritt vieler Beiratsmitglieder. Der Rest trat die Flucht nach vorn an und wählte 1992die einzige Frau im Gremium zur Vorsitzenden – nach dem Motto, anders kommen wir hier jetzt nicht weiter. In diesem Job habe ich wirklich gelernt, mit gruppendynamischen Prozessen umzugehen. Im Ergebnis beruhigten sich die Gemüter nach und nach. Als Vorsitzende des Beirats rückte ich auch in die Spitze der Burgenvereinigung auf, war erst Mitglied des Präsidiums und später Vizepräsidentin. Meine Zeit als Dombaumeisterin war kaum beendet, als der Präsident der Burgenvereinigung anrief sagte: „So, jetzt müssen Sie das hier machen!“ Ich konnte mich nicht heftig genug wehren, auch wenn ich nicht die Idealbesetzung bin. Denn tatsächlich erwarten viele Mitglieder bis heute, dass der Präsident/die Präsidentin einen Adelstitel oder zumindest eine Burg besitzt. Ich habe von Haus aus weder das eine noch das andere. Aber als  Präsidentin der Burgenvereinigung bin ich automatisch Herrin der Marksburg, und der Burgvogt ist mein Geschäftsführer.

Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist Lobby-Arbeit für die zehn Prozent unserer Mitglieder mit eigener Burg. Sie denken wahrscheinlich: Das müssen Leute mit sehr viel Geld sein. Meistens ist das Gegenteil der Fall: Ein Burgbesitzer braucht sehr viel Geld – und Hilfe vom Staat. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft soll mal gesagt haben: Wir sind doch nicht dafür da, dass Schlossbesitzer sich ihre Einfahrt neu bekiesen lassen. Die Probleme liegen ganz woanders. Ein gutes Beispiel sind die neuen Wärmeverordnungen. Dämmung mit Styropor mag für Privathäuser ja sinnvoll sein. Bei einer bewohnten Burg ist das schwierig. Aber glauben Sie mal nicht, dass Abgeordneten von sich aus darauf kommen. Als Burgenvereinigung müssen wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass alte Burgen als Geschichtszeugen und optisch wirksame Objekte unserer Landschaft  halt etwas sehr Spezielles sind – nochmal ganz was anderes als ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus in der Altstadt.

Unser zweites großes Feld ist die  Inventarisierung. Wir gehen auf dem Gebiet der Bundesrepublik von 25.000 bis 30.000 Burgen und Schlössern aus. Ein Drittel davon gibt es noch. Wobei „gibt es“ ein dehnbarer Begriff ist. Manchmal sind es nur ein paar Bodenwellen in einem Waldstück oder ein Geländeschatten auf einem Luftbild. Von etlichen ehemaligen Burgen dagegen existieren nur mehr Hinweise in schriftlichen Quellen. Trotzdem gehen sie alle in unsere elektronische Datenbank ebidat.eu ein, die inzwischen fast 5 000 Einträge aus Deutschland und ganz Europa enthält. Finnland ist schon komplett erfasst. Da gibt’s aber auch nur 14 Burgen.

Testlauf für die systematische Erfassung in Deutschland waren alle Burgen in NRW. Das hat in drei Jahren gut geklappt. Wir wissen also, es geht. Einen Teil von Württemberg und Hessen haben wir inzwischen auch schon. Zurzeit werden die Burgen in Niedersachsen erfasst.. Dabei geht es natürlich immer um die Finanzierung. So etwas Wunderbares wie die NRW-Stiftung haben andere Bundesländer leider nicht. Darum ist es ausgesprochen schwierig, an Gelder zu kommen, zumal für streng wissenschaftliche Zwecke. Da ist dann doch der Hang der Politik zur Popularität spürbar. Fast das gesamte öffentliche Geld geht inzwischen an die Event-Kultur. Eine „Burgen-App“, die fänden auch noch viele super, wir auch.Aber eine App macht ja nur Sinn, wenn vorher die Daten entsprechend erfasst und aufbereitet worden sind. Also stricken wir unsere Anträge so, dass der wissenschaftliche Teil des Unternehmens darin fast versteckt ist.

Ebidat bietet zu jeder darin enthaltenen Burg möglichst umfassende Informationen, über die jeweilige Geschichte und das aussehen, aber eben auch touristische: Parkplätze, Führungen, Gastronomie, Toiletten. Wir hatten mal einen Wissenschaftler in unserem Team, der doch tatsächlich meinte, das sei nun unter seiner Würde. Wenn er solche Daten eingeben müsse, dann streike er.  Dennoch findet der Benutzer solche Angaben. Man kann mit Ebidat z. B. feststellen, wo ist die nächstgelegene Burg auf der man Kaffee trinken kann.

So halten wir es auch für die Besucher der Marksburg.

Wir legen großen Wert darauf, dass sie nicht den üblichen Burgen-Unsinn erzählt und vorgeführt bekommen. Unser Rittersaal  zum Beispiel ist nicht vollgestellt mit Rüstungen oder Waffen. Dieses ganze Gerät wurde natürlich in der Waffenkammer aufbewahrt. Der Rittersaal hingegen war eher spartanisch eingerichtet.

Überhaupt geistern viele Klischees durch die Köpfe – von skrupellosen Raubrittern, die die armen Bauern ausplünderten, sich niemals wuschen und im Wesentlichen mit ihrem Keuschheitsgürtel beschäftigt waren. Daran ist immer auch etwas Wahres. Aber im Wesentlichen war zum Beispiel das Verhältnis zwischen einem adligen Burgherrn und der Landbevölkerung ein sehr enges, symbiotisches; fast könnte man es ein Geschäft auf Gegenseitigkeit nennen: Die Bauern versorgten die Burg, und der Ritter bot ihnen dafür seinen Schutz.

In der Zeit, als der Burgenbau boomte, gab es fast keine Leibeigenschaft mehr und auch keinen Frondienst. Das heißt, die Arbeiter mussten entlohnt werden. Burgenbauen war ein lukrativer Job, und ein langfristig sicherer obendrein. Schließlich dauerte es im Schnitt  gut und gern fünf, sechs Jahre, bis so eine Burg stand.

Für unsere Gäste heute ganz wichtig: der Gruselfaktor. Wo ist denn hier nun die Folterkammer? Wo ist das Verlies? Da sind wir  – um ehrlich zu sein – ein bisschen in Verlegenheit: Die meisten Burgherren hatten im Mittelalter nur die niedere Gerichtsbarkeit für Diebe oder ähnliche Missetäter. Diese wurden aber weder gefoltert noch jahrelang eingekerkert. Dauerhaft hielten die Burgherren höchstens hochrangige, zahlungsfähige Geiseln fest. Bis ein Lösegeld gezahlt wurde, saßen freilich auch diese Gefangenen nicht etwa in einem finsteren Kellerloch. Was heute gern als „Verlies“ gezeigt wird, meistens im Untergeschoss des Burgturms, wurde tatsächlich eher als Tresorraum genutzt für Waffen oder wertvolle Vorräte, die nicht gestohlen werden konnten, weil der Aufbewahrungsort eben nur von oben zugänglich war. Aber das Bild eines in Ketten gelegten, dahinvegetierenden Häftlings ist natürlich viel eindrucksvoller.

Deshalb haben auch wir zur Freude der Touristen eine „Folterkammer“. Aber in der etwa einstündigen Burgführung sagen wir  immer gleich dazu, dass es sich in Wahrheit um den ehemaligen Pferdestall handelt,  was man an der hohen Pforte noch sehen kann. Streng genommen, bieten wir nur eine kleine Schau kriminaltechnischer Instrumente, an denen wir den Unterschied zwischen Folter- und Strafgeräten zeigen. Eine Streckbank zum Beispiel war nicht zur Bestrafung dar, sondern zur ‚Wahrheitsfindung‘. Indizienprozesse gab es nicht. Deshalb musste der Delinquent ein Geständnis ablegen, das man ihm in der Folter abpresste. Das berüchtigte Rädern hingegen war keine Folter, sondern eben eine Strafe. Ähnlich wie der Pranger oder die Schandmaske für Lügner – Ehrverlust galt den Menschen des Mittelalters als besonders schlimme Strafe.

Vielleicht haben Sie ja Lust auf einen Ausflug an den Mittelrhein mit einem Besuch auf der Marksburg bekommen. Sollte ich dann auch gerade da sein, zeige ich Ihnen gern meinen Schlüssel zur Burg: Mit seinen 25 Zentimetern ist erlänger als die Schlüssel zum Kölner Dom.

Alles über die Deutsche Burgenvereinigung, auch Mitglied werden, unter www.deutsche-burgen.org

 

Die Marksburg, ursprünglich Burg Braubach, wurde im 13. Jahrhundert errichtet. Urkunden und  dendrologische Proben von dem beim Bau verwendeten Holzbalken erlauben eine Datierung des Baubeginns auf das Jahr 1231. Der romanische Palas stammt von 1239, der 39 Meter hohe Wehrturm aus dem Jahr 1373. An ihm sollten im Falle einer Belagerung Geschosse abprallen, die von schräg gegenüber mit Armbrüsten oder Katapulten abgefeuert worden wären. Kanonen wurden erst später – seit der Schlacht von Bacharach 1380 – eingesetzt. Vom Ende des 16. Jahrhunderts an wurde die mittelalterliche Hochburg systematisch zur Festung ausgebaut. Die Marksburg, benannt nach dem Evangelisten Markus als Patron der Burgkapelle, war durchgehend bewohnt. Das erklärt ihren hervorragenden Erhaltungszustand. Zudem konnte sie als echte Gipfelburg nicht direkt beschossen werden.

Praktische Infos:

Die Marksburg liegt auf der rechten Rheinseite, südlich von Koblenz und ist täglich von 10.00 -17.00 Uhr geöffnet.

www.marksburg.de

 

Ebidat.eu ist ein von den wissenschaftlern in Der DBV entwickeltes Inventarisierungsprogramm mit dem alle Burgen und Deutschland und darüger hinaus erfasst  und im Internet präsentiert werden sollen. Daran wird intensiv gearbeitet, wenn es auch immer ein Kampf und die Finanzierung ist. www.ebidat.eu

 

Die unterhalb der Marksburg am Rheinufer gelegene Philippsburg wurde zur Zeit der Renaissance als Wohnsitz für den damaligen Burgherrn,  Landgraf Philipp II. von Hessen, errichtet und nach ihm benannt. 1997 kam sie in den Besitz der Deutschen Burgenvereinigung und beherbergt heute deren Burgen-Institut mit der europaweit größten Spezialbibliothek für Burgen und Schlösser. Diese umfasst neben mehr als 35.000 Bänden ein  umfangreiches Planarchiv. (jf)

 

 

 

 

 

 

 

Verloren im Nirwana der Bürokratie

Die Sanierung des ehemaligen Bahnhofs Belvedere in Müngersdorf ist akut gefährdet - Hohe Verwaltungs-Hürden

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger2. April 2016

Architekten und Denkmalschützer haben es naturgemäß oft mit komplizierten Bauhistorien zu tun. Aber so etwas Vertracktes wie beim ehemaligen Bahnhof Belvedere in Müngersdorf ist mir selten begegnet. Keine Sorge, ich verschone Sie mit den Einzelheiten. Entscheidend ist, wie die Stadt Köln als Besitzerin mit diesem national bedeutenden Baudenkmal umgeht. Ich sehe darin einen kölschen Schildbürgerstreich, der mit all seinen  Absurditäten kaum zu überbieten ist.

Der Bahnhof Belvedere ist das älteste erhaltene Bahnhofsgebäude Deutschlands überhaupt. 1839 wurde es im Auftrag der Rheinischen Eisenbahngesellschaft an der Strecke Köln-Antwerpen errichtet, vermutlich nach Plänen Karl Friedrich Schinkels. Es hat die Form eines klassizistischen Landhauses, eingebettet in eine Parkanlage, die in Rudimenten noch heute vorhanden ist. Eisenbahn fahren war im 19. Jahrhundert etwas ganz Vornehmes, und die Kölner kamen aus der Stadtmitte eigens zum Kaffeetrinken hierher.

Belvedere_1

 

Das Grundstück und der denkmalgeschützte Bahnhof gehören beide der Stadt Köln. Bis um das Jahr 2000 wohnte ein Künstler hier, bis ihn der Totalausfall der ohnehin desolaten Strom- und Wasserversorgung vertrieb. Erhebliche Probleme machte schon damals eine Platane direkt neben dem Gebäude. Die Wurzeln des Baums beschädigten nämlich die Abwasserrohre. Völlig marode war auch das Dach, das seit den 1970er Jahren undicht war, so dass es ins Gebäude regnen und der Hausschwamm sich munter im Gebälk ausbreiten konnte. In diesem verheerenden Zustand fand sich niemand, der der Stadt den Bahnhof abgekauft hätte.

Dafür nahm sich ein 2010 gegründeter Förderkreis des Bahnhofs an. Mit dem damaligen Oberbürgermeister Jürgen Roters als Schirmherr und dem Rückenwind aus dem OB-Büro konnten Ratsbeschlüsse mit Finanzierungszusagen für die Sanierung erwirkt, Pläne für einen modernen Erschließungsbau mit barrierefreiem Zugang und sanitären Anlagen erstellt sowie Fördergelder der NRW-Stiftung, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und – was als sehr schwierig gilt – sogar der Berliner Kulturstaatsministerin eingeworben werden.

Aber seit  mindestens zwei  Jahren legen sich Liegenschaftsamt, Wirtschaftsdezernat und andere Abteilungen der Stadtverwaltung quer, wo immer es geht. Die Stadt torpediert nach innen, was sie nach außen als ein ureigenes Anliegen verkauft.  Ich habe mir von den Vorständen des Förderkreises, Elisabeth Spiegel und Sebastian Engelhardt, eine Dokumentation zeigen lassen, und ich kann Ihnen sagen, mir hat anschließend der Schädel gebrummt. Sie müssten nur einmal lesen, was für eine endlose Liste an Kontakten zu städtischen Ämtern  Wirtschaftsdezernentin Ute Berg dem Förderkreis vorschreibt. So geht eine Verwaltung mit Leuten um, die sie loswerden will: Man schickt sie ins Behördendickicht und hofft, dass sie sich darin bis zur Erschöpfung verrennen und verstricken. Ergebnis: Es geht am Bahnhof Belvedere keinen Schritt vorwärts. Alle Energie, alles Geld, die in den Erhalt der Bausubstanz geflossen sind, könnten hinfällig sein. Bürgerschaftliches Engagement trifft nicht auf Wertschätzung und Anerkennung, sondern verliert sich im Bürokraten-Nirwana.

Inzwischen bedroht die Blockade sogar den Bestand des Gebäudes. Die besagte Platane hat eine Starkwurzel unter das Mauerwerk geschoben. Es weist inzwischen solche Risse auf, dass ein statisches Gutachten die Standfestigkeit nicht mehr dauerhaft gewährleistet sieht. Damit wäre natürlich jedes weitere Sanierung sinnlos, jedes Konzept für eine etwaige spätere Nutzung hinfällig.

Kurz und gut: Die Platane muss weg. Darf sie aber nicht, sagt die zuständige Untere Landschaftsbehörde. Der Baum – obwohl kein Naturdenkmal – sei „denkmalgleich“. Ein verräterisch vager Begriff, für den mir jedes Verständnis abgeht. Die Verweigerung der Fällgenehmigung führt jedenfalls dazu, dass kein  Cent mehr zur Sicherung des Bahnhofs und seiner Zukunft fließt. Bäume gibt’s im Landschaftspark um das Gebäude und im angrenzenden Waldgebiet nun wirklich zur Genüge. Aber diese eine Platane soll wichtiger sein als ein einmaliges Architekturdenkmal?

Ich begreife nicht, was die Stadt da treibt. Manche munkeln ja, der Leiter des Liegenschaftsamts spekuliere nach der inzwischen erfolgten Dachsanierung darauf, den Bahnhof doch noch verkaufen zu können. Aber soweit ich sehe, kann die Stadt ein solches Denkmal gar nicht verscherbeln.

Manchmal denke ich, die Oberbürgermeisterin müsste sich – nach dem Vorbild ihres Vorgängers – zur Bahnhofsvorsteherin ehrenhalber aufschwingen. Aber dann sage ich mir: Die gute Frau Reker hat genug mit Schwierigkeiten an einem anderen Kölner Bahnhof zu kämpfen. Ob sie für da wirklich Zeit und Nerven für noch einen hat?

Förderkreis Bahnhof Belvedere e.V. www.bahnhof-belvedere.de/

 

Rückkehr zur lebenswerten Stadt

Neuer Sammelband zeigt aktuelle Bauprojekte - Zuversichtlicher Blick in die Zukunft

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 22. April 2016

Was ich Ihnen heute zeigen möchte, liebe Leserinnen und Leser, das finden Sie so an keiner Stelle Kölns. Oder an ganz vielen, nämlich in jeder Buchhandlung. Das Dezernat für Stadtentwicklung und das Haus der Architektur haben Anfang April einen Sammelband zu allen Bauprojekten veröffentlicht, die in Köln derzeit betrieben werden oder geplant wind. Dieses Buch hat mir unglaublich viel Freude gemacht. Es kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Mitten hinein in die gegenwärtige Depri-Phase unserer Stadt, in der die lähmende Opern-Misere ja nur eines von vielen Leiden ist, sendet dieses Buch die Botschaft: Köln kann etwas! Und Köln hat Zukunft! Beim Blättern und Lesen bekommt man zumindest die Idee, wenn nicht die Zuversicht, dass das wieder was werden kann mit Köln. Damit stellt sich das Buch in eine Reihe mit dem Stübben-Plan für den Altstadtring vom Ende des 19. Jahrhunderts, mit Konrad Adenauers und Fritz Schumachers Grüngürtel-Konzept, mit den Nachkriegsvisionen von Rudolf Schwarz und mit Albert Speers Masterplan für Köln von 2009, auf dem das Buch erklärtermaßen aufbaut.

Besonderes Lob dafür gebührt dem Baudezernenten. Franz-Josef Höing ist ein wirklicher Glücksfall für die Stadt, weil er Visionen hat und gewillt ist, sie voranzutreiben. Ich hoffe nur, dass er sie auch umsetzen kann. Einen eigenen Beitrag zu dem neuen Buch steuert Höing mit zehn kurzen, überzeugenden Thesen bei.  Über die Nord-Süd-Fahrt heißt es zum Beispiel, sie habe „über ihre gesamte Länge hin ein städtebauliches und freiräumliches Desaster angerichtet“. Wunderbar, oder? Da bringt einer auf den Punkt, was in der Kölner Stadtplanung nicht funktioniert hat und was sich folglich nicht wiederholen darf. Gut gefallen hat mir auch Höings zehnte These, dass der öffentliche Raum nicht immer „postkartentauglich“ sein muss. Dem stimme ich hundertprozentig zu. Eine Stadt braucht nicht nur die gelackten, polierten Areale, sondern auch das Zufällige, wo etwas nach und nach gewachsen ist und eigenen Charme entfaltet – wie das „Eierplätzchen“ in der Südstadt oder das „Schillplätzchen“ in Nippes, die sich die Bürger bis hin zur Namensgebung sozusagen selber erschlossen haben.

Köln ist eine wachsende Stadt. Mit Wohnungsnot. Dementsprechend zeigt das neue Buch, wo und wie das neue Köln wächst, nicht nur anhand der öffentlichen Großprojekte, sondern gerade  auch mit Blick auf den Wohnungsbau. Der Band entkrampft geradezu den alten Zwist, in dem es heißt: „Was soll dieses ganze Gewese um irrwitzig teure Opern und neue Museen – wir brauchen doch bezahlbare Wohnungen!“ Ich erwidere: Beides muss in einer Stadt wie Köln drin sein. Und das Buch zeigt sehr schön: Das geht. Es ist nicht von Insidern für Insider geschrieben, sondern für alle, die sich für die Zukunft der Stadt interessieren. Hinzu kommt eine opulente Bebilderung, so dass sich jeder das plastisch vorstellen kann, wovon in den Texten die Rede ist.

Der Mülheimer Hafen, um ein Beispiel zu nennen, wird ein sehr schönes Projekt in der Integration von alten und neuen Bauten werden. Der Deutzer Hafen ist es in weiten Teilen schon. Da hat man als Kölner jetzt schon Lust, hinzuziehen. Ich selber bin zu alt, ich werde dort nicht mehr wohnen, aber finde allein schon den Gedanken daran animierend, zumal diese neuen Quartiere – anders als der Rheinauhafen – mit einem erheblichen Anteil geförderten Wohnungsbaus auch für normale Leute zugänglich sein werden.

Bemerkenswert sind aber nicht nur solche „Leuchttürme“, sondern auch viele kleine Projekte, die Stadtbild und Lebensqualität in Köln bereichern. Denken Sie etwa an das Antoniterquartier an der Schildergasse! Man hält es ja eigentlich gar nicht für möglich, dass mitten in der Innenstadt überhaupt noch Platz für Neues ist, und dann findet an der Antoniterkirche neben dem Wal von Peek und Cloppenburg eine Ecke, die ausbaufähig ist und wo jetzt in der Regie der evangelischen Kirche etwas sehr Schönes entsteht.

Oder nehmen Sie die „Neumann-Siedlung“ in Riehl. Die Anlage von 1929 wurde behutsam modernisiert, die alten Sozialwohnungen saniert, ergänzende Dachausbauten machen den Betrieb wirtschaftlich. Kurzum: ein tolles Projekt! Ähnlich das Kinderheimgelände in Sülz, das lange verwaist war, weil (Waisen-)Kinder heute natürlich nach anderen Standards untergebracht und betreute werden. Jetzt entsteht rund um die ehemalige denkmalgeschützte Kapelle  Kirche des einstigen Waisenhauses ein „Dorf in der Großstadt“.

Solche sehr konkreten Planungen zeigen mir eigentlich auch die Rückkehr zum guten alten Städtebau: Es gibt wieder Straßen, an denen Häuser stehen! Häuser, in denen Menschen wohnen, arbeiten, Einkaufen gehen oder sich in der Eckkneipe zum Kölsch treffen. Ich glaube, in solchen Quartieren wollen die Leute lieber leben als in sterilen Wohnghettos.

Kölner Perspektiven. Städtebau, Architektur, Öffentlicher Raum, herausgegeben vom Dezernat Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Verkehr der Stadt Köln mit dem Haus der Architektur Köln, Texte von Uta Winterhager u.a., 160 Seiten, 240 farbige Abbildungen, jovis Verlag, 29,25 Euro.

Büdchen zum Lachen und zum Weinen

Der Zustand mancher Kioske an zentralen Orten erinnert an ein Sperrmüllager oder die Stratagie von Hausbesetzern

Aufgezeichnet: Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 19. Februar 2016

Seit ich diese Kolumne verfasse, bekomme ich immer wieder Post, ich möchte mir doch mal diese oder jene Ecke in der Stadt ansehen. So wies mich ein Leser schon vor geraume Zeit auf den Kiosk im Inneren Grüngürtel neben dem Wasserspielplatz an der Venloer Straße hin. Das sei, so stand in dem Brief zu lesen, ein echter Schandfleck. Ich wurde. Und das erst recht, als ich während der Recherchen für einen Kunstführer über die Kölner U-Bahn-Stationen – auch das ein Ergebnis dieser Kolumnen-Serie – auf den Kiosk in der Zwischenebene der KVB-Haltestelle Rudolfplatz aufmerksam wurde. In beiden Fällen weiß ich immer nicht so ganz genau, ob ich lachen oder weinen soll.Kiosk_1

Sicher haben Sie aus den vorigen Wochen noch die Karnevals-Klassiker der Bläck Fööss im Ohr. Die haben schon gewusst, warum sie dem „Bickendorfer Büdche“ und der „Kaffeebud“ in ihren Liedern ein musikalisches Denkmal gesetzt haben. Das Büdchen ist nun mal eine Institution. Hier deckt sich der Kölner mit allem Lebensnotwendigen ein, wann immer ihm danach ist: Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten. Ich finde das gut, und zur richtigen Büdchen-Kultur gehört eine kleine Außengastronomie mit ein paar Stehtischen oder auch Sitzgarnituren.Kiosk_2

Aber was der Pächter des Kiosks am Wasserspielplatz im Grüngürtel daraus gemacht hat, spottet jeder Beschreibung. Um den Gebäudekern, der – soweit man ihn vor lauter Gerümpel drumherum überhaupt noch erkennen kann – ganz hübsch ausgesehen haben muss, hat er sich in alle Himmelsrichtungen hin ausgebreitet, mit einem wüsten Materialmix: Hier ein bisschen Gartenplane, dort ein paar Kleingarten-Accessoires,  zur Abgrenzung des Areals mal ein paar Beton-Blumenkübel, dann wieder Bauzäune oder – der Gipfel der Absurdität – senkrecht gestellte Europaletten. Insgesamt sieht das Ganze aus wie ein einziges Sperrmülllager.

Als ich unlängst noch einmal vorbeigeschaut habe, um mich vom unverändert scheußlichen Zustand zu überzeugen, sprach mich der Pächter misstrauisch an, was ich denn hier zu suchen hätte. Ja, sagte er, er sei da noch ein bisschen am Renovieren – jetzt, vor Beginn der Freiluftsaison. Und es stimme schon, er müsse „Step By Step“ noch so einiges machen, „wofür bisher einfach keine Zeit war“. – „Dann sind Sie also neu hier?“, habe ich ihn gefragt. Was ein bisschen fies war, weil ich schon wusste, dass er seit Monaten rein gar nichts unternommen hatte.Kiosk_5

Ich will dem Mann ja eigentlich auch nichts Böses, zumal mir der zuständige Beamte beim Grünflächenamt verriet, die Stadt sei im Grunde ganz froh, dass sie jemanden habe, der sich um die Technik für den Wasserspielplatz und den Kiosk-Betrieb kümmert.

Trotzdem darf es hier nicht so aussehen. Der Grüngürtel ist ja eine vielgenutzte, ambitionierte Fläche im öffentlichen Raum. Den kann man unmöglich so vergammeln lassen.

Ähnliches gilt meiner Meinung nach für einen so zentralen Ort wie einen U-Bahnhof mitten in der City. Am Rudolfplatz nimmt der Kiosk-Pächter einen erklecklichen Teil der Zwischenebene in Beschlag. Der Umgang mit dieser einst elegant angelegten Passage erinnert mich an eine Hausbesetzung: Man testet mal, wie weit man gehen kann, bis einer protestiert. So ragen die Verkaufsflächen auf allen Seiten meterweise in den Raum: Zeitungs- und Zeitschriftenständer, Regale auf Rollpaletten mit Snacks und Süßigkeiten aller Art, Batterien von alkoholischen und nicht-alkoholischen Getränken, Kühlschränke, Eistruhen. Selbst Obst gibt es zu kaufen. Und natürlich Kaffee, den die Kunden gleich nebenan an Stehtischen trinken können. Zwischen die Stützpfeiler des Tiefgeschosses hat der Pächter dann noch große Reklametafeln als Raumteiler eingezogen.Kiosk_rudolfplatz

Ich habe KVB-Chef Jürgen Fenske mal gefragt, wie so etwas möglich sei. Er konnte mir aber nicht mal sagen, ob sein Unternehmen überhaupt für den Kiosk-Betrieb und dessen Überwachung zuständig ist. Inzwischen habe ich herausgefunden: Ist sie nicht. Vielmehr liegt auch hier die Zuständigkeit bei der Stadt.

Und die sagt nun: Hat alles seine Ordnung! Der Pächter des Kiosks bewege sich exakt auf den Flächen, die ihm zustehen. Das werde auch regelmäßig kontrolliert, zuletzt erst vor ein paar Tagen. Tja, was soll ich dazu sagen? Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht – aber mich stört diese Art von Verhau enorm. Wenn Sie möchten, sagen Sie mir doch einfach Ihre Meinung!

Baudezernent Franz-Josef Höing betont in solchen Debatten gern, die Gestaltung des öffentlichen Raums müsse einem Gesamtkonzept folgen. Mit ein paar Schönheitsreparaturen hier, ein bisschen Gefrickel dort werde das nichts. Das stimmt schon, und sein Amt ist sicher nicht für kosmetische Details da. Aber es müsste eine Anlaufstelle für die Bürger geben, wenn ihnen besondere Missstände auffallen. Ein engagierter, energischer Verwaltungsbeamter mit Organisationsgeschick würde dann die Relevanz solcher Eingaben prüfen und könnte zusammen mit dem Ordnungsamt, dem Grünflächenamt oder den Abfallwirtschaftsbetrieben für Abhilfe sorgen. Das wäre eine Aufgabe unterhalb der eigentlichen Stadtplanung, hätte aber bestimmt große Signalwirkung: Die Stadt nimmt ihre Bürger ernst.

Vielleicht kommt ja sogar die neue Oberbürgermeisterin darauf, dass so etwas gut zu ihrem Anspruch eines neuen Köln passen würde. In einer Millionenstadt wird es nie so aussehen wie bei Mutter Beimer im Wohnzimmer. Das ist schon klar. Aber gerade die Diskussionen der vergangenen Wochen haben auch gezeigt, wie sehr die Lebensqualität der Bürger leidet, wenn sie sich an zentralen Orten ihrer Stadt unwohl fühlen oder dort ungern verweilen.

Wer da auf einen Masterplan setzt, der alles besser macht, der kann lange warten.

 

 

 

Ambitionierte Ausbaupläne

Die Erweiterung des FC-Geländes am Geißbockheim würde das Landschaftsdenkmal Grüngürtel verändern

Aufgezeichnet: von Joachim Frank
Veröffentlicht: Kölner Stadtanzeiger 29. Januar 2012, S. 25

Preisfrage, liebe Leserinnen und Leser: Was ist das größte Denkmal Kölns? Der Dom, sagen Sie? Also, nein! So einfach würde ich es Ihnen dann doch nicht machen. Die richtige Antwort lautet: der Grüngürtel. Als historische Parkanlage wurde er 1980 unter Denkmalschutz gestellt. In der Tat ist der Grüngürtel etwas ganz Besonders und etwas sehr Kölnisches. Er folgt dem Verlauf des äußersten Befestigungsrings der Stadt, der – in preußischer Zeit angelegt – noch bis zum Ersten Weltkrieg militärisch genutzt wurde. Deswegen verlangte der Versailler Vertrag, die gesamte Anlage zu schleifen und das Gelände als Brache zu belassen. Doch OB Konrad Adenauer erreichte in Verhandlungen mit den englischen Besatzungsbehörden ein doppeltes Zugeständnis: Erstens brauchten einige Teile der Festung nicht niedergelegt werden, und zweitens durfte das Areal neu gestaltet werden.

FC-GeländeZusammen mit dem Hamburger Stadtplaner Fritz Schumacher (1869 bis 1947)und dem berühmten Kölner Gartenbaudirektor Friedrich August  Encke (1861 bis 1931) hatte Adenauer dann die Idee, entlang dem Halbkreis der ehemaligen Stadtbefestigung eine Grünanlage um Köln zu legen und die verbliebenen Forts des Mauerrings als Sportstätten mit Umkleideräumen zu nutzen. Das Ganze war als Erholungsraum für die Bewohner der Innenstadt gedacht, die dort in drangvoller Enge lebten.

Bis heute ist entlang der Militärringstraße, die an den Äußeren Grüngürtel grenzt, das Prinzip der Steigerung erkennbar: grün, grüner, am grünsten. Mit halb privatem, halb städtischen Grün beginnt die Gestaltung des Grüngürtels: Schrebergärten, Friedhöfe, Parkanlagen, dann vereinzelt die Sportstätten. Als nächstes folgen große Wiesenflächen, durchsetzt mit künstlichen Seen wie dem Decksteiner Weiher, und schließlich bildet der Stadtwald den krönenden Abschluss. Das war seinerzeit die Grundidee, die auch mit Hilfe der vielen Arbeitslosen in der Nachkriegszeit verwirklicht wurde. Mit dem Aushub für die Seen wurden übrigens Hügelchen angelegt, die die riesigen Freiflächen nicht gar so topfeben erscheinen lassen. Auch ohne kölsche Übertreibung darf man sagen: Ein solches Areal in diesem Erhaltungszustand und in dieser Größe ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Nun hatte schon Adenauer – wie erwähnt – in der Gestaltung des Grüngürtels auch an Sportanlagen gedacht. Es sollte, salopp gesagt, Bolzplätze geben, auf denen die Kölner kicken könnten, benutzbar für jedermann. Sie sollten in großen Abständen verteilt sein, dazwischen Wiesen. Seit der Zeit Adenauers haben sich die Bedürfnisse der Sportler gehörig verändert, genau wie die Bedürfnisse der Sportvereine. Im Lauf der Jahrzehnte verschob sich so das Verhältnis zwischen den Flächen für den Breiten- und für den Leistungs- oder Profisport ständig zugunsten der letzteren.

Und heute nun hat der Verein der Vereine, der 1. FC Köln, ambitionierte Erweiterungspläne: Drei ganze Fußballplätze will er bauen, dazu mehrere Gebäude, teils Leistungszentrum, teils Funktionsbauten wie Umkleidekabinen oder Abstellräume. Und natürlich Parkplätze, denn die sportbeflissenen jungen Leute kommen heute ja nicht mehr mit dem Fahrrad zum Trainieren,  sondern werden von Mama mit dem SUV chauffiert oder haben ihr eigenes Auto. Für all das ist rund um das Geißbockheim nur im Grüngürtel Platz. Gegen den Zugriff darauf aber erhebt eine Bürgergemeinschaft Einspruch, und die Stadt muss jetzt die jeweils berechtigten, aber leider widerstreitenden Interessen gegeneinander abwägen.

Da ist einerseits ein so unglaublich erfolgreicher Verein wie der FC, dem man in Köln ungern widerspricht – ein mächtiger Player mit besten Verbindungen, hervorragend vernetzt, mit intensiver Jugendförderung, gegen die kaum einer etwas einzuwenden haben dürfte. Im Gegenteil. Deshalb argumentiert der FC: Fürs Training haben Kinder und Jugendliche heute faktisch nur mehr ein Zeitfenster zwischen 16 und 18 Uhr – nach der Ganztagsschule. Also reicht nicht ein Trainingsplatz, den die verschiedenen Jugendmannschaften nacheinander nutzen könnten. Sondern man braucht mehrere Plätze, die parallel bespielbar sind.

Dagegen steht aber, dass das Denkmal Grüngürtel in erheblichem Maße durch diese Erweiterung angefressen werden würde. Besondere Schwierigkeit dabei: Die Sportplätze sollen versiegelt werden. Die Pläne sprechen zwar charmant von „Kunstrasen“. Aber für den Boden darunter spielt das keine Rolle. Ob Kunstrasen oder gleich Asphalt –  es ist keine Biofläche mehr, kein lebendiges Grün, kein Beitrag zur Beatmung des Bodens. Und Naturrasen? Der sei in Nullkommanichts hinüber, argumentiert der FC, wenn die Vereinsjugend sich jeden Tag darauf tummelt.

Wir sprechen, nicht zu vergessen, von einem erheblichen Volumen: mehr als 35.000 Quadratmeter Gelände, auf dem dann ja auch noch Zäune, Flutlichtanlagen und Zuwege entstünden. Ach, die Zäune, sagt der FC, die würden ganz filigran und durchsichtig werden. Aber wir kennen alle das Leben: Irgendwann ist der unscheinbarste Zaun mit klotziger Reklame behängt. Man braucht sich dafür nur mal die heutige Situation am Geißbockheim anzuschauen. Ganz zu schweigen von den geplanten Funktionsbauten. Die sollen teilweise immerhin 15×25 Meter Grundfläche haben und zwei Stockwerke hoch werden. Offenbar schwant allen Ungemach, die damit zu tun haben. So heißt es in einer offiziellen Antwort der Stadtverwaltung auf eine Anfrage der Grünen im Stadtrat, die geplante Höhe liege bei maximal 62,5 Meter über Normalnull (NHN).“ Wunderbar, oder? Dankenswerterweise erläutert die Verwaltung dann noch, das bedeute acht bis 8,5 Meter über dem natürlichen Gelände. Darunter kann sich jeder etwas vorstellen – aber nicht unbedingt etwas Wünschenswertes.

 

Die Grünschützer trauen auch den Befürwortern des Ausbaus nicht, die sagen: „Mit dieser Planung ist Ende der Fahnenstange. Da kommt nie und nimmer noch was nach.“ Einmal genehmigt, werde der FC keine weiteren Forderungen erheben. Selbst wenn das stimmen sollte, könnten doch andere Vereine kommen und gleiches Recht für alle verlangen: „Was dem FC erlaubt wird, darf uns nicht verwehrt bleiben.“

 

Was tun? Also, wenn ich den Stein der Weisen hätte, würde ich wahlweise Kölner Baudezernentin oder FC-Managerin auf Lebenszeit. Man kann, finde ich, nicht kategorisch sagen: „kein Sport auf dem Grüngürtel!“ Weil er in Teilen genau dafür von Anfang geplant war. Aber man muss doch vorsichtig sein mit Eingriffen in den Flächenbestand. Schon die vorhandenen Anlagen schädigen den Grüngürtel erheblich.

 

In einer so schwierigen Lage warne ich den FC und die Stadt davor, das Ganze einfach durchzuziehen. Alle Interessenvertreter sollten sich noch einmal in Ruhe zusammensetzen und überlegen:  Muss das wirklich alles so üppig sein? Ist es einer Jugendmannschaft wirklich nicht zuzumuten, zwischen Umkleidekabine und Spielfläche ein paar hundert Meter zurückzulegen? Müssen neben jedem Platz wirklich all diese Erschließungsgebäude sein? Und müssen die wirklich eine solche Höhe haben? Könnte man sie zum Beispiel nicht teilversenken?

 

Ich glaube, es braucht guten Willen – und die Bereitschaft zum Kompromiss. Auf Sieg um jeden Preis sollte der FC nur samstags im Stadion setzen. Denn eines ist ganz sicher wahr:

Der Grüngürtel ist allen Kölner Bürgern gewidmet, nicht nur denen mit Fußballschuhen an den Füßen.